Zur evolutions-biologischen Analogie der Solidaritäts- und Moralbegriffe von segmentären und arbeitsteiligen Gesellschaften bei Durkheim


Essay, 2009
7 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Jedes Organ hat […] seine eigene Physiognomie und […] Autonomie, und trotzdem ist die Einheit des Organismus […] [stark] ausgeprägt.“ (Durkheim 19881893: 183). Diese ÄEinheit“ nennt Durkheim, in Anlehnung an den menschlichen Körper, Äorganische Solidarität“ (ebd.: 183). Hiervon ausgehend werde ich in diesem Essay die Analogien aufzeigen, die sich bei einem Vergleich von Durkheims Solidaritätsbegriffen der segmentären und der arbeitsteiligen Gesellschaft mit der Zellkommunikation von primitiven und höher entwickelten biologischen Organismen ergeben. Meine These lautet, dass sowohl Moral - als Deduktion aus der mechanischen bzw. organischen Solidarität -als auch die Zellkommunikation in primitiven Organisationsformen undifferenziert und kollektiv sind, während bei höher entwickelten, arbeitsteiligen Organisationen Moral (i.e. organische Solidarität) und Zellkommunikation gezielte, individuelle Vorgänge sind, die so die entsprechenden Teilbereiche einer Organisation in den Dienst der Gesamtheit stellen.

Ich werde als erstes Durkheims segmentäre Gesellschaft charakterisieren und mit dem Kommunikationssystem von niedrig entwickelten Organismen vergleichen, anschließend stelle ich den Prozess ihrer Entwicklung dar und werde dann die arbeitsteilige Gesellschaften mit höher entwickelten Organismen vergleichen.

Von der Frage getrieben, wie es zu gehen kann, Ädass das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt“ (ebd.: 82) identifiziert Durkheim zwei Gesellschaftstypen; die segmentäre und die arbeitsteilige. Die (primitive) segmentäre Gesellschaft zeichnet sich durch homogene und indifferente Segmente aus, es handelt sich um abgegrenzte Dorf- oder Clangemeinschaften, die minimalen Kontakt nach außen pflegen. Städte existieren nicht, die Bevölkerung verteilt sich gleichmäßig über die Fläche des beherrschten Gebietes. Bevölkerungswachstum und Zunahme von sozialen Beziehungen, Durkheim spricht von materieller und von moralischer Dichte, stagnieren (ebd.: 315). In der segmentären Gesellschaft existiert keine Arbeitsteilung, jeder sorgt für sein eigenes Auskommen. Die Produktion basiert hauptsächlich auf Subsistenzwirtschaft. Ihre Mitglieder folgen alle ein und derselben Weltanschauung, d.h. es herrscht eine kollektive Moral, die das Empfinden und Handeln des Einzelnen bestimmt. Das Verhältnis zwischen den einzelnen Mitglieder dieser segmentären Gesellschaft ist durch diese einheitsstiftende Moral bedingt und wird von Durkheim als Ämechanische Solidarität“ bezeichnet, die Sympathie aus Ähnlichkeit (ebd.: 181f).

Bei der Entwicklung des Lebens auf dieser Erde war der allererste Organismus - höchst- wahrscheinlich - Äeine Art Ur-Zelle“ (von Ditfurth 19861980: 32). Um als funktionelles System zu überleben, musste sich diese nicht spezialisierte Zelle von der Außenwelt, d.h. vom Ur-Ozean, abgrenzen. Sie musste ihr Inneres schützen. Dabei war zu beachten, dass aufgrund der Entropie, d.h. die Tendenz aller Energiedifferenzen innerhalb eines geschlossenen System sich auszugleichen, diese Abriegelung nicht total sein durfte. Anderenfalls wäre die Zelle nicht lange überlebensfähig. Aus diesem Umstand entwickelte die Zelle eine semipermeable Außenhülle, um notwendige Elemente aufzunehmen und gegebenenfalls andere abzugeben (ebd.: 32 ff). Diese Zelle schloss sich nun vor ca. anderthalb Milliarden Jahren mit anderen Einzellern zu mehrzelligen Organismen zusammen. Wobei hier zu beachten ist, dass diese Einzeller im Grunde genommen gar nicht als separat Zelleinheiten existiert haben, vielmehr handelte es sich um Zellen, die sich im Anschluss an eine Zellteilung nicht vollständig voneinander getrennt hatten. Diese Häufchen von Zellen waren untereinander weder organisiert noch irgendwie spezialisiert (ebd.: 53). Wir haben es hier also mit einer Organisation zu tun, die aus mehreren Elementen besteht und weder Arbeitsteilung noch Spezialisierung kennt. Desweiteren, als zwingend-logische Konsequenz ihrer Entwicklung, nimmt die Zahl der Zellen die an der Oberfläche liegen ab. Lebensnotwendig war ein Ä[konstantes] ‚inneres Milieu‘“ der Zelle, jede Ausstattung der Zelle war allein dafür gedacht, dieses Milieu zu wahren (ebd.: 54f). Die ÄBinnenabstimmung“ innerhalb dieser Mehrzeller oder anders gesagt, Ädie funktionelle Integration der Zellen in einem einheitlich agierenden Individuum erfolgt[e]“ mittels Äflüssigen, hormonähnlichen Wirkstoffen“ (ebd.: 59). ÄFlüssige Wirkstoffe waren es dann also immer, die sich in […][der] Gewebsflüssigkeit ausbreiteten und dort, wo sie schließlich eintrafen, den Effekt auslösten“ (ebd.: 58). Es handelte sich um ÄStoffwechselprodukte, die die kleine Kugel in langsam aufeinander folgenden Wellen [durchströmten] und alle ihre Mitglieder den jeweils gleichen chemischen Reizen [unterwarfen]“ (ebd.: 59 f). Die Steuerung der Mehrzeller - allen voran die synchrone Abstimmung der Geißelbewegungen - war demnach durch ungezielte, den ganzen Zellhaufen durchsickernde, kollektiv-wirkende Hormone geregelt (ebd.: 66).

Durkheims segmentäre Gesellschaft und die ersten primitiven Mehrzeller betrachtend, ergeben sich einige Gemeinsamkeiten. Die Strukturen beider Organisationen sind größtenteils homogen und indifferent. Arbeitsteilung und Spezialisierung sind nicht vorhanden oder nur sehr schwach ausgeprägt. Sympathie bzw. Anziehung aus Ähnlichkeit, sprich Ämechanische Solidarität“ (Durkheim 19881893: 181), ist vorherrschend. Der Kontakt zur Außenwelt ist bei beiden sehr beschränkt und nur die, die am äußeren Rand lokalisiert sind, haben leidlich etwas mit dem Austausch und der inneren Verteilung von fremden auswärtigen Gütern bzw. Nährstoffen zu schaffen.

Den Ursprung für den Entwicklungsprozess, den die segmentäre Gesellschaft nun durchmacht und sie zur arbeitsteiligen Gesellschaft weiterentwickelt, sieht Durkheim Äin gewissen Variationen des sozialen Milieus“, d.h. innerhalb der Segmente, begründet (ebd.: 314). Wobei das Vorhandensein von Segmenten es geradezu unmöglich macht, dass sich Arbeitsteilung herausbildet, sie sind Äein unüberwindliches Hindernis […], das wenigstens zum Teil verschwunden sein muss […]. Diese [i.e. die Arbeitsteilung] kann nur in dem Maß auftauchen, in dem die segmentäre Organisation sich verflüchtigt“ (ebd.: 314). Dass es trotzdem zu dieser Entwicklung gekommen ist, hat seinen Grund darin, dass Ädie sozialen Segmente an Individualität verlieren, dass die Wände, die sie trennen, durchlässiger werden, dass, mit einem Wort, zwischen ihnen ein enger Kontakt entsteht“ (Hervorhebung nicht im Original), der es den einzelnen Mitgliedern nun erlaubt neue Verbindungen einzugehen (ebd.: 314). Ein Bewegungsaustausch innerhalb der sozialen Massen beginnt, Beziehungen untereinander nehmen zu. ÄDie Arbeitsteilung schreitet also um so mehr fort, je mehr Individuen es gibt, die in genügend nahem Kontakt zueinander stehen“ (ebd.: 315). D.h. je mehr Kommunikation untereinander, desto größer die Arbeitsteilung. Neben der erhöhten Kommunikation muss sich auch die materielle Dichte, die Konzentrierung der Mitglieder einer Gesellschaft auf wenig Fläche, erhöhen, um die Arbeitsteilung voranzutreiben. Dies geht einher mit einer allgemeinen Bevölkerungszunahme. Hat sich dann die Arbeitsteilung etabliert, beschleunigt sie die weitere Arbeitsteilung. Je größer die Gesellschaft nun wird und je höher die Arbeitsteilung ist, desto heterogener wird erstere (ebd.: 322).

Die sich aus der segmentären entwickelnde arbeitsteilige Gesellschaft charakterisiert sich durch eine größere materielle und moralische Dichte und Bevölkerungsvolumen. Kommunikationswege nehmen zu (ebd.: 318f). Es kommt zur weiteren Spezialisierung und Arbeitsteilung, sowohl innerhalb als auch zwischen verschiedenen Branchen und Arbeitsbereichen (ebd.: 329). Die voranschreitende Arbeitsteilung ist ein Symptom des, durch das größere Volumen verstärkten, Konkurrenzkampfes, der einzelne Mitglieder zwingt, sich in Nischenbereichen niederzulassen (ebd.: 325 ff). Die entstehende funktionale Differenzierung sorgt auch für eine Differenzierung der Anschauungen des einzelnen Mitgliedes, begründet somit individuelle Moral. Aufgrund dieser Spezialisierung können sich die Individuen dieser Gesellschaft ihre Existenz alleine nicht mehr sichern, sie sind auf andere angewiesen. Durkheim nennt diese Abhängigkeit Äorganische Solidarität“ (ebd.: 183). Diese Solidarität ist von der ÄSympathie aus Ungleichheit“ und einer Verminderung des Kollektivbewusstseins geprägt. Je individueller der Einzelne wird, desto mehr ist er auf die Gesellschaft angewiesen und auf die Kommunikation mit anderen (ebd.: 336).

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Details

Titel
Zur evolutions-biologischen Analogie der Solidaritäts- und Moralbegriffe von segmentären und arbeitsteiligen Gesellschaften bei Durkheim
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Soziologische Theorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
7
Katalognummer
V153146
ISBN (eBook)
9783640652044
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Durkheim, mechanische Solidarität, organische Solidarität, Moral, Evolution, Biologie, segmentäre Gesellschaft, arbeitsteilige Gesellschaft
Arbeit zitieren
Jochen Rehmert (Autor), 2009, Zur evolutions-biologischen Analogie der Solidaritäts- und Moralbegriffe von segmentären und arbeitsteiligen Gesellschaften bei Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153146

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