Jedes künstlerische Werk, sei es ein Film, ein Song oder eben ein Roman, ist ein Kind seiner Zeit, das eine mehr, das andere weniger. So reicht die breite Palette von zeitgeschichtlichen Dokumenten, die Geschehenes objektiv und sachlich oder Erlebtes subjektiv und emotionsgeladen widerspiegeln, aber in beiden Fällen orientiert an bestimmten Ereignissen (man denke nur an die deutsche Wiedervereinigung, die in vielen Liedern, Büchern und Filmen auf beiderlei Art und Weise verarbeitet wurde) bis zu fiktiven Werken, die auf den ersten Blick völlig losgelöst scheinen von historischen Hintergründen, weil die Handlung eben nicht auf wahren Begebenheiten beruht. Doch auch hier kann eine Prüfung auf den zeitgeschichtlichen Kontext sehr interessante Ergebnisse zu Tage fördern. Der Teufel liegt hier meist im (versteckten) Detail, was es umso interessanter macht. Zu beachten ist hierbei, dass der zeitgenössische Leser über Grundlagenwissen verfügt, auf welches das Publikum späterer Generationen nicht mehr zugreifen kann, weil es nicht in dieser Zeit lebte. Diesen historischen Background muss sich der geneigte Leser erst aneignen, will er einige Hintergründe besser verstehen.
Im Folgenden soll anhand des zeitgeschichtlichen Kontexts aufgezeigt werden, inwieweit Dostoevskijs Roman „Brat´ja Karamazovy“ mit realen Hintergründen verwebt ist und ob die Gestaltung der Gerichtsverhandlung typisch für die Ereignisse jener Tage ist. Dazu soll erst eine allgemeine Betrachtung zum Wie und Warum der zeitlichen Romanarchitektur vorgenommen werden, um in der Folge Parallelen zu reellen Ereignissen aufzuzeigen und schlussendlich die Frage zu klären, warum die Gerichtsverhandlung, die Geschworenenjury und vor allem das Urteil gerade so konstruiert wurden, wie sie sie konstruiert wurden. Dabei wird der Fokus besonders auf die Bauern in ihrer Rolle als Geschworene gelenkt.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die drei Ebenen
- Möglichkeiten der Verknüpfung eines Werkes mit dem zeitgeschichtlichen Kontext
- Die zeitliche Architektur des Romans „Brat´ja Karamazovy“ im Spiegel der Realität
- Andere Erklärungsmodelle
- Parallelen zu realen Prozessen
- Der Kroneberg-Prozess
- Der Fall Vera Zasulič
- Die Bauern und das Fehlurteil
- Den Bauern wird eine neue Rolle zugewiesen
- Zwei Welten prallen aufeinander – Rechtsdualismus in Russland und dessen Konsequenzen
- Warum gibt Dostoevskij den Bauern die Macht?
- Das Werk als Spiegel der Realität
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Hausarbeit analysiert Fjodor Dostoevskijs Roman „Brat´ja Karamazovy“ im zeitgeschichtlichen Kontext, mit besonderem Fokus auf die Gerichtsverhandlung und das „weltliche Gericht“ im Roman. Ziel ist es, die Verbindung zwischen dem Roman und der realen russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen und die Gestaltung des Gerichtsprozesses im Roman im Lichte der damaligen Reformen der Justiz zu analysieren.
- Die Verknüpfung literarischer Werke mit dem zeitgeschichtlichen Kontext
- Die Rolle der Justizreform von 1864 im Roman
- Die Darstellung der Bauern in „Brat´ja Karamazovy“ und deren Bedeutung im Kontext der Zeit
- Der Rechtsdualismus und die unterschiedlichen sozialen und politischen Kräfte im Russland des 19. Jahrhunderts
- Die Frage nach dem Einfluss von realen Ereignissen und Personen auf die Gestaltung der Gerichtsverhandlung im Roman
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt den Roman „Brat´ja Karamazovy“ als „Kind seiner Zeit“ vor und erklärt, wie das Werk mit realen Ereignissen und dem zeitgeschichtlichen Kontext verknüpft ist.
Kapitel 2 beschäftigt sich mit verschiedenen Möglichkeiten, ein literarisches Werk mit der Realität zu verbinden. Es untersucht die zeitliche Architektur des Romans und die Bedeutung der drei Zeitebenen im Werk. In Kapitel 3 werden Parallelen zwischen dem Roman und zwei realen Prozessen, dem Kroneberg-Prozess und dem Fall Vera Zasulič, hergestellt.
In Kapitel 4 wird die Rolle der Bauern im Roman und das Konzept des Rechtsdualismus im Russland des 19. Jahrhunderts analysiert.
Schließlich stellt Kapitel 5 den Roman „Brat´ja Karamazovy“ als Spiegel der Realität vor.
Schlüsselwörter
Fjodor Dostoevskij, „Brat´ja Karamazovy“, Zeitgeschichte, Russische Literatur, 19. Jahrhundert, Gerichtsverhandlung, „weltliches Gericht“, Justizreform, Rechtsdualismus, Bauern, Kroneberg-Prozess, Vera Zasulič.
Häufig gestellte Fragen
Wie ist der Roman „Die Brüder Karamasow“ mit der Realität verknüpft?
Der Roman ist ein „Kind seiner Zeit“ und verwebt fiktive Handlung mit realen historischen Hintergründen, insbesondere der russischen Justizreform und gesellschaftlichen Umbrüchen.
Welche Rolle spielt die Justizreform von 1864 im Werk?
Die Arbeit untersucht, wie Dostoevskij die Einführung der Geschworenenjury und die neue Gestaltung von Gerichtsverhandlungen im Roman künstlerisch verarbeitet.
Warum fokussiert sich die Analyse auf die Bauern als Geschworene?
Es wird die Frage geklärt, warum Dostoevskij den Bauern diese Machtposition gab und wie der „Rechtsdualismus“ (das Aufeinanderprallen zweier Welten) das Urteil beeinflusst.
Welche realen Gerichtsprozesse dienten als Vorbild?
Die Hausarbeit zeigt Parallelen zu realen historischen Fällen auf, wie dem Kroneberg-Prozess und dem Fall der Vera Zasulič.
Was bedeutet „zeitliche Romanarchitektur“ in diesem Kontext?
Es beschreibt, wie Dostoevskij verschiedene Zeitebenen nutzt, um den zeitgeschichtlichen Kontext für den Leser erfahrbar zu machen und die Handlung in der Realität zu verankern.
- Citar trabajo
- Mirco Böhm (Autor), 2010, Ein Kind seiner Zeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153345