Mangel an Vertrauen

Vergleichende Analyse des Sozialkapitals nach Putnam in Südafrika und Nigeria


Hausarbeit, 2010
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das theoretische Konstrukt
2.1 Die Idee vom sozialen Kapital
2.2 Dimensionen der Unterscheidung
2.2.1 Formelles und informelles Sozialkapital
2.2.2 Hohe Dichte und geringe Dichte von Sozialkapital
2.2.3 Innenorientiertes und aufienorientiertes Sozialkapital
2.2.4 Bruckenbildendes und bindendes Sozialkapital

3. Der empirische Vergleich
3.1 Die Fallauswahl
3.2 Mitgliedschaft in formellen Organisationen
3.3 Einbindung in informelle Netzwerke
3.4 Subjektives Wohlbefinden
3.5 Zwischenmenschliches Vertrauen
3.6 Vertrauen in politische Institutionen

4. Fazit: Mangel an generalisiertem Vertrauen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

Spatestens seit den Untersuchungen des amerikanischen Politologen Robert David Putnam, bezweifelt kaum noch ein Gesellschaftswissenschaftler den Zusammenhang zwischen Netzwerken innerhalb der Bevolkerung und der Stabilitat bzw. Effizienz eines demokratischen Regierungssystems. Es gilt als allgemein anerkannt, dass for- melle und informelle Beziehungen, einen positiven Effekt auf das allgemeine Ver- trauen in Menschen und das spezifische Vertrauen in die politischen Institutionen ei­nes Staates haben. Dabei konnen Organisationen wie Sportvereine, Kirchengemein- den oder Lesekreise genauso vertrauensbildend wirken, wie politische Parteien, Ge- werkschaften oder aber der personliche Freundes- bzw. Bekanntenkreis.

Putnam selbst beschrankte seine Untersuchungen vor allem auf die relativ stabilen Demokratien in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Italien. Hier versuchte er den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Wert des Sozialkapitals auszumachen und beschaftigte sich insbesondere mit zeitlichen bzw. regionalen Un- terschieden in der Auspragung formeller und informeller Netzwerkbildung.

Doch nicht nur in etablierten Demokratien ist ein gewisses Reservoir an Sozialka- pital von Bedeutung. Auch neu gegrundete Volksherrschaften sollten der Theorie nach bestrebt sein, aktives, regelmaBiges und vielseitiges Engagement der eigenen Bevolkerung in den verschiedensten Netzwerken zu fordern. Je besser und schneller dies gelingt, desto hoher sollte das Vertrauen in die politischen Institutionen und Eli- ten des jeweiligen Landes sein. Sie sollten Entscheidungen problemloser durchset- zen, Konflikte innerhalb der Bevolkerung schneller besanftigen und eine regelmaBi- ge politische Partizipation eines GroBteils der Burger ermoglichen konnen.

Eine vergleichende Fallanalyse dieser Prozesse, soll Thema der vorliegenden Ar­beit sein. Anhand zweier, relativ junger Demokratien auf dem afrikanischen Konti- nent, sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Bildung von Sozialkapital aufgezeigt und bewertet werden. Dass eine erschopfende Untersuchung mehrerer Staaten im Rahmen einer Hausarbeit nicht moglich ist, liegt auf der Hand. Dennoch sollte ein genauerer Einblick in Bedingungen und Voraussetzungen der Sozialkapi- talbildung auch in diesem Kontext moglich sein. Vorab muss jedoch erst geklart wer­den, was genau unter diesem theoretischen Begriff eigentlich zu verstehen ist.

2. Das theoretische Konstrukt

2.1 Die Idee vom sozialen Kapital

Eine der ersten Definitionen des Sozialkapitals nach heutigem Verstandnis stammt aus dem Jahre 1916 und wurde vom amerikanischen Padagogen Lydia Judson Hani- fan verfasst. „Nach Hanifan bezieht sich Sozialkapital auf ,jene greifbaren Eigen- schaften, auf die es im Alltag der Menschen am meisten ankommt, namlich guter Wille, Gemeinschaftsgeist, Mitgefuhl und geselliger Austausch zwischen den Einzel- nen und den Familien, aus denen sich eine gesellschaftliche Einheit zusammensetzt [...] In gesellschaftlicher Hinsicht ist der Einzelne hilflos, wenn er auf sich selbst ge- stellt ist [...] Wenn er in Kontakt mit seinen Nachbarn kommt und beide wiederum mit weiteren Nachbarn, sammelt sich Sozialkapital an, mit dem sich seine gesell- schaftlichen Bedurfnisse unmittelbar befriedigen lassen. Moglicherweise reicht die­ses soziale Potential auch fur eine Verbesserung der Lebensbedingungen der gesam- ten Gemeinschaft aus.[1] Damit ist Robert David Putnams Ansatz des Sozialkapitals auf den Punkt gebracht: Wie Hanifan, geht er davon aus, dass die Einbindung des Einzelnen in Netzwerke sowohl privat, als auch offentlich von Nutzen sein kann. Er versteht den Begriff daher wie folgt: „Social capital here refers to features of social organization, such as trust, norms and networks, that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions [...]“[2] Dass diese Wirkung sozialen Kapi- tals nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt eine Reihe von Studien, die Putnam anfuhrt, um die vielfaltigen Effekte von Netzwerken zu belegen. Er schreibt: „Forschungsar- beiten in den USA und GroBbritannien zeigen, dass soziale Netzwerke - sowohl formelle als auch informelle - zur Verringerung der Kriminalitat beitragen. Von Finn- land bis Japan ergeben sich ubereinstimmende Hinweise darauf, dass sich das soziale Zugehorigkeitsgefuhl stark auf die physische Gesundheit auswirkt.“[3] Unter Umstan- den kann es auch als Antriebskraft wirtschaftlicher Entwicklungen dienen.[4]

Doch Sozialkapital beeinflusst nicht nur statistische GroBen wie Kriminalitatsra- ten, sondern kann auch bei der Durchsetzung politischer Anliegen von Bedeutung sein. SchlieBlich spielt gerade fur das politische System gesellschaftliche Effizienz eine groBe Rolle. So ist es nach Patzelt die Aufgabe der Politik, „[...] auf die Herstel- lung und Durchsetzung allgemeinverbindlicher Regelungen und Entscheidungen [...] in und zwischen Gruppen von Menschen [...]“[5] abzuzielen. Soziales Kapital fasst Putnam nun „[...] als eine Ressource, die dem System uber die Vermittlung des Kol- lektivs zur Verfugung steht.“[6] Anders ausgedruckt, kann die Einbindung eines GroB- teils der Bevolkerung in die verschiedensten Netzwerke also dafur sorgen, dass die Durchsetzungskosten fur Entscheidungen des politischen Systems verringert werden. Dabei spielt es fur die Produktion von Sozialkapital keinerlei Rolle, ob diese Netz­werke selbst einen genuin politischen oder aber einen apolitischen Charakter haben.

Das Engagement im FuBballverein kann soziales Kapital genauso fordern, wie die Mitgliedschaft in religiosen Gemeinschaften oder regelmaBige Treffen mit dem vol- lig informellen, privaten Freundeskreis und der Familie. Dabei geht Putnam von ei- nem mehrstufigen Prozess innerhalb der Netzwerke aus, der die Bildung von Sozial­kapital ermoglicht. „So finden innerhalb dieser Netzwerke wiederholt Interaktionen statt (repeated Interactions), die ein positives Ende besitzen. Diese (positiven) Erfah- rungen ubertragen sich auf zukunftige Interaktionen, zuerst mit dem gleichen Partner, dann auf andere Partner und bilden Vertrauen aus. Dieses gewonnene Vertrauen er- moglicht letztendlich auch den politisch Handelnden einen gewissen Spielraum fur Aktivitaten, da es Vertrauen in politische Institutionen durch die Burger ausbildet.“[7] Sigrid RoBteutscher kommt in diesem Zusammenhang zu dem Schluss: „Mit einem vielschichtigen sozialen Netzwerk ausgestattete Gemeinschaften und burgerschaftli- che Vereinigungen haben Vorteile, wenn es darum geht, Armut und Verwundbarkeit zu begegnen, Konflikte zu losen und Vorteile aus neuen Moglichkeiten zu ziehen.“[8]

2.2 Dimensionen der Unterscheidung

In der wissenschaftlichen Diskussion haben sich mittlerweile vier etablierte Dimen­sionen der Unterscheidung herausgebildet, die Putnam selbst zur genaueren Diffe- renzierung verschiedener Arten sozialen Kapitals heranzieht. Das war notig, da sich bei empirischen Studien zeigte, dass nicht alle Formen sozialen Kapitals vergleichbar zu betrachten sind. Einigen Arten fehlt es sogar vollkommen am positiven Effekt fur die Demokratie. So gibt es mitunter Formen, die auf die soziale Gesundheit einer Gesellschaft destruktiv wirken oder aber zumindest das dafur notwendige Potential in sich tragen. Dennoch bleibt die Unterscheidung nicht so klar, dass die eine Art so­zialen Kapitals eine andere vollstandig ausschlieBt. Sie unterscheiden sich zwar, konnen aber durchaus auch komplementar wirken.[9]

2.2.1 Formelles und informelles Sozialkapital

Die Unterscheidung zwischen formellem und informellem Sozialkapital wurde be- reits angesprochen. Sie beschreibt den Umstand, dass sich soziales Kapital sowohl in formell organisierten Kreisen - beispielsweise Burgerinitiativen oder Parteien - oder aber in informellen, folglich nicht organisierten Kreisen bildet. Das konnten bei­spielsweise der regelmaBige Discobesuch am Samstagabend mit dem Freundeskreis oder aber ein spontanes Gesprach mit Fremden auf der Bahnfahrt zur Arbeit sein. In beiden Fallen konnen sich Beziehungen mit einem Nutzen fur den Einzelnen sowie die Gemeinschaft entwickeln. Viele Forschungsarbeiten beschranken sich bis heute auf formelles Sozialkapital, da es empirisch leichter zu messen ist. Dennoch kann auch informelles Sozialkapital - teilweise gar mehr als formelles - einen offentlichen Nutzen fur die Gesellschaft haben. Der positive Effekt geselliger Runden mit Freun- den oder der Familie darf also keinesfalls unterschatzt werden.[10]

2.2.2 Hohe Dichte und geringe Dichte von Sozialkapital

Die Dichte sozialen Kapitals hangt vor allem mit der Anzahl und RegelmaBigkeit von Interaktionen innerhalb einer Gruppe zusammen. Ein Bekanntenkreis, in dem jeder mit jedem befreundet ist und in dem man einer Vielzahl von Aktivitaten ge- meinsam nachgeht, verfugt uber eine hohere Dichte, als beispielsweise die gelegent- liche Interaktion mit Fremden, die man immer mal wieder auf dem Weg zur Arbeit antrifft und gruBt. Hier spricht man von geringer Dichte. Alle Formen sozialen Kapi- tals zwischen diesen beiden Extremen konnen sowohl privat, als auch offentlich von Nutzen sein. Auch hier gilt also, dass man von der Art der Dichte nicht gleich auf die Folgen fur die Allgemeinheit schlieBen kann.[11]

2.2.3 Innenorientiertes und auBenorientiertes Sozialkapital

Sozialkapital kann sowohl darauf ausgerichtet sein, den Mitgliederinteressen der ei- genen Gruppe zu dienen, als auch kollektive Probleme zu losen. Innenorientiertes Sozialkapital tritt haufig in Gruppen auf, die „[...] durch Geburt oder Umstande ge- schaffene Bindungen [...]“[12] bewahren oder starken mochten. Oftmals geschieht die Gruppenbildung hier vor allem auf Basis von sozialstrukturellen Ubereinstimmun- gen. Beispiele sind Gewerkschaften oder Interessenverbande. AuBenorientiertes So­zialkapital entsteht hingegen insbesondere in Gruppierungen, die sich mit offentli- chen Gutern und Kollektivproblemen befassen. Das konnen wohltatige Vereinigun- gen wie das Rote Kreuz oder aber soziale Bewegungen sein.

Auch wenn der Verdacht nahe liegt, dass auBenorientiertes Sozialkapital fur die demokratische Gesellschaft einen positiveren Effekt hat als innenorientierte Gruppie­rungen, ist Vorsicht geboten. Trotz dieser vermeintlichen Uberlegenheit in morali- scher Hinsicht, ist es nicht auszuschlieBen, dass auch innenorientierte Netzwerke durch den Fokus auf ihre eigenen Mitglieder, zur Steigerung des Allgemeinwohls innerhalb der Gesellschaft beitragen.[13] „Denn Sozialkapital widersteht jeder Quanti- fizierung, und aus genau diesem Grund konnen wir auch nicht behaupten, eine Ju- gendinitiative, die einen stadtischen Kinderspielplatz saubert, trage mehr zum Be- stand an Sozialkapital bei, als eine ,innenorientierte‘ Kreditgemeinschaft, die daran mitwirkt, eine neue Einwanderergemeinde wirtschaftlich erfolgreich zu machen.“[14]

[...]


[1] Putnam, Robert & Goss, Kristin: Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 16 bis 17

[2] Putnam, Robert: Making Democracy Work. Civic traditions in modern Italy, New Jersey 1993, S. 167

[3] Putnam, Robert & Goss, Kristin: Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 18

[4] Vgl. Putnam, Robert & Goss, Kristin : Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 18

[5] Patzelt, Werner: Einfuhrung in die Politikwissenschaft. Grundriss des Faches und studiumbegleiten de Ordientierung, Passau 2003, S. 23

[6] Pickel, Susanne & Pickel, Gert: Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe, Theorien, Methoden. Eine Einfurhung, Wiesbaden 2006, S. 140

[7] Pickel, Susanne & Pickel, Gert: Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe, Theorien, Methoden. Eine Einfurhung, Wiesbaden 2006, S. 141

[8] RoBteutscher, Sigrid: Soziale Partizipation und Soziales Kapital in: Kaina, Viktoria & Rommele, Andrea [Hrsg.]: Politische Soziologie. Ein Studienbuch, Wiesbaden 2006, S. 171

[9] Vgl. Putnam, Robert & Goss, Kristin : Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 24 bis 25

[10] Vgl. Putnam, Robert & Goss, Kristin : Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 25 bis 26

[11] Vgl. Putnam, Robert & Goss, Kristin : Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 26 bis 27

[12] Putnam, Robert & Goss, Kristin : Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 28

[13] Vgl. Putnam, Robert & Goss, Kristin : Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 27 bis 28

[14] Putnam, Robert & Goss, Kristin : Gesellschaft und Gemeinsinn, Gutersloh 2001, S. 28

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Mangel an Vertrauen
Untertitel
Vergleichende Analyse des Sozialkapitals nach Putnam in Südafrika und Nigeria
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Vergleichende politische Kulturforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V152911
ISBN (eBook)
9783640648474
ISBN (Buch)
9783640648542
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Mangel, Vertrauen, Vergleichende, Analyse, Sozialkapitals, Putnam, Südafrika, Nigeria
Arbeit zitieren
Florian Philipp Ott (Autor), 2010, Mangel an Vertrauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152911

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