Wenn der Scheich twittert

Eine Einführung in die Verwaltung der Vereinigten Arabischen Emirate


Seminararbeit, 2010

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Entstehung eines modernen Verwaltungsapparates

3. Abu Dhabi und Dubai - Modernisierung durch Konkurrenz

4. Merkmale emiratischer Personalrekrutierung

5. Nationale Besonderheiten in der Verwaltung

6. Aussichten für die Zukunft

7. Fazit

1. Vorwort

„Anysufficiently advanced technologyisindistinguishable from magic. "1

Arthur C. Clark, britischer Schriftsteller

Es muss nur der Vergleich der Einwohneranzahl zwischen 1968 und 2009 in den Emiraten zu Rate gezogen werden und der neutrale Betrachter erhält eine ungefähre Vorstellung davon, mit welcher Geschwindigkeit das Land in den vergangenen 40 Jahren gewachsen ist. Zählte man noch unter britischer Besatzung ca. 180 000 Einwohner, so waren es Ende 2009 bereits knapp 8,[1] Millionen.[2] Die wichtigsten makroökonomischen Indikatoren für Prosperität, die Steigungsraten von BIP und Wirtschaft, wiesen für die Vereinigten Arabischen Emirate in den letzten 15 Jahren konstante Zuwächse im hohen einstelligen Bereich aus.[3] Für eine Nation, die erst seit 1971 existiert und vorher über sehr gering ausgeprägte bis gar keine Infrastruktur verfügte, sind das beeindruckende Zahlen.

Im deutschsprachigen Raum gibt es im Bereich der Verwaltungswissenschaft bisher keine allzu detaillierten Analysen, die sich mit den Transformationsprozessen in den Verwaltungsstrukturen auf der arabischen Halbinsel beschäftigen. Dabei gibt es kaum eine andere Region in der Welt, in der sich in solch einer kurzen Zeit die Anforderungen an den Staat so sehr gewandelt haben. Die eigene Bevölkerung ist dabei innerhalb von nur vier Dekaden zur Minderheit im eigenen Land geworden und die Bürokratie muss sich auf diese Tatsache in ihrer Arbeit einstellen. Diese Seminararbeit soll eine grundlegende Einführung in das Gebiet der emiratischen Verwaltungsetablierung und - modernisierung seit der Staatsgründung 1971 sein und auch die parallelen gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Administrationsstrukturen thematisieren. Dabei soll auch bei einigen Teilaspekten ein Vergleich zur deutschen Verwaltung gezogen werden, um die spezifischen Besonderheiten in den VAE hervorzuheben und kenntlich zu machen.

Eine berechtigte Frage ist auch woher und auf welche Weise die Angestellten des Öffentlichen Dienstes ausgewählt werden. Was sind die essentiellen, ausschlaggebenden Kriterien?

Die Rekrutierung der administrativen Elite ist für westliche Beobachter schwer nachzuvollziehen, wenn man nicht die tribalen Strukturen kennt, die immer noch eine maßgebliche Rolle bei der Personalselektion spielen. Inwieweit diese intransparenten Verflechtungen mit den „klassischen" Verwaltungsstrukturen harmonieren und kooperieren, soll daher ein weiterer Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sein. Dabei sollen auch Elemente von Max Webers Herrschaftstheorie integriert werden, um die speziellen Charakteristika der regierenden Elite präzise zu erfassen.

Es gilt also zuerst die Entwicklung des modernen Verwaltungsapparates in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu untersuchen und dabei auch auf die Städterivalität von Abu Dhabi und Dubai als Modernisierungsmotor einzugehen. Die wichtigsten Selektions- und Rekrutierungsmerkmale der Angestellten im Öffentlichen Dienst und die nationalen Besonderheiten der Verwaltung runden die Einführung ab, bevor die aktuelle Lage beschrieben wird und ein abschließendes Fazit gezogen wird.

2. Die Entstehung eines modernen Verwaltungsapparates

Das Fundament jeglicher staatlicher Legitimation und Gewalt stellt in der Regel die kodifizierte Verfassung dar und diese dient auch als Grundlage für die Anordnung der nationalen Institutionen und Strukturen.[1] Sie trat in den Vereinigten Arabischen Emiraten zeitgleich mit der Staatsgründung am 2. Dezember 1971 durch die Ratifizierung von sechs Emiraten (Ra’s al Khaimah erst 1972) in Kraft. Ursprünglich war die Verfassung temporär auf fünf Jahre begrenzt und sollte nur als Übergangslösung dienen, um in diesem Zeitrahmen ein dauerhaftes Dokument zu entwerfen.[5] Doch diese Übergangslösung war bereits ein Minimalkonsens zwischen den Emiraten und erwies sich als äußerst praktikabel, so dass man seither alle 5 Jahre erneut über eine Verlängerung dieses inzwischen etablierten Provisoriums abstimmt. Der Großteil der 152 Artikel ist der wirtschaftlichen und politischen Ordnung der Union gewidmet, doch in der Praxis hat sich herauskristallisiert, das bei den informellen Zusammenkünften der Herrscher die wahren strukturellen Rahmenbedingungen abgesteckt werden.[6]

Bei den Verhandlungen zur Staatsgründung erwiesen sich besonders die Delegationsführer aus Abu Dhabi, Ahmed Khalifa Suwaidi und Dubai, Mahdir al Tajir als vehemente Befürworter einer starken Zentralverwaltung. Man versprach sich dadurch eine bessere Kontrolle und Gestaltungsmacht der beiden größten Emirate. Nur so, glaubten sie, könne das ambitionierte Projekt „Nation Building UAE"[7] überhaupt von Bestand sein. Doch schon sehr früh wurde den meisten Gründungskonferenzteilnehmern klar, dass es sehr schwierig werden würde, die Emirate unterschiedlichster Größen und Entwicklungsstufen mit zentralen Planungsmaßnahmen einheitlich zu verwalten. Um ein frühes Scheitern des Staatsgründungsprozesses zu vermeiden, ließ der charismatische Führer des Emirates Abu Dhabi und späterer erster Präsident der VAE, Sheikh Zayed Al Nahlyan den anderen regionalen Herrschern weiterhin große Gestaltungsspielräume. So sicherte er ihnen Anteile an den finanziellen Reinerlösen aus den Erdölgewinnen zu und kam ihnen auch durch die Gewährung vieler weiterer Hoheitsrechte entgegen.

In der Verfassung regeln bis heute Artikel 120 - 125 das Kräfteverhältnis von zentralistischen und föderalistischen Elementen.[8] So werden die 19 exklusiven bundesstaatlichen Hoheitsrechte definiert, die auch im Gegensatz zu den meisten föderalistischen Staaten im Westen Kompetenzen im Bildungsbereich, in der Energieversorgung und in der inneren Sicherheit dem Staat zuweisen. Der damalig ausgehandelte Konsens wird in Artikel 122 deutlich, denn den einzelnen Herrschern werden jegliche judikative, legislative und exekutive Rechte zugesprochen, die zuvor nicht explizit erwähnt wurden. Besonders in der Rechtsprechung genießen die Emirate einen hohen Autonomiestatus, was zur Folge hat, dass für eine Straftat höchst unterschiedliche Kriterienkataloge und Sanktionsmaßnahmen zur Rate gezogen werden. So ist beispielsweise der Alkoholkonsum in Dubai in Schankstätten mit Lizenz legal, wohingegen in Fujariah mit harten Konsequenzen gerechnet werden muss.

Die Außenpolitik wurde in den frühen Jahren von den meisten Regierungsakteuren als wichtigstes Politikfeld zur Konsolidierung und Stärkung des Staatenbundes gesehen. Dabei stand primär die regionale und internationale Integration der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Agenda. Durch die konsequente „Forward-Strategy"[9] von Sheikh Zayed trat man 1973 der Arabischen Liga, diversen Entwicklungsorganisationen und letztlich den Vereinten Nationen bei. Im selben Jahr fand auch die im Westen getaufte Ölkrise statt. Als Reaktion auf die Vervierfachung des Verkaufspreises pro Barrell stieg die Anzahl der nationalen und ausländischen Banken in den VAE exponentiell an. Durch die Mehreinnahmen und Pro-Kopf Einkommenserhöhung wuchs auch der Bedarf nach Institutionen, die das Geld dementsprechend verwalten oder investieren. Die Regierung reagierte auf diese Entwicklung und gründete kurz darauf ein „Currency Board" und 1980 die Zentralbank.[10] Diese Beitrittswelle und die Gründung staatlicher Behörden stellte die Administration jedoch vor ein signifikantes Problem. Man benötigte qualifiziertes Personal, um in den Organisationen und Botschaften auf der Welt auch mit kompetentem Sachwissen agieren zu können. Bisher war es nur wenigen Kindern der Herrscherfamilien ermöglicht worden, exklusive höhere Bildung an westlichen Universitäten zu genießen. Mit Stipendien und nationalen Förderprogrammen wurde versucht, den elitären Zirkel auf weitere angesehene Familien auszuweiten. Das der Bedarf an Fachkräften das Angebot von einheimischen kompetenten Personen weit übersteigt, ist bis heute ein elementares Problem emiratischer Verwaltungspolitik. In einem eigenen Kapitel wird detailliert auf diese Defizite eingegangen. Dennoch ist die Geschwindigkeit, mit der erfolgreich ein Staatswesen etabliert wurde, äußerst erstaunlich. Der ehemalige britische Premierminister Brown äußerte sich bei einem Besuch folgendermaßen: „Dass innerhalb von knapp 40 Jahren sich eine Gesellschaft vom Analphabetentum zum E- Government wandelt, hat es so in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben."[11]

[...]


[1] http://www.quotationspage.com/quote/776.html

[2] UAE Public Administration Country Profile, S. 7

[3] Ebd., S.8

[4] Vgl. Kabasci, S.31

[5] Vgl. Heard-Beyt S.371

[6] Vgl. Hermann

[7] Heard-Bey S.372

[8] Vgl. Constitution of the UAE, Art. 120-125

[9] Heard-Bey, S.381

[10] Vgl. Heard-Bey

[11] United Arab Emirates Yearbook 2009, S.174

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wenn der Scheich twittert
Untertitel
Eine Einführung in die Verwaltung der Vereinigten Arabischen Emirate
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen  (Department of Public Management & Governance)
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V153382
ISBN (eBook)
9783640655212
ISBN (Buch)
9783640655250
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wenn, Scheich, Eine, Einführung, Verwaltung, Vereinigten, Arabischen, Emirate
Arbeit zitieren
Juri Schnöller (Autor), 2010, Wenn der Scheich twittert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153382

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wenn der Scheich twittert



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden