Identifikationsmodus in „La familia de Pascual Duarte“


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis / Gliederung

I. Vorwort

2. Der Identifikatiorr.modus
2.1 Bcgrifilichc Bcslimmung
2.2 Idcntifikation in dcr Litcratur

3. Distanz versus Knipathie in .,La familia de Pascual Duarte"
3.1 Die Schaflung von Distanz
3.2 Die Schafiung von Empalhic 32.1 Die Schicksalscbcnc
3.2.2 Die Na:hvollzichhart:cit dcr Handlungcn
3.2.3 Die fbcncdcs Mcnschlichkcitsbilds 32.4 Die Ubcischncidung dcr fbenen

4. Zusammenfassung / Interprets to rise her Ausblick

5.Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Der Roman „La familia de Pascual Duarte“ wurde von dem Schriftsteller Camilo José Cela verfasst und erschien im Jahre 1942 (vgl. Neuschäfer, 2006, S. 378). Es handelt sich hierbei um das weltweit am zweithäufigsten übersetzte spanische Werk (vgl. Bau­er-Funke, 2009, S. 82). Als Textgrundlage für die vorliegende Arbeit und die zur The­senbelegung herangezogenen Zitate soll die erste im Verlag Seix Barral erschienene Ausgabe vom April 1984 dienen (siehe Literaturverzeichnis).

Im literaturgeschichtlichen Kontext ist der Roman in der Anfangszeit der Franco-Ära und somit nur wenige Jahre nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs anzusiedeln. Nachdem „La familia de Pascual Duarte“ 1942 in Burgos gedruckt wurde, unterlag er später der franquistischen Zensur (vgl. Bauer-Funke, 2009, S. 82). Jene zwang Autoren und Regisseure zu einer wenigstens oberflächlichen Anpassung an die ideologischen Kriterien der Diktatur, obwohl es einigen mit viel literarischer Finesse gelang, die Lücken der Zensur zu nutzen und sie zu unterlaufen (vgl. Stenzel, 2005, S. 222).

Das Erscheinen des Romans bedeutete nicht nur „[...] den Beginn einer kritischen Lite­ratur, die das Bürgertum [...]“ erschütterte, sondern stellte gleichzeitig auch mehrere Tabubrüche dar (Bauer-Funke, 2009, S. 82). Auf der einen Seite schuf Cela mit seinen schonungslosen, exzessiven und detaillierten Darstellungen von Gewalt, Brutalität und Mord eine fortan als „Tremendismo“ bekannte literarische Erzählform (vgl. Bauer-Fun­ke, 2009, S. 82). Auf der anderen Seite brach er „[...] den franquistischen Mythos eines in Frieden lebenden und glücklichen Volkes, indem er die sozialen Missstände in der Provinz [...]“ und das Landleben der Bauern realitätsnah und fern der diktatorischen Idealisierung beschrieb (Bauer-Funke, 2009, S. 82).

Die vorliegende Arbeit möchte nun insbesondere der Fragestellung nachgehen, inwie­fern sich Cela in „La familia de Pascual Duarte“ eines speziellen Identifikationsmodus bedient und welche Wirkungen dieser auf die Leser hat. Es gilt, die Behauptungen, dass sowohl Distanz als auch Nähe zum Protagonisten hergestellt werden sollen (vgl. Bauer­Funke, 2009, S. 83), zu überprüfen.

2 Der Identifikationsmodus

Wie bereits im Vorwort beschrieben, steht die Vermutung im Raum, dass sich Cela auf zwei Arten eines Identifikationsmodus bedient (vgl. Bauer-Funke, 2009, S. 83). Anhand seiner Lebensdarstellung soll Pascual Duarte sowohl als abschreckendes Beispiel die­nen, wobei durch die einleitende Beschreibung eines fiktiven Transskriptors weitere Di­stanz geschaffen wird, als auch mithilfe sprachlicher Details das Bild eines ,,[...] bruta­len und grausamen Protagonisten als schüchternen und im Kern womöglich guten Men­schen [...]“ zu vermitteln (Bauer-Funke, 2009, S. 83), um so Nähe herzustellen.

Um dies zu überprüfen, bedarf es allerdings einer vorherigen näheren Darstellung des Identifikationsbegriffs.

2.1 Begriffliche Bestimmung

Der Begriff „Identifikation“ leitet sich aus dem lateinischen Demonstrativpronomen „idem“ (=derselbe) und dem Verb „facere“ (=machen) ab. Übersetzt bedeutet dies so viel wie „gleich machen“ und spricht das Vorhandensein von zwei personellen Ebenen an, die zu einer Einheit verschmelzen. Bevor man sich der Bedeutung der Identifikation in der Literatur bewusst wird, scheint es notwendig, erst einmal den psychologischen Aspekt zu beleuchten.

Vor diesem Hintergrund meint Identifikation die „[...] Tendenz eines Individuums, Ein­stellungen, Wertorientierungen, Gesten und andere Attribute eines anderen Individuums so zu assimilieren bzw. sich zu eigen zu machen, dass es sich vollständig oder teilweise nach diesem Vorbild umwandelt“ (Link A). Aus psychoanalytischer Sicht ist sie ein wichtiger Bestandteil des Findungsprozesses der eigenen Individualität, sodass das Indi­viduum aus seinen Befriedigungssituationen einerseits und seinen Frustrationssituatio­nen andererseits die Fähigkeit lernt, sich selbst von anderen zu unterscheiden (vgl. Link A).

Unter Identifikation wird aber nicht nur das ultimative Ziel der Gleichsetzung zweier Individuen verstanden, sondern auch das vorübergehende Empfinden von Mitgefühl für einen Anderen (vgl. Link B). So wird unter Empathie die Fähigkeit verstanden, „[...] sich in Gefühle oder Einstellungen anderer Menschen hineinzuversetzen“ und „[...] sich vorübergehend mit einem anderen Individuum zu identifizieren“ (beide Zitate: Link B).

Die Möglichkeit dazu hängt dabei von diversen psychologischen Faktoren, wie zum Beispiel der emotionalen Intelligenz, ab (vgl. Link B).

Wenn unter dem Begriff der Identifikation eine Art des Mitempfindens, der Empathie und des Sich-Hinein-Versetzens in den Protagonisten zu verstehen ist, dann liegt im Umkehrschluss allerdings auch die Vermutung nahe, dass zeitgleich das Phänomen der Distanzierung zu dem Oberbegriff „Identifikation“ gezählt werden kann. Auf dieser Ebene setzt der gegenteilige Prozess des Sich-Hineinversetzens ein, nämlich als eine Form der Anti-Identifizierung und Distanzierung von den Handlungen, den Aussagen oder gar dem Wesen des Protagonisten oder anderer Charaktere, da diese dem Leser womöglich als abschreckend, realitätsfern oder nicht normgerecht erscheinen.

2.2 Identifikation in der Literatur

In Bezug auf Literatur lassen all diese Definitionen nur den Schluss zu, dass es sich vor dem Hintergrund der Identifikation in der Literatur hierbei um Mittel und Methoden handelt, die dazu dienen sollen, durch speziell geartete Beschreibungen von Zuständen, Aussagen der Charaktere oder Anotationen Dritter, den Leser in die Lage zu versetzen, vorübergehende Empathie für einen speziellen Charakter zu empfinden und im inten­sivsten Fall sogar mit ihm zu „verschmelzen“.

3 Distanz versus Empathie in ..La familia de Pascual Duarte“

Im Anschluss an die vorangegangene Beschreibung des Identifikationsbegriffs gilt es nun, anhand von Textbeispielen die der vorliegenden Arbeit immanente These zu unter­suchen. Hier steht die Behauptung von Bauer-Funke im Raum, dass im Leser ein zwei­schneidiges Bild im Sinne eine Polarität erzeugt wird (vgl. Bauer-Funke, 2009, S. 83). Im Sinne dieser bedient sich „La familia de Pascual Duarte“ sowohl „positiver“, als auch „negativer“ Identifikation, also der Schaffung von Distanz auf der einen und der Erzeugung von Empathie auf der anderen Seite, sodass sie einen bipolaren Gegensatz bilden. Folglich bedarf es einer detaillierten Betrachtung dieser beiden Identifikations­wege.

3.1 Die Schaffung von Distanz

Um eine Distanzierung der Leser zu Pascual Duarte herzustellen, bedient sich der Autor zweier Methoden, nämlich dem fiktiven Vorwort des Transskriptors auf der einen und den detaillierten Beschreibungen von Gewalt auf der anderen Seite.

So gehört zur Rahmung des Textes die Anotation eines fiktiven Transskriptors, der an­deutet, zwar nicht einen Akzent korrigiert oder hinzugefügt („[...] no he corregido ni añadido ni una tilde [...]“; Nota del Transcriptor, S. 14), diverse Szenen aufgrund der immensen Brutalität allerdings herausgeschnitten zu haben („He preferido, en algunas pasajes demasiado crudos de la obra, usar de la tijera y cortar por lo sano [...]; Nota del Transcriptor, S. 14). Er beschreibt Pascual Duarte als Beispiel, dem es nicht nachzuei­fern gilt und bittet die Leser gleichzeitig um eine Wahrung von Distanz, wenngleich ihm die Empathie-Erzeugende Wirkung seiner Erzählungen bewusst ist, auf die er eben­falls verweist („El personaje, a mi modo de ver, y quizá por lo único que lo saco a la luz, es un modelo de conductas; un modelo no para imitarlo, sino para huirlo; un mode­lo ante el cual toda actitud de duda sobra; un modelo ante el que no cabe sino decir: - ¿Ves lo que hace? Pues hace lo contrario de lo que debiera“; Nota del Transcriptor, S. 14). Bauer-Funke sieht in diesem Vorwort die eindeutige Absicht des Autors, eine vor­zeitige Distanzierung oder zumindest ein größeres Lesebewusstsein hervorzurufen (vgl. Bauer-Funke, 2009, S. 83). So scheint es möglich, dass das Vorwort seine intendierte Absicht erfüllt, zumindest aber eine Sensibilisierung für die gewalttätigen Szenen in Pascual Duartes Leben bewirkt, die im Zweifel sonst nicht derart wahrgenommen wür­den. Der Leser begegnet seinem Protagonisten aller Voraussicht nach mit Sicherheit nicht vorurteilsfrei oder unbefangen.

Des Weiteren dienen insbesondere eben jene Gewaltausbrüche des Protagonisten dem Vorhaben, eine Distanzierung hervorzurufen (vgl. Bauer-Funke, 2009, S. 83), vor allem durch ihre schockierende Wirkung (vgl. Neuschäfer, 2006, S. 379). Gerade die Unver­ständlichkeit, das Nicht-Nachvollziehen-Können Pascual Duartes gewalttätiger Hand­lungen und Denkweisen bewirkt dies. Durch das folgende Textbeispiel wird es besonders deutlich: „La perra seguía mirándome fija, como si no me hubiera visto nunca, como si fuese a culparme de algo de un momento a otro, y su mirada me calentaba la sangre de las venas de tal manera que se veía llegar el momento en que tuviese que entregarme; hacía calor, un calor espantoso, y mis ojos se entornaban dominados por el mirar, como un clavo, del animal. Cogí la escopeta y desparé; volví a cargar y volví a disparar” (Kapitel 1, S. 29). Die Tötung des Hundes kommt im Allge­meinen für den Leser derart überraschend und ist zugleich in vollem Maße unverständ­lich, da ihm bis hierher keinerlei moralische Rechtfertigung, wie zum Beispiel der Ver­weis auf sein Schicksal, wie es im weiteren Verlauf der Lektüre der Fall ist, präsentiert wurde. Lediglich der Verweis auf einen interpretierten Blick der Hündin, den der Prot­agonist als „schuldzuweisend“ empfindet, kann keinerlei rechtfertigende Funktion erfül­len. Das Pascual Duarte in dieser Szene seine Hündin tötet, schafft darüber hinaus wei­tere Distanz, da Tiere für gewöhnlich als schutzlos dem Menschen gegenüber empfun­den werden, sodass diese Tat Züge einer hohen Form der moralischen Verderblichkeit aufweist. Es kann vermutet werden, dass auf der Ebene der Distanz hier bereits ein früh­zeitiger Höhepunkt erreicht ist, insbesondere aufgrund des Fehlens jeglicher Begrün­dungen.

Wenngleich diverse Textstellen vorhanden sind, die als Beleg für diese These dienen können, sollte doch auch insbesondere die folgende hervorgehoben werden: „Me eché sobre ella y la clavé; la clavé lo menos veinte veces...Tenía la piel dura; mucho más dura que la da Zacarías...” (Kapitel 9, S.93). Hier wird ein wahrer Gewaltexzess be­schrieben, als Pascual Duarte 20 Mal zusticht und dabei noch detailliert über die Haut­beschaffenheit seines Opfers spricht. Dies führt den Leser aufgrund seiner Übersteigert- heit zu einer Distanz von seinen Handlungen, oder gar dem Wesen Pascual Duartes, hin. Die Tatsache, dass es sich bei seinem Opfer dabei um ein Pferd handelt, bestärkt dies, da davon auszugehen ist, dass Mörder von Tieren im Allgemeinbild der Bevölkerung das Unverständnis auf sich vereinen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Identifikationsmodus in „La familia de Pascual Duarte“
Hochschule
Universität Kassel  (Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften (Romanistik))
Veranstaltung
Literatur und Gewalt – Camilo José Cela: La familia de Pascual Duarte
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V153247
ISBN (eBook)
9783640653744
ISBN (Buch)
9783640653508
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman "La familia de Pascual Duarte" von Camilo José Cela hinsichtlich eines Identifikationsmodus mit dem Protagonisten des Romans.
Schlagworte
Identifikation, Pascual Duarte, Literatur, Spanisch
Arbeit zitieren
Daniel Wehnhardt (Autor), 2009, Identifikationsmodus in „La familia de Pascual Duarte“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153247

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