"Was gibt Theater zu lernen?"
Lernen bedeutet im Alltagsverständnis, dass der der etwas gelernt hat, auf seinem Gebiet souverän geworden ist, Unsicherheiten überwunden hat und nun eine Kompetenz, eine Materie beherrscht.
Theaterpädagogik, erhebt den Anspruch Kompetenzen im sozialen und kommunikativen Bereich zu vermitteln, die im formalen Bildungssystem schwer anzueignen sind. Sie hat den Anspruch mit den Mitteln des Theaterspielens in den Lebensalltag der Darstellenden zu intervenieren und soziale und individuelle Aspekte bei diesen zu stärken und zu fördern. Dieser Anspruch bezieht nicht allein die Auswirkungen im aktuellen Kontext, also während der eigentlichen Theaterarbeit mit ein, sondern soll sich auch in den Alltag der Spielenden hineintragen bzw. sich auch dort etablieren.
Inwiefern ist diese Intention einlösbar?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theaterpädagogik - eine Begriffsklärung
2.1 Zur Theater-Pädagogik
2.2 Die Vielfalt theaterpädagogischer Konzepte
2.2.1 Theaterpädagogik mit politischer Intention: Theater der Unterdrückten - Augusto Boal
2.2.2 Theaterpädagogik mit selbstreflexiver Intention: Jeux Dramatiques - Ausdrucksspiel aus dem Erleben - Heidi Frei
2.2.3 Theaterpädagogik mit pädagogischer Intention: Szenisches Spiel - Ingo Scheller
2.2.4 Theaterpädagogik mit ästhetisch-bildender Intention: Improvisation - Keith Johnstone
3. Zu den Intentionen von Theaterarbeit
3.1 Persönlichkeitsbildende und -entfaltende Elemente
3.2 Spektrum der Erfahrungsweisen im Theaterspiel
3.2.1 Theaterspielen ist Gemeinschaft
3.2.2 Die Belebung der Phantasie
3.2.3 Wahrnehmen und Beobachten
3.2.4 Entspannung und Konzentration
3.2.5 Mitgefühl und Einfühlungsvermögen
3.2.6 Sprechen
3.2.7 Bewegung
3.2.8 Improvisation
3.3 Theaterarbeit in sozialen Feldern
4. Forschung zur Nachhaltigkeit von Theaterarbeit
4.1 Zum Bedarf und den Problemen der Wirkungsforschung
4.2 Zum aktuellen Stand
4.3 Resümee
5. Primärstudie
5.1 Zielsetzung der Untersuchung
5.2 Auswahl der Gruppe
5.3 Methodik
5.4 Relevanz der Theaterarbeit für Menschen mit Behinderungen - Theorie-Praxis-Transfer
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Bachelor-Thesis untersucht die nachhaltigen Wirkungen von theaterpädagogischer Arbeit auf die Lebenspraxis von Teilnehmenden. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, inwieweit theaterpädagogische Konzepte über den Moment der Aufführung hinaus soziale und individuelle Kompetenzen im Alltag fördern können, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der integrativen Arbeit mit Menschen mit Behinderungen liegt.
- Grundlagen der Theaterpädagogik und theoretische Konzepte (Boal, Scheller, Johnstone u.a.)
- Intentionen und Wirkungsmechanismen von Theaterarbeit
- Forschungsstand und Problematiken der Wirkungsforschung im Bereich Theater
- Empirische Primärstudie an einer integrativen Theatergruppe
- Theorie-Praxis-Transfer und gesellschaftliche Relevanz der Theaterarbeit
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Theaterpädagogik mit politischer Intention: Theater der Unterdrückten - Augusto Boal
AUGUSTO BOAL wurde 1931 in Rio de Janeiro, Brasilien geboren. Er entwickelte angesichts des Elends dort, ein Volkstheater-Konzept, das über die sozialen und politischen Ungleichheiten und die daraus resultierende Unterdrückung aufklären sollte. Doch über diese Bewusstmachung hinaus hatte er das Ziel den Menschen gemeinschaftliche Handlungsmöglichkeiten zur Abschaffung dieser Missstände entwickeln zu helfen.
Es wurden kollektiv Stücke geschrieben und geprobt, im "Teatro de Arena de Sao Paulo", dessen Leiter er seit 1956 war. Diese Stücke richteten sich an die von einer Oberschicht ausgebeuteten Menschen: "an Arbeiter, Menschen in Dörfern und Slums, an Menschen die weder lesen noch schreiben konnten"15. Die Stücke waren so konzipiert, dass das Publikum aus seiner passiven Rolle zu einer aktiven Teilnahme am Geschehen motiviert wurde und somit den Schauspielern Anregungen gab, die diese dann konkret und augenblicklich in das Stück integrierten.
Im Theater der Unterdrückten gibt es keine Zuschauer im Sinne von "spectare = sehen". Zuschauen bedeutet hier eingreifen, selbst zur Handlung bereit sein. Das Publikum wird zur Intervention aufgefordert. Die auf der Bühne gezeigte Handlung ist eine Möglichkeit "und die eingreifenden Zuschauer sind aufgefordert, neue Alternativen zu erfinden"16, die keinen Ersatz für reales Handeln darstellen, dennoch aber Probehandlungen sind, "die dem Handeln in der Realität vorausgehen"17. So besteht durch das Theater, nach BOAL, eben die Möglichkeit der Selbstbeobachtung, in der der Mensch entdeckt, was er ist und was er hätte werden können, wohin er hätte gehen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Erkenntnisinteresse der Arbeit ein, welches sich mit den nachhaltigen Wirkungen theaterpädagogischer Prozesse beschäftigt, die über eine rein formale Bildung hinausgehen.
2. Theaterpädagogik - eine Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert Theaterpädagogik als Arbeit mit Laien und stellt vier beispielhafte Konzepte (Boal, Frei, Scheller, Johnstone) vor, um die Bandbreite theaterpädagogischer Intentionen aufzuzeigen.
3. Zu den Intentionen von Theaterarbeit: Hier werden die persönlichkeitsbildenden Elemente und das Spektrum der Erfahrungsweisen im Theaterspiel analysiert sowie die Bedeutung der Theaterarbeit in sozialen Feldern herausgearbeitet.
4. Forschung zur Nachhaltigkeit von Theaterarbeit: Das Kapitel diskutiert den Bedarf und die methodischen Probleme einer wissenschaftlichen Wirkungsforschung, die sich mit den subjektiven und oft schwer kalkulierbaren Prozessen ästhetischer Erfahrung befasst.
5. Primärstudie: In diesem Teil wird die eigene empirische Untersuchung an einer integrativen Theatergruppe mit Menschen mit Behinderungen vorgestellt, um die theoretischen Hypothesen zur Wirkung von Theaterarbeit zu stützen.
6. Ausblick: Der Ausblick resümiert die Bedeutung des Theaters für die Lebenspraxis und betont die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Systematik in der zukünftigen Erforschung theaterpädagogischer Wirkungen.
Schlüsselwörter
Theaterpädagogik, Lebenspraxis, Wirkungsforschung, Sozialarbeit, Inklusion, Theater der Unterdrückten, Szenisches Spiel, Jeux Dramatiques, Improvisation, Nachhaltigkeit, Psychosoziale Entwicklung, Identitätsbildung, qualitative Sozialforschung, integrative Theatergruppe, Selbsterfahrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche nachhaltigen Wirkungen die Theaterpädagogik auf die Lebenspraxis von Menschen hat und wie diese Prozesse wissenschaftlich erfasst werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Definition theaterpädagogischer Konzepte, die Untersuchung ihrer persönlichen und sozialen Wirkungsweisen sowie die Anwendung in sozialen Feldern, insbesondere bei Randgruppen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage nach den nachhaltigen, über das Theaterereignis hinausgehenden Wirkungen theaterpädagogischer Arbeit auf die Alltagskompetenzen der Akteure.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine qualitative Sozialforschung, konkret auf teilstandarisierte, problemzentrierte Interviews im Rahmen einer Primärstudie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung verschiedener Theaterkonzepte, eine Analyse der Intentionen von Theaterarbeit und die Darstellung der empirischen Forschungsergebnisse zur integrativen Arbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Theaterpädagogik, Nachhaltigkeit, psychosoziale Wirkungen, Inklusion, Selbsterfahrung und qualitative Forschung.
Wie unterscheidet sich die Arbeit von rein ästhetisch orientierten Studien?
Die Arbeit fokussiert nicht auf die künstlerische Qualität der Aufführung, sondern auf die durch den Prozess des Theaterspielens ausgelösten Veränderungsprozesse im sozialen und persönlichen Bereich der Spielenden.
Welche Besonderheiten ergeben sich bei der Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderungen?
Die Arbeit zeigt auf, dass Gruppen in diesem Kontext oft sehr heterogen sind, eine längere Probenzeit benötigen und dass die Theaterarbeit hier als Instrument zur Identitätsstärkung und zum Abbau von Vorurteilen fungiert.
Warum ist eine empirische Untersuchung für den Autor so bedeutsam?
Der Autor argumentiert, dass eine empirische Unterfütterung notwendig ist, um die Legitimität und Finanzierbarkeit theaterpädagogischer Arbeit in institutionellen Kontexten gegenüber Geldgebern und Institutionen zu sichern.
- Quote paper
- Thorsten Regelmann (Author), 2009, Theaterarbeit als nachhaltiges Medium der Lebenspraxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153446