Moskau - eine „sozialistische Stadt“?

Stand 2007


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Machtkonstellation und Status Moskaus

3. Stadträumliche Gliederung

4. Begriffsdefinition: „sozialistische Stadt“
4.1. Die sozialistische Stadt aus historischer Perspektive und Veränderungen in der postsozialistischen Phase

5. Wohnungsmarkt- staatliche Mindestversorgung im Wandel
5.1 Vom Wohnen im Kollektiv zum individuellen Wohnen
5.2 Büroimmobilen und Innenstadt
5.3 Cityentvölkerung
5.4 Sozialistische Wohnviertel contra Gated Communities

6. Deindustrialisierung contra Industrieanlagen

7. Monumente und Ideologie in der Architektur
7.1 Moskva City
7.2 Innenstadt und Zentrum aus dem Blickwinkel der sozialistischen Ideologie
7.3 Veränderungen im Stadtzentrum

8. Aktuelle Entwicklungen im Bereich öffentlicher Nahverkehr

9. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis:

1.Einleitung

Moskau- wenn man den Namen dieser Metropole hört, entsteht zwangsläufig ein Bild vor dem geistigen Auge, das prachtvolle Metrostationen, orthodoxe Kirchen mit Zwiebeltürmchen und Sehenswürdigkeiten wie den Kreml beinhaltet. Doch Moskau hat weit mehr zu bieten als Touristenattraktionen. Sie strebt in die Liga der Weltmetropolen, wobei sich vor 20 Jahren hier das Zentrum der kommunistischen Welt befand. Die Stadt hat einen Transformationsprozess durchlaufen, der seinesgleichen sucht. Transformation bezeichnet den umfassenden und aus historischer Perspektive außerordentlich schnellen Wandel der politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen der ostmitteleuropäischen und osteuropäischen Gesellschaften seit dem Ende der 1980er Jahre. Bezogen auf die Stadtentwicklung leitete sich hieraus die Erwartung des Nachholens von Prozessen ab, die westliche Städte in den letzten Jahrzehnten geprägt haben.[1]

Moskau entwickelte sich aus einer Einmillionenstadt im 20.Jahrhundert zu der nach Einwohnerzahl größten Stadtregion Europas und zum politischen, wirtschaftlichen und administrativen Zentrum der russischen Föderation. Die Stadt wurde 1918 Hauptstadt des ersten sozialistischen Staates der Welt.[2]

Gegenstand der Betrachtung soll Moskau in ausgewählten Aspekten sein, wobei zu Beginn die grobe Einordnung Moskaus stehen wird; außerdem werden in kurzen Ausschnitten die einsetzenden Veränderungen nach dem Umbruch, sowie deren Verlauf dargestellt. Weiterhin wird die stadträumliche Gliederung dargestellt, um im Anschluss das Hauptaugenmerk auf die sozialistische Stadt zu legen, wobei das Erkenntnisinteresse darauf gerichtet ist, festzustellen, inwieweit Moskau noch Merkmale der sozialistischen Stadt aufweist und welche Gründe dafür vorliegen. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht die sozialistische Stadt, die als theoretische Modellvorstellung entworfen wurde und in der Regierungszeit Stalins gebaut wurde, um das zeitliche Vergleichsfenster etwas zu beschränken, da dies den Umfang dieser Hausarbeit sprengen würde. Danach soll vergleichend die aktuelle Situation auf dem Immobilienmarkt mit der kommunistischen Wirklichkeit gegenübergestellt werden. Weiterhin wird der Grad der Industrialisierung beleuchtet, der im sozialistischen Stadtmodell eine große Rolle spielte und die Frage, inwieweit die ideologische Intention der sozialistischen Stadtplaner noch heute Einfluss auf den Menschen nehmen kann. Im letzten Punkt der Ausführungen soll dargestellt werden, wie Konsumorientierung und die zunehmende Motorisierung auf die Stadt einwirken, wie dies aus Sicht des sozialistischen Stadtmodells gesehen wurde und welche Entwicklungstendenzen sich daraus aktuell für Moskau ergeben.

2. Machtkonstellation und Status Moskaus

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die zentrale Planwirtschaft durch eine marktwirtschaftsähnliche, dezentrale Ökonomie abgelöst und Moskau sah sich als Hauptstadt den globalen Einflüssen der modernen Welt ausgesetzt, von denen man weitestgehend durch die Abschirmung des Staatsgebietes geschützt war. Aus diesen Prozessen ergeben sich Chancen, beispielsweise durch internationale Kooperationen, aber auch Risiken wie die internationale Standortkonkurrenz. Weiterhin ist eine Verlagerung der zentralen Entscheidungsgewalt auf die lokale oder regionale Ebene zu beobachten, was eine Folge der Demokratisierung im Rahmen des Transformationsprozesses ist.[3]

Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte Moskau auch einen gewaltigen Bedeutungsverlust. War man bis jetzt eine Hauptstadt von Staaten mit internationaler Bedeutung, so wurde der Einflussbereich auf den national-russischen Rahmen reduziert.

Über eine ausgesprochene Konstanz verfügt Moskau als Pforte zum russischen Markt für ausländische Investoren und als Partizipant im internationalen Wirtschaftskreislauf, wobei sich andere russische Millionenstädte eher in regionalen Handelsebenen bewegen. Die Moskauer Eliten bestimmen heute nicht nur die Region, sondern nehmen auch Einfluss auf den Gesamtstaat.[4]

Zu dieser Entwicklung hat die Konzentrierung von ökonomischen Ressourcen in der Stadt beigetragen. Der politische Exponent der Finanzgruppen, Bürgermeister Lushkow, versucht seinen Einflussbereich über das Stadtgebiet hinaus auszuweiten.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1; Modell der funktionalen Struktur Moskaus

Quelle: Lentz, S. (2002):Moskau. Aktuelle Stadtstrukturentwicklungsprozesse
In: Geographie und Schule, Band 24, Heft Nr. 136, Seite 31.

3. Stadträumliche Gliederung

Der Moskauer Stadtraum kann grob in die folgenden Gebiete untergliedert werden: Das Stadtzentrum, die mittlere und die äußere Peripherie – wie auch der Generalisierung der Moskauer Stadtstruktur nach funktionalen Entwicklungsbereichen in der nebenstehenden Abbildung 1 zu entnehmen ist. Charakteristisch ist ein konzentrisches Wachstum der Stadt nach außen mit einer typischen Abfolge verschiedener Bauformen: den vorrevolutionären und stalinistischen Gebäuden im Stadtzentrum, dem Ring aus Wohnvierteln der ersten Generation industriellen Wohnungsbaus zu Zeiten Chruschtschows sowie den zahlreichen Großsiedlungen in den äußeren Stadtgebieten.

Als Stadtzentrum werden vor allem die Gebiete innerhalb des Gartenringes betrachtet, welche geprägt sind durch die Funktion einer Geschäftscity mit Einzelhandel und Büroflächen. Danach schließen sich die Stadterweiterungsgebiete ab den 1950er Jahren an – bezeichnet als Moskauer Peripherie. Diese Gebiete umfassen größere Wohngebiete aus der Zeit des industriellen Wohnungsbaus, die hinsichtlich ihrer Bewohnerzahl unterversorgt sind mit Arbeitsplätzen, Infrastruktur und Wohnfolgeeinrichtungen. Der Bereich der inneren Peripherie ist dabei gekennzeichnet durch Bauten des industriellen Wohnungsbaus aus der Zeit Chruschtschows – die so genannten ‚Chruscobys’. Diese Gebäude sind zumeist fünfstöckig und zum Teil aus Ziegeln, später aus Fertigbetonplatten erbaut. Da viele dieser Bauten unter hohem Zeitdruck und unter Verwendung schlechter Baumaterialen errichtet wurden, ist die Qualität dieser Gebäude entsprechend minderwertig und viele von ihnen sind inzwischen abrissreif. Außerhalb eines Gürtels ausgedehnter Industrieanlagen, der sich seit dem 19. Jahrhundert insbesondere im Südosten und Osten entlang des städtischen Eisenbahnringes entwickelt hat, befinden sich die Wohngebiete der äußeren Peripherie. Diese umfassen insbesondere die Großwohnsiedlungen der jüngeren Vergangenheit mit ihren hochgeschossigen Gebäudekomplexen.[6]

4. Begriffsdefinition: „sozialistische Stadt“

Der Begriff der „sozialistischen Stadt“ entstand in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts in der Sowjetunion und wurde intensiv diskutiert. Problematisch ist, dass die Begriffsbildung nie vollständig konkretisiert wurde und dass es sich im Großen und Ganzen eher um theoretische Überlegungen handelte, oftmals fern der Realität. Diese neu gestaltete Stadt sollte der Lebensraum eines „neuen Menschen“ in einer neuen Gesellschaftsform sein und somit auf dessen Bedürfnisse zugeschnitten werden. Die Funktion der Siedlung musste auf die Erziehung des Menschen hinwirken und neue Verhaltensweisen und Bedürfnisse hervorrufen. Der Begriff „Stadt“ wurde nicht mehr gebraucht, die Stadtplaner gingen von Siedlungsachsen aus, die städtischen und ländlichen Raum verbinden sollten. Als in den dreißiger Jahren der Bauboom einsetzte, wurden die Entwürfe nicht umgesetzt. Die Definition der sozialistischen Stadt trifft somit eher auf:„ Mitte der dreißiger bis zu Beginn der fünfziger Jahre neugebaute oder fundamental umgebaute Städte oder Stadtteile in der Sowjetunion und im sowjetischen Macht- und Einflussbereich der frühen Nachkriegszeit“[7] zu. Diese Städte waren sehr durch Stalin geprägt, der oft selbst Einfluss auf Entscheidungen bezüglich der Architektur nahm. Ähnlich verhält sich der heutige Oberbürgermeister der Stadt Moskau, Lushkov, der in vielen Bauvorhaben architektonische Details mitentscheidet.[8]

[...]


[1] Vgl. Fassmann, H.(1997) S.32ff.

[2] Vgl. Rudolph, R. (2002) S.224.

[3] Vgl. Burdack, J. & Rudolph, R. (2001), S.263.

[4] Vgl. Rudolph, R. (2002), S.229ff.

[5] Vgl. Rudolph, R. (2002), S.231.

[6] Vgl. Lentz, S. (2002), S.31ff.

[7] Vgl. Karger, A. & Werner, F. (1982), S.519.

[8] Vgl. Brade, I. & Rudolph, R. (2007), S.26.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Moskau - eine „sozialistische Stadt“?
Untertitel
Stand 2007
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Philosophische Fakultät Professur für Sozial- und Wirtschaftsgeographie)
Veranstaltung
Spezialübung / BA-Hauptseminar "Angewandte Geographie"
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V152853
ISBN (eBook)
9783640648313
ISBN (Buch)
9783640647903
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moskau, Geographie, Russland, „sozialistische Stadt“, sozial und wirtschaftsgeographie, Stadt, Modell
Arbeit zitieren
Markus Winter (Autor), 2007, Moskau - eine „sozialistische Stadt“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152853

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