Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden" - Passionsfrömmigkeit als Christusfrömmigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
33 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Paul Gerhardt – Leben und Werk
2.1 Kurze Biographie
2.2 Werk in Auswahl

3 Passionsfrömmigkeit
3.1 Begriffsklärung
3.2 Geschichtlicher Überblick
3.3 Passionsmystik
3.4 Erscheinungsweisen der Passionsfrömmigkeit seit dem Spätmittelalter
3.4.1 Zeiten des Passionsgedenkens
3.4.2 Formen des Passionsgedenkens
3.4.3 Medien des Passionsgedenkens
3.5 Passionslied und Passionsmusik
3.6 Stephan Fridolins „Schatzbehalter“
3.7 Passionsfrömmigkeit im Protestantismus

4 Passionsfrömmigkeit in „O Haupt voll Blut und Wunden“
4.1 Text des Gedichts
4.2 Passionsfrömmigkeit in „O Haupt voll Blut und Wunden“

5 Weitere Passionslieder Paul Gerhardts unter dem Aspekt der Passionsfrömmigkeit betrachtet
5.1 „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“
5.1.1 Text des Gedichtes
5.1.2 Passionsfrömmigkeit in „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“
5.2 „O Welt, sieh hier dein Leben“
5.2.1 Text des Gedichtes
5.2.2 Passionsfrömmigkeit in „O Welt, sieh hier dein Leben“

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

8 Bildnachweise

1 Einleitung

Der deutsche Theologe Paul Gerhardt ist wohl einer der bekanntesten Dichter im Evangelischen Gesangbuch (EG). Neben Martin Luther stehen von Gerhardt die meisten Gedichte im EG. Mit etwa 30 Liedern macht dies 7,6%[1] des Gesamtbestandes. Gerhardt hat aber im Vergleich zu Luther längere Gedichte verfasst und mit 327 Strophen sind fast doppelt so viele wie von Luther im EG abgedruckt.[2] Bekannte Lieder, die ihren festen Platz im Kirchenjahr haben, wie beispielsweise „Wie soll ich dich empfangen“[3], „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“[4] oder „O Haupt voll Blut und Wunden“[5] sind weithin bekannt und beliebt. Dabei fällt vor allem auf, dass Gerhardt zu jedem Anlass, zu jeder Zeit des Kirchenjahres etwas zu sagen hatte. Fröhliches und Trauriges fasste er gleichermaßen in zum Teil schonungslose Worte. Trotz allem ließ er aber die Zuversicht und den tiefen Glauben an Gott nicht außen vor, wenn es um Trauer und Tod ging.

Gerade „O Haupt voll Blut und Wunden“ befasst sich in eindringlicher Weise mit dem gekreuzigten Jesus, der voller Schmerz und geschändet doch noch so viel Kraft und Zuversicht gibt. Mit diesem Gedicht, das heutzutage nach der Melodie von Hans Leo Haßler von 1601 gesungen wird, befasst sich diese Arbeit.

Zu Beginn soll Paul Gerhardt in Leben und Werk vorgestellt werden. Danach wird der Begriff der Passionsfrömmigkeit geklärt und ein kurzer geschichtlicher Überblick zur Entstehung derselben vorgelegt. Passionsmystik, Erscheinungsformen der Passionsfrömmigkeit und Entstehung und Form von Passionsliedern und Passionsmusik werden in den darauffolgenden Unterkapitel näher erläutert. Nach einer kurzen Einführung in Stephan Fridolins Werk „Schatzbehalter“[6] schließt das Kapitel mit einer Erläuterung der protestantischen Passionsfrömmigkeit.

Das vierte Kapitel veranschaulicht schließlich anhand des Gedichts „O Haupt voll Blut und Wunden“ die Passionsfrömmigkeit, die sich zur Christusfrömmigkeit gewandelt hat.

Ein kurzer Ausblick auf die Passionsfrömmigkeit in anderen Passionslieder Paul Gerhardts, wird in Kapitel fünf gegeben.

2 Paul Gerhardt – Leben und Werk

2.1 Kurze Biographie

Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 als Sohn eines Land- und Schankwirtes, der zeitweilig auch Bürgermeister des Ortes war, und der Tochter eines Superintendenten in Gräfenhainichen geboren. Er wächst zusammen mit einem älteren Bruder und zwei Schwestern auf. 1619 stirbt der Vater, nur zwei Jahre danach die Mutter. Die Kinder sind nun auf sich alleine gestellt, der Hof des Vaters hat aber wohl genug Geld eingebracht, sodass die Kinder davon leben können. Die beiden Schwestern kamen wohl zu Verwandten, Christian und Paul konnten eine wissenschaftliche Ausbildung beginnen. Mit 15 Jahren besucht er eine der drei sächsischen Fürstenschulen in Grimma. In dem ehemaligen Augustinerkloster sollen 96 Alumnen zu „Gottes Ehren und Gehorsam erzogen, in den Sprachen und Künsten und vornehmlich in der Heiligen Schrift gelehrt und unterwiesen werde(n)“[7]. Dem Drill in der Fürstenschule und den strengen Regeln hält der ältere Bruder nicht stand, Paul hingegen weiß sich anzupassen und bleibt auch dort, als die Pest ausbricht. Religion, also die Kenntnis der reinen Lehre Luthers im Konkordienbuch und im Hutterschen Kompendium, sowie Latein bilden den Mittelpunkt. Paul lernt, dass Religion Gottesfurcht bedeutet, die in Gebetszeiten und biblischen Lesungen bei den Mahlzeiten eingeübt wird. In seinem Abschlusszeugnis wird er als Schüler „von nicht geringer Begabung“[8] beschrieben, der fleißig und gehorsam ist. Er ist ein durchschnittlicher Schüler gewesen. 1628 schreibt er sich an der Universität Wittenberg ein und beginnt das Theologiestudium. Wittenberg gilt als „Hochburg und Hort des orthodoxen Luthertums in reiner Lehre und rechtem Leben“[9]. Dies prägt Paul und ist zeitlebens in seinem Wirken und seinem theologischen Denken wiederzuerkennen. Er studiert Bibelwissenschaft und Dogmatik als polemische und apologetische Kontrovers-Theologie. Hierbei grenzt er sich vor allem gegen die katholische Kirche und die Calvinisten ab[10]. Viel ist nicht bekannt aus dieser Zeit, aber Paul lebt etwa 15 Jahre in Wittenberg, ob als Student ist unklar.

1637 kehrt er in seine Heimat zurück und muss feststellen, dass der Ort gebrandschatzt wurde. Christian, der Bruder, stirbt mit nur 31 Jahren an der Pest. Die Eindrücke, die ihn wohl ein Leben lang verfolgen, schreibt er 1648 nieder in dem Gedicht „Gott Lob, nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort“. Dort heißt es in Strophe 4:

„Das drückt uns niemand besser

in unser Seel und Herz hinein

als ihr zerstörten Schlösser

und Städte voller Schutt und Stein;

ihr vormals schönen Felder,

mit frischer Saat bestreut,

jetzt aber lauter Wälder

und dürre, wüste Heid;

ihr Gräber voller Leichen

und blutgem Heldenschweiß

der Helden, derengleichen

auf Erden man nicht weiß.“[11]

1643 unterschreibt er das Gedicht für ein Brautpaar immer noch mit „Paulus Gerhardus, SS. Theologiae studiosus“[12]. In den 15 Jahren Studium hat er keinen theologischen Abschluss erreicht. Paul scheint ein unerschütterliches Gottvertrauen zu haben, das er auch in seinem ersten deutschen Gedicht zum Ausdruck bringt. Er möchte nicht unbedingt ins Pfarramt und wird im Hause des Brautvaters Andreas Berthold in Berlin als Informator, Erzieher und Lehrer aufgenommen. Paul hat Zweifel, für das geistliche Amt geeignet und würdig zu sein. Seine Auffassung vom geistlichen Amt wird 1667 in einem Brief an den Berliner Magistrat deutlich: „Ich weiß nunmehr durch Gottes Gnade […] und habe es genugsam erfahren, was für Angst oftmals nur allein die große schwere Arbeit demjenigen Prediger mache, der sein Amt treulich meinet.“[13]

Paul dichtet viel, für sich alleine oder einige Freunde, hat aber kein Interesse an öffentlicher Wirksamkeit. Vielmehr wartet er auf Gott vertrauend, dass er in einen Beruf berufen wird. Er trifft Johann Crüger, einen hochgebildeten Musiker und Melodisten, der Kantor an St. Nicolai und am Grauen Kloster Musikdirektor ist. 1640 hatte dieser das erste Berliner Gesangbuch veröffentlicht. 1647 erscheinen in einer Neuauflage desselben 18 Gedichte Paul Gerhardts, die Crüger mit einer Melodie versehen hat. Darunter sind noch heute bekannte Werke, wie: „Wach auf, mein Herz, und singe“, „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ und „Nun danket all und bringet Ehr“[14]. 1651 kommt es wohl zur erwarteten Berufung. Der Magistrat von Mittenwalde fragt nach einem „geeigneten Prediger für die vakante Propstei“[15]. Paul wird empfohlen und tritt die Stelle nach Examen und Ordination im Winter 1652 an. Zu diesem Zeitpunkt ist er 44 Jahre.

Mit Eifer versucht er, das Gemeindeleben wiederaufzubauen und heiratet drei Jahre später die 16 Jahre jüngere Anna Maria Berthold, die er schon lange kennt. Nach acht Monaten stirbt die erste Tochter des Ehepaares, drei weitere Kinder sterben in den folgenden Jahren, „eine enge Nachbarschaft von Wiege und Sarg“[16]. Schließlich stirbt auch seine Frau Anna Maria und Paul wird nur von seinem Sohn Paul Friedrich überlebt, der 1662 geboren wurde[17].

1657 wird Paul Gerhardt dritter Pfarrer in St. Nicolai in Berlin. Neun Jahre später wird er von dem Landesherrn Friedrich Wilhelm seines Amtes enthoben. Grund dafür waren die Streitereien zwischen lutherischer und reformierter Kirche. Der reformierte Kurfürst verlangte Religionsfrieden und Toleranz und von den Pfarrern die Unterschrift, sich friedlich und tolerant gegenüber der anderen Seite zu verhalten. Paul jedoch sah sein Gewissen dadurch unzumutbar belastet, konnte er sich ausschließlich auf die Heilige Schrift verpflichten und auf das lutherische Bekenntnis. Er verweigert die Unterschrift und verliert sein Amt. Vermittlungsversuche scheitern. Zwei Jahre später geht er – mittlerweile verwitwet – nach Lübben und tritt im Juni 1669 eine Pfarrstelle an. Er ist von Altersschwäche und Krankheit geplagt, übt sein Amt aber dennoch bis zu seinem Tod am 27. Mai 1676 aus.[18]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Werk in Auswahl

Wie bereits erwähnt, verfasste Paul Gerhardt nur für den privaten Bereich seine Gedichte, die von einem unerschütterlichen Vertrauen auf Gott geprägt waren. Johann Crüger entdeckt ihn sozusagen und veröffentlicht 18 seiner Gedichte unterlegt, mit Melodien „in dem von ihm herausgegebenen Gesangbuch Praxis pietatis melica“[20], erschienen 1647. Die Zahl der dort aufgeführten Gedichte stieg mit jeder Auflage an. Am Ende waren 88 Paul Gerhardt Gedichte darin zu finden. Die meisten der Gedichte vertonte Crüger selbst und bei vielen Werken bilden Text und Melodie eine untrennbare Einheit[21].

Crügers Nachfolger in St. Nicolai, Johann Georg Ebeling, vertonte ebenfalls viele Gedichte Gerhardts und förderte ihn nach Crügers Tod. Von ihm stammen unter anderem die bekannten Melodien zu „Du meine Seele, singe“ und „Warum sollt ich mich denn grämen?“. 1666 / 1667 veröffentlicht Ebeling eine Gesamtausgabe der geistlichen Lieder Paul Gerhardts[22].

Im heutigen EG finden wir 30 Lieder mit insgesamt 327 Strophen von Paul Gerhardt. Damit sind von ihm – neben Luther – die meisten Lieder im EG.

Viele der Schicksalsschläge in seinem Leben, hat Paul Gerhardt in seinen Gedichten benannt. Trotz allem aber fehlt nicht das Gottvertrauen und der tiefe Glaube an seinen Herrn. Seine Lieder spenden Trost und Zuversicht in schweren Zeiten, beispielsweise „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85) oder „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ (EG 83), wo es in der 6. Strophe heißt:

„Das soll und will ich mir zunutz

zu allen Zeiten machen;

im Streite soll es sein mein Schutz,

in Traurigkeit mein Lachen,

in Fröhlichkeit mein Saitenspiel;

und wenn mir nichts mehr schmecken will,

soll mich dies Manna speisen;

im Durst soll’s sein mein Wasserquell,

in Einsamkeit mein Sprachgesell

zu Haus und auch auf Reisen.“[23]

Die meisten Gedichte Gerhardts passen in die Passionszeit. Das liegt wohl daran, dass in dieser Zeit die Hingabe zu Jesus eine zentrale Rolle spielt und Gerhardt sehr viel Wert darauf legte und sein Leben entsprechend gestaltet hat. So hat er den biblischen Passionsbericht in das 29 Strophen umfassende Gedicht „O Mensch, beweine deine Sünd“ gefasst. Wichtig war für ihn der betende Betrachter, den er hervorhebt. Gerhardt ging es um die Verinnerlichung des Passionsgeschehens, um das Empfinden dessen Wirkung. Hierbei ist auf Johann Arndt zu verweisen, dem eben dies sehr wichtig war[24].

Für Gerhardt stellen sich biblischer Passionsbericht und stellvertretendes Leiden Christi als zentrale Aspekte für seine Gedichte dar, die als eine Art gesungene Meditation vor allem das sinnhafte Schauen aufgreifen[25]. Das Sühneopfer Christi wird nach Gerhardts Ansicht dem zuteil, der sich selbst singend mit der Passion Christi verbindet und daran sein Leben und Handeln ausrichtet. Christusorientiertes Leben war für ihn ein Leben in Verzicht auf Vergeltung, in Feindesliebe, Vergebung und ohne Maßlosigkeit. Dabei orientierte er sich an Christus, wie er im 1. Petrusbrief[26] dargestellt wird. Weitere Passionslieder: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ (EG 83) und „O Welt, sieh hier dein Leben“ (EG 84).

[...]


[1] Vgl.: Martin Rößler, Liedermacher im Gesangbuch, S. 11.

[2] Vgl.: Rößler, S. 11.

[3] EG 11.

[4] EG 503.

[5] EG 85.

[6] Vgl.: Kapitel 3.6.

[7] Rößler, S. 13.

[8] Rößler, S. 14.

[9] Rößler, S. 14.

[10] Vgl. Rößler, S. 14.

[11] Rößler, S. 15f.

[12] Rößler, S. 16.

[13] Rößler, S. 17.

[14] Vgl. Rößler, S. 18.

[15] Rößler, S. 19.

[16] Rößler, S. 19.

[17] Vgl.: Reinhard Deichgräber, Nichts nimmt mir meinen Mut, S. 14f.

[18] Vgl.: Deichgräber, S. 14f.

[19] http://www.kleinod-buederich.de/programm-2007-16-september-bild1.jpg.

[20] Deichgräber, S. 15.

[21] Vgl.: Deichgräber, S. 16.

[22] Vgl.: Deichgräber, S. 16.

[23] EG, S. 173.

[24] Vgl. Christian Bunners, Paul Gerhardt. Weg – Werk – Wirkung, S. 148.

[25] Vgl. Bunners, S. 149.

[26] Vgl.: 1.Petr 2,21ff.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden" - Passionsfrömmigkeit als Christusfrömmigkeit
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Paul Gerhardt (1607 – 1676) – seine Lieder und ihre Wirkungen
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V152684
ISBN (eBook)
9783640651313
ISBN (Buch)
9783640651573
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paul, Gerhardts, Haupt, Blut, Wunden, Passionsfrömmigkeit, Christusfrömmigkeit
Arbeit zitieren
Annette Petry (Autor), 2009, Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden" - Passionsfrömmigkeit als Christusfrömmigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152684

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