Die Arbeit entstand im Rahmen des friedenswissenschaftlichen Weiterbildungsstudiums des Instituts „Frieden und Demokratie“ der Fernuniversität in Hagen und widmet sich der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan.
In ihr wird untersucht, welchen Einfluss die traditionellen Strukturen Afghanistans auf die UN-Mission haben und wie wirksam moderne Instrumente der Friedenskonsolidierung sind.
Der erste Abschnitt befasst sich mit der Geschichtschreibung des Landes und geht folgender These nach:
Die Geschichte sowie die Erfahrungen der Ethnien in Afghanistan erschweren den Prozess des Statebuilding.
Dazu wird im Kapitel zwei die Genese des Staates Afghanistan hinsichtlich der Bedeutung der Ethnien sowie ethnischer Konflikte untersucht. Die betrachteten Zeiträume reichen von den Anfängen Afghanistans bis zum Bürgerkrieg der Mudschaheddin. Der, in Vergangenheit und Gegenwart, besonderen Rolle der Taliban wird im Abschnitt 2.2 Rechnung getragen, bevor eine für Afghanistan typische soziale Ordnung - der Stamm - skizziert wird. Im Anschluß werden die Ergebnisse des zweiten Kapitels zusammengefasst und abschließend Möglichkeiten aufgezeigt, welche den Staatsbildungsprozess optimieren könnten.
Der dritte Abschnitt dient der Darstellung und Bewertung eines Praxisbeispiels. Aus den friedenskonsolidierenden Instrumenten der internationalen Gemeinschaft wird das deutsche Konzept der Provincial Reconstruction Teams (PRT) herausgenommen. Diese zivil-militärischen Teams sollen an politisch und strategisch wichtigen Knotenpunkten des Landes stationiert werden und diese zu Stabilitätsinseln formen. Dadurch sollen Wiederaufbau-, Entwicklungs- und Friedensprozesse in die Weite Afghanistans getragen werden. Nach der Modellerläuterung wird der These nachgegangen, dass die PRTs einen wesentlichen Beitrag für die Sicherheit sowie den Wiederaufbau in Afghanistan erbringen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Religion, Ethnizität und Stammeskultur als Herausforderung
2.1 Die Geschichte Afghanistans im Spiegel der Ethnien
2.2 Die Taliban
2.3 Die Stammesgesellschaft der Paschtunen
2.4 Statebuilding in Afghanistan – aber wie?
3. Die deutschen Provincial-Reconstruction-Teams in Afghanistan
3.1 Geschichte der PRTs in Afghanistan
3.2 Konzept und Aufgaben der deutschen PRTs
3.3 Der Beitrag der PRTs zur Sicherheit
3.4 Der Beitrag der PRTs zum Wiederaufbau
3.5 Fazit und Empfehlungen
4. Schlussbetrachtung und persönliches Resümee
5. Literatur:
5.1 Primärquellen:
5.2 Referenzen aus persönlichen Gesprächen
5.3 Sekundärquellen:
6. Anhang
6.1 Protokoll des Telefoninterviews mit Vertreter des BMZ
6.2 Protokoll des Telefoninterviews mit einem Vertreter des BMI
6.3 Protokoll des Interviews mit einem Vertreter des AA
6.4 Schriftlich beantwortete Fragen des Vertreters des BMVg
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss traditioneller afghanischer Strukturen auf moderne Instrumente der Friedenskonsolidierung, insbesondere am Beispiel des deutschen Konzepts der Provincial Reconstruction Teams (PRT), um die Wirksamkeit und Herausforderungen beim Staatsaufbau in Afghanistan zu bewerten.
- Ethnische Vielfalt und deren Einfluss auf den Statebuilding-Prozess
- Die Rolle der paschtunischen Stammesgesellschaft und des Paschtunwali
- Struktur, Aufgaben und Wirksamkeit der deutschen PRTs in Afghanistan
- Zivil-militärische Zusammenarbeit und das Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Wiederaufbau
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Stammesgesellschaft der Paschtunen
Neben den ethnischen Gruppen ist es im Zusammenhang mit Afghanistan unerlässlich, die Stammesgesellschaft als ein weiteres soziales Bezugssystem zu erläutern. Da die Paschtunen eine besondere Bedeutung in und für Afghanistan besitzen und sie gleichzeitig die größte Stammesgesellschaft der Welt darstellen, konzentriere ich mich auf ihre Strukturen.
Die meisten ethnischen Gruppen definieren sich über ihre Stammesstrukturen. Stämme sind Gemeinschaften, in denen die Angehörigen durch verwandschaftliche Beziehungen verbunden sind und sich somit alle auf einen gemeinsamen Ahnen berufen können. Ein solcher Stamm gliedert sich in verschiedene Unterstämme, welche sich wiederum in Substämme und Clans unterteilen.
Der Sitten- und Ehrenkodex der Paschtunen, auch als Stammesrecht bezeichnet, ist das Paschtunwali. Es ist ein „… allumfassender Regulator für Bestand und Erhaltung der Gesellschaft […] und beeinflußt den Einzelnen bis hin zu seinen persönlichen Gewohnheiten und Eigenarten.“. Dadurch ist es „…ein Mittel der ethnischen Identifikation und der Abgrenzung gegenüber anderen etnischen Gruppen.“ Um Paschtune zu sein, genügt es demzufolge nicht als Paschtune geboren zu werden. Vielmehr muss das Paschtunwali gelebt werden, was alle Stammesangehörigen an den Ehrenkodex bindet. Das Mißtrauen gegenüber anderen Ethien sowie die Ablehnung des Staates als Ordnungsmacht ist ebenfalls im Stammesrecht begründet. Der Grundgedanke auf dem paschtunische Wert- und Rechtsvorstellungen aufbauen, ist, dass die Existenz des Einzelnen, des Familienverbandes, des Clans sowie des gesamten paschtunischen Volkes ständig bedroht ist und gegen äußere Feinde verteidigt werden muss. Dies erklärt auch die aktuelle Unterstützung der Taliban in den Tribal Areas.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Das Kapitel führt in das Afghanistankonzept der Bundesregierung ein und erläutert die transdisziplinäre Forschungsfrage nach dem Einfluss traditioneller Strukturen auf moderne Friedenskonsolidierung.
2. Religion, Ethnizität und Stammeskultur als Herausforderung: Es wird die historische Genese Afghanistans sowie die Bedeutung ethnischer Identitäten und der paschtunischen Stammesgesellschaft für den Staatsaufbau analysiert.
3. Die deutschen Provincial-Reconstruction-Teams in Afghanistan: Dieses Kapitel bewertet die zivil-militärischen PRTs als Instrument zur Sicherheits- und Wiederaufbauförderung und beleuchtet deren praktische Umsetzung sowie Schwächen.
4. Schlussbetrachtung und persönliches Resümee: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über den Erfolg externer Interventionen und die Notwendigkeit, lokale Gegebenheiten stärker in den Statebuilding-Prozess zu integrieren.
5. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
6. Anhang: Enthält Protokolle von Experteninterviews mit Vertretern verschiedener Bundesministerien zu ihren Erfahrungen in Afghanistan.
Schlüsselwörter
Afghanistan, Provincial Reconstruction Teams, Statebuilding, Paschtunen, Paschtunwali, Friedenskonsolidierung, Zivil-militärische Zusammenarbeit, Ethnien, Sicherheit, Wiederaufbau, Bundeswehr, Bundesregierung, Taliban, Stammesgesellschaft, Entwicklungshilfe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Herausforderungen beim Staatsaufbau in Afghanistan unter besonderer Berücksichtigung der traditionellen Stammesstrukturen und der Effektivität der deutschen Provincial Reconstruction Teams (PRT).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die ethnische Fragmentierung Afghanistans, die Rolle der Paschtunen, die Sicherheitslage, der zivile Wiederaufbau und die zivil-militärische Zusammenarbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, welchen Einfluss traditionelle afghanische Strukturen auf moderne Instrumente der internationalen Gemeinschaft haben und wie effektiv diese in der Praxis sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie auf Experteninterviews mit Vertretern verschiedener deutscher Ministerien, die in Afghanistan im Einsatz waren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung ethnischer und soziokultureller Herausforderungen sowie in eine detaillierte Evaluation des deutschen PRT-Konzepts im Norden Afghanistans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen Afghanistan, Statebuilding, Paschtunwali, PRT, zivil-militärische Zusammenarbeit und Ethnizität.
Welche Rolle spielt das "Paschtunwali" für den Erfolg internationaler Missionen?
Das Paschtunwali prägt das Handeln der größten Bevölkerungsgruppe und erklärt deren tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, was die Einbindung der Paschtunen in ein westliches Staatsmodell erschwert.
Wie bewerten die Experten den Erfolg der PRTs?
Die Experten betrachten den Ansatz grundsätzlich als richtig, kritisieren jedoch die oft mangelnde Abstimmung zwischen den Ressorts, die unzureichende Personalausstattung und die schwierige Sicherheitslage, die den zivilen Wiederaufbau erschwert.
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- Marco Kienlein (Author), 2010, Afghanistan - Der Einsatz der Internationalen Gemeinschaft zwischen Tradition und Moderne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153433