Im deutschsprachigen Raum gibt es im Bereich der Verwaltungswissenschaft bisher keine allzu detaillierten Analysen, die sich mit den Transformationsprozessen in den Verwaltungsstrukturen auf der arabischen Halbinsel beschäftigen. Dabei gibt es kaum eine andere Region in der Welt, in der sich in solch einer kurzen Zeit die Anforderungen an den Staat so sehr gewandelt haben. Die eigene Bevölkerung ist dabei innerhalb von nur vier Dekaden zur Minderheit im eigenen Land geworden und die Bürokratie muss sich auf diese Tatsache in ihrer Arbeit einstellen. Diese Seminararbeit soll eine grundlegende Einführung in das Gebiet der emiratischen Verwaltungsetablierung und -modernisierung seit der Staatsgründung 1971 sein und auch die parallelen gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Administrationsstrukturen thematisieren. Dabei soll auch bei einigen Teilaspekten ein Vergleich zur deutschen Verwaltung gezogen werden, um die spezifischen Besonderheiten in den VAE hervorzuheben und kenntlich zu machen.
Es gilt also zuerst die Entwicklung des modernen Verwaltungsapparates in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu untersuchen und dabei auch auf die Städterivalität von Abu Dhabi und Dubai als Modernisierungsmotor einzugehen. Die wichtigsten Selektions- und Rekrutierungsmerkmale der Angestellten im Öffentlichen Dienst und die nationalen Besonderheiten der Verwaltung runden die Einführung ab, bevor die aktuelle Lage beschrieben wird und ein abschließendes Fazit gezogen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Die Entstehung eines modernen Verwaltungsapparates
3. Abu Dhabi und Dubai – Modernisierung durch Konkurrenz
4. Merkmale emiratischer Personalrekrutierung
5. Nationale Besonderheiten in der Verwaltung
6. Aussichten für die Zukunft
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit bietet eine grundlegende Einführung in die Entstehung und Modernisierung der Verwaltung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) seit der Staatsgründung 1971. Dabei wird insbesondere untersucht, wie sich die Verwaltungsstrukturen unter dem Einfluss tribalistischer Traditionen und dem Spannungsfeld zwischen ökonomischer Dynamik und gesellschaftlichem Wandel entwickelt haben, um die spezifischen Besonderheiten des emiratischen öffentlichen Sektors im Vergleich zu westlichen Modellen zu identifizieren.
- Historische Entwicklung des Verwaltungsapparates der VAE
- Wettbewerb zwischen Abu Dhabi und Dubai als Modernisierungsmotor
- Selektionsmechanismen und Personalrekrutierung im öffentlichen Dienst
- Einfluss tribalistischer Strukturen auf administrative Entscheidungsprozesse
- Digitale Transformation und zukünftige Herausforderungen der Verwaltung
Auszug aus dem Buch
3. Abu Dhabi und Dubai – Modernisierung durch Konkurrenz
Die Konkurrenz um die Vorherrschaft als wohlhabendster und modernster Standort in der Golfregion ist zwischen den beiden Emiraten seit Gründung des Staatenbundes existent und wird auch von den Herrschern beflügelt, die sich im freundschaftlichen Wettstreit gegenüberstehen. Um die gesonderte Stellung der beiden „big player“ und deren Relevanz für die Verwaltungsmodernisierung zu verstehen, muss zuerst die finanzielle Situation der VAE betrachtet werden. Zwar ist in der Verfassung festgelegt, dass jedes einzelne Emirat die Hälfte seines Einkommens an den Nationalstaat abführt, doch in der Praxis beschränkt sich diese Tätigkeit auf Abu Dhabi und Dubai. Diese führen sogar finanzielle Transferleistungen an die anderen Herrscherfamilien ab, um deren Existenz und Unterhalt überhaupt zu gewährleisten. Es existiert kein föderales Steuersystem und damit keine wie für die meisten Staaten traditionelle Einkommens- und Mehrwertsteuer. Die VAE finanzieren sich maßgeblich über die Einnahmen aus dem Ölexport der beiden größten Emirate und verschiedener Handelsabgaben. So erhalten diese durch sehr hohe Transferleistungen die komplette föderale Verwaltungsstruktur aufrecht und garantieren damit letztlich den Fortbestand des Staates. Dies spiegelte sich auch in der Vergabe von Spitzenpositionen im öffentlichen Dienst wieder. Die Al Nahylans und Al Maktkoums nehmen seither die wichtigsten Posten im Staate ein. Kritiker titulieren diese Praxis als „Staat im Familienbesitz“.
Bereits der „ewige Vater der Nation“ Scheich Zayed erklärte die Autonomie der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der VAE vom Öl neben dem Staatsaufbau zum erklärten Primärziel. Die beiden Emirate unterschieden sich wesentlich, inwiefern sie diese langfristige Kehrtwende schaffen wollten. Dubai investierte bereits in den 70ern in großem Stil in den Tourismus und die Ansiedlung von Industrie. So schuf der damalige Herrscher von Dubai, Scheich Rashia, Ende 1978 die größte Freihandelszone im Nahen Osten. Die 45km große Jebel Ali Freezone sollte die erste Anlaufstelle für westliche Konzerne in der Golfregion sein. So konnte sich durch die Ansiedlung von Dienstleistungen und ausländischen Firmen im Vergleich zu den anderen Emiraten früh eine ausgeprägte kommunale Verwaltungsstruktur herauskristallisieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Dieses Kapitel führt in den raschen demografischen und strukturellen Wandel der VAE seit 1971 ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit sowie den Fokus auf die Verwaltungsmodernisierung.
2. Die Entstehung eines modernen Verwaltungsapparates: Hier wird die Etablierung des staatlichen Systems anhand der Verfassung von 1971 und die anfängliche Rolle der Herrscher bei der Machtverteilung zwischen den Emiraten thematisiert.
3. Abu Dhabi und Dubai – Modernisierung durch Konkurrenz: Das Kapitel analysiert den Wettbewerb zwischen den beiden Hauptemiraten, die finanzielle Abhängigkeit vom Ölexport und den Einfluss der Herrscherfamilien auf den Verwaltungsapparat.
4. Merkmale emiratischer Personalrekrutierung: Hier wird die Abhängigkeit von ausländischer Expertise einerseits und die Rolle familialer Bindungen bei der Besetzung öffentlicher Ämter andererseits untersucht.
5. Nationale Besonderheiten in der Verwaltung: Dieses Kapitel beleuchtet, wie tribale Traditionen und informelle Netzwerke die administrative Entscheidungsfindung prägen und sich von westlichen bürokratischen Idealtypen unterscheiden.
6. Aussichten für die Zukunft: Hier stehen die Digitalisierungsstrategien der Regierung und der Einsatz neuer Kommunikationsplattformen zur Bürgerpartizipation im Mittelpunkt.
7. Fazit: Das Fazit fasst die rasante Entwicklung der Verwaltung zusammen und reflektiert die Herausforderungen, die sich durch die Transformation von einem System der Stammesloyalität hin zu einer modernen Leistungsgesellschaft ergeben.
Schlüsselwörter
Vereinigte Arabische Emirate, Verwaltung, Staatsgründung, Modernisierung, Abu Dhabi, Dubai, Personalrekrutierung, tribale Strukturen, Verwaltungsapparat, Transformation, E-Government, Familienclans, politische Partizipation, Staatsverwaltung, Öffentlichkeitsarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Modernisierung des Verwaltungsapparates der Vereinigten Arabischen Emirate seit deren Staatsgründung im Jahr 1971.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen das historisch gewachsene Verwaltungssystem, der Wettbewerb zwischen Abu Dhabi und Dubai, die Rekrutierungspraktiken im öffentlichen Dienst sowie der Einfluss tribaler Traditionen auf staatliches Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, eine Einführung in die emiratische Verwaltungsstruktur zu geben und aufzuzeigen, wie sich traditionelle, tribale Machtverhältnisse mit den Anforderungen einer modernen Staatsverwaltung vereinen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deskriptive Analyse unter Einbeziehung politischer Theorien, wie etwa den Herrschaftsformen nach Max Weber, um die Besonderheiten der emiratischen Bürokratie zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Entstehungsprozesses des Staates, den städtebaulichen und administrativen Wettbewerb der Emirate, die Rekrutierungsmerkmale für den öffentlichen Dienst sowie den Einfluss der Herrscherfamilien auf die politische Administration.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Verwaltungsmodernisierung, tribale Loyalität, Emiratisierung, informelle Machtstrukturen und digitale Transformation gekennzeichnet.
Inwiefern beeinflussen die Herrscherfamilien die Verwaltung?
Die Herrscherfamilien, insbesondere die Al Nahyan und Al Maktoum, üben durch informelle Netzwerke und die Vergabe von Spitzenpositionen einen entscheidenden Einfluss auf alle administrativen Entscheidungsprozesse aus.
Welche Rolle spielt die „Emiratisierung“ in der Verwaltung?
Die Emiratisierung ist eine staatliche Kampagne, die darauf abzielt, den Anteil einheimischer Arbeitskräfte im öffentlichen Sektor zu erhöhen, um die Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften zu verringern und die nationale Identität zu stärken.
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- Juri Schnöller (Author), 2010, Wenn der Scheich twittert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153382