Die Entwicklung deutscher Führungsgrundsätze im 20. Jahrhundert

Eine vergleichende Betrachtung zwischen Beständigkeit und Wandel


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009

40 Seiten

Stefan Erminger (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Die historische Entwicklung der Vorschriften „Truppenführung“
1.2 Begriffsdefinitionen

2. Kontinuitätslinien
2.1 Die Eigenschaften des Truppenführers
2.2 Die allgemeinen Grundsätze der Truppenführung von
2.3 Zusammenfassung allgemeiner Führungsgrundsätze

3. Entwicklung im 20. Jahrhundert
3.1 Der Geltungsbereich der Vorschriften zur Truppenführung
3.2 Die Entwicklung der Gefechtsarten
3.3 Die Rolle der Atomwaffen
3.4 Die Neuerungen der Truppenführung
3.5 Zusammenfassung der Entwicklungen im 20. Jahrhundert

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das 20. Jahrhundert wurde wesentlich durch die beiden Weltkriege, den Kalten Krieg und dem Ende des Kalten Krieges geprägt. Diese wesentlichen Einschnitte in einem Jahrhundert waren auf die Streitkräfte nicht folgenlos. Es stellt sich die Frage, ob, und wenn ja wie, sich die Geschehnisse einer Ära auf militärische Führungsgrundsätze ausgewirkt haben. Diese Grundsätze der Truppenführung sind der Gegenstand dieser Arbeit. Im Wesentlichen sollen die Kontinuitätslinien und Entwicklungen dargestellt werden, die sich auf diesem Felde zeigen. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die erste Vorschrift zur Truppenführung des 20. Jahrhunderts, die im Jahr 1910 erschienen ist. Wie noch zu zeigen sein wird, basiert sie im Wesentlichen auf der Schrift „Verordnungen für die höheren Truppenführer", die 1869 von Helmuth Graf von Moltke verfasst worden war. Damit können Entwicklungen und Kontinuitäten von 1869 bis zur Heeresdienstvorschrift (HDv) 100/100 des Jahres 2000 analysiert werden.

Die Arbeit zeigt zunächst die historische Entwicklung der Vorschriften zur Truppenführung auf und definiert grundlegende Begriffe. Daran anschließend werden im ersten Hauptteil die Kontinuitätslinien aufgezeigt und damit die Frage beantwortet, ob sich militärische Führungsgrundsätze durch einen zeitunabhängigen Charakter auszeichnen. Wenn dem so ist, so können diese Grundsätze tatsächlich als allgemeine Grundsätze bezeichnet werden. Im zweiten Hauptteil der Arbeit werden dann die Entwicklungen aufgezeigt, die sich in der HDv 100/100 aus dem Jahr 2000 zeigen. Dabei wird untersucht, warum es zu diesen Veränderungen gekommen ist, also welche Einflussfaktoren dafür in Betracht kommen können. Die vergleichende Betrachtung der Führungsgrundsätze im 20. Jahrhundert endet dann in einer Schlussbetrachtung, welche die Thesen, dass es Kontinuitätslinien im Verständnis der Truppenführung und dass es Entwicklungen unterschiedlichster Ursachen gebe, abschließend betrachtet. Heute wird über die Truppenführung ausgesagt, dass sie „ eine Kunst, eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende schöpferische Tätigkeit sei[.]"[1] Diese Aussage ist eine konstante These des 20. Jahrhunderts.

Die Quellenlage ist als gut zu bezeichnen. Die einschlägigen Führungsdienstvorschriften des 20. Jahrhunderts sind weitestgehend verfügbar. Lediglich Entwürfe, wie zum Beispiel der Entwurf der HDv 100/2 aus dem Jahr 1956, standen dem Autor nicht zur Verfügung. Die Sekundärliteratur zur Thematik beschränkt sich dagegen auf wenige Werke. Eine Untersuchung, wie sie diese Arbeit vornimmt, gibt es nur für einzelne Aspekte der Truppenführung, etwa den Begriff der „Entschlossenheit", der in einem Aufsatz mit dem Titel „Entschlossenheit, Gedanken zu Geschichte und Bedeutung einer Führungsforderung" von Christian von Gyldenfeld in seiner Entwicklung untersucht wird. Als Grundlage für die weitere Betrachtung soll nunmehr die historische Entwicklung der Vorschriften zur Truppenführung beschrieben werden.

1.1 Die historische Entwicklung der Vorschriften „Truppenführung"

Folgt man der Einschätzung der Mehrheit der Militärhistoriker, sind die Wurzeln der Grundsätze der Truppenführung in der deutschen Militärgeschichte in den „Verordnungen für die höheren Truppenführer" vom 24. Juni 1869 (TF 1869) zu finden. Gemäß Daniel J. Hughes[2] gilt: „ No single surviving official document is more important for understanding the practical basis of German military theory."[3] Diese Aussage wird durch die allgemeinen Führungsgrundsätze, die in diesem Werk aufgestellt wurden und die bis in die heutige Zeit ihre Gültigkeit behalten haben, gestützt. Das wird in Abschnitt 2 zu zeigen sein.

Am 18.06.1885 wurde das Werk neu unter dem Titel "Instruktionen für die höheren Truppenführer" herausgegeben, ist aber leider in dieser Ausgabe nicht mehr aufzufinden. Die Existenz dieses Werkes kann aus dem Erscheinen des Nachfolgers „Grundzüge der höheren Truppenführung" vom 1. Januar 1910 (TF 1910) geschlossen werden, denn dort heißt es: „ Die aus der Feder des General-Feldmarschalls Grafen v. Moltke stammenden Abschnitte der ‚Instruktionen für die höheren Truppenführer' vom 18. Juni 1885 sind, soweit dies angängig war, im Wortlaut beibehalten."[4]

11 Jahre später, also nach dem 1. Weltkrieg, wurde 1921 (TF 21) der erste Teil der „Führung und Gefecht der verbundenen Waffen"[5] durch von Seeckt[6] erlassen. Am 20. Juni 1923 folgte dann unter dem gleichen Titel ein ergänzender Band, der die Abschnitte XII — XVIII enthielt. Auch dieser Band[7] wurde durch von Seeckt erlassen.

Diese Vorschrift galt bis in das Jahr 1933, in dem die H.Dv. 300/1, Truppenführung I. Teil[8] (TF 33), erschien, welche die einschlägige Vorschrift bezüglich der Truppenführung bis zum Ende des 2. Weltkrieges bildete. Sie ist unter dem Namen „Beck Vorschrift"[9] bekannt und wurde im Jahr 1943 unverändert neu aufgelegt und nur durch das Merkblatt 18/5 vom 15.12.39, das ihr eingelegt wurde, ergänzt.[10] Scheinbar hatte die Kriegserfahrung der ersten Jahre des 2. Weltkrieges keine grundlegende Revision notwendig gemacht.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde mit Aufstellung der Bundeswehr die erste HDv 100/1 (T.F.G.) im März 1956[11] (TF 56) herausgegeben.[12] Ihr folgte im Jahr 1959 die HDv 100/1, Truppenführung[13] (TF 59).

Die ersten Jahre der Bundeswehr waren durch eine häufige Neuausgabe der Vorschriften im Bereich der Truppenführung gekennzeichnet, so dass schon im Jahr 1961 die sogenannte TF 60, HDv 100/2, Führungsgrundsätze des Heeres für die atomare Kriegführung — Truppenführung 1960 (TF 60)[14], erschien.

Nur ein Jahr später erschien die HDv 100/1, Truppenführung, und löste die Vorschrift aus dem Jahr 1961 ab[15] (TF 62).

Die neue HDv 100/1 blieb immerhin 11 Jahre in Kraft und erst 1973 folgte die HDv 100/100, VS-NfD (Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch), Truppenführung (TF 73), die nur einmal, nämlich 1987 (TF 87) in einer zweiten, verbesserten Auflage neu erschien.

Die letzte gültige Vorschrift im Bereich der Truppenführung im 20. Jahrhundert, die TF 2000[16], bildet den Abschluss der Truppenführungsvorschriften im 20. Jahrhundert.

Es muss angemerkt werden, dass die Truppenführung nicht in einer einzelnen Vorschrift zusammengefasst ist, sondern die gesamte „100er-Reihe" mit ihren neun Vorschriften ab 2007 die gültige Grundlage in der Bundeswehr von heute bilden. Für die weitere Untersuchung ist allerdings nur die „Dachvorschrift", nämlich die HDv 100/100, von Bedeutung, da sie die Grundsätze der Truppenführung beinhaltet.

Eine Untersuchung der Ursachen für die sehr unterschiedliche Gültigkeitsdauer der einzelnen Truppenführungsvorschriften wäre ein eigener Untersuchungsgegenstand und kann hier nicht geleistet werden.

1.2 Begriffsdefinitionen

Die Masse der Begriffe, die in dieser Arbeit genannt werden, werden bei erstmaliger Nennung definiert. Für zwei grundlegende Begriffe gilt dies nicht. Diese werden daher bereits an dieser Stelle erläutert. Es kommen die Definitionen der TF 2000 zur Anwendung.

Unter „Allgemeinen Führungsgrundsätzen" werden verstanden:

Leitlinien für militärische Führer aller Ebenen, die für jeden Einsatz im gesamten Aufgabenbereich des Heeres gelten."[17]

Für die TF 2000 ist der Begriff des „Einsatzes" entscheidend, deshalb soll hier die folgenden Definition gelten:

„Einsätze im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung sind Kampfeinsätze. Die Truppe führt dann das Gefecht der verbundenen Waffen nach den Führungsgrundsätzen des Kampfes.

Für Einsätze bei Friedensmissionen gelten die für sie verbindlichen Führungsgrundsätze. Bei friedenserzwingenden Maßnahmen sind darüber hinaus die Führungsgrundsätze des Kampfes anzuwenden. Für Hilfeleistungen gelten die allgemeinen Führungsgrundsätze, für Rettungs- und Evakuierungseinsätze gelten je nach Lage zusätzlich die Führungsgrundsätze des Kampfes."[18]

2. Kontinuitätslinien

2.1 Die Eigenschaften des Truppenführers

Wie bereits dargelegt wurde, basiert die TF 1910, welche die erste Vorschrift des 20. Jahrhunderts darstellt, die sich mit Truppenführung befasst, ganz wesentlich auf den „Instruktionen für die höheren Truppenführer", die aus der Feder von Moltke dem Älteren stammen. Es soll im Folgenden anhand der einzelnen Grundsätze ein Vergleich zwischen den Grundsätzen, die in den „Grundzügen der höheren Truppenführung" aufgestellt wurden, und den Führungsgrundsätzen der „TF 2000" durchgeführt werden. Ist es zu einer Änderung eines Grundsatzes gekommen oder ein Grundsatz nicht erhalten geblieben, soll nachvollzogen werden, wann und warum diese Änderungen stattgefunden haben.

Die „TF 1910" stellt zunächst die Eigenschaften, die ein Truppenführer aufweisen sollte, den Führungsgrundsätzen voran. Dort heißt es:

„Im Krieg wiegen die Eigenschaften des Charakters schwerer als die des Verstandes, und mancher tritt auf dem Schlachtfelde glänzend hervor, der im Frieden übersehen wurde. Beim kriegerischen Handeln kommt es oft weniger darauf an, was man tut, als daß man überhaupt etwas tut und wie man es tut. Gesteigerte Anforderungen stellt der Krieg an den Offizier, der sich das Vertrauen des Soldaten durch sein persönliches Verhalten erwerben muß. Von ihm wird erwartet, daß er Ruhe und Sicherheit auch in den schwierigsten Lagen bewahrt; ihn will man an der Spitze sehen, wo die Gefahr am größten ist."[19]

Persönliches Verhalten, Handlungswille, Ruhe, Selbstvertrauen, persönliche Präsenz, Intelligenz und die Fähigkeit, Vertrauen bei den Untergebenen zu bilden, werden hier als wesentliche Charaktereigenschaften eines militärischen Führers herausgestellt.

Die „TF 2000" stellt in ihrem Teil A (Grundlagen der Truppenführung) ein eigenes Kapitel (Kapitel 3) unter die Überschrift „Soldatisches Führen“[20]. Dort werden charakterliche Grundlagen des militärischen Führers dargestellt und es finden sich alle im Jahre 1910 aufgestellten Persönlichkeitseigenschaften wieder. Die TF 2000 nimmt durch die kapitelweise Trennung von „soldatischem Führen" und dem „Wesen und den Merkmalen der Truppenführung" eine inhaltliche Systematisierung bezüglich der Eigenschaften eines militärischen Führers und seines Handelns vor. Die Einführung eines eigenen Kapitels in der TF 2000 deutet auf die Wichtigkeit hin, die den charakterlichen Grundlagen militärischer Vorgesetzter zugemessen wird.

Bemerkenswert ist, dass bis zur „TF 62" der erste Teil des Zitats nahezu wörtlich wiederzufinden ist. Dort heißt es:

Der Krieg stellt den Menschen auf die härteste Probe seiner seelischen und körperlichen Widerstandskraft. Daher wiegen im Kriege die Eigenschaften des Charakters oft schwerer als die des Verstandes; mancher tritt im Kriege hervor, der im Frieden übersehen wurde."[21]

Es ist davon auszugehen, dass das Zitat in der TF 2000 nicht mehr verwandt wird, weil sich heute die Truppenführung nicht nur im Krieg auswirkt, sondern ebenso in Friedensmissionen eine tragende Rolle spielt. Hätte man allgemein von einem Einsatz gesprochen, so wäre die Aussage wahrscheinlich auch heute noch ohne Einschränkung weiterhin gültig. Allerdings werden heute persönliche und fachliche Autorität sowie soziale Kompetenz fast gleich gewichtet, so dass eine solche Aussage nicht zwingend in die Vorschrift übernommen werden muss.

2.2 Die allgemeinen Grundsätze der Truppenführung von 1910

Die TF 2000 nimmt eine Systematisierung der Grundsätze der Truppenführung vor, die in der TF 1910 nicht zu finden war. Dort gibt es ein Kapitel „Allgemeines" und ein Kapitel „Führung". Die TF 2000 dagegen enthält zwar ein Kapitel, „Wesen und Merkmale der Truppenführung", allerdings finden sich in den Kapiteln „Wesen und Merkmale der Truppenführung im Kampf", „Wesen und Merkmale der Truppenführung bei Einsätzen zur Unterstützung von Friedensmissionen" und „Wesen und Merkmale der Truppenführung bei Rettungs- und Evakuierungseinsätzen und bei Hilfeleistungen", weitere Grundlagen zum Verständnis der modernen Truppenführung.

Für die folgende Betrachtung sind zunächst aber nur die „allgemeinen Führungsgrundsätze" von Bedeutung, da auf die Unterschiede in Kapitel 3 eingegangen werden soll. über diese allgemeinen Führungsgrundsätze wird in der TF 2000 ausgeführt: „ Für jeden Einsatz gelten die allgemeinen Führungsgrundsätze.[22] Damit würde es sich bei diesen um die grundsätzlichen Erkenntnisse handeln, die in der Truppenführung bei allen Einsatzszenarien ihre Gültigkeit behielten und damit tatsächlich allgemeine Grundsätze wären.

Es gibt keine bindenden Regeln nur Grundsätze!

Der folgende Grundsatz der Truppenführung wird mehrfach in der TF 1910 herausgehoben: „ Bei der Mannigfaltigkeit und dem raschen Wechsel der Lagen im Kriege ist es unmöglich, bindende Regeln zu geben, nur Grundsätze und allgemeine Gesichtspunkte können einen Anhalt gewähren.[23] Neben der allgemeinen Feststellung, dass es keine bindenden Regeln geben könne, werden noch zwei weitere Aspekte dieses Fehlens festgehalten: „ Bestimmte allgemein gültige Regeln für die Führung im Gefechte lassen sich nicht geben, am wenigsten für den Angriff.[24] Dies kann als eine Spezifizierung für die damals wichtigste Gefechtsart bezeichnet werden, fügt aber dem ersten Argument nichts Wesentliches hinzu.

Dagegen zeigt sich in der Feststellung, dass es keine vorgeschriebenen Breiten einer Front geben dürfe, ein Grundsatz, der sich im Laufe des Jahrhunderts verändert hat. In der TF 1910 wird ausgeführt: „ Er lässt sich nicht in Zahlen bestimmen, wie weit die Front ausgedehnt werden darf und soll.“[25]

Die TF 2000 folgt der TF 1910 hinsichtlich der Feststellung, dass es keine bindenden Regeln in der Truppenführung geben könne. Nr. 401 lautet: „ Ihre Lehren [,die der Truppenführung‘ ] lassen sich nicht erschöpfend darstellen. Sie verträgt keine starre Formeln und Regelungen. Doch müssen klare Grundsätze jeden Führer leiten.“[26]

Es hat sich im 20. Jahrhundert die Erkenntnis durchgesetzt, dass man aus den Erfahrungen vergangener Kriege zwar keine festen Regeln ableiten könne, wohl aber Grundsätze. Diese Grundsätze bilden die Grundlage der Truppenführung und sollten jedem militärischen Führer bekannt sein.

Die TF 2000 gibt daher im Gegensatz zur TF 1910 Anhalte für die geländeabhängigen Breiten von Verbänden in den einzelnen Gefechtsarten vor (z.B. für eine Kampfbrigade im Angriff bis zu 18.000 Meter)[27]. Diese Anhalte erleichtern es dem Truppenführer in der Planung einer Operation seinen Kräftebedarf zu ermitteln. Als Regel sollte dies allerdings nicht bezeichnet werden, da es sich lediglich um Anhalte handelt. Entscheidend für die räumliche Gliederung von Kräften sind die Faktoren, Raum, Zeit, Kräfte sowie die Beurteilung der Lage, insbesondere die Beurteilung der Umwelteinflüsse und die der Beurteilung der Feindlage.

Die Vorgabe von Breiten wurde aus der angelsächsischen Militärtheorie übernommen. Die NATO brauchte bei der Ermittlung der notwendigen Kräfte zur Vorneverteidigung unter anderem diese Vorgaben zur Kalkulation. Jedoch bleibt die Aussage gültig, dass allgemeine Regeln nicht aufgestellt werden können. Ein Gefecht lässt sich in seinem Verlauf nicht mathematisch berechnen.[28] Diese Tatsache hat Carl von Clausewitz in seinem Werk „Vom Kriege" schon deutlich früher festgestellt. Ein Zeitgenosse von Clausewitz, Antoine-Henri Jomini, hingegen forderte, dass militärische Führer den Krieg nach wissenschaftlichen Grundsätzen führen sollten.[29] Die deutsche Militärtheorie folgt eher Carl von Clausewitz als Antoine-Henri Jomini. Das zeigt sich wieder in der TF 2000.

Selbständiges Handeln

Der Grundsatz, dass nur „ die Befähigung und Gewöhnung der Führer aller Grade zu selbständigem Handeln die Möglichkeit [gebe], große Massen auch unter schwierigen Verhältnissen zu bewegen und zusammenwirken zu lassen,“[30] findet sich mit dem Begriff des selbständigen Handelns nicht mehr in der TF 2000, wird aber indirekt durch das Handeln im Sinne der übergeordneten Führung aufgenommen. Dies wird später näher untersucht.

Allerdings findet sich ein Hinweis auf selbständiges Handeln im Kapitel 30, Begegnungsgefecht, der TF 2000: „Der örtliche Führer muss in kürzester Zeit entschließen, wie er den Kampf aufnehmen will. Er handelt selbständig. "[31]

In der TF 62 dagegen findet sich eine mit der TF 1910 weitgehend übereinstimmende Aussage:

Die Weite und Leere des Schlachtfeldes, die gewaltige Wirkung des Feuers, der rasche Ablauf aller Bewegungen und das Fehlen fester Fronten verlangen mehr denn je selbständig denkende und verantwortungsfreudig im Sinne des Ganzen handelnde Soldaten.“[32]

Hier ist jedoch eine Erweiterung festzustellen. Nicht mehr nur der militärische Führer, sondern alle Soldaten sollen selbständig handeln.

Die TF 73 und die TF 87 führen den Begriff der „Selbständigkeit" jeweils im Kapitel „Der Militärische Führer" auf und nehmen ihn als ein wesentliches Merkmal militärischen Führen auf.[33]

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Selbständigkeit des Handelns sich unter das Handeln im Sinne der übergeordneten Führung subsumieren lässt und damit kein eigenständiges Element der Truppenführung mehr sein muss. Dass alle Soldaten zum selbständigen Handeln gezwungen sein können, ergibt sich bei fehlenden Verbindungen. Ist die Absicht der übergeordneten Führung bekannt, so ist selbständiges Handeln jedem Soldaten möglich.

Der Entschluss

Die Entschlussfassung ist eine der wesentlichen, wenn nicht die wichtigste Aufgabe des Truppenführers. Im Entschluss legt er seine Absicht fest und trifft eine Entscheidung, für die er allein die Verantwortung trägt. Bezüglich des Entschlusses gelten zwei Aussagen weiter, welche die TF 1910 beinhaltete, nämlich die Klarheit des Entschlusses und das Festhalten am Entschluss.

Die Klarheit des Entschlusses

Die TF 1910 stellt zur Entschlussfassung fest: „ Bei körperlichen Anstrengungen und geistiger Erregung, unter Entbehrungen und Leiden sollen die folgenschwersten Entschlüsse gefasst, klar und erschöpfend mitgeteilt werden.“[34]

Für die Entschlussfassung könne es sogar notwendig werden, sich als Führer zurückzuziehen, denn fern von dem verwirrenden Eindruck des Kampfes könne der Truppenführer ruhiger seine Entschließungen fassen.[35]

Die TF 2000 widmet dem Entschluss keine eigene Ziffer, allerdings finden sich die Grundsätze der TF 1910 auch hier: „ Der militärische Führer gibt klare und erreichbare Ziele vor. Er leitet sie aus dem eigenen Auftrag ab und entspricht dabei der Absicht der übergeordneten Führung.“[36]

Hier wird ebenso auf die Klarheit des Entschlusses hingewiesen, der sich in der Absicht des Truppenführers ausdrückt, wie in der TF 1910. Die Klarheit ist notwendig, um den untergeordneten Führern das Handeln im Sinne der übergeordneten Führung zu erleichtern. Die Problematik der Entschlussfassung erkennt auch die TF 2000 an, indem in Nummer 421 klargelegt wird:

„Ihre Gewichtung [die der Faktoren Kräfte, Zeit, Raum und Information] kann häufig wechseln. Immer kommt es darauf an, Änderungen rechtzeitig zu erkennen, richtige Folgerungen zu ziehen, den zweckmäßigsten Entschluss zu fassen und ihn zielstrebig umzusetzen“.[37]

Sich Freiheiten zur Entschlussfassung zu verschaffen, wird in der TF 2000 nicht thematisiert. Es wird nur allgemein festgestellt, dass der Soldat „[n]ach starken körperlichen und seelischen Belastungen [...] Zeiten der Ruhe [brauche].[38]

Die TF 1910 forderte das Lösen vom Feldherrnhügel, damit der Führer sich ohne Schlachtlärm und dem Eindruck der Schlacht auf das Ganze besinnt und einen sachlichen Entschluss fasst. Die TF 2000 sieht das Lösen vom Feldherrnhügel nicht als eine zwingende Erfordernis, da der Truppenführer heute auf seinem Gefechtsstand einen „digitalen Feldherrnhügel" vorfindet, der nicht die „Dramatik" eines realen Feldherrnhügels aufweist.[39] Jedoch können auch heute noch zum Beispiel unzureichende Übersicht über die Lage, falsche oder sich widersprechende Meldungen oder Informationsflut die sachliche Entschlussfassung behindern. Der Grundsatz, dass ein Entschluss ein klares und erreichbares Ziel vorzugeben habe, hat sich aber im 20. Jahrhundert nicht gewandelt.

Das Festhalten am Entschluss

Neben der Klarheit des Entschlusses ist ein wesentlicher Grundsatz der TF 1910, dass mitten in so viel Ungewissheit wenigstens eins gewiss sein müsse, nämlich der eigene Entschluss. An ihm müsse der Führer festhalten, und er werde richtig verfahren, sich durch Operationen des Gegners nicht davon abbringen zu lassen, solange es nicht unabweisbar notwendig sei.[40]

Die TF 2000 bringt das auf den Punkt: „ Sich nur auf eine Lösung zu verlassen ist falsch Jedoch soll der militärische Führer nicht ohne Not vom Entschluss abweichen. Er muss vorausdenken, soll aber nicht vorausdisponieren.“[41]

Das Festhalten am Entschluss stellt sicher, dass der Führer nicht das Vertrauen seiner unterstellten Führer verliert, da ständige Absichtsänderungen den unterstellten Bereich verunsichern und die Autorität des Führers untergraben. Zudem wird das Handeln im Sinne der übergeordneten Führung erleichtert, wenn deren Absicht bekannt ist und nicht einem ständigen Wandel unterliegt. Das macht den engen Zusammenhang zwischen dem Festhalten am Entschluss, dem Bekannt sein der Absicht der übergeordneten Führung und dem Handeln im Sinne der übergeordneten Führung deutlich. Diese Grundsätze ergänzen sich zu einer Einheit.

Das Festhalten am Entschluss hat damit unverändert seit 1869 Gültigkeit und somit im Laufe des 20. Jahrhunderts seine Wichtigkeit bewiesen.

Im Krieg hat nur das Einfache Erfolg

Die oben beschriebene Klarheit des Entschlusses drückt sich auch in einem anderen Grundsatz der Truppenführung aus, nämlich der Einfachheit des Handelns. Auch diese Forderung findet sich in der TF 2000 wieder. Die TF 1910 legt dar: „ Einfaches Handeln, folgerecht durchgeführt, wird am sichersten zum Ziele führen[42] Später folgt ein weiterer Hinweis auf diese Erkenntnis: „ Es gilt, mit richtigem Gefühl die in jedem Augenblick sich anders gestaltende Lage aufzufassen und danach das Einfachste und Natürlichste mit Festigkeit und Umsicht zu tun.“[43]

Die TF 2000 zitiert in diesem Grundsatz die TF 1910 wörtlich. In Nummer 442 heißt es: „ Einfaches Handeln, folgerichtig durchgeführt, wird am sichersten zum Ziel führen.“[44]

Diese Forderung hat sich also im gleichen Wortlaut von 1869 bis zur TF 2000 durchgesetzt. Eine Erkenntnis, die wörtlich mehr als 130 Jahre ihre Gültigkeit behalten hat, ist eine derjenigen, die tatsächlich einen allgemeinen Führungsgrundsatz darstellt. Das Besondere dürfte sein, dass er wahrscheinlich nicht nur für die militärischen Führer, sondern für alle Menschen gilt, die Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen haben. Inwieweit allgemeine Führungsgrundsätze oder Charaktereigenschaften eines militärischen Führers auch in Bereichen außerhalb der Streitkräfte zur Anwendung kommen, wäre es ebenfalls wert, untersucht zu werden.

[...]


[1] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 402. Die Aussage findet sich in fast allen Vorschriften der Truppenführung im 20. Jhd. Meist wird sie Helmuth von Moltke zugeschrieben, allerdings ist sie in den „Verordnungen für die höheren Truppenführer“ in dieser Form nicht zu finden.

[2] Daniel J. Hughes, Moltke on the Art of War, Selected Writings, Novato 1993.

[3] Ebd., S. 172.

[4] Wilhelm II, Grundzüge der höheren Truppenführung, Berlin 1910, S. 4.

[5] Reichswehrministerium, Chef der Heeresleistung, Führung im Gefecht der verbundenen Waffen, Berlin 1921.

[6] Generaloberst Hans von Seeckt war Chef der Heeresleitung.

[7] Reichswehrministerium, Chef der Heeresleitung, Führung und Gefecht der verbundenen Waffen, Abschnitt XII-XVIII, Berlin 1923.

[8] H.Dv. 300/1, Truppenführung (T.F.), I. Teil (Abschnitt I-XIII), Berlin 1933.

[9] Generaloberst Ludwig Beck (geb. 29.06.1880) war bis zum 1.10.1938 Chef des Generalstabes des Heeres. Er reichte am 18.08.1938 seinen Rücktritt ein. Er gilt als einer der bedeutendsten Widerstandskämpfer des 20.07.1944 und war als provisorisches Staatsoberhaupt nach dem Attentat auf Hitler vorgesehen. Nach einem misslungenen Selbstmordversuch wurde er auf Befehl Generalobersts Fromm erschossen.

[10] H.Dv. 300/1, Truppenführung (T.F.), I. Teil (Abschnitt I-XIII), Berlin 1943.

[11] HDv 100/1, Grundsätze der Truppenführung des Heeres, Bonn 1956.

[12] Es gab einen Vorabdruck einer HDv 100/2 g aus dem Jahr 1962, diese Entwurfsvorlage lag nicht vor.

[13] HDv 100/1, Truppenführung (TF), Bonn 1959.

[14] HDv 100/2, Führungsgrundsätze des Heeres für die atomare Kriegführung – Truppenführung 1960 (TF 60), Bonn 1961.

[15] HDv 100/1, Truppenführung, Bonn 1962.

[16] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000.

[17] HDv 100/900, Führungsbegriffe (TF/B), Bonn 2000.

[18] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 402.

[19] Wilhelm II, Grundzüge der höheren Truppenführung, Berlin 1910,S. 7.

[20] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 301-328.

[21] HDv 100/1, Truppenführung, Bonn 1962, Nr. 35.

[22] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn, Nr. 402.

[23] Wilhelm II, Grundzüge der höheren Truppenführung, Berlin 1910, S. 13.

[24] Ebd., S. 27.

[25] Ebd., S. 19.

[26] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 402.

[27] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 26042.

[28] Werner Hahlweg, Carl von Clausewitz, Hinterlassene Werke, Vom Kriege, 19. Aufl., Bonn 1991, S. 346f.

[29] Peter Paret (Hrsg.), Makers of Modern Strategy from Machiavelli to Nuclear Age, Princton 1986, S. 143-185.

[30] Wilhelm II, Grundzüge der höheren Truppenführung, Berlin 1910, S. 13.

[31] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 3001.

[32] HDv 100/1, Truppenführung, Bonn 1962, Nr. 35, Nr. 37.

[33] HDv 100/100, Führung im Gefecht, Bonn 1973, Nr. 605 und HDv 100/100, Truppenführung, 2. Verbesserte Aufl. TF/G 73, Bonn 1987, Nr. 610.

[34] Wilhelm II, Grundzüge der höheren Truppenführung, Berlin 1910, S. 8.

[35] Ebd., S. 19.

[36] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn, Nr. 419.

[37] Ebd., Nr. 421.

[38] Ebd., Nr. 317.

[39] Ute Bernhardt, Ingo Ruhmann, Military Systems: Informationstechnik für Führung und Kontrolle, S. 14-17.

[40] Wilhelm II, Grundzüge der höheren Truppenführung, Berlin 1910, S. 9.

[41] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 442.

[42] Wilhelm II, Grundzüger der höheren Truppenführung, Berlin 1910, S. 9.

[43] Ebd., S. 11

[44] HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 442.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung deutscher Führungsgrundsätze im 20. Jahrhundert
Untertitel
Eine vergleichende Betrachtung zwischen Beständigkeit und Wandel
Autor
Jahr
2009
Seiten
40
Katalognummer
V152725
ISBN (eBook)
9783640649860
ISBN (Buch)
9783640649655
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit Herausgabe einer neuen Führungsvorschrift im Jahr 2000 wurde die Entwicklung der Grundsätze der Truppenführung im 20. Jahrhundert abgeschlossen. Seit dem Erlass der ersten Truppenführungsvorschrift im vergangenen Jahrhundert, nämlich 1910, zeigen sich Kontinuitätslinien in Form von konstanten Grundsätzen, die ihre Gültigkeit behalten haben.
Schlagworte
Truppenführung, Heeresdienstvorschrift, Bundeswehr, Reichswehr, Wehrmacht, Truppenführer, Generaloberst Ludwig Beck, Seeckt, Heeresleitung, Führungsgrundsätze, Führung im Gefecht, Gefechtsart, Helmuth Graf von Moltke, Carl von Clausewitz, NATO, Führungsbegriffe, Atomwaffen
Arbeit zitieren
Stefan Erminger (Autor), 2009, Die Entwicklung deutscher Führungsgrundsätze im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152725

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