Wohlfahrtsstaatspolitik aus feministischer Perspektive


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Theorie des Wohlfahrtsstaates
2.1 Typologie nach G. Esping – Andersen
2.2 Feministische Perspektive
2.3 Typologie nach J. Lewis/ I. Ostner

3. Prinzipien des deutschen Wohlfahrtsstaats

4. Gleichstellungspolitische Ansätze und feministische Positionen in der Wohlfahrtsstaatsdebatte Exkurs: Prinzipien der Geschlechtergleichheit nach Fraser

5. Zukunft der Geschlechterverhältnisse

6. Zusammenfassung und Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit betrachtet wohlfahrtsstaatliche Politik aus feministischer Perspektive und befasst sich dabei besonders mit pfadabhängigen Geschlechterarrangements als Ergebnis individueller und gesellschaftlicher Verhandlungsprozesse und deren sozialpolitischer Förderung und Institutionalisierung im Zusammenspiel von Markt, Staat und Familie.

Dazu werden zunächst verschiedene Ansätze zur Typologisierung von Wohlfahrtsstaaten dargestellt und unter Bezugnahme auf die feministische Wohlfahrtsstaatsdebatte bewertet, wobei die bekannte Typologie der Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen sowie das Ernährermodell nach Lewis und Ostner Berücksichtigung finden.

Danach wird mit einem Blick auf historische und kulturelle Besonderheiten in die Prinzipien des bundesrepublikanischen Wohlfahrtsstaates eingeführt, wobei der Schwerpunkt auf der Lohnarbeits- und Ehezentrierung liegt.

Im darauf folgenden Abschnitt geht zunächst ein Exkurs auf die Prinzipien für eine komplexe Geschlechtergleichheit nach Fraser und deren Anwendung auf bestehende feministische Modelle ein. Im Anschluss daran werden verschiedene Positionen zur feministischen Wohlfahrtsstaatsdebatte sowie deren Forderungen zur Bekämpfung geschlechterhierarchischer Strukturen und zur Erreichung egalitärer Geschlechterverhältnisse in allen Bereichen der Gesellschaft dargestellt.

Im letzten Abschnitt geht es um mögliche Zukünfte der Geschlechterverhältnisse, wobei sowohl empirisch belegte Tendenzen dargestellt als auch Utopien entworfen werden. Schließlich werden die vorangegangenen Kapitel und der Stand der feministischen Wohlfahrtsstaatsforschung zusammengefasst und abschließend bewertet.

2. Zur Theorie des Wohlfahrtsstaates

Der folgende Abschnitt behandelt kritisch die vergleichende Wohlfahrtsstaatstypologie Esping-Andersens aus feministischer Perspektive im Hinblick auf die Berücksichtigung der Geschlechterhierarchie und der geschlechtertypischen Arbeitszeitverteilung. Außerdem wird ein feministischer Ansatz zum Vergleich europäischer Wohlfahrtsstaaten vorgestellt, der verschiedene Indikatoren zur Beurteilung der Frauenfreundlichkeit wohlfahrtsstaatlicher Politik einbezieht.

2.1 Typologie nach G. Esping – Andersen

Bei der von Esping-Andersen entwickelten Typologie der Wohlfahrtsstaaten („welfare regimes“) handelt es sich um die Einteilung der wohlfahrtsstaatlichen Regime in drei Kategorien: liberal, konservativ-korporativ und sozialdemokratisch.

Kriterium für diese Einteilung ist der Grad der Entkommodifizierung, also Art und Ausmaß „der Optionen des Ausstiegs aus dem Arbeitsmarkt“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 3f) und dementsprechend der „Anteil von Markt, Staat und privaten Haushalten an der Produktion von Gütern und Diensten“ (ebd.).

„Unter einem liberalen Wohlfahrtsregimes fasst Esping-Andersen eine sozialpolitische Leitkonzeption, in welcher der staatlichen Sozialschutzgesetzgebung nur eine eng begrenzte Rolle zukommt, insofern die staatliche Sozialpolitik vorwiegend dem Ziel der Armutsvermeidung verschrieben ist“ (Schmidt/ Ostheim/ Siegel/ Zohlnhöfer (Hrsg.) 2007, S. 262). Idealtypisch entspricht das wohlfahrtsstaatliche System der USA dem liberalen Typus, bei dem der Markt als zentraler Akteur den größten Anteil hat. „Sozialstaatlich vorgehalten wird lediglich ein soziales Netz zur Gewährung von Mindeststandards bei typischen sozialen Risiken [...]. Daneben fängt der Staat soziale Notlagen erst als letzte Instanz auf, wenn Familie und andere soziale Netze nicht mehr greifen. Dabei hat er strikt bedarfsgeprüft vorzugehen, sich lediglich auf ausgewählte Problemlagen und möglichst eng definierte Zielgruppen zu beschränken [...] (Braun/ Jung (Hrsg.) 1997, S. 28).

So konstatiert Ostner: „Das liberale Modell gewährt nur wenig Ausstiegsmöglichkeiten aus der Erwerbsarbeit; Lohnersatzleistungen sind niedrig, zielgruppen- und meist strikt bedarfsorientiert“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 6). Zander meint: „Im internationalen Vergleich weist dieses Modell die höchsten Armutsquoten von Frauen, insbesondere von alleinerziehenden und alleinstehenden Frauen auf“ (Braun/ Jung (Hrsg.) 1997, S. 29).

Dem konservativ-korporativen Typus wäre die Bundesrepublik Deutschland zuzuordnen. „Das konservative Modell sichert Status und „Besitzstände“ kausal im Rückblick auf Erwerbsleben und Sicherungsursache relativ großzügig“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 6). Hier spielen neben dem Staat als Gesetzgeber die Funktionen der Familie und ihre politisch und gesellschaftlich zugewiesenen Aufgaben eine gewichtige Rolle.

„Die Familie wird als subsidiäre Einheit vorrangig in die Pflicht genommen, wobei eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung unterstellt und durch staatliche Sozialpolitik gefördert wird. [...] Typisch für das bundesrepublikanische Modell sind eine relativ niedrige Frauenerwerbsquote und eine ausgeprägte Differenzierung weiblicher und männlicher Lebensläufe. Frauen sind aufgrund ihrer Lebenssituation im statussichernden sozialen Sicherungssystem der BRD strukturell benachteiligt, demzufolge häufiger von Armut bedroht und betroffen. Gleichzeitig bilden Frauen die unsichtbare Ressource dieses Wohlfahrtsstaates“ (Braun/ Jung (Hrsg.) 1997, S. 30f).

Schweden entspricht dem sozialdemokratischen Typus, dem die weitgehendste Entkommodifizierung zugesprochen wird. Vorausgesetzt „alle, Frau oder Mann, Alt oder Jung, beweisen sich gleichermaßen als Arbeitsbürger ihres Landes[...], [...] erhalten sie beinahe hundertprozentige Lohnersatzleistungen bei Krankheit, Elternschaft oder Erwerbslosigkeit und Eingliederungshilfen aller Art“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 6). Zander verweist auf die Individuen- statt Haushaltszentrierte Steuerpolitik, die tendenziell den Zwei-Verdiener-Haushalt fördere sowie die Grundrente und eine Elternurlaubsregelung, welche Männer und Frauen gleichermaßen vorübergehende Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit zum Zwecke der Familienbetreuung ermöglicht (vgl. Braun/ Jung (Hrsg.) 1997, S. 26f).

2.2 Feministische Perspektive

Von feministischer Seite wird dieses vergleichende Modell jedoch für seine Geschlechterblindheit kritisiert, da zunächst erst einmal eine Kommodifizierung, also ein Einschluss in den Arbeitsmarkt stattgefunden haben muss, um eine Entkommodifizierung, die wegen der Ableitung sozialer Leistungen von kontinuierlicher Erwerbsarbeit auf die männliche Normalbiographie zugeschnitten ist, überhaupt zu ermöglichen. „Diese Kurzsichtigkeit folgt unmittelbar aus einer Perspektive, die das Normalarbeitsverhältnis – also die kontinuierliche Vollzeitbeschäftigung und an sie gebundene Ausstiegsoptionen – zum Dreh- und Angelpunkt der Analyse macht. Als Arbeit zählt in dieser verkürzten Perspektive nur die entlohnte Erwerbstätigkeit.

Frauen tauchen in der Typologie dann als Erwerbstätige auf oder als Ehefrauen, die von den über ihre Männer erworbenen Sozialleistungen profitieren; ansonsten verschwinden sie als unentgeltlich Sorgende hinter ihrer Wohnungstür“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 6)).

Schließlich sind Frauen aufgrund ihrer Sorge- und Betreuungspflichten innerhalb der Familie häufig auf Teilzeitarbeitsplätze mit schlechterer Bezahlung und weniger Sozialleistungen angewiesen.

„Die geschlechterspezifische Arbeitsteilung hält Frauen sehr viel mehr als Männer in der Familie fest und steigert dadurch die Verfügbarkeit von Männern für den Arbeitsmarkt; zugleich verringert sie die kontinuierliche Verfügbarkeit vieler Frauen: ihre Kommodifizierung. Deshalb sind Frauen auch sehr viel häufiger als Männer in ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen zu finden. Sie profitieren also weniger als diese von den „entkommodifizierenden“ Wirkungen der Sozialpolitik, dem Schutz und der Kompensation in Fällen typischer Arbeitnehmerrisiken“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 7).

Aufgrund dieser Kritik an Esping-Andersen wird im folgenden Abschnitt auf einen Ansatz vergleichender Typologien von Wohlfahrtsstaaten aus feministischer Perspektive eingegangen.

2.3 Typologie nach J. Lewis/ I. Ostner

„Weibliche Lebenschancen werden [...] in der feministischen Wohlfahrtsstaatsdebatte im Spannungsverhältnis von Abhängigkeit und Unabhängigkeit diskutiert. Sozialpolitik soll zur Unabhängigkeit von Frauen oder -in der Sprache westdeutscher Sozialwissenschaft- zu ihrer „Individualisierung“ beitragen. Als besonders „frauenfreundlich“ gilt in dieser Perspektive nun der Wohlfahrtsstaat, der die Individualisierung von Frauen am weitgehendsten fördert“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 3).

Um die Frauenfreundlichkeit von Wohlfahrtsstaaten zu vergleichen, wird zunächst das bekannte Modell der Ernährernorm betrachtet, deren Ausprägung -stark, moderat oder schwach- Aufschluss über die Verteilung von Aufgaben zwischen den Geschlechtern, die Erwerbsbeteiligung von Frauen und über Art und Ausmaß ihres Einschlusses in das System sozialer Sicherheit bietet. Pfadabhängig sind die Staaten und ihre Gesellschaften auf unterschiedliche Normalitätsannahmen der Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit innerhalb der Familie gekommen. Die so formulierten Erwartungen an die Geschlechter können von der Übertragung von Betreuungsaufgaben an den Staat und damit an die Solidarität der Steuerzahler bis zum Verbleib dieser Aufgaben in den privaten Haushalten reichen oder Kombinationen beider Modelle beinhalten (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995).

Als Indikatoren für nationale Geschlechterordnungen werden von Ostner zum Einen das Ausmaß der Müttererwerbstätigkeit in Vollzeit und Teilzeit, zweitens das Ausmaß eigenständiger oder abgeleiteter sozialer Sicherung von Frauen und drittens das Ausmaß und die Art öffentlicher Betreuungsleistungen in Form von finanziellen Mitteln oder Dienstleistungen angenommen.

„Mit diesen Indikatoren wird versucht, die durch Sozialpolitik verfestigte Trennung zwischen Erwerbs- und Hausarbeit -oder allgemeiner: zwischen Markt, Staat und Familie- kritisch ins Bewusstsein zu rücken. Sie erlauben Aussagen über den Grad der Kommodifizierung (Marktintegration) bzw. Familiarisierung (Familiengebundenheit) weiblicher Arbeitsvermögen und geben ausreichend Anlass, vorhandene Typologien zu überdenken“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1995, S. 9).

So würde sich die von Esping-Andersen vorgenommene Zuordnung einiger Länder verschieben: Frankreich, vorher gemeinsam mit der Bundesrepublik verortet, ähnelte den skandinavischen Ländern, während die Niederlande entgegengesetzt einzuordnen wären und von Schweden in die Nähe Deutschlands kämen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wohlfahrtsstaatspolitik aus feministischer Perspektive
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V152818
ISBN (eBook)
9783640646852
ISBN (Buch)
9783640647156
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wohlfahrtsstaat, feministisch, Wohlfahrtsstaatspolitik
Arbeit zitieren
Nadja Belobrow (Autor), 2010, Wohlfahrtsstaatspolitik aus feministischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152818

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