„Die Entwicklung materieller Lebenslagen in der bundesdeutschen Gesellschaft während des „Wirtschaftsbooms“ von 1948-1973“


Seminararbeit, 2003

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schichtenspezifische Veränderungen

3. Einkommensentwicklung und Veränderungen des Konsumverhaltens

4. Wirtschaftliche Stellung und Vermögensbildung

5. Zusammenfassung

6. Literaturliste

7. Anhang

1. Einleitung

Im Jahr 1932 veröffentlichte der Soziologe Theodor Geiger eine Schrift mit dem Titel „Die soziale Schichtung des deutschen Volkes“[1], in der er das soziale Bewusstsein, die Mentalitäten und Lebenschancen zu einer weiterführenden Analyse der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und Ungleichheitsdimensionen heranzog und darin Elemente der Klassentheorie mit Befunden über die soziale Lage verband.[2] Zwei Jahrzehnte später riefen die Ergebnisse der Untersuchungen des Soziologen Helmut Schelskys, die er mit der These einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ verband, noch größere Resonanz hervor. Seine in Aufsätzen und Reden vertretenen Ansichten wurden in der Folgezeit mit den verdichteten Thesen Geigers zur Grundlage einer gesellschafts-, und soziologiegeschichtlich kontrovers geführten Diskussion der 50er und 60er Jahre, in deren Verlauf Karl-Martin Bolte, Erwin Schich u.a. Schichtungsindizes und Prestigeskalen zur Analyse der westdeutschen Gesellschaft entwickelten. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen legten eine Loslösung von Deutungsmustern nahe, die sich vertikaler, streng klassenspezifischer Begriffe bedienten, da mittlerweile politische wie mentale Klassenstrukturen mit ihren Spannungen in den Hintergrund getreten waren.[3] Stattdessen waren Kategorien wie Berufe, Ausbildungen, Einkommen und Vermögen in den Vordergrund gerückt.

Helmut Schelskys These von einer „nivellierten Mittelstandgesellschaft“ wurde in der Folge von der soziologischen Forschung weitgehend akzeptiert und zu einem anerkannten Bestandteil des Verständnisses der unmittelbaren Nachkriegszeit und der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik Deutschland. So wurden die gesellschaftlichen Verhältnisse der Besatzungsherrschaft von Martin Broszat (1990) nach dem Niedergang des nationalsozialistischen Regimes aufgrund der Beseitigungen von konfessionellen, sozialen und kulturellen Segregationen als „stark nivellierte Notgesellschaft“ und Vorstufe mit „Umrissen der der Mittelstandsgesellschaft“ verstanden,[4] und die Frühphase der Bundesrepublik Deutschland als eine „moderne, homogene, sich nach und nach an die westeuropäischen, liberaldemokratischen Traditionen angleichende Gesellschaft“.[5] Und auch in aktuelleren Publikationen, wie dem 2001 erschienen „Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands“ findet sich die These, indem Autoren schreiben, damals: „…schien durch die Uniformierung in Lebensstil, Kleinfamilie und Massenkonsum so etwas wie eine „nivellierte Mittelstandgesellschaft“ (Hartmut Schelsky) entstanden zu sein..“.[6]

Um dieses Paradigma einer sich herausbildenden Mittelstandgesellschaft in einem bestimmten Aspekt auf ihre Berechtigung hin zu überprüfen, ist es nötig, zunächst die Definition Schelskys zu skizzieren. In den erwähnten Aufsätzen mit den Titeln „Die Bedeutung des Schichtungsbegriffes für die Analyse der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft“ (1953)[7] und „Gesellschaftlicher Wandel“ (1956)[8] stellte der Autor zunächst fest, dass der Schichtenbegriff für die Analyse der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung verloren hätte, da tradierte Klassenstrukturen in bislang ungekanntem Ausmaße überwunden wurden. Gründe dafür seien eine umfassende, sich ständig ausdehnende Sozialpolitik, eine Einkommenssteuerpolitik mit starkem Umverteilungscharakter zugunsten sozial niedriger gestellter Personenkreise, die tendenziell eine Vereinheitlichung der wirtschaftlichen Verhältnisse führten. Die allmählich eintretende, verhältnismäßig einheitliche Teilnahme alle Gesellschaftsmitglieder an den materiellen und geistigen Gütern hätten dazu geführt, dass die Teilhabe am Konsum nicht mehr einigen Gruppierungen der Gesellschaft vorbehalten gewesen seien, sondern, wenn auch mit einiger zeitlicher Verzögerung, die gemeinschaftliche Teilhabe an dem Zivilisationskomfort angestrebt worden sei. Mit der Ausbreitung der Massenproduktion und dem Eintreten des universalen Konsums in allen Lebensbereichen sei somit grundsätzlich die Teilhabe an materiellen Gütern breiten Schichten der Bevölkerung eröffnet worden und ein wesentliches Merkmal des Gegensatzes Proletariate und Bürgertum verschwunden.[9] Die gesellschaftlichen Verhältnisse seien ferner durch vielfältige soziale Auf- und Abstiegsprozesse gekennzeichnet gewesen, mit denen Umschichtungsvorgänge einher gingen. So gehörten zu den Heimatvertriebenen auch Teile des Bürgertums, die solche Deklassierungen zu bewältigen hatten; andererseits hätten Aufstiegsvorgänge umfangreicher Art aus Schichten wie der Industriearbeiterschaft zur Herausbildung einer breiter werdenden Schicht der technischen und kaufmännischen Angestellten geführt, die überhaupt als vorläufiger Mündungspunkt der sozialen Mobilitäten zu einer „strukturbildenden, tragenden Schicht der Gesellschaft“ geworden sei.[10]

Zu den gesellschaftlichen Ergebnissen gehörten der perspektivisch weitergehende Verlust der Bedeutung von sozialen Schichten, der Abbau von Gegensätzen innerhalb der Gesellschaft mit der Herausbildung einer breiten, vergleichsweise einheitlichen Gesellschaftsschicht, welche wiederum kaum durch hierarchische Gliederungen, sondern vielmehr von der Einheitlichkeit des mittelständischen Lebensstils, von Ähnlichkeiten in den Verhaltensformen und der Teilnahme an den materiellen und geistigen Gütern der Gesellschaft, gekennzeichnet seien.[11]

Schelsky beruft sich in seinen Ausführungen zur Sozial- und Einkommenspolitik, zu sozialen Prozessen und ihren Wirkungen, zum Produktions- und Konsumverhalten etc. auf eigene Forschungen über die Familie und die Jugend,[12] ohne dabei auf eigene Studien zu den wirtschaftlichen Lebenslagen zurück gegriffen zu haben. Die auf diese Weise gezogenen Schlussfolgerungen des Aufhebens materieller, klassenspezifischer Gegensätze, des Aufkommens eines einheitlichen Lebensstils und der „Nivellierung früherer wirtschaftlicher Statusunterschiede“,[13] sollen im Folgenden anhand von Material einer kritischen Überprüfung unterzogen werden, das nach den zitierten Schriften und Reden Schelskys zu diesem Thema erschienen ist. Die Untersuchung wird sich dabei auf die Phase des Wirtschaftsbooms der 50er und 60er Jahre beschränken, da die Historiker nicht nur über die vielfältigen Folgen der wirtschaftlichen Prosperitätsphase bislang wenig nachgedacht haben,[14] sondern in diesem Zeitraum auch „fundamentale Weichenstellungen stattfanden, die die Wirtschaft und Gesellschaft Europas bis heute prägten und bestimmten.“[15]

Zur Erfassung materieller und finanzieller Lebenslagen wird es daher angebracht sein, zunächst gesellschaftliche Veränderungen grundsätzlicher Art zu behandeln, daraufhin die Lohnverteilungen zu betrachten, die verschiedenen Einkommensentwicklungen mit den Ausgaben ins Verhältnis zu setzen und die Verteilung und Schaffung von Vermögen, insbesondere der Spareinlagen, zu untersuchen.[16]

2. Schichtenspezifische Veränderungen

Bei einer differenzierten Betrachtung der Erwerbstätigen am Ende des zu behandelten Zeitraumes fallen deutliche Einkommensunterschiede auf. So zeigte die Einkommensverteilung des Jahres 1972, dass das Nettoeinkommen der Selbständigen tendenziell zu den oberen Gehaltsgruppen deutlich anstiegen und 36.9% über 1800 DM verdienten (vgl. Tab. 1). Die Mehrzahl der Arbeitnehmer aus der Gruppe der Angestellten verdienten zwischen 150 und 1800 DM monatlich, und die Gruppe der Arbeiter war in den Kategorien der unten Mitte mit Einkommen zwischen 150 und 1200 DM überdurchschnittlich vertreten. Auffällig ist hier, das die Arbeiter praktisch kaum in der höchsten Gehaltsklasse vertreten waren (nur 0.6 %). Die Einkommen der Gruppe der Selbständigen lagen damit um Einiges über denen anderer Gruppen, eine Relation, an der sich seit 1950 nichts Wesentliches geändert hat.[17]

Von den angeführten Gruppen nahmen die Anteile der Beamten und Angestellten an den Erwerbstätigen am stärksten zu, und stiegen von 20.6 % im Jahr 1950 auf 42.8 % 1975. In demselben Zeitraum sank der Anteil der zunächst über die Hälfte der Erwerbstätigen stellende Arbeiterschaft von 51% auf 42.9%. Ebenfalls abnehmend war die Zahl der Selbständigen von anfangs 14,5% auf 9.2% (vgl. Tab. 2). Damit stellten die Beamten und Angestellten 1975 zusammen mit den Arbeitern 83.7% der erwerbstätigen Bevölkerung. Daraus ergab sich unter Berücksichtigung der vorherigen Ergebnisse, dass die Gruppe mit dem niedrigsten Einkommen um fast ein Fünftel-, und die am höchsten verdienende Gruppe der Selbständigen um mehr als ein Drittel abnahm, während allein die Angestellten und Beamten deutliche Anteile gewannen. Die zu dieser Gruppe gehörenden Personen bildeten am Ende des Wirtschaftwachstums eine herausgebildete, breite Schicht, deren Vertreter zum Großteil Einkommen mittlerer Höhen bezogen und in den höchsten sowie niedrigsten Gehaltsklassen unterrepräsentiert waren.

[...]


[1] Geiger, T: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes, Stuttgart 1932

[2] vgl. Schäfers, Bernhard: Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, in; Schäfers, B; Zapf, W.(Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen 2001, S.238

[3] vgl. Schäfers, Bernhard: Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, S.238

[4] vgl. Broszat, M; Henke, K-D; Woller Hans: Einleitung, in: Von Stalingrad zur Währungsreform (Quellen und Darstellung zur Zeitgeschichte, Bd. 26) München 1990, S. 26

[5] vgl. Broszat, M; Henke, K-D; Woller Hans: Einleitung, S. 26

[6] vgl. Band, H; Müller, H-P: Lebensbedingungen, Lebensformen und Lebensstile, in: Schäfers, B; Zapf, W.(Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, S.421

[7] vgl. Schelsky, H: Die Bedeutung des Schichtungsbegriffes für die Analyse der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft (1953), in: Auf der Suche nach der Wirklichkeit, Düsseldorf 1965.

[8] vgl. Schelsky, H: Gesellschaftlicher Wandel (1956), in: Auf der Suche nach der Wirklichkeit, Düsseldorf 1965.

[9] vgl. Schelsky, H: Gesellschaftlicher Wandel (1956), in: Auf der Suche nach der Wirklichkeit, Düsseldorf 1965, S. 340

[10] vgl. Schelsky, H: Die Bedeutung des Schichtungsbegriffes für die Analyse der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft, S. 335

[11] ebendort, S. 332

[12] ebenda, S. 332

[13] ebenda, S. 331

[14] vgl. Ambrosius, Gerald; Kaelble, Hartmut: Einleitung: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen in der Bundesrepublik Deutschland und in Europa, in: Kaelble, Hartmut (Hrsg.): Der Boom 1948-1973, Opladen 1992; S.10

[15] ebenda, S.7

[16] In diesem Zusammenhang kann eine Bearbeitung des Bereiches der staatlichen Leistungen erwartet werden. Die Faktoren staatlicher Leistungen, die der Einzelne in Anspruch nahm, wie die Versorgung mit öffentlicher Infrastruktur wie z.B. Bildungs- und Verkehrseinrichtungen, Institutionen der Gesundheitsvorsorge, Bibliotheken, Krankenbetreuung und Freizeitangebote gewannen allmählich gesamtgesellschaftliche Bedeutung. vgl. Lepsius: Sozialstruktur und soziale Schichtung in der Bundesrepublik Deutschland, in: Löwenthal, Schwarz (Hrsg.) 1974, S. 257ff. Erwartungen zu diesem Gesamtkomplex können aufgrund der erwähnten Schwerpunktsetzung im Folgenden weniger erfüllt werden, was ihre Bedeutung keinesfalls mindern soll.

[17] vgl. Petzina, Dietmar: Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland-Aspekte sozialen Wandels seit dem 2. Weltkrieg, in: Überhorst, Horst: Geschichte der Leibesübungen, Berlin 1982, S. 753

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
„Die Entwicklung materieller Lebenslagen in der bundesdeutschen Gesellschaft während des „Wirtschaftsbooms“ von 1948-1973“
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophische Fakultät )
Veranstaltung
Alltagskulturen im Wandel
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V153027
ISBN (eBook)
9783640651757
ISBN (Buch)
9783640651801
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand von Sekundärliteratur sowie unter Hinzuziehung von statistischen Jahrbüchern wird die These von Helmut Schelsky, die eine "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" und damit eine soziale Niveaangleichung konstatierte, überprüft. Die Arbeit ist sowohl für Geschichte, Sozialwissenschaften, Politik und Kulturwissenschaft geeignet.
Schlagworte
Entwicklung, Lebenslagen, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Dirk Wanitschek (Autor), 2003, „Die Entwicklung materieller Lebenslagen in der bundesdeutschen Gesellschaft während des „Wirtschaftsbooms“ von 1948-1973“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153027

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: „Die Entwicklung materieller Lebenslagen in der bundesdeutschen  Gesellschaft während des „Wirtschaftsbooms“ von 1948-1973“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden