1. Einleitung
International agierende Unternehmen sehen sich häufig in der Pflicht, ihren Jahresab-schluss sowohl nach den deutschen Richtlinien des Handelsgesetzbuches (HGB) als auch nach den internationalen Richtlinien der International Accounting Standards (IAS) zu erstellen. Mitunter können dabei gravierende Unterschiede zu Tage gefördert wer-den. So wies beispielsweise das Versicherungsunternehmen Allianz im Jahr 2001 fast doppelt so viel Eigenkapital nach IAS wie nach HGB aus. Über 60% dieser Differenz lassen sich durch die Bilanzierung von sogenannten stillen Reserven erklären. Stille Reserven entstehen entweder als Folge einer Unterbewertung der Aktiva, oder durch eine Überbewertung der Passiva – im Falle der Allianz entspricht dies immerhin knapp 8,3 Mrd. €. Das Beispiel verdeutlicht, dass stille Reserven nach HGB und IAS gänzlich unterschiedlich behandelt werden. Während sie durch das HGB in einigen Fällen erlaubt sind, lehnt das IAS sie grundsätzlich ab. Die abweichenden Bilanzierungsvorgaben von stillen Reserven nach IAS und HGB können dabei zu stark unterschiedlichen Aussagen über die Finanzlage eines Unternehmens führen. Unter anderem deshalb werden ausländische Jahresabschlüsse von der US-amerikanischen Börsenzulassungsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) nicht zugelassen, wohingegen US-amerikanische Jahresabschlüsse in Deutschland anerkannt werden. Inzwischen hat der deutsche Gesetzgeber mit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz Anstrengungen un-ternommen, die Richtlinien des HGB stärker an die internationalen Vorgaben anzuleh-nen. So wurden einige Möglichkeiten zur Bildung von stillen Reserven im HGB eindeu-tig eliminiert.
Ziel dieser Arbeit ist es, die unterschiedlichen Bilanzierungsarten der stillen Reserven nach HGB- und IAS/IFRS-Richtlinien und die daraus resultierende Problematik aufzu-zeigen. Dabei soll keine detaillierte Beschreibung des Aufbaus und der Regulierungen des HGB und der IAS/IFRS gegeben werden. Vielmehr sollen die Richtlinien in ihren wesentlichen Grundzügen erläutert werden und auf die für die Bilanzierung von stillen Reserven bedeutenden Unterschiede eingegangen werden. Hierzu sollen in Kapitel 2 die begrifflichen Grundlagen erläutert werden, bevor in Kapitel 3 auf die Unterschiede ein-gegangen wird. In Kapitel 4 sollen die Ergebnisse diskutiert und analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen und Definitionen
2.1 Stille Reserven
2.2 Handelsgesetzbuch
2.3 International Accounting Standards / International Financial Reporting Standards
3. Stille Reserven im Vergleich nach HGB- und IAS/IFRS-Richtlinien
3.1. Zwangsreserven
3.2. Dispositionsreserven
3.3. Ermessensreserven
3.4. Willkürreserven
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themenfelder
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die unterschiedlichen Bilanzierungsarten stiller Reserven nach den Richtlinien des Handelsgesetzbuches (HGB) sowie der internationalen Standards (IAS/IFRS) zu analysieren und die daraus resultierende Problematik für die Vergleichbarkeit von Jahresabschlüssen aufzuzeigen.
- Grundlagen und Definitionen stiller Reserven
- Vergleich der Bilanzierungsprinzipien von HGB und IAS/IFRS
- Einfluss des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG)
- Differenzierung zwischen Zwangs-, Dispositions-, Ermessens- und Willkürreserven
Auszug aus dem Buch
3.3. Ermessensreserven
Im Gegensatz zu den Dispositionsreserven stellen die Ermessensreserven keinen genau definierten Bilanzierungsfreiraum dar. Sie resultieren aus Schätzunsicherheiten und unvollkommenen Informationen und sind weder auf Seiten des HGB noch des IAS/IFRS gezielt zu ermöglichen oder zu eliminieren.
Grundsätzlich kann jedoch gesagt werden, dass die Richtlinien des HGB aufgrund des Vorsichtsprinzips eher dazu neigen, die Bildung von Ermessensreserven zu fördern. So können beispielsweise überhöhte planmäßige Abschreibungen entstehen, da die Nutzungsdauer und die Abschreibungsmethode der Investition geschätzt werden müssen. Auch bei der Bewertung von Rückstellungen könnte das Unternehmen aufgrund des Vorsichtsprinzips zu einer Überbewertung neigen und damit stille Ermessensreserven bilden.
Auf Seiten des IAS/IFRS stehen dem Management ebenfalls erhebliche Möglichkeiten zur Bildung von Ermessensreserven zur Verfügung. Insbesondere aufgrund der Vorgabe der Zeitwertbilanzierung entsteht für das Unternehmen häufig die Pflicht, Bilanzwerte zu schätzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Relevanz der Differenzen zwischen HGB- und IAS-Bilanzierung anhand von Unternehmensbeispielen und definiert das Ziel der Untersuchung.
2. Grundlagen und Definitionen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der stillen Reserven sowie die regulatorischen Rahmenbedingungen des HGB und der IAS/IFRS dargelegt.
3. Stille Reserven im Vergleich nach HGB- und IAS/IFRS-Richtlinien: Dieser Hauptteil analysiert die unterschiedliche Behandlung der vier Arten stiller Reserven und diskutiert die Auswirkungen des BilMoG auf die Angleichung an internationale Standards.
4. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und beleuchtet die kritische Sichtweise der betriebswirtschaftlichen Theorie auf stille Reserven im Kontext der Finanzkrise.
Schlüsselwörter
Stille Reserven, HGB, IAS, IFRS, Bilanzierung, BilMoG, Vorsichtsprinzip, Jahresabschluss, Anschaffungskostenprinzip, Vermögensgegenstände, Eigenkapital, Finanzkrise, Unternehmensführung, Bewertungswahlrechte, GoB
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die bilanzrechtlichen Unterschiede bei der Bildung und Auflösung stiller Reserven unter Berücksichtigung der deutschen HGB-Vorschriften im Vergleich zu internationalen Standards.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit fokussiert sich auf die vier Kategorien stiller Reserven (Zwangs-, Dispositions-, Ermessens- und Willkürreserven) und deren Einfluss auf die Aussagekraft von Jahresabschlüssen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Problematik der Bilanzierung stiller Reserven aufzuzeigen, die durch die unterschiedlichen Zielsetzungen der Rechnungslegung (Gläubigerschutz vs. Informationsfunktion) entstehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die Fachliteratur sowie gesetzliche Bestimmungen (HGB, BilMoG, IAS/IFRS) gegenüberstellt und vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die vier Arten stiller Reserven und vergleicht die jeweiligen Bilanzierungsregeln, wobei auch die Modernisierungen durch das BilMoG detailliert betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Stille Reserven, Vorsichtsprinzip, BilMoG, HGB und IAS/IFRS.
Welchen Einfluss hat das BilMoG auf die Entstehung stiller Reserven?
Durch das BilMoG wurden zahlreiche Aktivierungswahlrechte im HGB eingeschränkt oder abgeschafft, was zu einer Reduzierung der Möglichkeiten zur Bildung stiller Reserven und einer stärkeren Annäherung an IAS/IFRS führte.
Warum gelten stille Reserven in Krisenzeiten als vorteilhaft?
Stille Reserven können in wirtschaftlich schwierigen Zeiten als Puffer dienen, um drohende Insolvenzen abzuwenden, da sie in der Bilanz nicht ausgewiesene Substanzwerte darstellen, die bei Bedarf aufgedeckt werden können.
- Quote paper
- Sandra Peters (Author), 2010, Stille Reserven nach HGB- und IAS IFRS-Richtlinien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153264