Der Verein als Interessenorganisation und Arbeitgeber

Eine Betrachtung von Akteuren, sozialen Strukturen, Dynamiken und Spannungsfeldern


Hausarbeit, 2009

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Akteurmodelle & Modelle soziale Strukturdynamiken
2.1 Soziologische Akteurmodelle
2.1.1 Der normorientierte Homo Sociologicus . .
2.1.2 Der nutzenorientierte Homo Oeconomicus .
2.1.3 „Emotional Man“ und Identitätsbehaupter
2.2 Modelle sozialer Strukturdynamiken
2.2.1 Akteure in Konstellationen wechselseitiger Beobachtung
2.2.2 Akteure in Konstellationen wechselseitiger Beeinflussung
2.2.3 Akteure in Konstellationen wechselseitiger Verhandlung
2.2.4 Die Zusammenfügung der Konstellationsar­ten

3 Verein: Interessenorganisation mit Arbeitsorganisation
3.1 Strukturdynamiken innerhalb der Interessenorga­nisation
3.2 Strukturdynamiken innerhalb der Arbeitsorganisa­tion
3.3 Strukturdynamiken in Interessenorganisationen mit Arbeitsorganisation

4 Zusammenfassende Betrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eine Vielzahl von sozialen Aufgaben werden in der BR Deutsch­land durch gemeinnützige Vereine wahrgenommen. So ist ein Groß­teil von sozialen Dienstleistungen und Unterstützungsangeboten in der Gesellschaft im Rahmen der freien Wohlfahrtpflege, auf einer freigemeinnützigen Grundlage und im Rahmen von Ver­bänden und Vereinen organisiert. Neben Bildungseinrichtungen werden etwa Kindergärten, Alten- und Pflegeheime und Einrich­tungen der Behindertenhilfe unter dem Dach so genannter Trä­gervereine betrieben. Eine Besonderheit hierbei ist, dass Verei­ne im aufgezeigten Bereich Interessenorganisation sind, die zur Wahrnehmung ihrer satzungsgemäßen Aufgaben häufig auch ei­ne Arbeitsorganisation unterhalten. Nicht selten finden sich in derartigen Konstellationen Situationen, an denen sich Mitglieder der Interessenorganisation und Mitarbeiter der Arbeitsorganisa­tion in ihrem handelnden Zusammenwirken innerhalb von Span­nungsfeldern gegenüberstehen - etwa wenn es um Fragen des ver­meintlich „richtigen“ Unterstützungs- und Betreuungsangebotes für Angehörige bzw. von Klienten geht.

Die vorliegende Arbeit möchte den Versuch unternehmen, die beschriebene Problemstellung aus einer soziologischen Perspekti­ve heraus zu beleuchten. Hierzu sollen in einem ersten Teil ver­schiedene soziologische Akteurmodelle als Theorien der Hand­lungswahl in ihren Grundzügen vorgestellt werden, sowie Modelle sozialer Strukturdynamiken als Theorien der Handlungswirkun­gen den zu beschreibenden Schwerpunkt der Betrachtungen bil­den. Auf der Grundlage empirischer Analysen wird die Arbeit die sozialen Strukturen, Dynamiken und Spannungsfelder innerhalb der Interessenorganisation einerseits und der Arbeitsorganisation andererseits, sowie zwischen beiden korporativen Akteuren und ihren Mitgliedern in einem zweiten Teil vertiefend beschreiben. In den Betrachtungen im Schlussteil wird noch einmal der Versuch unternommen, die beiden vorhergehenden Teile in einem klären­den Sinn zusammenfassend zu beschreiben.

Weibliche und männliche Schreibweisen werden in der vorlie­genden Arbeit unsystematisch verwendet, da eine allgemein ge­schlechtsneutrale Schreibweise nach Auffassung des Verfassers die Lesbarkeit des Textes eher nachteilig beeinflussen würde. Gemeint sind natürlich immer beide Geschlechter.1

2 Akteurmodelle und Modelle sozialer Strukturdynamiken

Die Soziologie - als Wissenschaft von der Sozialität - sieht sich mit der Bearbeitung von zwei Arten oft eng aufeinander bezo­gener Erklärungsprobleme konfrontiert. Einerseits sind durch sie Fragen nach den Handlungswahlen von Akteuren zu beantwor­ten, also Fragen danach, warum Akteure in einer spezifischen Si­tuation gerade so und nicht anders handeln. Andererseits sind dies Fragen nach den Handlungswirkungen, also Fragen danach, welche Wirkungen ein bestimmtes Handeln im Zusammenwirken mit dem Handeln von anderen Akteuren hat. Unter Handeln wird hierbei sinnhaft motiviertes Verhalten verstanden, welches in sei­nem Sinn auf andere Akteure bezogen oder gerichtet ist und wel­ches sich zwischen mehreren Akteuren gestaltet. Vollzieht sich derartiges Verhalten zwischen mindestens zwei Akteuren, so ent­steht eine soziale Beziehung, welche sich als normativ geordne­te Intersubjektivität verfestigen kann. Für die Erklärung einiger spezifischer Probleme kann es notwendig sein, dass beide Frage­richtungen - die nach den Handlungswahlen und die nach den Handlungswirkungen - beantwortet werden, so wie dies Gegen­stand der vorliegenden Arbeit ist.

Um die Komplexität des hier betrachteten Feldes und die ihm innewohnenden Dynamiken beschreiben zu können, scheint es me­thodisch angebracht, auf einer Mikroebene zunächst die Hand­lungswahlen und -wirkungen der einzelnen handelnden Indivi­duen zu betrachten. Im Zentrum stehen hierbei die Mitglieder des Vereins als Interessenorganisation sowie die Mitarbeiter der vereinseigenen Arbeitsorganisation. Erklärungsansätze von deren Handlungswahlen rücken beispielsweise Fragen in den Fokus, wie etwa nach dem Grund, warum sich Akteure in einer Interessenor­ganisation zusammenfinden oder sich dem Verein als Mitglieder der Arbeitsorganisation anschließen. Erklärungen der Handlungs­wirkungen, welche die Dynamiken innerhalb der beiden Organi­sationsformen fassen, fokussieren Fragen wie etwa danach, welche Spannungen zwischen den Akteuren entstehen und bestehen kön­nen. Auf einer Makroebene rücken dann schließlich die einzelnen Dynamiken und Spannungen innerhalb der sowie zwischen den jeweiligen Organisationsformen in den Mittelpunkt der Betrach­tungen.

Abschließend zu diesen einleitenden Ausführungen noch der Verweis, dass die hier vorliegenden Überlegungen zu einzelnen so­ziologischen Akteurmodellen und zu den Modellen sozialer Struk­turdynamiken im Wesentlichen auf die Ausführungen von Schi- mank (1998 und 1999) zurückgreifen.

2.1 Soziologische Akteurmodelle

Soziologische Akteurmodelle versuchen zu beschreiben, wie han­delnde Individuen aus den verschiedenen ihnen sich darbietenden Handlungsoptionen auswählen und diese Handlungen auch aus­führen, wobei hier das Spektrum der verschiedenen Handlungs­möglichkeiten strukturell bereits bestimmt ist. Im Kern handelt es sich hier um vier verschiedene Modelle: das des Homo Socio- logicus, das des Homo Oeconomicus, das des „emotional man“ sowie um das Modell des Identitätsbehaupters. Die einzelnen An­sätze verknüpfen dabei teils sehr unterschiedliche Elemente sozia­ler Strukturen mit in verschiedenen Situationen gegebenen Um­ständen - etwa ob jemand auf der Grundlage normativer Vor­gaben oder aus einem emotionalen Impuls heraus handelt - um eine Erklärungskraft zu gewinnen. So ist etwa das normorientier­te Handeln des Homo Sociologius durch andere soziale Struktu­ren und situative Umstände gekennzeichnet, als das der jeweils anderen Modelle. Entsprechend ihren unterschiedlichen theoreti­schen Anwendungsmöglichkeiten und den verschiedenen zu be­schreibenden Handlungsantrieben von Akteuren ermöglichen die Ansätze eine Erklärung von Handeln zwischen den Polen von „Sollen“ und „Wollen“ sowie entlang einer Ebene selektiver „Ent­scheidungen“ zwischen verschiedenen Handlungsalternativen ei­nerseits und dem routinemäßigen Abarbeiten von festgeschriebe­nen Handlungsalgorhythmen andererseits.

2.1.1 Der normorientierte Homo Sociologicus

Das Modell des Homo Sociologicus ist im Wesentlichen durch einen normativen Ansatz gekennzeichnet. Dieses normative Pa­radigma lässt sich bereits auf Durckheim zurückführen, welcher soziale Erscheinungen als Dinge der Außenwelt betrachtete, die durch einen Willensausschluss der Handelnden nicht veränderlich sind. Nach Dürokheims Auffassung bestehen soziale Erscheinun­gen als „Gußformen“, in welche die Akteure ihre Handlungen gie­ßen müssen (vgl. 1855: 125f.). Durch die Außenwelt werden an die Akteure Erwartungen herangetragen, welche diese innerhalb eines bestimmten Spektrums normativer Vorgaben zu erfüllen haben. Der Akteur kann im Modell des Homo Sociologicus keine Ent­scheidungen, die am eigenen Wollen ausgerichtet sind, treffen.

Im Anschluss an Dürokheim führte u.a. Parsons (1937) mit seinem Konzept des „unit act“ das normative Paradigma im Rah­men der strukturfunktionalistischen Theorie fort. Nach Parsons bestehen die Bedingungen der Möglichkeit des sozialen Handelns darin, dass - neben einem Akteur und dessen Intention einer Ziel­verfolgung - eine Situation besteht, welche diesem einerseits Ein­schränkungen auferlegt, andererseits aber auch bestimmte Res­sourcen zur Verfügung stellt. Ferner ist der „unit act“ dadurch gekennzeichnet, dass der Akteur versucht, sein Handeln den Mus­tern anzupassen, die von ihm und den anderen Mitgliedern der­selben Bezugsgruppe als wünschenswert erachtet werden.1 Die Unterwerfung unter das Wünschenswerte, unter die Erwartungen anderer Bezugspersonen, lässt den Homo Sociologicus als einen sollensgeprägten Akteur erscheinen, dessen eigene Willensfreiheit - auf theoretischer Ebene - weitestgehend ausgeblendet ist. Sein Handeln ist einerseits durch Erwartungen an ihn selbst geprägt, andererseits jedoch auch durch seine Erwartungen an andere ge­kennzeichnet. So führen etwa - auf das hier betrachtete Feld bezo­gen - Vereinsmitglieder ihren jährlichen Mitgliedsbeitrag an die Interessenorganisation ab, weil dies konform zur Norm der be­stehenden Bezugsgruppe ist. Die Beitragsentrichtung ist in der Vereinssatzung normativ geregelt. Diese Handlung wird von den Mitgliedern erwartet. Derartige Erwartungen sind Bestandteile sozialer Rollen, die - folgt man Dahrendorf - an das Verhal­ten aller Träger von sozialen Positionen geknüpft sind (vgl. 1958: 144).2

Das Handeln des Homo Sociologicus stellt sich in zwei Vari­anten dar. Erstens im Modell des „role taking“, welches norm­konformes Handeln als komplikationslose Übernahme von Erwar­tungen - beispielsweise in Form einer pünktlichen Entrichtung anstehender Mitgliedsbeiträge im Verein - annimmt.3 Als zweite Variante ist das Modell des „role making“ zu nennen, in welchem der Akteur gefordert ist, verschiedene Arten von komplikations­behafteten Situationen im Rollenhandeln kreativ zu bewältigen. Derartige Situationen treten - folgt man dem strukturfunktio- nalsitischen Rollenmodell - auf, wenn sich ein Akteur in einem Intra-Rollenkonflikt befindet und an ihn gestellte Erwartungen nicht problemlos übernehmen will bzw. kann. Um hier ein Beispiel aufzuzeigen: Das Vereinsmitglied, welches vor kurzen arbeitslos wurde und das seinen Mitgliedsbeitrag mangels verfügbaren Gel­des nicht entrichten kann, gerät in einen derartigen Rollenkon­flikt, denn es kann die Rolle des „zahlenden“ Mitgliedes nicht mehr erwartungsgerecht ausfüllen. Eine kreative Bewältigung der Situation könnte z.B. darin bestehen, dass es sich durch einen spontanen Banküberfall finanziell entlastet und dann seinen Bei­trag entrichten und so seine Rolle wieder vollständig ausfüllen kann.

2.1.2 Der nutzenorientierte Homo Oeconomicus

Der Homo Oeconomicus ist ein aus der Wirtschaftswissenschaft in die Soziologie übernommenes Akteurmodell. Im Gegensatz zum sollensgeprägten Homo Sociologicus, der keine am eigenen Wol­len ausgerichteten Handlungsentscheidungen treffen kann, ist im Modell des Homo Oeconomicus die Weltoffenheit des wollensge- prägten Menschen für diesen die Chance zur Verfolgung eigener Ziele.

Der Homo Oeconomicus ist in seinen Handlungswahlen am ei­genen Nutzen orientiert. So ist die Mitgliedschaft in einem Verein häufig darin intendiert, dass der Akteur seine persönlichen Ziele besser gemeinsam innerhalb einer Gruppe Gleichgesinnter rea­lisieren kann. Gleichzeit sind jedoch die Ressourcen des Homo Oeconomicus begrenzt. So kann er - auch wenn er eine Vielzahl persönlicher Ziele innerhalb von Vereinen besser umsetzen könnte - nicht Mitglied in einer unendlichen Anzahl von Vereinen sein. Sei es, weil ihm die finanziellen Mittel hierzu nicht zur Verfügung stehen oder weil er die aus einer Vielzahl von Mitgliedschaften resultieren Pflichten als Mitglied nicht erfüllen kann. Der Homo Oeconomicus lebt insofern in einer Welt knapper Ressourcen. Sein Wollen übersteigt sein Können. Die das Mögliche überragenden Ziele stellen den Homo Oeconomicus schließlich vor die Notwen­digkeit von Wahlentscheidungen.

Auch entstehen dem Homo Oeconomicus sogenannte Opportu­nitätskosten, indem ihm durch die Verfolgung des einen Zieles, der Nutzen aus der Verfolgung anderer Ziele entgeht. Wenn der Akteur sich etwa sehr engagiert und zeitintensiv in die Vereins­arbeit einbringt, bleibt ihm so weniger Zeit sein Eigenheim zu verschönern oder der wöchentlichen Bundesligaschlusskonferenz am Radiogerät beizuwohnen. Bei seiner Nutzenabwägung kalku­liert der Akteur nicht den absoluten, sondern stets den relati­ven Nutzen - also den absoluten Nutzen abzüglich der ihm ent­stehender Opportunitätskosten - ein. Derartige Kosten/Nutzen­Kalkulationen sind nicht nur in den Bewertungen des Homo Oeco- nomicus subjektiv, sondern auch in seinen Erwartungen hinsicht­lich der Wahrscheinlichkeiten, dass bestimmte Wirkungen und Folgen einer erwogenen Handlungsalternative eintreten. So hofft vielleicht der engagierte Vereinsaktivist, dass sein Einsatz ihm ein höheres Prestige einbringt, als ein schön ausgestaltetes und gepflegtes Zuhause.

Auch wenn das Modell des Homo Oeconomicus aus der Wirt­schaftswissenschaft entlehnt ist, so ist es soziologisch bereits früh reflektiert worden. Bereits Webers Typus des zweckrationalen Handelns entspricht in seinen Grundzügen diesem Akteurmodell der "rational choice" (vgl. 1922:13).

Bis hier wurde das Handeln des Homo Oeconomicus ohne das Vorhandensein anderer Akteure betrachtet. Tatsächlich interfe­riert sein Handeln jedoch mit dem anderer Akteure - sofern er nicht abseits jeglicher Sozialität in der Einsiedelei lebt. Dem Ho­mo Oeconomicus ist somit die Aufgabe der Bearbeitung beste­hender Interdependenzen übertragen. Im Rahmen der Interde­pendenzbewältigung ist er gezwungen, in Form eines strategisch­kalkulierenden Miteinanderumgehens zu reagieren. Will unser Ver­einsmitglied etwa in den Vorstand des Vereins gewählt werden und gibt es noch mehrere gleichermaßen geeigneter Bewerber, so ist seinerseits strategisches Kalkül gefragt, um dieses Ziel zu errei­chen. Es kann seinerseits strategisch klug sein, den Mitbewerbern das Feld der Rhetorik in den Mitgliederversammlungen zu über­lassen, wohl wissend, dass die Mehrzahl der Vereinsmitglieder sein persönliches und tatkräftiges Engagement höher bewerten und diese ihn in den Vorstand wählen werden.

Innerhalb der auftretenden Interdependenzen entstehen und bestehen verschiedene Abhängigkeiten, die mal mehr symmetrisch, mal mehr asymmetrisch sein können, wobei jede Situation, in der ein Akteur die Unterstützung anderer benötigt, dies besonders deutlich veranschaulicht.

Abschließend sei noch hier einmal zusammengefasst: Während beim Homo Sociologicus Sozialität ein normativ geordneter Er­wartungszusammenhang ist, ergibt sich Sozialität beim Homo Oe- conomicus über Abhängigkeiten, in welche die Akteure bei ihrer jeweiligen Zielverfolgung geraten und welche sie vor die Aufgabe von Interdependenzbewältigung stellen.

2.1.3 „Emotional Man“ und Identitätsbehaupter

Normkonformität und Nutzenverfolgung wie sie bisher erörtert wurden, bilden nicht die einzigen Handlungsantriebe. Es lässt sich hier etwa treffend auf Situationen ver, die bei dem einen oder an­deren zu Wutausbrüchen führen oder in denen sich Individuen nicht in ihren Identitäten bestätigt sehen und die schließlich in Handlungen münden, die weder normkonform, noch rational am eigenen Nutzen orientiert sind. Diese Überlegungen führen zu den beiden letzten hier vorzustellenden Modellen - dem "emotional man" und dem Identitätsbehaupter. Auch wenn diese beiden Mo­delle bislang eine weitaus geringere theoretische Ausarbeitung er­fahren haben als die zwei zuvor genannten, so besitzen sie dennoch eine Erklärungskraft für Handlungsantriebe und -wahlen von Ak­teuren.

Emotionen als Dimension sozialen Handelns lassen sich bereits bei Weber als affektuelles Handeln finden (vgl. 1922: 12), wo­bei emotionale Reaktionsmuster als Gefühlslagen von Akteuren aufgefasst werden, die sozial überformt sind. So ist etwa Mitleid gegenüber Schwächeren und Hilfebedürfigen ein in unserer Kultur sozial anerkanntes emotionales Reaktionsmuster.

Emotionen versorgen - im Gegensatz zu Kognitionen - den Ak­teur mit einem gestalthaften Abbild der Situation. Kognitionen stellen dem gegenüber eine Abfolge von sich einander herleiten- den Bildern dar, die schließlich in ein Handeln münden. Der hilflo­se, an der Straßenkreuzung gesehene Blinde kann zum spontan­emotional begründeten Handeln führen, indem ein Akteur ihn hinübergeleitet. Das kognitive Erfassen der Situation hingegen kann einen Akteur zum Handeln auf der Grundlagen von Her­leitungen bewegen. Der Blinde steht dort, weil er die Farbe der Ampel nicht sehen kann und eine akustische Signalisierung fehlt. Das Handeln des Akteurs kann infolge entsprechender Herleitun­gen dann zukünftig darin bestehen, dass er sich für eine Ausstat­tung von Straßenkreuzungen mit entsprechenden Signalgebern im Rahmen von Vereinsarbeit engagiert.

Als Antriebe für soziales Handeln kommen in der Regel Emotio­nen in Betracht, die sich auf die Inhalte und Formen von sozialen Beziehungen richten. Zu solchen emotionalen Emotionen gehö­ren etwa Liebe und Hass, aber auch das zuvor genannte Mitleid. Neben einzelnen Akteuren bedienen sich auch kollektive und kor­porative Akteure verschiedener Emotionen als handlungsinitiali­sierende Antriebe. Man denke etwa an die das Mitleid fördernden Fernsehspots karitativer Vereinigungen in der Weihnachtzeit, in welchen um eine Spende gebeten wird.

Abschließend zum Modell des "emotional man" noch einige Überlegungen zu den Auslösefaktoren. Hier nennt Schimank (1998 :106f.) Erwartungsentäuschungen, Routinisierung und die Insze­nierung von Emotionen. Beobachtbar beispielhaft als spontaner Vereinsaustritt nach nicht erfolgter Wahl in den Vorstand, als Ver­bleib im Verein wegen langjähriger Verbundenheit, obwohl sich die Vereinsziele im Zeitverlauf zunehmend weniger mit denen des Mitglieds decken oder als Aufrechterhaltung einer Mitgliedschaft in der Hoffnung, dass die für sich selbst erhofften, aber noch nicht eingetretenen Vorteile aus der Mitgliedschaft sich doch noch ein­stellen werden.

[...]


1Sofern nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet.

2Wgl. Parsons (1937: 76)

3Zu Dahrendorfs Verständnis von sozialen Prozessen vgl. 1958: 141

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Der Verein als Interessenorganisation und Arbeitgeber
Untertitel
Eine Betrachtung von Akteuren, sozialen Strukturen, Dynamiken und Spannungsfeldern
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
40
Katalognummer
V153288
ISBN (eBook)
9783640654819
ISBN (Buch)
9783640654772
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitnehmer, Beschäftigte, Verein, Vereine, Akteure, soziale Strukturen, Strukturen, Interdependenz, Interdependenzen, Intentionalität, Transintentionalität, Arbeitgeber, Vorstand, Mitglied, Homo Sociologicus, Homo Oeconomicus, Identitätsbehaupter, Identität, emotiomal man, rational choice, Verhandlung, Beobachtung, Beeinflussung, Erwartung, Erwartungen, Deutung, Deutungen, Konstellation, Konstellationen, Konstellationsstrukturen, Erwartungsstrukturen, Deutungsstrukturen, Strukturdynamik, Strukturdynamiken, Akteurmodell, Akteurmodelle, Interdependenzbewältigung, Vereinsvorstand, Betriebsrat, Arbeitnehmervertretung, Organisation, Organisationen, Koalition, Koalitionen, korporativer Akteur, kollektiver Akteur, kollektive Akteure, korporative Akteure, Interessenorganisation, Arbeitsorganisation, Oligarchisierung, Leistungsverweigerung, Macht, basisdemokratische Verfahren, repräsentativdemokratische Verfahren, Basisdemokratie, Repräsentativdemokratie, Belohnung Motivlagen, Überwachungsproblem, Beurteilungsproblem
Arbeit zitieren
Marcel Gräf (Autor), 2009, Der Verein als Interessenorganisation und Arbeitgeber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153288

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