Der erste "Merseburger Zauberspruch" in Hinsicht auf die altägyptische Magietradition


Essay, 2010

12 Seiten


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Ulrich Goetz

WS 2009/2010

Seminar: Einführung in die alt- und mittelhochdeutsche Sprache und Literatur

DER ERSTE MESRSEBURGER ZAUBERSPRUCH IN HINSICHT AUF DIE ALTÄGYPTISCHE MAGIETRADITION

„Die Gegensätze sind Realität, aber sie heben einander nicht auf, sondern ergänzen sich. Ein gegebenes X kann A und Nicht-A sein: terrium datur . Wie alt dieses Prinzip ist, zeigt das ägyptische Schriftsystem, dessen Zeichen seit jeher Bild und Buchstabe sein können. Wir betonen das ‚können’, weil wir den möglichen Spezialfall, ein gegebenes X sei immer ein A, auch für den Ägypter nicht ausschließen wollen. 3 mal 4 ist für ihn immer 12, nie etwas anderes. Aber der Himmel ist vielerlei – Kuh, Baldachin, Wasser, Frau-, er ist die Göttin Nut und die Göttin Hathor, und im Synkretismus ist die Gottheit A zugleich eine andere, Nicht-A.“[1]

Erik Hornung

„Die Texte des 16. Jahrhunderts nach Christus stehen durchaus noch in der gleichen Tradition wie jene des 14. Jahrhunderts vor Christus. Ebenso zäh wie die empirischen Stallmeistermittel erhielten sich auch die magischen Manipulationen und Sprüche.“[2]

Gerhard Eis

Die deutsche Sprache ist ursprünglich Volkssprache, und als solche ist sie erst nach der Christianisierung der germanischen Stämme verschriftlicht worden. Heinz Mettke zufolge diente das Festhalten der deutschen Sprache in lateinischer Schrift ursprünglich nur dem Zweck, den deutschen Mönchen einen Zugang zur lateinischen Sprache zu ermöglichen, denn die in den Klöstern dieser Zeit allein gültige Sprache ist Latein.[3] Deutsche Heldensagen und Zaubersprüche existierten indes bereits, bevor die ersten deutschsprachigen Texte produziert worden sind. Ein gutes Beispiel für solch traditionelles Kulturgut der Deutschen sind die sog. Merseburger Zaubersprüche.[4]

Bei einer Analyse dieser althochdeutschen Zaubersprüche ist es wichtig, nicht zu sehr an der Formoberfläche kleben zu bleiben. Die historisch nachweisbaren Verhaltensnormen, welche die Menschen des Mittelalters hinsichtlich der Verwendung von Zaubersprüchen zum Ausdruck gebracht haben, zeigen, dass sie Inhalt und Wirkungsabsicht der Formeln höchste Bedeutung beimaßen. Ferner lassen sich anhand eines direkten Vergleichs systematische Analogien zwischen mittelalterlichen Zaubersprüchen und wissenschaftlichen Rezepten aus der gleichen Zeit nachweisen. Jeder Zauberspruch, so einzigartig er in seiner konkreten Ausformung auch sein mag, ist stets in einen sozialen Kontext eingebunden, und als „Rezept“ kann er systematisch mit der jeweiligen „Rezeptkultur“ seiner Zeit verglichen werden.[5]

Da Zaubersprüche eine unverzichtbare Quelle für die germanistische Erforschung des Althochdeutschen sind, kann es für die Analyse ihres Inhalts nur hilfreich sein, Erkenntnisse aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen zurate zu ziehen. Ich werde daher im Laufe dieses Essays auf Religionswissenschaft, Ethnologie, Runologie und Ägyptologie zurückgreifen, um aufzuzeigen, wie sich das germanische / altdeutsche Verständnis von Magie auf der sprachlichen Ebene des ersten Merseburger Zauberspruchs manifestiert hat.

Interkulturelle Entwicklung von Zaubersprüchen

Hierbei gilt es zunächst festzuhalten, dass die magische Tradition, welcher die Merseburger Zaubersprüche zugrunde liegen, keineswegs rein germanisch gewesen sein muss - Zaubersprüche können durchaus von den vorchristlichen Kulturen Südeuropas oder des Orients in den germanischen Raum gelangt sein. So weisen z.B. die Zaubersprüche der ägyptischen Pyramidentexte in Form und Aufbau eine große Ähnlichkeit zu ihren germanischen Pendants auf. Ferner lassen sich Ähnlichkeiten zwischen deutschen und indischen Märchenmotiven feststellen, was sprachwissenschaftlich die Theorie eines „wellenartigen“ Kulturaustausches zwischen diesen Gebieten nahe legt.[6] Hier wäre also von verschiedenen Etappen der Überlieferung auszugehen. Der Austausch (von Kultur im Allgemeinen und Zaubersprüchen im Speziellen) erfolgte vermutlich über den vermittelnden Einfluss Griechenlands und Roms.[7] Heilzauber für Pferde etwa sind den Germanen bereits durch Kontakt zu den römischen Garnisonen am Limes bekannt gewesen. Diese Sprüche sind orientalischer, griechischer und römischer Herkunft. Als spätantikes Schriftgut sind sie dann nach der Christianisierung in den deutschen Klöstern archiviert worden.[8]

Wichtig ist an dieser Stelle, zwischen Ursache und Symptom zu unterscheiden: Zaubersprüche im indogermanischen Sprachraum ähneln einander, weil sich die indogermanischen Völker kulturell austauschten. Es lässt sich aber mitnichten der Umkehrschluss belegen, diese Sprüche seien etwas genuin Indogermanisches. Zum einen geht der historisch nachweisbare Austausch über den indogermanischen Raum hinaus, und zum anderen kann die These von der Existenz einer „urindogermanische“ Kultur, auf welche sich alle im indogermanischen Gebiet verbreiteten Zaubersprüche zurückverfolgen ließen, wissenschaftlich nicht erhärtet werden.[9] Auch Heinz Mettke konstatiert:

„Versuche, Urverwandtschaft – etwa aus der Zeit der geographischen Nachbarschaft der zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehörenden Völkerschaften – oder Wanderungen der Sprüche nachzuweisen, müssen vielfach unsicher bleiben. Gleiche Produktionsverhältnisse, die gleiche Abhängigkeit von der Natur, die noch nicht vorhandene Fähigkeit, die Natur zu beherrschen, führten bei ganz verschiedenen Völkern der Erde zu einer gleichen oder doch ähnlichen Beurteilung von Naturerscheinungen, von Katastrophen und Krankheiten, aber auch zu ähnlichen Bemühungen, sie abzuwenden. Überirdische Mächte, Geister, Götter werden dafür verantwortlich gemacht, sie sollen daher durch Opfer, Gesänge, Kulthandlungen und mit beschwörenden Worten oder durch eingeritzte Zeichen (bei den Germanen sind es Runen) günstig gestimmt werden.“[10]

Das germanische Zeichensystem der Runen – die sog. Futharks – geht in seiner ursprünglichen Funktion über das Festalten rein profaner Informationen hinaus: Der Legende nach hat der Gott Odin selbst die Runen in einer Vision empfangen, und eine Grundbedeutung des gotischen Wortes runa lautet „Geheimnis“. Noch heute finden wir in dem Verb raunen einen Nachklang dieser Bedeutung.[11] Die deutsche Sprache weist immer noch Wörter auf, die ihrem indogermanischen Ursprung nach auf eine lange Tradition religiös-magischer Weltinterpretation schließen lassen:

„Grundsätzlich unterscheiden sich die Begriffe ‚Magie’ und ‚Zauber’ nicht; der erste ist griech. Ursprungs (m a g e i a) und kommt über lat. Vermittlung magia in die germ. Sprachen, der zweite gehört zum alten germ. Wortbestand (germ. *taufra-, ae. teafor, altisl. taufr, ahd. zuoubar/ zoupar; in den skand. Sprachen stehen dafür Bildungen mit ‚Troll-’ ). Im Sprachgebrauch zieht man das Adjektiv ‚magisch’ gegenüber ‚zauberisch’ vor, für die Handlung sagt man ‚zaubern’, da es keine Verbalbildung zu ‚Magie’ gibt.“[12]

Wir können also festhalten: Magie ist ein interkulturell zu beobachtendes Phänomen, welches nicht auf den schriftlichen Aspekt reduziert werden kann. Das Christentum, dessen Haltung zur Magie grundsätzlich ambivalent ist, sieht sich daher von Anfang an mit dem Problem konfrontiert, wie es die Magie deuten und sich ihr gegenüber zu positionieren habe. Klaus Düwel verweist hier exemplarisch auf den spätantiken Kirchenlehrer Augustinus, dessen Interpretation der Magie als „Götzendienst“ zwar nicht als unparteiisch gelten kann, auf der Ebene der inhaltlichen Auseinandersetzung jedoch klar und deutlich macht, dass der „außerschriftliche Kontext“ der Magie tatsächlich kultur- und epochenübergreifend ist:

„Auf der Basis einer Art von Kommunikationsvertrag zwischen Magier(n) und Dämonen behandelt Augustinus die Zeichen auf Amuletten, die Art und Weise, wie man diese trägt und wozu sie nützen. Es sind bestimmte als magisch wirksam vorgestellte Zeichen, Zauberzeichen, die hier eine Rolle spielen. Augustinus` Darstellungen richten sich gegen den Götzendienst, geben aber zugleich einen Einblick in die zugrunde liegenden Magievorstellungen seiner Zeit. [...] In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen – wie spätantike Parallelen, vor allem altägyptische Zauberpapyri zeigen -, daß magisch wirksam vorgestellte Rituale bei Sprech- und Schreibhandlungen mit zugehörigen Bewegungsabläufen (z.B. Gesten und Gebärden) ausgeführt wurden, um den Zauber gelingen zu lassen und den Magier selbst zu schützen. Diese Prozeduren und Rituale sind in der Überlieferung magischer Runeninschriften natürlich nicht bewahrt, können aber aus kleinsten, scheinbar bedeutungslosen Hinweisen im inner- und außerschriftlichen Kontext gelegentlich rekonstruiert werden [...].“[13]

[...]


[1] Hornung, Erik, Der Eine und die Vielen, Darmstadt 1971, S.237

[2] Eis, Gerhard, Altdeutsche Zaubersprüche, Berlin 1964, S.131

[3] Mettke,Heinz, Älteste deutsche Dichtung und Prosa, Leipzig 1976, S.33

[4] Ebd., S.15 Vgl. auch Gelfert, Hans-Dieter, Wie interpretiert man ein Gedicht?, Stuttgart 2007, S.13f.: „Läßt man die frühesten Epochen der europäischen Literaturen Revue passieren, wird man auf zwei Klassen formalisierter Texte stoßen, die als das älteste poetische Urgestein in die geschichtliche Überlieferung hineinragen: Merkverse und Zaubersprüche. [...] Während im Merkvers das Moment der Vereinfachung wirksam ist, schöpft der Zauberspruch seine Wirkung aus der bannenden Kraft, die die Menschen seit je in formalisierten sprachlichen Äußerungen gefühlt haben.“

[5] Eis, S.3

[6] Ebd., S.26

[7] Ebd., S.27

[8] Ebd., S.28

[9] Ebd., S.45

[10] Mettke, S.26

[11] Düwel, Klaus, Runenkunde, Stuttgart / Weimar 2001, S.1

[12] Ebd., S.208

[13] Ebd. S.210

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Der erste "Merseburger Zauberspruch" in Hinsicht auf die altägyptische Magietradition
Hochschule
Technische Universität Berlin
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V152712
ISBN (Buch)
9783640645619
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Merseburger Zauberspruch, Magie, ägyptische Magie, Gerhard Eis, Übergangsriten
Arbeit zitieren
Ulrich Goetz (Autor), 2010, Der erste "Merseburger Zauberspruch" in Hinsicht auf die altägyptische Magietradition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152712

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