Zur Falkenmetaphorik im Minnesang

Falkenlied des Kürenbergers, Kriemhilds Falkentraum, Burkhart von Hohenfels „Sî gelîchet sich der sunnen“


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Das Falkenlied des Kürenbergers
2.2 Der Falke als Ritter, Kriemhilds Traum
2.3 Der Falke als Mädchen (brûtliet)
2.4 Burkhart von Hohenfels, „Sî gelîchet sich der sunnen,“
2.5 Eigene Interpretationshypothese des Falkenliedes

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es war „Liebe auf den ersten Blick“. In der ersten Stunde des Minnesangseminars, die ersten Wor­te des Professors, noch bevor er uns begrüßte: Kürenbergs Falkenlied!

Falken faszinierten mich schon immer. Ihre scharfen Augen, ihre edle Anmut und Eleganz, Raub- und Jagdvögel, alles Attribute die eine ungeheure Faszination ausüben, wie sie nur einem starken, schönen, männlichen Tier zugesprochen werden kann. Ich wurde in meiner Naivität vom Bild des Falkens eines Besseren belehrt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit zwei Interpretationen des Falkenliedes aus der Forschung, welche zeigen sollen, dass die Metaphorik des Falken im Minnesang nicht auf ein Bild beschränkt ist, sondern völlig entgegengesetzt interpretiert werden kann. Eine kurzer Exkurs zu Burkhart von Hohenfels „Sî gelîchet sich der sunnen,“ zeigt dann im weiteren Verlauf, dass eben dieses Bild des Falken einer hohen Variabilität unterliegt.

Zum Schluss entsteht eine eigenständige Interpretationshypothese des Falkenliedes, welche die Gedanken Rudolf K. Jansens fortführt.

2. Hauptteil

2.1 Das Falkenlied des Kürenbergers

Der von Kürenberg gilt allgemein als der älteste namentlich erwähnte Dichter des Minnesangs und wird im donauländischen Raum angesiedelt. Eine sichere Bestimmung seiner Herkunft und Ab­stammung ist aber nicht möglich.[1] Schwierigkeiten in der Einordnung ergeben sich schon des­halb, da der Name ‘von Kúrenberg’ nur in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Sigle C, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod.Pal.germ. 848) überliefert ist, die dazu erst 150 Jahre spä­ter entstand. Des weiteren existieren keinerlei Belege seiner Identität in anderen mittelhochdeut­schen Schriften.[2] Die Dichtung Kürenbergs zählt zu der Frühphase des Minnesangs (1150/60-1170), dem sog. donauländischen Minnesang, dessen Kennzeichen Einstrophigkeit, Langzeilen­strophen, Paarreim, Halbreime und als Grundthemen Werbung, Sehnsucht, Scheiden, Trennung, Verzicht sind.[3] Als bekanntestes Lied des Kürenbergers gilt das nun folgende zweistrophige Fal­kenlied, welches im Frühen Minnesang einzigartig ist.

Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr.

dô ich in gezamete, als ich in wolte hân,

und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,

er huop sich ûf vil hôhe und flouc in ándèriu lant.

Sît sach ich den valken schône fliegen,

er vuorte an sînen vuoze sîdîne riemen,

und was im sîn gevidere alrôt guldîn.

got sende sî zesamene, die gelíeb wéllen gerne sîn![4]

Vier paargereimte Langzeilen pro Strophe, jede mit einer Zäsur in der Mitte bestimmen zu­nächst die äußere Form. Die Anverse sind im Metrum vierhebig und auftaktlos, die Abverse zu­nächst dreihebig und im letzten Vers vierhebig, was eine Art Signalcharakter, eine Pointierung, er­zeugt. Ich werde im weiteren Verlauf auf diese Grundform zurückkommen. Des weiteren fallen in der ersten Strophe männliche Reime auf, in der zweiten Strophe jedoch weibliche.

Als wirklich gesicherte Erkenntnisse der Kürenbergerforschung gelten zwei Punkte, die hier kurz vorgestellt werden sollen. Erstens die Zusammengehörigkeit beider Strophen und zweitens, die metaphorische Sichtweise und Interpretation des Falken.

Zur Zusammengehörigkeit sind in der Struktur etliche Verbindungspunkte in den Strophen vor­handen. Dieses beginnt mit der Nennung des Falken jeweils im ersten Vers vor der Zäsur, welcher in Vers 1 noch einen unbestimmten Artikel trägt und in Strophe zwei bestimmt ist. Eine weitere Verbindung zeigen jeweils die dritten Verse, die fast identisch sind und durch ein dreifaches i nochmals betont werden („im sîn gevidere“), des weiteren die Verbindung von Vers vier und fünf einerseits im Bild des fliegenden Falken, andererseits in „flouc“ und „fliegen“. Zu guter Letzt das mit „konsonantischer Divergenz“[5] reimende „in gezamete“ (V.2) mit „si zeamene“ (V.8). Eine noch ausführlichere, sehr gelungene Übersicht zur Bildresponsion zeigt Christel Schmid.[6]

Das es sich bei dem Kürenberger Falken nicht nur um einen realen Falken handeln kann, zeigt die Schlusszeile des Liedes, welche eine metaphorische Deutung geradezu nahe legt. Auch steht das reine Entfliegen eines Falkens nicht im Verhältnis zu dem hohen künstlerischen Aufwand des Gedichtes.

Alle weiteren Interpretationen in der Forschung zum Falkenlied divergieren bisweilen jedoch stark. Dieses liegt vor allem daran, dass das Lied einer textimmanenten Analyse nur im geringen Maße zugänglich ist. Vor allem stellen sich die offenen Fragen nach dem Sprecher, der symboli­schen Bedeutung des Falken, sowie der Bedeutung des letzten Verses, der die Metapher erst schließen soll. Im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit sollen einige Interpretationsvarianten vorge­stellt werden.

2.2 Der Falke als Ritter, Kriemhilds Traum

In disen hohen eren troumte Chriemhilde,

wie si züge einen valchen, starch, schoen und wilde,

den ir zwene arn erchrummen. daz si daz muoste sehen,

ir enkunde in dirre werlde leider nimmer geschehen.

Den troum si do sagete ir muoter Uoten,

sine chundes niht beschaiden baz der guoten:

»der valche, den du ziuhest, daz ist ein edel man.

in welle got behüeten, du muost in schier vloren han.«[7]

In diesen beiden Strophen (12 und 13) der 1. Aventiure des ‘Nibelungenlieds’, welches „als einziger mal. deutscher Text den Status eines nationalen Denkmals“[8] erlangt hat, wird der Falken­traum Kriemhilds und dessen Deutung durch ihre Mutter Ute vorgestellt. Die burgundische Kö­nigstochter Kriemhild zieht in ihrem Traum einen Falken heran, welcher, so die Deutung ihrer Mutter, für ihren späteren Geliebten und Mann Siegfried steht, der seinerseits Königssohn („starch, schoen und wilde“) aus Niederland ist. Siegfried wird im weiteren Verlauf des ersten Teils dieses Epos von zwei Verwandten Kriemhilds (ihrem Bruder und König Gunther, sowie sei­nem Lehnsmann Hagen) hinterhältig ermordet, obwohl er zuvor für sie „gute Dienste“ geleistet hat. Gunther und Hagen werden hier im Traum als die beiden Adler symbolisiert.

Die Entstehung des ‘Nibelungenlieds’ wird auf „ca. 1180 bis 1210“[9] datiert, also kurz nach der Entstehung des Falkenliedes. Eine Gemeinsamkeit besteht in den beiden Formulierungen „Ich zôch mir einen valken [...]“ und „wie si züge einen valchen, [...]“. Am auffälligsten sind jedoch die Gemeinsamkeiten in Form und Bau der Strophen, wie ich sie im vorherigen Teil beim Falken­lied aufgezeigt habe. Ursula Schulze schreibt dazu:

[...]


[1] Vgl. Schweigle, Günther: Kürenberg. In: Deutschsprachige Literatur des Mittelalters, Studienauswahl aus dem ‘Ver­fasserlexikon’ (Band 1-10). Hrsg. von Kurt Ruh, Burghart Wachinger u.a.. 2. Auflage. Berlin, New York: de Gruyter 2001. S. 450 f.

[2] Vgl. Schmid, Christel: Die Lieder der Kürenberg-Sammlung, Einzelstrophen oder zyklische Einheiten?. Göppingen: Kümmerle Verlag 1980 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik Nr. 301). S. 4 f.

[3] Vgl. Schweigle, Günther: Minnesang. 2. Auflage. Stuttgart; Weimar: Metzler 1995 (Sammlung Metzler; Bd. 244). S.84 f.

[4] Minnesang. Mittelhochdeutsche Texte und Übertragungen. Hrsg. von Helmut Brackert. 8. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2004. S.

[5] Schmid, Die Lieder der Kürenberg-Sammlung, S.

[6] Ebd. S. 81-

[7] Das Nibelungenlied. Nach der Handschrift C der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Hrsg. von Ursula Schulze. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler Verlag 2005. S.

[8] Curschmann, Michael: ‘Nibelungenlied’ und ‘Klage’. In: Deutschsprachige Literatur des Mittelalters, Studienaus­wahl aus dem ‘Verfasserlexikon’ (Band 1-10). S.

[9] Ebd. S.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zur Falkenmetaphorik im Minnesang
Untertitel
Falkenlied des Kürenbergers, Kriemhilds Falkentraum, Burkhart von Hohenfels „Sî gelîchet sich der sunnen“
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Minnesang Seminar
Note
1,3
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V153014
ISBN (eBook)
9783640651436
ISBN (Buch)
9783640651528
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnesang, donauländisch, Falke, valke, Falkenlied, Kürenberger, Burkhart von Hohenfels, Sî gelîchet sich der sunnen, Nibelungenlied, Kriemhilds Traum, Falkenmetaphorik
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Zur Falkenmetaphorik im Minnesang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153014

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