„Forschung ist in der Medizin unverzichtbar. Ohne sie gibt es keinen Fortschritt; der Auftrag der Medizin erfordert stetigen Erkenntniszuwachs. Die Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft. […] Der Fortschritt der Medizin soll die Behandlungschancen berechenbarer machen, die immanenten Eingriffsrisiken reduzieren und neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Dieser Fortschritt vollzieht sich auf vielen Wegen. Wenn es aber darum geht, neue Erkenntnisse in die praktische Anwendung umzusetzen, führt kein Weg vorbei an der Erprobung am Menschen. Wer den Fortschritt der Medizin zum Wohle aller will, kann den Versuch am Menschen nicht mißbilligen“ (Kleinsorge/ Hirsch/ Weißauer (Hrsg.) 1985, Geleitwort). Doch wissenschaftliche Forschung unterliegt einem Legitimationszwang. „Längst gilt es nicht mehr als Fortschritt per se, wenn die Grenze des Machbaren wieder ein Stückchen weiter vorgeschoben wird“ (a.a.O., S. 1).
Der Versuch am Menschen unterliegt heute und unterlag auch in der Vergangenheit bestimmten Voraussetzungen und Regeln, ob technischer, gesellschaftlicher, rechtlicher oder moralischer Natur, auch wenn das Experiment einem übergeordneten Zweck dient und ein an sich erstrebenswertes Ziel verfolgt, wie etwa die Heilung oder Linderung bestimmter Krankheiten. Es gab aber auch Versuche, die nicht für, sondern gegen die Versuchspersonen unternommen wurden und die Verletzung oder Tötung zum Ziel hatten.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einer Ethik der wissenschaftlichen Forschung, die den Menschen zum Objekt hat oder auch macht. Dazu wird zunächst eine Abgrenzung und Gegenstandsklärung vorgenommen sowie ein kurzer Überblick über die Geschichte des Menschenversuchs gegeben. Danach werden verschiedene Instrumente zur Beurteilung ethischer Fragen behandelt. Im nächsten Kapitel werden einige ethische Leitlinien der Forschung am Menschen aus der Geschichte dargestellt, um die Entwicklung solcher Leitlinien in einen historischen Kontext zu stellen. Ein Abschnitt der Arbeit befasst sich mit Beispielen wissenschaftlicher Experimente am Menschen aus unterschiedlichen Epochen. Es soll versucht werden, diese Beispiele und die ihnen zugrunde liegenden ethischen Leitlinien im jeweiligen historischen, sozialen oder gesellschaftlichen Kontext zu betrachten und darzustellen. Nach einer Zusammenfassung schließt die Arbeit mit einem Ausblick auf aktuelle ethische Kontroversen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Abgrenzung und Gegenstand – Die Geschichte des Menschenversuchs
3. Instrumente ethischer Beurteilung
3.1 Ethische Grundsätze
3.2 Religionsethik
3.3 Statistische Ethik
3.4 Situationsethik
4. Ethische Leitlinien der Forschung am Menschen
4.1 Der Eid des Hippokrates
4.2 Anweisung an die Vorsteher der Kliniken
4.3 Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen
4.4 Nürnberger Codex
4.5 Deklaration von Helsinki
5. Der Mensch als Forschungsobjekt – Beispiele
5.1 Syphilis – Impfexperimente und Tuskegee-Studie
5.2 Vernichtung - Humanexperimente im Dritten Reich
5.3 Rüstungsforschung – Humanexperimente im Kalten Krieg
6. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ethische Dimension medizinischer Forschung am Menschen im historischen und gesellschaftlichen Kontext. Das Ziel ist es, die Entwicklung ethischer Leitlinien nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie Forschungsinteressen immer wieder in Konflikt mit der Menschenwürde geraten sind.
- Historische Entwicklung des Menschenversuchs
- Ethische Beurteilungsinstrumente (Grundsatz-, Religions-, Statistik- und Situationsethik)
- Analyse prägender ethischer Leitlinien (u.a. Nürnberger Codex, Deklaration von Helsinki)
- Fallbeispiele aus unterschiedlichen Epochen (Syphilis-Forschung, NS-Experimente, Kalter Krieg)
- Aktuelle ethische Kontroversen in der modernen Medizin
Auszug aus dem Buch
5.1 Syphilis – Impfexperimente und Tuskegee-Studie
Wahrscheinlich führte die europäische Expansionspolitik des ausgehenden 15. Jahrhunderts zur Ausbreitung der Syphilis; die Geschlechtskrankheit, die auch spanische, polnische oder portugiesische Krankheit hieß, je nachdem welchem Volk außer dem eigenen man gerade die Schuld zuwies, wurde wohl aus Amerika eingeschleppt und brach 1493/94 während eines europäischen Krieges aus, in dessen Zuge es massenweise zu üblichen Vergewaltigungen kam. Die sich anschließend zerstreuenden Truppen verteilten die Syphilis über ganz Europa. „Sie begann mit einzelnen wunden Stellen, dann Ausschlag im gesamten Genitalbereich und schritt mit der Bildung von Geschwüren und scheußlichen Abszessen fort, die sich in die Knochen fraßen, Nase, Lippen und Genitalien zerstörten und häufig zum Tode führten“ (Porter 2000, S. 167).
Seit diesem ersten Auftreten der Seuche wissen Heiler und Ärzte lange „keinen anderen Rat, als Quecksilber auf die Wunden der Kranken zu schmieren“(Sabisch 2007, S. 10). Doch diese bis ins 20. Jahrhundert angewandte Behandlung geht mit allerlei Nebenwirkungen wie Haar- und Zahnausfall und sogar dem Tod einher. Doch wie dem Übel begegnen?
„Der Versuch am Menschen erschien den Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts als die einzige Möglichkeit, die Seuche zu erforschen, da es dem Bakteriologen und Zoologen Elias Metschnikoff erst im Jahr 1903 gelingen sollte, die Syphilis auf Affen zu übertragen. Vor diesem Hintergrund lässt sich durchaus von einem „nonverbalen Konsens über die Zulässigkeit von venerologischen Versuchen am Menschen“ (Tashiro 1991: 142) sprechen“ (Sabisch 2007, S. 11).
Bekannte Experimentatoren sind etwa der englische Chirurg John Hunter, der Pariser Venerologe Philippe Ricord, der bereits Infizierten durch Inoculationen „in fast 2600 Experimenten „schöne“ und sogar „sehr schöne“ Pusteln“ (a.a.O., S. 10) zufügte und der Breslauer Dermatologe Albert Neisser. Dieser führte in der Absicht, eine präventive Schutzimpfung zu entwickeln, über mehrere Jahre Immunisierungsversuche, zumeist an Prostituierten, durch und löste mit der Veröffentlichung seiner diesbezüglichen Aufzeichnungen einen Skandal aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Notwendigkeit medizinischer Forschung sowie den damit verbundenen Legitimationszwang und ethischen Konflikt, den Menschen zum Forschungsobjekt zu machen.
2. Abgrenzung und Gegenstand – Die Geschichte des Menschenversuchs: Dieses Kapitel gibt einen historischen Überblick über den Menschenversuch und diskutiert unterschiedliche methodische Auffassungen über dessen Beginn.
3. Instrumente ethischer Beurteilung: Hier werden theoretische Ansätze zur ethischen Bewertung vorgestellt, darunter ethische Grundsätze, Religions-, Statistik- und Situationsethik.
4. Ethische Leitlinien der Forschung am Menschen: Dieses Kapitel beschreibt die historische Genese ethischer Regelwerke wie des Nürnberger Codex und der Deklaration von Helsinki als Reaktion auf ethische Skandale.
5. Der Mensch als Forschungsobjekt – Beispiele: Die Fallbeispiele beleuchten kritische Forschungspraktiken im historischen Kontext, von der Syphilis-Forschung über Verbrechen im Dritten Reich bis zur Rüstungsforschung im Kalten Krieg.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Das Schlusskapitel fasst die Entwicklung der ethischen Debatte zusammen und verweist auf moderne Herausforderungen wie Gentechnologie und Stammzellforschung.
Schlüsselwörter
Ethik, Humanexperimente, medizinische Forschung, Menschenwürde, Nürnberger Codex, Deklaration von Helsinki, Syphilis, Rüstungsforschung, Patientenrechte, Einwilligung, Bioethik, medizinischer Fortschritt, Forschungsethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der moralischen und rechtlichen Ethik wissenschaftlicher Forschung, die den Menschen als Forschungsobjekt nutzt.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung medizinischer Versuche, die Etablierung ethischer Leitlinien und die Analyse menschenverachtender Forschungspraktiken in verschiedenen Epochen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine kritische Darstellung der ethischen Entwicklung im Bereich der Humanexperimente und deren Einordnung in den jeweiligen gesellschaftspolitischen Kontext.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen historischen und analytischen Ansatz, indem sie Dokumente, Richtlinien und Fallbeispiele aus der Forschungsgeschichte vergleichend betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Instrumente zur ethischen Bewertung definiert, wichtige geschichtliche Kodizes vorgestellt und anhand konkreter Beispiele – wie der Tuskegee-Studie oder Experimenten im Dritten Reich – kritisch reflektiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ethik, Humanexperimente, Menschenwürde, Forschung, Einverständnis und Patientenrechte.
Wie unterscheidet sich die Bewertung von Experimenten im Kalten Krieg von denen im Dritten Reich?
Während im Dritten Reich die Vernichtung von Menschen explizit beabsichtigt war, wurden im Kalten Krieg oft radioaktive Auswirkungen auf die eigene Bevölkerung für militärische Forschungszwecke billigend in Kauf genommen.
Warum wird der Fall Neisser als so bedeutend für die Ethik der Forschung hervorgehoben?
Der Fall Neisser löste eine der ersten großen öffentlichen Debatten über die Notwendigkeit der Freiwilligkeit und Aufklärung bei medizinischen Versuchen am Menschen aus.
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- Nadja Belobrow (Author), 2010, Im Dienste der Wissenschaft - Die Ethik der Humanexperimente, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152815