Die Beschäftigung mit der „zu politischen Zwecken benutzten Sprache“ fand vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des NS-Regimes Verbreitung, obwohl Sprache seit jeher eines der wichtigsten Instrumente in der Politik darstellt. Die politische Rede im Nationalsozialismus sah die Hauptfunktion der Sprache darin, das Publikum durch emotionale und psychische Erregung sowie suggestive Glaubwürdigkeit auf seine Seite zu ziehen. Bereits Aristoteles, auf den die drei Grundarten der
Überzeugung – ethos, pathos und logos – zurückgehen, ließ der affektuellen „persuasio“ besondere Bedeutung zukommen. Hitler selbst war sich über die Wirkung von Rhetorik bewusst. Im Vorwort seiner Autobiografie ‚Mein Kampf’ schreibt er: „Ich weiß, daß man Menschen weniger durch das geschriebene Wort als vielmehr durch das gesprochene zu gewinnen vermag, daß jede große Bewegung auf dieser Erde ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den großen Schreibern verdankt“4. Und an anderer Stelle heißt es, dass die Ansichten der Menschen nicht durch ihren Verstand, sondern „durch das Gefühl gestützt sind“ und dass es deshalb gilt, „diese geheimnisvollen Kräfte“ anzusprechen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Redesituation
3. Gliederung der Rede
3.1. Zum Inhalt
3.2. Die Programmpunkte
4. Persuasion als Redeabsicht
4.1. Die Redestrategien
4.2. Propagandasprache
5. Vagheit und Polysemie
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit analysiert die erste Rede Adolf Hitlers als Reichskanzler am 10. Februar 1933 im Berliner Sportpalast. Das primäre Ziel der Untersuchung ist es, die persuasiven rhetorischen Mechanismen und propagandistischen Sprachstrategien zu entschlüsseln, die Hitler einsetzte, um das Publikum emotional zu vereinnahmen und von seiner Ideologie zu überzeugen.
- Historische Einbettung und die Funktion der Redesituation
- Strukturelle Analyse der Rede und der propagandistischen Programmpunkte
- Methoden der politischen Persuasion durch Aufwertung, Abwertung und Beschwichtigung
- Einsatz von vagen Formulierungen und Polysemie zur Leerformelbildung
- Analyse der affektiven Identifikationsprozesse zwischen Redner und Publikum
Auszug aus dem Buch
Die Redesituation
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt und übernahm damit die Macht in Deutschland. Diese Macht war allerdings noch begrenzt. Weder besaß seine Partei, die NSDAP, eine Mehrheit im Parlament, noch hatte er die übrigen konkurrierenden Gegner vollständig ausgeschaltet. Aus diesem Grund wurde von Seiten der Nationalsozialisten die so genannte „legale Revolution“7 durchgeführt, die „die Reichstagsauflösung mit anschließenden Neuwahlen“8 am 05. März vorsah. Im Zuge dieses Wahlkampfes hielt Hitler elf Tage nach seinem Amtsantritt, am 10. Februar 1933, die vorliegende Rede im Berliner Sportpalast. Sie stellte die erste „Verlautbarung der Reichsregierung“9 vor dem deutschen Volk dar.
Das Publikum im Saal war „aus freien Stücken anwesend“10 und setzte sich überwiegend aus Anhängern Hitlers und der nationalsozialistischen Partei zusammen, die schon vor dem Beginn der Rede ‚Heil’- und ‚Deutschland erwache’-Rufe verlauten ließen und die Ausführungen Hitlers mit ‚Bravo’-Rufen und starkem, jubelndem Beifall begleiteten. Die Ansprache wurde zusätzlich über Lautsprecher auf zehn Berliner Plätze übertragen11 und mittels der anwesenden Rundfunksender im ganzen Land ausgestrahlt, wodurch, schenkt man dem Kommentator des Tondokuments Glauben, rund 20 Millionen Menschen Zeugen der Rede wurden12. Außerdem war ein großes Aufgebot von Fotografen gegenwärtig sowie diverse Film- und Fernsehteams, die die Rede aufzeichnen sollten, um sie „in den nächsten Wochen propagandistisch“13 zu verwenden. Daneben waren Vertreter der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung sowie Vertreter ausländischer Gesandtschaften und Botschaften präsent14. Der komplette Sportpalast war auf die Rede ausgerichtet. Die Emporen waren „flankiert von großen Parolen ‚Für die Nation, gegen die Internationale’“ und der ganze Saal war „ausgeschmückt mit Hakenkreuzfahnen“15.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Analyse von Hitlers erster Rede als Reichskanzler ein und erläutert die Bedeutung rhetorischer Grundarten wie Ethos, Pathos und Logos für die politische Überzeugung.
2. Die Redesituation: Dieses Kapitel beschreibt den historischen Kontext der Machtübernahme und die inszenierten Rahmenbedingungen der Sportpalast-Rede vom 10. Februar 1933.
3. Gliederung der Rede: Hier wird der inhaltliche Aufbau der Rede analysiert, wobei zwischen der Einleitung, den Themenkomplexen des Hauptteils und dem programmatischen Schluss unterschieden wird.
4. Persuasion als Redeabsicht: Dieses Kapitel untersucht die methodischen Strategien wie Aufwertung der eigenen Gruppe, Abwertung des politischen Gegners sowie den Einsatz propagandistischer Sprache zur emotionalen Mobilisierung.
5. Vagheit und Polysemie: Der Abschnitt beleuchtet, wie Hitler durch absichtlich vage Begriffe und Leerformeln interpretatorische Spielräume schafft, um eine breite emotionale Zustimmung zu erzielen.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Hitlers rhetorischer Erfolg primär auf der affektiven Überwältigung der Massen basierte, statt auf inhaltlicher, argumentativer Logik.
Schlüsselwörter
Persuasive Rhetorik, Adolf Hitler, Sportpalast-Rede 1933, Propagandasprache, NS-Ideologie, Politische Rede, Aufwertung, Abwertung, Massenmobilisierung, Vagheit, Polysemie, Identifikationsfigur, Emotionale Aktivierung, Rhetorische Strategien, Volksgemeinschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Hitlers erste Rede nach der Ernennung zum Reichskanzler unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten, mit Fokus auf rhetorische Überzeugungstechniken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Redesituation, der Anwendung von Propagandasprache und dem Einsatz rhetorischer Strategien zur Manipulation von Massenemotionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen sprachlichen Mittel zu identifizieren, durch die Hitler in seiner Rede die Zuhörer emotional an sich und seine Ziele binden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt eine linguistische Analyse politischer Texte, basierend auf Rhetorik-Theorien zu Aufwertung, Abwertung, Beschwichtigung sowie dem Konzept der Leerformeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die inhaltliche Gliederung, die spezifischen Redestrategien und den gezielten Einsatz von Mehrdeutigkeit und Vagheiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Persuasive Rhetorik, Propagandasprache, affektive Identifikation und die bewusste Nutzung von Leerformeln.
Wie geht Hitler in der Rede mit Kritik oder Gegenargumenten um?
Hitler nennt seine Gegner selten explizit, sondern nutzt Abwertungen und negative Wortfelder, um ein Feindbild zu schaffen, ohne sich in eine faktische Debatte zu begeben.
Welche Rolle spielt die "Volksgemeinschaft" in der rhetorischen Strategie?
Die Volksgemeinschaft dient als zentraler Identifikationsbegriff, der durch ein "Wir-Gefühl" die Zuhörer emotional vereinen und vom Redner abhängig machen soll.
Warum wird die Rede als "implikativ-thetisch" bezeichnet?
Weil sie keinem klassischen logischen Aufbau folgt, sondern durch emotionales Sprechen und die Verwendung emotiver Begriffe auf eine unmittelbare affektive Identifikation abzielt.
- Arbeit zitieren
- Anne Jahr (Autor:in), 2008, Persuasive Rhetorik am Beispiel der Rede von Adolf Hitler am 10.02.1933 im Berliner Sportpalast, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152730