Im Dienste der Wissenschaft - Die Ethik der Humanexperimente


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abgrenzung und Gegenstand – Die Geschichte des Menschenversuchs

3. Instrumente ethischer Beurteilung
3.1 Ethische Grundsätze
3.2 Religionsethik
3.3 Statistische Ethik
3.4 Situationsethik

4. Ethische Leitlinien der Forschung am Menschen
4.1 Der Eid des Hippokrates
4.2 Anweisung an die Vorsteher der Kliniken
4.3 Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen
4.4 Nürnberger Codex
4.5 Deklaration von Helsinki

5. Der Mensch als Forschungsobjekt – Beispiele
5.1 Syphilis – Impfexperimente und Tuskegee-Studie
5.2 Vernichtung - Humanexperimente im Dritten Reich
5.3 Rüstungsforschung – Humanexperimente im Kalten Krieg

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Forschung ist in der Medizin unverzichtbar. Ohne sie gibt es keinen Fortschritt; der Auftrag der Medizin erfordert stetigen Erkenntniszuwachs. Die Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft. […] Der Fortschritt der Medizin soll die Behandlungschancen berechenbarer machen, die immanenten Eingriffsrisiken reduzieren und neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Dieser Fortschritt vollzieht sich auf vielen Wegen. Wenn es aber darum geht, neue Erkenntnisse in die praktische Anwendung umzusetzen, führt kein Weg vorbei an der Erprobung am Menschen. Wer den Fortschritt der Medizin zum Wohle aller will, kann den Versuch am Menschen nicht mißbilligen“ (Kleinsorge/ Hirsch/ Weißauer (Hrsg.) 1985, Geleitwort). Doch wissenschaftliche Forschung unterliegt einem Legitimationszwang. „Längst gilt es nicht mehr als Fortschritt per se, wenn die Grenze des Machbaren wieder ein Stückchen weiter vorgeschoben wird“ (a.a.O., S. 1).

Der Versuch am Menschen unterliegt heute und unterlag auch in der Vergangenheit bestimmten Voraussetzungen und Regeln, ob technischer, gesellschaftlicher, rechtlicher oder moralischer Natur, auch wenn das Experiment einem übergeordneten Zweck dient und ein an sich erstrebenswertes Ziel verfolgt, wie etwa die Heilung oder Linderung bestimmter Krankheiten. Es gab aber auch Versuche, die nicht für, sondern gegen die Versuchspersonen unternommen wurden und die Verletzung oder Tötung zum Ziel hatten.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einer Ethik der wissenschaftlichen Forschung, die den Menschen zum Objekt hat oder auch macht. Dazu wird zunächst eine Abgrenzung und Gegenstandsklärung vorgenommen sowie ein kurzer Überblick über die Geschichte des Menschenversuchs gegeben. Danach werden verschiedene Instrumente zur Beurteilung ethischer Fragen behandelt. Im nächsten Kapitel werden einige ethische Leitlinien der Forschung am Menschen aus der Geschichte dargestellt, um die Entwicklung solcher Leitlinien in einen historischen Kontext zu stellen. Ein Abschnitt der Arbeit befasst sich mit Beispielen wissenschaftlicher Experimente am Menschen aus unterschiedlichen Epochen. Es soll versucht werden, diese Beispiele und die ihnen zugrunde liegenden ethischen Leitlinien im jeweiligen historischen, sozialen oder gesellschaftlichen Kontext zu betrachten und darzustellen. Nach einer Zusammenfassung schließt die Arbeit mit einem Ausblick auf aktuelle ethische Kontroversen.

2. Abgrenzung und Gegenstand – Die Geschichte des Menschenversuchs

In diesem Kapitel soll die Frage geklärt werden, was alles unter dem Begriff Menschenversuch zu subsumieren ist und ein allgemeiner Überblick über die Geschichte des Humanexperiments versucht werden. Dazu gibt es in medizin-historischen Betrachtungen unterschiedliche Auffassungen: Eine davon sieht den Beginn wissenschaftlicher medizinischer Forschung in der Antike, initiiert durch die hippokratische Abkehr von der religiösen oder magisch-übersinnlichen Anschauung von Krankheiten hin zu der Überzeugung, Krankheiten seien keinem übernatürlichen Einfluss unterworfen, sondern die Medizin müsse empirischen und rationalen Erkenntnissen entsprechen (vgl. Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.) 2001, S. 71). Angeführt werden hierzu Überlieferungen von systematisch durchgeführten Vivisektionen aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, nach denen offensichtlich ist, „dass sie [Herophilos von Chalkedon (330-260 v. Chr.) und Erasistros (315-240 v. Chr.)] lebende Menschen sezierten oder zumindest an ihnen experimentierten […], besonders an verurteilten Kriminellen“ (Porter 2000, S. 67). In dieser Arbeit wird die antike Forschung nicht berücksichtigt, zumal Überlieferungen spärlich gesät sind.

Eine andere Auffassung bezieht sich bei der Festsetzung des Beginns von wissenschaftlichen Humanexperimenten frühestens im 16. Jahrhundert auf die methodische Regelung des Experiments nach Francis Bacon. „Von einer systematischen Übernahme der experimentellen Methode aus Physik und Chemie für die Erforschung des Menschen kann man mithin erst Mitte des 18. Jahrhunderts sprechen“ (Pethes/ Griesecke/ Krause/ Sabisch (Hrsg.) 2008, S. 13). In dieser ersten Phase des Experimentierens am lebenden Menschen kam es zwar zur Etablierung einer bestimmten Methodik, aber nicht zu einer Debatte über die Rechte des Patienten.

Eine zweite Phase verstärkter Forschung am Menschen brachte vereinzelt ethische Diskussionen um die „Verwendung“ Strafgefangener auf; bald wurde das Prinzip der Freiwilligkeit öffentlich gefordert und als Grundsatz anerkannt. Nichtsdestotrotz waren auch nach Einführung entsprechender Regelungen Verstöße gegen dieselben anzuprangern.

Die Diskussion um Aufklärung und Einwilligung flammte immer wieder auf, wenn neue Untersuchungen veröffentlicht wurden und führte zu immer neuen Anpassungen oder Bekräftigungen bestehender Regularien und dennoch kam es im Dritten Reich unter dem Deckmantel der nationalsozialistischen Ideologie zu grausamsten Verbrechen im Dienste der Wissenschaft. Und selbst die Aufarbeitung und internationale Ächtung sowie strafrechtliche Würdigung dieser Verbrechen konnte weitere nicht verhindern – in anderen Staaten, mithilfe einer anderen Ideologie.

Die aktuelle Debatte dreht sich um die Schaffung neuen Lebens und um die Verlängerung bestehenden Lebens um jeden Preis sowie um die Forschung an unfertigem Leben zugunsten der Allgemeinheit, insbesondere der Millionen Kranken. Auch diese Diskussion wird nur eine Fortsetzung und Erweiterung der bisher gemeinschaftlich errungenen ethischen Leitlinien der Forschung am Menschen sein. Solange Krankheiten und Heilmittel entdeckt oder verbessert werden können, wird es medizinische Forschung geben, die sich notgedrungen auch den Menschen zum Objekt macht. Über die Umstände dieser Forschung wird immer zu diskutieren sein.

3. Instrumente ethischer Beurteilung

In diesem Kapitel werden unterschiedliche Instrumente zur Beurteilung ethischer Fragen dargestellt, wobei jedes dieser Instrumente zu einem unterschiedlichen Schluss in ein und derselben Frage führen kann. Die ethische Bewertung einer Situation ist also immer auch abhängig von äußeren Umständen und der eingenommenen Perspektive, wie später auch anhand einiger der Beispiele von Menschenversuchen aus der Geschichte deutlich werden wird.

3.1 Ethische Grundsätze

Althergebrachte moralische Werte geben einen ersten Maßstab für die Beurteilung neuer Entwicklungen in der Forschung ab. „Es hat sich gezeigt, dass die ethischen Grundwerte auf komplexe und einander beeinflussende Weise die Standards der experimentellen Medizin bilden.

Als solche Grundsätze sind genannt worden: das individuelle Gewissen, der Respekt vor dem anderen, das allgemeine Gute, die goldene Regel („was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg´ auch keinem anderen zu“) sogar in ihrer positiven Form („Hilf anderen, so wie Dir selbst geholfen werden soll“), die Reziprozität im „do ut des“ und die heutige Erwartung ständig verbesserter Lebensbedingungen“ (Deutsch 1979, S.65f).

3.2 Religionsethik

Auch kirchlich-religiöse Kreise beteiligen sich an der ethischen Debatte und legen moralische Grenzen für die medizinische Forschung und Behandlung fest, wie etwa in der Abtreibungsfrage geschehen. In einer päpstlichen Ansprache wurden die Grenzen gezogen „von der Vertraulichkeit der Beziehung zwischen Arzt und Patienten, dem Schutz des Lebens und des Körpers und der psychischen und moralischen Integrität der Versuchsperson“ (Deutsch 1979, S. 66). Betont wird aber auch die beschränkte Verfügungsgewalt der Probanden oder Patienten über sich selbst. Diese hätten die „Rangordnung der Werte oder individuellen Rechte zu respektieren“ (a.a.O., S. 67).

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Im Dienste der Wissenschaft - Die Ethik der Humanexperimente
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V152815
ISBN (eBook)
9783640647552
ISBN (Buch)
9783640647651
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaft, Ethik, Humanexperiment, Menschenversuch, Forschung
Arbeit zitieren
Nadja Belobrow (Autor), 2010, Im Dienste der Wissenschaft - Die Ethik der Humanexperimente, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152815

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