Schuldgefühle - Ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen


Diplomarbeit, 1997

140 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Überblick über die Arbeit

1. Einleitung
1.1 Das Thema hat mich gefunden
1.2 Persönlicher Bezug
1.3 Vorverständnis von Schuld und Schuldgefühlen
1.4 Herkunft der Begriffe Schuld und Sünde
1.5 Leitfrage der Untersuchung

2. Theorieteil
2.1 Das Strukturmodell nach Freud
2.1.1 Das Ich
2.1.2 Das Es
2.1.3 Das Über-Ich
2.1.4 Die Außenwelt
2.2 Bewusste und unbewusste Schuldgefühle
2.2.1 Bewusste Schuldgefühle
2.2.2 Die 'Theorie der unbewussten Schuldgefühle'
2.2.3 Untersuchungen zur Angst
2.2.4 Die Ursachen und Folgen des Schuldbewusstseins
2.2.5 Freuds Lösungsvorschlag
2.3 Geschlechterdifferenz in der Sozialisation
2.3.1 Struktur der Klassischen Kleinfamilie
2.3.2 Die Entwicklung des Jungen
2.3.3 Die Entwicklung des Mädchens
2.3.4 Das mütterliche Opfer
2.3.5 Oliviers Lösungsvorschlag
2.4 Die Entwicklung der Moral
2.4.1 Das Konzept von Piaget
2.4.2 Neuere Forschung zur Moralentwicklung
2.4.3 Das Modell von Kohlberg
2.4.4 Erziehungsstile
2.4.5 Schlussfolgerungen
2.5 Echte und falsche Schuldgefühle
2.5.1 Das 'autoritäre' oder 'moralische' Gewissen
2.5.2 Das 'humanistische' oder 'ethische' Gewissen
2.5.3 Schlussfolgerungen in Bezug auf Schuldgefühle

3. Methodenteil
3.1 Zur Forschungsmethode
3.1.1 Meine wissenschaftliche Haltung
3.1.2 Mein Forschungsansatz: Prozessorientiertes Vorgehen
3.1.3 Wahl des Erhebungsverfahrens
3.2 Zur Durchführung der Untersuchung
3.2.1 Annäherung an das Thema vor Untersuchungsbeginn
3.2.2 Gesprächsvorbereitung
3.2.3 Meine Suche nach Gesprächspartner/innen
3.2.4 Meine Gesprächspartner/innen
3.2.5 Gesprächsverlauf
3.2.6 Modifikation des Leitfadens
3.2.7 Besonderheiten während der Durchführung
3.2.8 Besonderheiten nach den Gesprächen
3.3 Zur Auswertung
3.3.1 Individuelle Auswertung
Transkription
Verdichtung
Kommunikative Validierung
3.3.2 Vergleichende Auswertung

4. Ergebnisse der individuellen Auswertung
4.1 Hubert
Verdichtungsprotokoll unseres Gespräches
4.2 Petra
Verdichtungsprotokoll unseres Gespräches
4.3 Stefan
Verdichtungsprotokoll unseres Gespräches
4.4 Claudia
Verdichtungsprotokoll unseres Gespräches
4.5 Yvonne
Verdichtungsprotokoll unseres Gespräches
4.6 Klaus
Verdichtungsprotokoll unseres Gespräches

5. Vergleichende Auswertung und Diskussion der Ergebnisse
5.1 Der biographische Hintergrund als Voraussetzung für die Empfänglichkeit von Schuldgefühlen
5.1.1 Bereich A: Untersuchung der Ähnlichkeiten im biographischen
Hintergrund
Kategorie A1: Bezugspersonen in der Sozialisation
Kategorie A2: Schuldgefühle während der Sozialisation
5.1.2 Zusammenfassende Darstellung der Kategorien und Diskussion der
Ergebnisse
Zusammenfassend zu A1: Bezugspersonen in der Sozialisation
Diskussion der Ergebnisse zu A1
Zusammenfassend zu A2: Schuldgefühle während der Sozialisation
Diskussion der Ergebnisse zu A2
5.2 Intrapsychisches Erleben von Schuldgefühlen
5.2.1 Bereich B: Untersuchung der Ähnlichkeiten beim intrapsychischen
Erleben von Schuldgefühlen
Kategorie B1: Geschlechtsspezifische Empfänglichkeit von Schuldgefühlen
Kategorie B2: Bewusstheit von Schuldgefühlen
Kategorie B3: Das Auftauchen von Schuldgefühlen und anderen Gefühlen
Kategorie B4: Auswirkungen auf das Verhalten
5.2.2 Zusammenfassende Darstellung der Kategorien und Diskussion der Ergebnisse
Zusammenfassend zu B1: Empfänglichkeit von Schuldgefühlen
Diskussion der Ergebnisse zu B1
Zusammenfassend zu B2: Bewusstheit von Schuldgefühlen
Diskussion der Ergebnisse zu B2
Zusammenfassend zu B3: Das Auftauchen von Schuldgefühlen und anderen Gefühlen
Diskussion der Ergebnisse zu B3
Zusammenfassend zu B4: Auswirkungen auf das Verhalten
Diskussion der Ergebnisse zu B4
5.3 Die Funktionen von Schuldgefühlen in zwischenmenschlichen Beziehungen

5.3.1 Bereich C: Untersuchung der Ähnlichkeiten der Funktionen von
Schuldgefühlen in zwischenmenschlichen Beziehungen
Kategorie C1: Kontrolle
Kategorie C2: Konfliktvermeidung
Kategorie C3: Verantwortung für andere tragen
Kategorie C4: Wenn Schuldgefühle sehr belastend werden
Kategorie C5: Zukünftiger Umgang mit Schuldgefühlen
5.3.2 Zusammenfassende Darstellung der Kategorien und Diskussion der
Ergebnisse
Zusammenfassend zu C1: Kontrolle
Diskussion der Ergebnisse zu C1
Zusammenfassend zu C2: Konfliktvermeidung
Diskussion der Ergebnisse zu C2
Zusammenfassend zu C3: Verantwortung für andere tragen
Diskussion der Ergebnisse zu C3
Zusammenfassend zu C4: Wenn Schuldgefühle sehr belastend werden 125 Diskussion der Ergebnisse zu C4
Zusammenfassend zu C5: Zukünftiger Umgang mit Schuldgefühlen
Diskussion der Ergebnisse zu C5
5.4 Übergreifende Diskussion der Ergebnisse und Fazit der vergleichenden
Auswertung
5.4.1 Übergreifende Diskussion der Ergebnisse
Anmerkung zu Klaus
Mein subjektiver Blickwinkel
5.4.2 Fazit der vergleichenden Auswertung
5.4.3 Rückbezug zur Fragestellung

6. Kritik und Ausblick
6.1 Kritik
6.2 Aussagewert der Ergebnisse
6.3 Weiterführende Fragestellungen

7. Literaturverzeichnis

Anhang
A-1: 1. Version des Gesprächsleitfaden
A-2: 2. Version des Gesprächsleitfaden

Überblick über die Arbeit

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Erleben von Schuldgefühlen und deren Funktionen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist eine qualitative Forschungsarbeit auf der Basis von sechs persönlichen Gesprächen, wovon ich jeweils drei Gespräche mit Frauen und drei mit Männern führte.

In der Einleitung berichte ich zunächst darüber, wie ich dazu kam, über dieses Thema eine Diplomarbeit zu schreiben sowie über meinen persönlichen Bezug zu Schuldgefühlen und mein Vorverständnis von Schuld und Schuldgefühlen. Danach folgen etymologische Ausführungen zu den Begriffen Schuld und Sünde. Im Anschluss daran gehe ich auf die Leitfrage meiner Untersuchung und den Schwerpunkt dieser Arbeit ein.

Der Theorieteil enthält das Strukturmodell von Freud, welches die Instanzen der Psyche und deren Funktionen beschreibt. Darauf aufbauend folgt ein Unterkapitel zu bewussten und unbewussten Schuldgefühlen. Um Schuldgefühle auch aus einer soziologischen Sicht zu betrachten, folgen Oliviers Ausführungen zur

Geschlechterdifferenz in der Sozialisation, in denen sie sich kritisch mit Freuds Theorien auseinandersetzt. Weiter geht es mit verschiedenen Forschungsergebnissen aus der Pädagogik zur Entwicklung der Moral. Das abschließende Unterkapitel des Theorieteils beinhaltet Erklärungen zu echten und falschen Schuldgefühlen von der feministischen Theologin Christa Mulack, um etwas Licht in das Dunkel der Sichtweise von Schuldgefühlen zu bringen. Im letzten Teil des Theorieteils wäre ich gerne anhand von geeigneter Literatur auf das Erscheinen oder die Funktion von Schuldgefühlen in zwischenmenschlichen Beziehungen eingegangen. Dazu scheint es jedoch keine Forschung oder Literatur zu geben.

Um das Phänomen Schuldgefühle zu untersuchen, habe ich drei Bereiche abgesteckt: einen biographischen Hintergrund als Voraussetzung für die Entwicklung eines Schuldbewusstseins, das Erleben von Schuldgefühlen und die Funktionen von Schuldgefühlen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Dabei ließ ich mich von der Frage leiten: "Welche Funktionen haben Schuldgefühle in

zwischenmenschlichen Beziehungen?".

In dieser Arbeit berichten Frauen und Männer über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Schuldgefühlen. Sie beschreiben, wie mehr oder weniger stark Schuldgefühle zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen und auch belasten können. Die Funktionen, die Schuldgefühle haben können, scheinen für manchen dennoch wichtig zu sein: als Hauptfunktion hat sich herausgestellt, dass Schuldgefühle in zwischenmenschlichen Beziehungen bindend wirken können.

Ich kann mir vorstellen, dass diese Arbeit für Menschen, die selbst empfänglich für Schuldgefühle sind, von Interesse sein wird.

1. Einleitung

1.1 Das Thema hat mich gefunden

1995 kaufte ich eine Frauenzeitschrift aus einem ganz bestimmten Grund: es lag ein Dossier bei mit dem Titel "Schuldgefühle". Der Untertitel lautete "Warum manche sie haben und andere nicht'. (weber-duve, k., 1995)

Ich las das Dossier, aber die oben genannte Aussage des Untertitels blieb ungeklärt. Außerdem berichtete der Artikel über Forschungen zu Schuldgefühlen in nur eine Richtung. Es gab eine klare Opfer-Täter-Verteilung: Menschen, die empfänglich sind für Schuldgefühle, erscheinen als Opfer und diejenigen, die Schuldzuweisungen von sich geben, sind die Täter. Die Funktion von Schuldgefühlen wird ebenso eindeutig dargestellt wie die Rollenverteilung:

"Durch permanentes Eintrichtern von Schuldgefühlen wird Fehlverhalten bestraft und damit vermindert: Schuldbewusste Menschen sind aufmerksamer,

anpassungsfähiger, dienstbereiter."

(vgl. WEBER-DUVE, K., 1995, S. 133)

Meine Fragen blieben unbeantwortet.

- Was macht manche Menschen so empfänglich für Schuldgefühle?
- Handelt es sich wirklich um ein Opfer-Täter-Thema oder steckt was ganz anderes dahinter?
- Sind Schuldgefühle nicht nur belastend, sondern auch wichtig in manchen Beziehungen?
- Und wenn sie wichtig sind, warum?
- Wenn sie eine Belastung darstellen, warum ist es dann für manche Menschen so schwer, sich davon zu befreien?

Um den oben genannten Fragen auf den Grund zu gehen, entschloss ich mich, das Thema "Schuldgefühle: Ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen

Beziehungen" zu meinem Diplomarbeitsthema zu machen.

1.2 Persönlicher Bezug

Als ich den Artikel in der oben genannten Zeitschrift las, war ich mir über meine Beweggründe, dieses Thema zu meinem Diplomarbeitsthema zu machen, noch nicht klar. Der Inhalt des Artikels hatte mich neugierig gemacht und nachdem ich ihn gelesen hatte, blieben viele Fragen offen. Ich wollte genauer wissen, warum es Menschen gibt, die besonders empfänglich für Schuldgefühle sind und wozu diese dienen.

Während ich Gespräche zum Thema "Schuldgefühle: Ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen" mit meinen Gesprächspartnern/innen führte, wurde mir zunehmend klarer, warum ich mich mit Schuldgefühlen beschäftigen wollte. Sowohl Frauen als auch Männer erzählten mir, wie sie aufgewachsen sind, welche Rolle Schuldgefühle bereits in ihrer Kindheit spielten und ob sie Schuldgefühle in zwischenmenschlichen Beziehungen auch heute noch kennen. Zu einigen ihrer Erfahrungen konnte ich bezüglich meiner Person Parallelen ziehen, sie kamen mir bekannt vor. Andere Erlebnisse wiederum entzogen sich meinem Erfahrungsschatz.

Nachdem ich alle Gespräche geführt hatte und mir über das unterschiedliche Ausmaß an Empfänglichkeit für Schuldgefühle klar geworden war, habe ich mich als 'mittelmäßig bis schwach empfänglich' eingestuft. Ich kenne im zwischenmenschlichen Umgang mit mir nahestehenden Menschen die Erfahrung, etwas 'falsch' gemacht zu haben und daraus resultierend die Befürchtung, dass mir das jemand übel nimmt. Aber das belastet mich nicht besonders, solange ich ein klärendes Gespräch mit der anderen Person dazu führen kann. Womit ich allerdings nicht gut umgehen kann, ist die Situation, wenn sich die andere Person nicht mit mir auseinandersetzen will. Das macht mich hilflos und ärgerlich, weil ich denke, dass ein Gespräch die wichtigste Möglichkeit ist, einen Konflikt offen zu machen und zu bewältigen. Wenn ich die Chance der klärenden Auseinandersetzung nicht habe, fühle ich mich hilflos und schuldig. Ich warte dann bis mir die andere Person ihre Gesprächsbereitschaft mitteilt, was mir aber schwerfällt.

1.3 Vorverständnis von Schuld und Schuldgefühlen

Um mich mit dem Thema "Schuldgefühle: Ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen" auseinanderzusetzen, habe ich mir vorher Gedanken zu dem Begriff Schuld gemacht. Schuld bedeutet für mich, wenn jemand einen Menschen tätlich angreift, verletzt oder tötet. Das ist für mich eindeutig und hängt sicherlich mit unserem gültigen Rechtssystem zusammen; es ist ein juristischer Blickwinkel. Wenn es jedoch um eine Verpflichtung oder Leistung geht, die ein Mensch erbringen sollte, bin ich mir bereits bei dem Begriff Schuld unsicher. Was ein Mensch tun sollte oder nicht, hängt sehr stark von der vorherrschenden moralischen Norm ab, die einem ständigen Wandel unterworfen ist.

Ich denke, dass Schuld ein vieldeutiger Begriff und nicht klar einzugrenzen ist. (vgl. DORN, A.M., 1976)

Aus dem juristischen Blickwinkel kann ich den Begriff Schuldgefühle ebenso problemlos einordnen wie Schuld. Wenn sich jemand eines Verbrechens schuldig gemacht hat und die derzeit gültigen Normen der Gesellschaft anerkennt und danach lebt, glaube ich, wird dieser Mensch Schuldgefühle haben, unabhängig von einer Bestrafung. Er hat eine Grenze innerhalb eines Kulturkreises überschritten, die er nicht hätte übertreten dürfen. Der juristische Blickwinkel spielt jedoch in meiner Arbeit keine Rolle, da meine Untersuchung auf die psychosoziale Perspektive gerichtet ist.

Es geht mir in meiner Arbeit nicht um echte Schuld und echte Schuldgefühle, sondern um unberechtigte Schuldgefühle, die aufgrund eines über viele Jahre entwickelten Schuldbewusstseins unbewusst wirksam sind. Unter Schuldbewusstsein verstehe ich eine mittel bis starke Empfänglichkeit für Schuldgefühle aufgrund der Persönlichkeitsentwicklung des Individuums während der Sozialisation.

Warum fühlt sich ein Mensch schuldig, obwohl er sich keines Vergehens schuldig gemacht hat?

Um mir über den Begriff Schuldgefühle klarer zu werden, habe ich bei meiner Literaturrecherche versucht, ein Konzept der Verantwortung zu finden, da ich glaube, dass Verantwortungsgefühle und Schuldgefühle eng zusammenhängen. Leider bin ich nicht fündig geworden.

Ich denke, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Verantwortungsgefühl für andere Menschen und der Empfänglichkeit von Schuldgefühlen beim Einzelnen gibt, und zwar: Je größer das Verantwortungsgefühl für Andere ist, desto höher kann die Empfänglichkeit von Schuldgefühlen sein. Mir stellen sich sofort folgende Fragen:

Was ist mit dem Verantwortungsgefühl bezüglich der eigenen Person?

Hat es sich nicht ausreichend entwickeln können? Wenn ja, warum nicht?

Das sind Fragen, die ich mir zurzeit noch stelle und ich erhoffe mir von meiner Forschung zu dem Thema Klärung zu den oben genannten Fragen und zum Begriff Schuldgefühle.

1.4 Herkunft der Begriffe Schuld und Sünde

Die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe 'Schuld' und 'Sünde' im deutschen Sprachgebrauch reicht bis ins 7. Jahrhundert zurück.

(vgl. KLUGE, F., 1995)

Der Begriff 'Schuld' kommt von dem althochdeutschen Wort 'skulan' und bedeutet 'sollen'. Es geht also darum, was ein Mensch tun soll oder nicht. Schuldig wird er dadurch, dass er das ihm auferlegte 'sollen' verfehlt. (vgl. KLUGE, f., 1995; vgl. auch MULACK, Ch., 1993 sowie DORN, A.M, 1976)

'Sünde' leitet sich von dem althochdeutschen Wort 'Sund' ab und bedeutet 'wahr, seiend'. "Sund" bezeichnete ursprünglich eine Meeresstraße, die eine Insel vom Festland trennt. Gemeint ist 'abgetrennt sein vom Urgrund des Seins'. Erst die christlichen Missionare verliehen diesem Wort die spezielle theologische Bedeutung von 'Abgetrennt sein von Gott' oder 'Verfehlung gegen Gott'. (vgl. kluge, f., 1995; vgl. auch MULACK, Ch., 1993 sowie DORN, A.M., 1976)

Obwohl diese beiden Begriffe auch heute noch aus christlicher Sicht häufig synonym verwendet werden, zeigt deren Herkunft deutlich, dass sie sich nicht nur in ihrer Bedeutung unterscheiden, sondern zwei völlig entgegengesetzte Perspektiven beinhalten.

Schuld meint 'sollen', von außen kommend entsprechend Normen, Werte, Regeln etc., d.h. die Orientierung der betreffenden Person ist nach außen gerichtet, auf das, was von ihr erwartet wird.

Sünde bedeutet ein 'altes Prinzip des Seins', richtet sich, so verstehe ich es, nach innen. (vgl. kluge, F., 1995) Bei der Einhaltung einer bestimmten Norm zum Beispiel wird die betreffende Person prüfen, ob diese mit ihren eigenen Vorstellungen übereinstimmt, d.h. ob sie dazu stehen kann.

1.5 Leitfrage der Untersuchung

Der Titel meiner Diplomarbeit lautet "Schuldgefühle: Ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen".

Für meine Arbeit habe ich mit Frauen und Männern Gespräche geführt, die mehr oder weniger stark empfänglich sind für Schuldgefühle. Für die Untersuchung habe ich drei Bereiche abgesteckt:

1. Der biographische Hintergrund als Voraussetzung für die Entwicklung eines Schuldbewusstseins.
2. Das Erleben von Schuldgefühlen intrapsychisch und dessen Auswirkungen.
3. Die Funktionen von Schuldgefühlen in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Dabei gehe ich von der Vermutung aus, dass Schuldgefühle ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen sind.

Meine Leitfrage lautet:

”Welche Funktion haben Schuldgefühle in Beziehungen?”

2. Theorieteil

2.1 Das Strukturmodell nach Freud

Das Strukturmodell, zurückgehend auf Freud, ist eine tiefenpsychologische Konzeption über das 'Ich'. (vgl. jeron, m., 1993) Freud kennzeichnete das 'Ich' als eine Instanz neben dem 'Über-Ich' und dem 'Es'. Wie das 'Ich' sind auch das 'Über-Ich' und das 'Es' als Instanzen und Funktionssysteme zu sehen.

2.1.1 Das Ich

Das 'Ich' ist das Subjekt, das sich als Person oder Persönlichkeit in der Umwelt präsentiert und zwischenmenschliche Beziehungen herstellt. Gleichzeitig stellt es ein System von bewussten und unbewussten Funktionen dar. Die bewussten Ich- Funktionen sind die Wahrnehmung und Erinnerung, das Denken, Planen und Lernen. Die unbewussten Ich-Funktionen sind die Abwehr gegenüber dem 'Es' und dem 'Über-Ich'. Das 'Ich' bewältigt diese Abwehr durch die Abwehrmechanismen (Verdrängung, Aggression, Projektion, Introjektion, Autoaggression, Sublimation, u.a.).

Unter diesem Begriff fasste Anna Freud deren Gesamtheit 1936 zusammen. Auch die Interaktion mit der Außenwelt ist eine unbewusste Ich-Funktion. (vgl. jeron, m., 1993 sowie FREUD, S., 1975)

Das 'Ich' hat folgende Aufgaben zu bewältigen:

1. Die Herstellung einer Beziehung zur Außenwelt, zum 'Über-Ich' und zum 'Es'.
2. Die Bewältigung der Ansprüche und Gefahren dieser Realitätsfaktoren.
3. Die Vermittlung zwischen diesen Realitätsfaktoren (zwischen Außenwelt und 'Es', Außenwelt und 'Über-Ich' und 'Über-Ich' und 'Es').

2.1.2 Das Es

Das 'Es' ist die Instanz des Unbewussten und beinhaltet die Triebe, die Freud als 'Libido'[1] bezeichnete. Die Libido strebt ohne Mitwirkung des Bewusstseins ('Ich'), unabhängig vom Wollen und Denken nach Befriedigung, welche dem Individuum Lust verschafft.

Wenn die Befriedigung verhindert wird, entsteht Unlust. Unter der Wirkung der Libido kann die Klarheit des Denkens und die Wahrnehmung herabgesetzt werden. (vgl. JERON, M. , 1993 sowie FREUD, S., 1975)

2.1.3 Das Über-Ich

Die Instanz des 'Über-Ich' repräsentiert alle aus der Familie und dem sozialen Umfeld übernommenen moralischen Motive. (vgl. freud, s., 1975) Die Funktionen des 'Über- Ich', die teils bewusst und teils unbewusst sind, beinhalten:

1. Die Bildung und Integration eines Wertesystems mit Pflichten, Forderungen, Geboten und Verboten und moralischen Vorstellungen.
2. Die Anpassung der Einstellungen und des Verhaltens entsprechend dem gebildeten Wertesystem.
3. Einstellungen und Verhaltensweisen, die dem Wertesystem nicht entsprechen, werden ausgeschaltet durch Selbstkritik und Forderung nach Triebeinschränkung oder Triebverzicht. Triebimpulse aus dem 'Es', die diesem Wertesystem nicht entsprechen, veranlassen das 'Ich' durch den Einfluss des 'Über-Ich', diese abzuwehren.

2.1.4 Die Außenwelt

Das 'Ich' des Individuums interagiert mit der sozialen Umwelt. Es muss den Forderungen und Pflichten dieser genügen, um sich selbst zu erhalten. (vgl. jeron, M., 1993)

Das Strukturmodell nach Freud verdeutlicht die Komplexität innerpsychischer Vorgänge und zeigt, dass das 'Ich' Diener dreier Herren ist. Es vermittelt aus Gründen der Selbsterhaltung zwischen Wünschen (Triebimpulsen) des 'Es', verinnerlichten Normen des 'Über-Ich' und den Notwendigkeiten der Realität (Außenwelt). Die Selbsterhaltung war für Freud die Basisfunktion des 'Ich'.

2.2 Bewusste und unbewusste Schuldgefühle

Freud beschäftigte sich bereits mit der Entstehung bewusster und unbewusster Schuldgefühle und hatte eine Vorstellung davon, 'wo' diese sich innerhalb der Psyche befinden. Der mögliche Zusammenhang von wirklichen Untaten und Schuldgefühlen wird dabei außer Acht gelassen, sondern es wird derjenige untersucht, der Schuldgefühle mit der Persönlichkeitsstruktur verbindet. (dorn, a.m., 1976) Schuldgefühle und Schuldbewusstsein verwendete er synonym.

2.2.1 Bewusste Schuldgefühle

Entsprechend oben ausgeführtem Strukturmodell befindet sich die kritische Instanz (Gewissen) der Persönlichkeit im 'Über-Ich', mit dem sich das 'Ich' (Person) auseinandersetzen muss. Bewusste Schuldgefühle beruhen auf einer Spannung zwischen den Bedürfnissen des 'Ich', genährt aus dem 'Es', und den Anforderungen des 'Über-Ich'. Die besondere Nähe des 'Über-Ich' zum 'Es' lässt sich durch den Ödipuskomplex erklären:

"Das Über-Ich verdankt seine besondere Stellung Im Ich oder zum Ich einem Moment, das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, erstens, dass es die erste Identifizierung ist, die vorfiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens, dass es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten Objekte ins Ich einführte." (vgl. freud, s., 1975, s. 315)

Erstens bezieht sich das obige Zitat auf die frühkindliche Beziehung eines Kindes zu seiner ersten Bezugsperson, in den meisten Fällen die Mutter. Ihr gegenüber bringt das Kind seine Bedürfnisse zum Ausdruck und es ist abhängig davon, ob sie diese befriedigt und es liebevoll umsorgt oder mit einer gewissen Strenge begegnet und ihm Gebote und Verbote auferlegt. Durch Verhaltensanpassung kann das Kind die Liebe der Mutter bzw. der Eltern zurückgewinnen. Das daraus resultierende schlechte Gewissen bezeichnete Freud noch nicht als Schuldbewusstsein, sondern als eine reale Angst vor den Eltern. Er nennt diese auch Angst vor Liebesverlust oder soziale Angst. Von einem Schuldbewusstsein spricht er erst, wenn die Autorität durch die Bildung des 'Über-Ich' verinnerlicht wurde. (vgl. hartung, m., 1979)

Zweitens wendet sich das Kind mit seinen libidonösen Wünschen an den gegengeschlechtlichen Elternteil, woraufhin es meistens Verbote erhält oder sogar bestraft wird. Diese libidonöse Besetzung wandelt es um in eine Identifizierung mit den Eltern, sodass an Stelle der Elterninstanz das 'Über-Ich' mit dem verinnerlichten Triebverzicht tritt.

Diese innere Instanz des 'Über-Ich' beobachtet, lenkt und bedroht das 'Ich' genauso wie früher die Eltern das Kind. Diese Introjektion[2] wird beim Erwachsenen dafür sorgen, dass es sich selbst gegenüber streng und unerbittlich ist, und sich selbst wenig Liebe zugesteht.

Besonders bei zwei Krankheitsbildern wie der Zwangsneurose und der Melancholie, fand Freud bei seinen Analysen heraus, treten Schuldgefühle gelegentlich überstark bewusst in Erscheinung. Das 'Über-Ich' zeigt sich bei diesen besonders streng. (vgl. freud, S., 1975) Selbstkritik und Selbstvorwürfe und gleichzeitige Angst vor Kritik Anderer treten bei Menschen mit diesen Krankheitsbildern manchmal hartnäckig auf.

2.2.2 Die 'Theorie der unbewussten Schuldgefühle'

Andererseits stellte Freud bei der Zwangsneurose Krankheitstypen fest, die ihre Schuldgefühle nicht wahrnehmen. Sie empfinden ein quälendes Unbehagen, eine Art von Angst, wenn sie an der Ausübung bestimmter Handlungen gehindert werden. Die analytische Durcharbeitung der Neurose führt nicht zum Verschwinden, sondern neues Leiden entsteht aufgrund unbewusster Widerstände. Als Teil dieser unbewussten Widerstände nahm Freud unbewusste Schuldgefühle an, die der Kranke als solche nicht erkennt. Der Grund dafür ist ein besonders grausames 'Über- Ich'. Das Individuum hat es nicht verdient, gesund zu werden. Im Schuldbewusstsein existiert auch ein unbewusstes Schuldgefühl, das sich als Strafbedürfnis äußert. (vgl. FREUD, C., 1975 sowie DORN, A.M., 1976)

Da Schuldgefühle bei seinen Patienten häufiger unbewusst auftraten, entwickelte Freud eine 'Theorie der unbewussten Schuldgefühle'. Auch hier vermutete er als Ursache die Spannung zwischen dem strengen 'Über-Ich' und dem ihm unterworfenen 'Ich'. Der Unterschied liegt darin, dass im Falle der unbewussten Schuldgefühle das 'Über-Ich' in einem solch großen Ausmaß grausam ist, dass die Schuldgefühle verdrängt werden und sich in einem Krankheits- und Leidensbedürfnis äußern. (vgl. FREUD, C., 1975 sowie DORN, A.M., 1976) An dieser Stelle ist nicht genau auszumachen, wann und unter welchen Umständen Schuldgefühle bewusst oder unbewusst sind, und ob sie zu Krankheit und Leid oder anderen Auswirkungen führen.

2.2.3 Untersuchungen zur Angst

Etwas Licht in das Dunkel der unbewussten Schuldgefühle geben Freuds Untersuchungen zur Angst. Ihm fiel auf, dass Schuldgefühle häufig mit dem Auftreten von Angst einhergehen. Er unterschied drei Formen der Angst: die Realangst, die neurotische Angst und die moralische oder Über-Ich-Angst. (vgl. hartltng, m., 1979)

Die Realangst ist eine objektive und bezieht sich auf konkrete Gefahren, die aus der Umwelt auf den Organismus einwirken könnten, also auf ein Objekt. Die beiden anderen Formen der Angst sind subjektiv und individuell verschieden und beziehen sich auf die Angsteinstellung des 'Ich'.

Die neurotische Angst ist Angst vor einer unbekannten Gefahr, die mittels der Analyse gesucht werden muss. Ursache der neurotischen Angst sind Triebregungen aus dem 'Es', die das 'Ich' wahrnimmt, deren Realisierung aber eine Beeinträchtigung oder Gefahr für den Organismus bedeutet. Das Erscheinungsbild der neurotischen Angst ist unterschiedlich und tritt in verschiedenen Krankheitsbildern auf, wie z. B. frei flottierende Angst, Phobien u.a.. Die neurotische Angst hat mit der Realangst gemeinsam, dass es sich um eine Beeinträchtigung des Organismus handelt, die das 'Ich' wahrnimmt und mit Flucht- oder Vermeidungsverhalten reagieren kann. Im Gegensatz zur Realangst ist dieser Vorgang jedoch unbewusst.

Die dritte Form der Angst, die moralische oder Über-Ich-Angst entsteht, wenn das 'Ich' Handlungen, Gedanken, Wünsche und Phantasien wahrnimmt, die im Widerspruch stehen zu den Geboten und Verboten der internalisierten Elternautorität, dem 'Über-Ich'. Die Erklärungen, die Freud zur Über-Ich-Angst liefert, sind mit den oben ausgeführten zu Schuldgefühlen identisch. Die Über-Ich-Angst wird durch eine Spannung zwischen 'Über-Ich' und 'Ich' ausgelöst, wenn im 'Ich' Gedanken, Phantasien oder Handlungen auftauchen, die gegen die moralischen Verbote und Gebote der verinnerlichten Instanz des 'Über-Ich' verstoßen. Auch diese führt er auf die erste Identifizierung des Individuums und das 'Über-Ich' als Erbe des Ödipuskomplexes zurück. (vgl. hartung, m., 1979)

2.2.4 Die Ursachen und Folgen des Schuldbewusstseins

Zum Abschluss dieses Unterkapitels möchte ich ein Zitat von Freud anführen, das die Ursache eines entwickelten Schuldbewusstsein benennt und dessen Auswirkungen für das betreffende Individuum im zwischenmenschlichen Umgang mit anderen Personen andeutet:

"Das Schuldbewusstsein war ursprünglich Angst vor der Strafe der Eltern, richtiger gesagt: vor dem Liebesverlust bei ihnen; an Stelle der Eltern ist später die unbestimmte Menge der Genossen getreten." (vgl. freud, s., 1975, s. 68)

Ein Kind wendet die Normen von Recht und Unrecht in einem sozialen Sinne an, nicht in einem moralischen, d.h. es übernimmt die Normen und Werte einfach von den Eltern. Was die Eltern als Strafe meinen, erlebt ein Kind als Aggression und Liebesverlust. (vgl. Thomas, K., 1977) Durch Identifikation und Verhaltensanpassung kann es jedoch die Liebe der Eltern zurückgewinnen.

Aufgrund der Entwicklung eines sehr strengen 'Über-Ich' in der

Persönlichkeitsstruktur, könnte man annehmen, dass sich die Angst vor Liebesverlust und daraus resultierend die Beeinflussbarkeit seitens anderer Personen beim Erwachsenen fortsetzt. Diese intrapsychische Dynamik ist jedoch unbewusst. Das Individuum hat ein schwaches 'Ich' und ein strenges 'Über-Ich'. Es ist abhängiger von der Zuneigung und Meinung seiner Mitmenschen als ein Mensch mit einem starken 'Ich' und einem wohlwollenden 'Über-Ich'. Im Vergleich zum Kind ist es für den Erwachsenen aber nicht möglich, durch die Einhaltung der verinnerlichten Gebote, die sich im 'Über-Ich' manifestieren, die Liebe eines anderen Menschen zurückzugewinnen:

"Für ein drohendes äußeres Unglück - Liebesverlust und Strafe von Seiten der äußeren Autorität - hat man ein andauerndes inneres Unglück, die Spannung des Schuldbewusstseins eingetauscht.'' (vgl. hartung, m., 1979, s. 25)

2.2.5 Freuds Lösungsvorschlag

Freud schlägt vor, die unbewussten Schuldgefühle in der Analyse bewusst zu machen, um mit deren Ursachen arbeiten zu können.

2.3 Geschlechterdifferenz in der Sozialisation

Christiane Olivier setzt sich mit ihrem rollentheoretischen Ansatz der Geschlechterdifferenz in der Sozialisation kritisch mit Freuds Theorie des Ödipuskomplexes auseinander. Sie fragt nicht nach Ödipus, sondern sieht die Hauptfigur der griechischen Tragödie in Jokaste, der Mutter des Ödipus, die ihren Sohn begehrt. Während Freud seine Theorie anhand der Entwicklung des Jungen

erarbeitete, interessiert sie sich für die Entwicklung beider Geschlechter und zeigt deutlich deren asymmetrischen Entwicklungsverlauf in der Struktur der Klassischen Kleinfamilie. Jungen und Mädchen werden in aller Regel nur von der Mutter umsorgt, wodurch sie zum alleinigen Primärobjekt wird. (vgl. OLIVIER, Ch., 1987 sowie CHODOROW, N., 1978)

Zum Ödipuskomplex möchte ich hier anmerken, dass die Wissenschaft sich bis heute nicht darüber einig ist, wann genau die ödipalen Impulse des Kindes beginnen und seit Margret Kleins (1927) 'Frühstadien des Ödipuskomplexes' hat es immer wieder Auseinandersetzungen darüber gegeben. Aus heutiger Sicht wird ihr zugestimmt, dass bereits im ersten Lebensjahr Ansätze genitaler Manifestationen beim Kind zu beobachten sind. Was allerdings in den ersten drei Jahren fehlt, ist die konsequente Rivalität gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Die phallischen Triebimpulse des klassischen Ödipuskomplexes fehlen noch. (vgl. mertens, W., 1993) Olivier geht in ihrem rollentheoretischen Ansatz von diesen frühen ödipalen Impulsen im ersten Lebensjahr des Kindes aus.

2.3.1 Struktur der Klassischen Kleinfamilie

In der Struktur der Kleinfamilie sind die Rollen eindeutig verteilt: Die Frau ist für die Erziehung der Kinder zuständig und der Mann ist der Ernährer der Familie. Auch heute noch ist diese Rollenaufteilung der Geschlechter bis auf wenige Ausnahmen noch vorhanden. Selbst im deutschen Sprachgebrauch wird dies durch die Tatsache belegt, dass nur das Wort 'bemuttern', nicht aber das Wort 'bevatern' im Duden zu finden ist. (vgl. DROSDOWSKI, G., 1996)

So ist es denn auch kein Wunder, dass Christiane Olivier feststellt, dass sich der Ödipus der Geschlechter nur einseitig vollzieht, nämlich zwischen der Mutter und dem männlichen Kleinkind. (vgl. OLIVIER, Ch., 1987 sowie CHODOROW, N., 1978) Da der Vater überwiegend abwesend ist, findet der Ödipus für das Mädchen gar nicht statt.

Welche Folgen hat das für die Entwicklung beider Geschlechter?

2.3.2 Die Entwicklung des Jungen

Der Junge ist von Anfang an mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil konfrontiert, das Liebesobjekt, die Mutter, ist ständig gegenwärtig. In der oralen Phase profitiert sowohl er als auch seine Mutter von dieser Mutter-Kind-Symbiose. Er spürt ständig ihr Begehren und sie empfindet sich ganzheitlich, da der gegengeschlechtliche Teil aus ihr hervorgegangen ist. Und er füllt ihre Leere, er füllt die Lücke für den fast immer abwesenden und distanzierten Ehemann. Umso schwieriger wird es für den Jungen, wenn er in der analen Phase versucht, sich von seiner Mutter unabhängig zu machen. Schon hier beginnt der männliche Kampf gegen das weibliche Begehren, denn die Mutter will nicht, dass er sich entfernt bzw. sie verlässt. Der dauerhafte Kampf gegen die Frau um seine Unabhängigkeit, angefangen bei der Mutter, beginnt. Die Angst vor weiblicher Nähe und die Sehnsucht nach der Symbiose bleiben. (vgl. OLIVIER, Ch., 1987)

2.3.3 Die Entwicklung des Mädchens

Ganz anders ist der Verlauf der Entwicklung für das Mädchen. Nur der Vater könnte ein entsprechendes Liebesobjekt für das Mädchen sein, da er das weibliche Geschlecht als komplementär zu seinem eigenen empfindet. Dieser ist jedoch abwesend. Als Kind wird es geliebt, aber das Begehren fehlt. Es wächst als sexuelles Neutrum auf und wird sich später immer als ungenügend empfinden.

Gleichzeitig ist es sich der Konkurrenz der Mutter ständig bewusst, da es etwas nicht hat, was die Mutter schon besitzt. Als erwachsene Frau kann sie Lust leben und sich fortpflanzen, aber das kleine Mädchen muss warten, voller Eifersucht und Neid auf die Mutter. Die spätere Frau wird sich nicht voll-ständig fühlen, da das Begehren so lange fehlte. Sie wird unzufrieden sein, sich einen anderen Körper wünschen, ein anderes Gesicht, eben anders sein. Sie wird der Nähe und Anerkennung des Mannes nachjagen, worauf sie so lange gewartet hat. (vgl. olivier, Ch., 1987)

2.3.4 Das mütterliche Opfer

Der ständig abwesende Vater verstärkt die Allmacht der Mutter, aber auch die Verantwortung, die sie trägt und das Opfer, was sie bringen muss. Sie muss sich entscheiden, entweder für den Status der Frau oder den der Mutter. Olivier sieht die Mutter-Kind-Beziehung wie folgt:

"... die Liebe der Mutter wird häufig ambivalent sein, die Liebe des Kindes wird durch Befürchtungen und Schuldgefühle belastet sein ..." (vgl. olivier, Ch., 1987, s. 217)

Die Frau hat zwei Möglichkeiten: sie bleibt 'nur' Mutter oder behält ihren sozialen Status und ist gleichzeitig Mutter. Bei der ersten Möglichkeit widmet sie sich ganz dem Kinde, lebt nur noch in Bezug zum Kind. Es wird der Nachweis ihres Erfolges, gleichgültig was es tut, es wird immer in der Beziehung zur Mutter Auswirkungen für oder gegen sie haben. Das Kind trägt die Verantwortung für die Mutter; wie es ist und was es ist, fällt immer auf sie zurück. Christiane Olivier verweist hier auf den Muttertag, der die Bedeutung des mütterlichen Opfers und das Bedürfnis nach Wiedergutmachung zeigt.

Die zweite Möglichkeit ist die der arbeitenden Mutter, die ihren sozialen Status behalten will. Diese Doppelbelastung lässt die Frauen ein doppeltes Leben in Angst, Sorgen und Schuldgefühlen führen. Die Gesellschaft hat ihren Kindern nichts zu bieten, verantwortlich sind sie, die Mütter. Und wenn sie das nicht leisten können, bekommen sie Schuldgefühle. Die Hingabe der Frauen ist die Freiheit des Mannes. Die Struktur der Kleinfamilie hält sie gefangen in ihrer Rolle. Auch bei dieser zweiten Möglichkeit bringt die Frau als Mutter ein Opfer und die Kinder fühlen sich ob dieser Überbelastung in ihrer Schuld. (vgl. olivier, Ch., 1987)

2.3.5 Oliviers Lösungsvorschlag

Oliviers kritischer Ansatz ist ein Plädoyer für die Auflösung der Struktur der Kleinfamilie und die Entlastung der Mütter. Männer und Frauen sollten zu gleichen Teilen an der Erziehung ihrer Kinder beteiligt sein; das würde die Entwicklung der Persönlichkeit gewährleisten:

"... Der gleichgeschlechtliche Bezug würde die Identifikation fördern, und der gegengeschlechtliche würde den Ödipus und die Identität ermöglichen..." (vgl. OLIVIER, Ch., 1987, S. 231)

2.4 Die Entwicklung der Moral

2.4.1 Das Konzept von Piaget

Da die Instanz des 'Über-Ich' und deren Funktionen für die Persönlichkeit des Individuums eine zentrale Rolle spielen, möchte ich in diesem Unterkapitel die verschiedenen Möglichkeiten der Entwicklung der Moral zeigen.

Es gibt unterschiedliche Entwicklungsverläufe bei der Gewissensbildung des Einzelnen. Bereits Jean Piaget untersuchte über einen längeren Zeitraum die Entwicklung der Moral bei Kindern. Er gelangte zu einem zweistufigen Modell der moralischen Entwicklung:

1. ) 'Die Moral des Zwanges'

"... ist die Moral der reinen Pflicht und der Heteronomie0: das Kind nimmt vom Erwachsenen eine gewisse Anzahl Weisungen entgegen, denen es sich, gleichviel unter welchen Umständen, zu fügen hat. ... die Verantwortlichkeit ist objektiv." (vgl. PIAGET, J., 1990, S. 394)

2. ) 'Die Moral der Zusammenarbeit'

"..., deren Prinzip die Solidarität ist und die allen Nachdruck auf die Autonomie des Gewissens, die Absicht und folglich die subjektive Verantwortlichkeit legt." (vgl. PIAGET, J., 1990, S. 394)

Die Stufe der heteronomen Moral hält circa bis zum achten Lebensjahr des Kindes an. Dann beginnt es sich von Autoritäten und deren moralisches Urteil zu lösen. Es denkt und handelt auf der Stufe der autonomen Moral subjektiv verantwortlich. Nicht[3] äußere Autoritäten, sondern vernünftige Einsicht in die Notwendigkeit von Regeln ist die Motivation seines Handelns.

Piaget ging davon aus, dass Kontakte zu Gleichaltrigen und die zunehmende Solidarität unter den Kindern den einseitigen Respekt gegenüber den Erwachsenen unterminieren. Mehr und mehr erkennen sie, dass auch Erwachsene fehlbar sind, und sie nehmen die Möglichkeit der Kooperation auf der Basis der Gleichberechtigung untereinander und des gegenseitigen Respekts wahr. (vgl. PIAGET, J., 1990).

2.4.2 Neuere Forschung zur Moralentwicklung

Die wenig bedeutsame Rolle, die Piaget den Eltern bei der Moralentwicklung zuschreibt, widerspricht jedoch neueren Theorien. Das Vorbild der Eltern beeinflusst die Urteile der Kinder. (vgl. schmidt-denter, u., 1988)

Konsequenzorientiertes versus Intentionsorientiertes Handeln Viele Erwachsene achten weniger auf Intentionen als auf den angerichteten Schaden. Sie könnten das Kind z.B. bei 15 zerbrochenen Tassen härter bestrafen als bei einer, völlig unabhängig von seinen Handlungsabsichten. Piaget stellte die Behauptung auf, dass gerade die ungerechte Strafe das Kind befähigt, sich von der einseitigen Achtung zu lösen. Neuere Forschungsergebnisse zeigten aber, dass das Kind lernt, wie wichtig Konsequenzen gegenüber Intentionen sind. Richten sich die Eltern bei ihren Bestrafungen nach der Größe des Schadens, so sind auch die Urteile der Kinder konsequenzorientiert. (vgl. schmidt-denter, u., 1988)

Elterneinfluss versus Peer-Einfluss

Neuere Studien haben gezeigt, dass Erwachsene generell effektivere Modelle sind als Peers. Die Gleichaltrigen-Erfahrungen ergänzen die Erwachsenenautorität; sie ersetzen sie nicht wie Piaget annahm. Die Anweisungen der Erwachsenen werden von den Kindern blind befolgt. Durch die Erfahrung mit Peers werden die Handlungen der Erwachsenen klarer für die Kinder, was die Intentionen betrifft. (vgl. SCHMIDT-DENTER, U., 1988)

2.4.3 Das Modell von Kohlberg

Lawrence Kohlberg entwickelte auf der Basis des Konzepts von Piaget ein Modell zur Entwicklung der Moral. Es enthält sechs Stufen, die auf drei unterschiedliche Niveaus angeordnet sind.

Er bestätigte auf dem ersten, präkonventionellen Niveau, von dem er ausging, die heteronome Moral bei Kindern bis zum neunten Lebensjahr. Die Regeln werden von Kindern vor allem zur Vermeidung von Strafe und zur Befriedigung eigener Bedürfnisse befolgt. Auf dem zweiten, konventionellen Niveau richtet sich die Orientierung an sozialen Normen aus. Regeln werden verstanden und als solche gebilligt. Erst ab dem zwanzigsten Lebensjahr erreicht der Mensch das postkonventionelle Niveau. Hier werden gesellschaftliche Regeln zwar auch akzeptiert und befolgt, diese müssen aber mit übergeordneten moralischen Prinzipien übereinstimmen. (vgl. schmidt-denter, u., 1988)

Die 'Moral der Zusammenarbeit', die Piaget postulierte, kommt in dem Modell von Kohlberg nicht vor. Diese Art von Moral beinhaltet die Autonomie des Gewissens und gegenseitige Achtung. unter welchen Bedingungen kann sich diese Art von Gewissen beim Individuum entwickeln?

Was bei den Untersuchungen zur Entwicklung der Moral bisher unberücksichtigt blieb, ist die Tatsache, dass Sozialisation unter unterschiedlichen Bedingungen stattfinden kann. Mir erscheint es wichtig, an dieser Stelle die verschiedenen Erziehungsstile zu beschreiben.

2.4.4 Erziehungsstile

Zu den wichtigsten Bedingungen des sozialen Lernens und somit auch des Erlernens moralischer Inhalte gehört das erzieherische Verhalten der Eltern. (vgl. schmidt- denter, U., 1988)

Ich möchte hier kurz die drei hauptsächlichen Erziehungsstile[4] vorstellen: Laissez-faire-Stil

Es handelt sich um einen Stil, der wenig Orientierung vorgibt. Das Kind soll sich alleine entwickeln, was es aber nicht kann. Dieser Stil führt zu einer Vernachlässigung des Kindes und soziales Verhalten wird nicht gefördert bzw. nicht gelernt.

Demokratischer Stil

Dieser Stil beruht auf kooperatives Verhalten zwischen Eltern und Kindern. Lernen erfolgt durch Einsicht in Handeln und dessen Konsequenzen. Soziales Verhalten und Selbständigkeit werden unterstützt und gefördert. Bestrafung erfolgt nicht.

Autoritärer Stil

Die Forderung nach Gehorsam der Kinder ist der zentrale Aspekt dieses Stils. Das Kind hat den Anweisungen der Eltern Folge zu leisten. Gewünschtes Verhalten wird durch Lob, unerwünschtes Verhalten durch Tadel oder Bestrafung verstärkt. Auch destruktive Kritik beinhaltet dieser Erziehungsstil.

2.4.5 Schlussfolgerungen

Piagets Beschreibung der 'Moral der Zusammenarbeit' setzt meines Erachtens einen bestimmten Erziehungsstil voraus. Der Laissez-faire-Stil gibt zu wenig Orientierung vor, was das Kind entsprechend Piagets Konzept und auch Kohlbergs Modell in den ersten neun Jahren braucht. Bei diesem Stil ist es mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Ab circa dem zehnten Lebensjahr entwickelt sich laut Piaget die 'Moral der Zusammenarbeit' mit einem autonomen Gewissen und subjektiver Verantwortlichkeit.

Eine autoritäre Erziehung würde diese Entwicklung verhindern. Dieser Stil verlangt Gehorsam; Autonomie und Selbständigkeit wird nicht zugelassen.

Der demokratische Erziehungsstil, der auf Kooperation gerichtet ist, macht die Entwicklung der 'Moral der Zusammenarbeit', die auch auf Kooperation und gegenseitigen Respekt gerichtet ist, erst möglich. Orientierung wird vorgegeben, aber ohne bedingungslosen Gehorsam gegenüber der Autorität zu erzwingen. Untersuchungen von Santrock, Warshak und Elliott (1982) bestätigen, dass der demokratische Erziehungsstil soziale Kompetenz beim Kind fördert. Zur sozialen Kompetenz zählen soziale Fähigkeiten wie soziale Verhaltensmerkmale, soziale Interaktionen, soziales und kooperatives Spiel und Freundschaftsbeziehungen. (vgl. SCHMIDT-DENTER, U., 1988)

Zusammenfassend heißt das, wenn ein Kind die 'Moral der Zusammenarbeit' entwickeln konnte, strebt es als Erwachsene/r nach Autonomie und gegenseitiger Achtung in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Es herrscht ein stabiles Gleichgewicht in seinen Beziehungen. Seine Verantwortlichkeit ist subjektiv und hat sich von innen heraus entwickelt. Die Entwicklung der 'Moral der Zusammenarbeit' setzt einen demokratischen Erziehungsstil voraus, innerhalb dessen es dem Kind möglich ist, schon früh Autonomie und Selbständigkeit zu entwickeln und eigene Entscheidungen zu treffen.

Die 'Moral des Zwanges' hingegen führt zu einseitiger Achtung und Abhängigkeit beim Erwachsenen. Ein stabiles Gleichgewicht in Beziehungen ist nicht möglich. Der Erwachsene ist in zwischenmenschlichen Beziehungen über- oder unterlegen, aber nicht auf gleicher Ebene begegnend. Seine Verantwortlichkeit ist objektiv und hat sich durch von außen kommende, aufgezwungene Normen und Werte entwickelt. (vgl. mulack, Ch., 1993) Es ist ihm nicht möglich, vorgegebene Normen in Frage zu stellen bzw. für sich zu überprüfen und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln und zu vertreten. Da die 'Moral des Zwanges' über einen autoritären Erziehungsstil vermittelt wird, fällt es ihm schwer, eigene Entscheidungen zu treffen.

Meine Vorstellung ist, dass die 'Moral des Zwanges', die sowohl moralische, soziale wie auch religiöse Normen enthalten kann, eine Voraussetzung für die Empfänglichkeit von Schuldgefühlen beim Einzelnen ist.

2.5 Echte und falsche Schuldgefühle

Christa Mulack ist feministische Theologin und beschreibt in ihrem Buch Schuldgefühle als vorrangig weibliches Problem, was sie aus soziologisch­theologischer Sicht auf die kulturelle Entwicklung der christlich und patriarchalisch orientierten Gesellschaft zurückführt. (vgl. mulack, Ch., 1993)

Da ich für meine Untersuchung Frauen und Männer befragt habe, stelle ich nur die Ausführungen von Mulack vor, die für beide Geschlechter gelten können. Um etwas Licht in das Dunkel von echten und falschen Schuldgefühlen zu bringen, ist es hilfreich, sich die von C.G. Jung und Erich Fromm beschriebenen Gewissensarten zu betrachten.

Unabhängig voneinander fanden sie zwei übereinstimmende unterschiedliche Formen von Gewissensbildung. (vgl. mulack, Ch., 1993)

2.5.1 Das 'autoritäre' oder 'moralische' Gewissen

Das 'autoritäre' (Fromm) oder 'moralische' (Jung) Gewissen ist das Ergebnis einer durch autoritäre und strenge Erziehung gebildete innere Instanz, die in den Theorien von Freud als 'Über-Ich' wiederzufinden ist. Dieses Gewissen enthält alle verinnerlichten Stimmen der Autoritäten wie Eltern, Lehrer/innen und Pfarrer. Es beinhaltet alle Gebote und Verbote, Normen und Moralvorstellungen, damit der Mensch sich in der von außen kommend erwarteten Weise verhält. Dieses Gewissen trennt das Individuum von seiner ureigensten inneren Stimme, die Fromm und Jung die zweite Gewissensinstanz nennen. (vgl. mulack, ch. 1993)

2.5.2 Das 'humanistische' oder 'ethische' Gewissen

Die zweite Gewissensinstanz nennt Fromm das 'humanistische' und Jung das 'ethische' Gewissen:

"Darunter verstehen beide die ureigenste innere Stimme des Menschen, die Reaktion unseres Selbst auf uns selbst ... die Stimme unserer liebenden Besorgtheit um uns selbst, die uns mahnt, produktiv zu leben und uns voll und harmonisch zu entwickeln - das heißt, zu dem zu werden, was wir nach unseren Möglichkeiten sein könnten." (vgl. MULACK, Ch., 1993, S. 296)

Das 'ethische' Gewissen fordert den Einzelnen auf, seiner inneren Stimme zu folgen. Im Gegensatz zum 'autoritären' Gewissen, das Loyalität und Gehorsam gegenüber äußeren Autoritäten fordert, geht es beim 'ethischen' Gewissen um die Treue des Menschen zu sich selbst. Ein Mensch mit 'ethischem' Gewissen passt sich nicht seinem sozialen Umfeld an, um die Zuwendung und Anerkennung anderer zu erhalten. Im Gegenteil, er widerspricht und geht seinen eigenen Weg um der Treue seiner selbst willen und der Gewissheit, sein Leben sinnvoll zu erfahren.

Das 'ethische' Gewissen bedeutet nicht Isolation und Selbstbezogenheit. Das Gegenteil ist der Fall: Aus der Erkenntnis und Wertschätzung des eigenen Daseins wird es dem Menschen erst möglich, den anderen zu respektieren. Dazu möchte ich abschließend Christa Mulack zitieren:

"Das Nicht-bei-sich-Sein des modernen Menschen hat ständige Grenzüberschreitungen zur Folge, mit denen die ureigensten Bedürfnisse permanent vergewaltigt werden. Gerade für sie aber ergreift die innere Stimme des ethisch­humanistischen Gewissens Partei, ist also als deren Anwältin zu verstehen." (vgl. MULACK, Ch., 1993, S. 298)

2.5.3 Schlussfolgerungen in Bezug auf Schuldgefühle

In Bezug auf echte und falsche Schuldgefühle bedeutet das zusammenfassend, dass echte Schuldgefühle aus einer Untreue des Menschen sich selbst gegenüber resultieren können, sofern seine moralische Instanz das 'humanistische' oder 'ethische' Gewissen ist. Falsche Schuldgefühle entstehen folglich aus einem nicht Befolgen der moralischen Inhalte des 'autoritären' oder 'moralischen' Gewissens. Dabei geht es nicht um das 'Folgen der eigenen inneren Stimme', sondern um die Einhaltung der von außen kommenden Werte und Normen, die sich im 'autoritären' oder 'moralischen' Gewissen manifestiert haben.

3. Methodenteil

3.1 Zur Forschungsmethode

3.1.1 Meine wissenschaftliche Haltung

Als ich mein Studium der Psychologie an der Universität Hamburg begann, war diesem ein Semester Medizinstudium und die Entscheidung zum Studienfachwechsel vorausgegangen. Ich war von dem überwiegend allgemein vertretenen Menschenbild, welches mechanistisch und Symptom orientiert ist, enttäuscht. Ich selbst hatte zur damaligen Zeit bereits die Vorstellung, dass Menschen individuell zu betrachten seien und viele verschiedene Faktoren, wie z.B. psychologische, soziologische usw., dazu beitragen, dass ein Mensch gesund ist und seine Persönlichkeit wachsen kann. So war es für mich eine ganz natürliche Schlussfolgerung, mich dem Studium der Psychologie, besonders der Humanistischen Psychologie zuzuwenden.

Die Humanistische Psychologie, die auch als 3. Kraft im Gegensatz zur Psychoanalyse (1. Kraft) und dem Behaviorismus (2. Kraft) bezeichnet wird, entstand Anfang der sechziger Jahre: Aus dem Unbehagen gegenüber der traditionellen Psychologie mit ihrem mechanistischen Verständnis vom Menschen wurde mit Einführung der Humanistischen Psychologie ein Gegenpunkt gesetzt. Das Individuum wird ganzheitlich und als Subjekt betrachtet, dass individuell verschieden nach Gesundheit, Entfaltung und Wachstum der Persönlichkeit strebt. In der Praxis besteht die Aufgabe der verschiedenen Therapierichtungen, wie Klientenzentrierte Psychotherapie, Gestaltpsychotherapie u.a., in der Veränderung und Förderung des Einzelnen, davon ausgehend, dass sich individuelle und gesellschaftliche Veränderungen gegenseitig bedingen.

Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie entspricht auch meinem Verständnis vom Menschen. Daraus resultierte meine Entscheidung, mich mit der Klientenzentrierten Psychotherapie nach Carl R. Rogers und seinen theoretischen Ansätzen im Schwerpunktstudium zu beschäftigen. Aus diesen Erfahrungen vervollständigte sich bei mir ein Menschenbild entsprechend der Humanistischen Psychologie, von dem ich hier zwei Punkte gesondert herausstellen möchte:

1. Jedes Individuum ist in seinem Erleben und in seiner Wahrnehmung einzigartig und wertvoll. Diese Einzigartigkeit macht es zu einem/r Experten/in seiner/ihrer selbst.

2. Wenn ich einen Menschen wirklich verstehen will, muss ich mich in seine Erlebniswelt verstehend einfühlen können und dabei auf meine Beurteilungen und Bewertungen so weitestgehend wie möglich verzichten. Nur auf diese Weise kann ich Einblick in seine Wahrnehmungs- und Erlebniswelt bekommen.

3.1.2 Mein Forschungsansatz: Prozessorientiertes Vorgehen

Mein oben beschriebenes Menschenbild hat nachhaltig meine wissenschaftliche Haltung geprägt. Es geht mir in meiner Arbeit um ganz persönliche Erfahrungen und um sehr persönliches Erleben von 'Schuldgefühlen' intrapsychisch und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Aus diesen Gründen habe ich mich für einen qualitativen Forschungsweg entschieden.

Ein quantitatives Verfahren würde sich für mein Vorhaben nicht eignen, weil dieser Forschungsansatz dem/der Einzelnen zu wenig Spielraum für die Beschreibung seines/ihres Erlebens und seiner/ihrer Schwerpunktsetzungen innerhalb des Themas bietet.

Der Forscher ist bei quantitativer Vorgehensweise der Experte, der die Literatur und seine eigene Position kennt. Er formuliert Hypothesen, um sie zu prüfen und entscheidet, ob sie nach bestimmten Kriterien zu falsifizieren sind oder nicht. Kleining führt hierzu aus:

so entsteht das Problem, dass der Experte, mit möglicherweise großem Aufwand, nur sein eigenes Vorverständnis über den Gegenstand testet und nichts Neues über ihn erfährt.'' (vgl. kleining, g., 1982, s. 232)

In meiner Arbeit ging es mir zunächst darum, verschiedene Bereiche zum Thema 'Schuldgefühle' abzustecken, die mich interessierten. Ich wollte subjektive Informationen aus verschiedenen Blickwinkeln über das Erleben von Schuldgefühlen erfahren. Die so gefundenen verschiedenen Aspekte dieses Erlebens würden sich später im Gesamteindruck zu einem Ganzen zusammenfügen, was mich zu einigen Aussagen über das Erleben und die Funktionen von Schuldgefühlen führen würde. Das bedeutete, ich würde etwas Neues erfahren! So sehe ich meine Rolle als Forscherin und ganz allgemein den Sinn von Forschung. Hinzu kommt, dass nicht nur ich, sondern auch die 'Beforschten' etwas Neues erfahren können, da qualitatives Vorgehen genügend Raum für eigene Schwerpunktsetzungen der 'Beforschten' zulässt. (vgl. LANGER, I., 1985)

Ich entschied mich also für das prozesshafte Vorgehen der Qualitativen Forschung. Das würde mir genügend Raum geben, um einen gegenseitigen Austausch zwischen mir und den 'Beforschten' zu gewährleisten. Eventuelle neue Fragen, die sich während der Untersuchung ergeben könnten, würden nicht stören, sondern mein Forschungsvorhaben bereichern. Der Prozess des Forschens war mir ebenso wichtig wie die Ergebnisse.

3.1.3 Wahl des Erhebungsverfahrens

Da ich am subjektiven Erleben von 'Schuldgefühlen' interessiert war und das Thema sehr persönlich war, sollte mein gewähltes Erhebungsverfahren folgende Erwartungen meinerseits erfüllen:

- eine offene und entspannte Atmosphäre bieten, in der persönlicher Kontakt zwischen mir und meinen Gesprächspartnern und -partnerinnen stattfinden konnte,
- für das Erzählen des individuellen Erlebens von 'Schuldgefühlen' sollte ausreichend Raum zur Verfügung stehen und
- eventuelle Selbstexploration meiner Gesprächspartner/innen sollte möglich sein.

Die Methode des 'persönlichen Gesprächs' erfüllt all meine Erwartungen. Diese Forschungsmethode geht zurück auf den Gesprächspsychotherapeuten Carl R. Rogers, der bereits in den 70er Jahren Gespräche mit Menschen zu verschiedenen Lebensthemen führte. Die wesentlichen Grundlagen dieser Methode stellt Inghard Langer in 'Das persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung' vor. (vgl. LANGER, I., 1985)

[...]


[1] Libido: [lat. Verlangen, Liebe], FREUD bezeichnet mit L. die allen Äußerungen der Sexualität zugrundeliegende und auf den Lustgewinn aus den erogenen Zonen gerichtete sexuelle Energie. Eine Libidobesetzung erfahren auch diejenigen Objekte neben den erogenen Zonen, die dem Lustgewinn dienen, z. B. orale Zone und Mutterbrust (Objektbesetzung). Diese Definition von Sexualität darf nicht verwechselt werden mit der der Erwachsenensexualität, die sich erst im Laufe der Pubertät entwickelt (Anm. d. Verf.). (aus: Dorsch, F. et al. (Hrsg.), 1991)1

[2] Introjektion: Aufnahme fremder Anschauungen, Motive und dgl. in das Ich. Grundvorgang der Identifikation. (aus: Dorsch, F. et al. (Hrsg.), 1991)

[3] Heteronomie: Fremdgesetzlichkeit, Ggs . zu Autonomie. (aus : Mackensen, L., 1991)

[4] Erziehungsstil: relativ einheitliche Ausprägungsform erzieherischen Verhaltens. (aus: Dorsch, F. et al. (Hrsg.), 1991)

Ende der Leseprobe aus 140 Seiten

Details

Titel
Schuldgefühle - Ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
140
Katalognummer
V152907
ISBN (eBook)
9783640746248
ISBN (Buch)
9783640746897
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diplomarbeit, Qualitative Forschung, Forschungsmethode, Schuld, Verantwortung, Schuldgefühle, Freud, Mulack, Olivier, Das persönliche Gepräch, Interview, Gesprächsleitfaden, Beziehungen, Erziehung, Sozialisation, Abwehrmechanismus, Kontrolle, Bindung, Wissenschaftliche Forschung, Auswertung
Arbeit zitieren
Dipl.-Psych. Martina Malsbender (Autor), 1997, Schuldgefühle - Ein Kontrollmechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152907

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