ADAM VON BREMEN beschrieb im ausgehenden 11. Jahrhundert das Emporium Wollin als die größte aller Städte, in der Händler aus allen Gegenden der Welt zusammen kamen, um ihre Waren umzuschlagen. Sie besaßen alle das gleiche Niederlassungsrecht und konnten ihrem Glauben im Privaten frei nachgehen. Wollin, das sagenumwobene Vineta, verfügte zu dieser Zeit über eine Burg, ein comes vici vetrat den Fürsten am Ort und ein 'Vulkanstopf' wies den Fremden den Weg.
Im Folgenden soll versucht werden, zu ergründen, wie und unter welchen historisch-politischen wie auch ökonomisch-geographischen Voraussetzungen jene nicht-agrarischen Siedlungen entstanden sind, deren Funktion vorrangig und von Beginn an der Fernhandel
war und die in der Regel im ausgehenden 10. Jahrhundert aufhörten zu bestehen.
Es sind dies Orte wie Menzlin, Groß Strömkendorf, Haithabu, Ralswiek, als Sonderfall Wollin, ferner Rostock-Dierkow, Bardy-Swielubie, Truso, Birka und viele weitere, teils unentdeckte mehr.
Alle diese Seehandelsplätze oder Ports-of-Trade entstanden nicht von vornherein in ihrer in historischen Quellen überlieferten Größe und Struktur; befestigt war keine von ihnen in ihrer frühesten Siedlungsphase. Überhaupt kennzeichnet sie eine auffallende Distanz zu vermutlich zeitgleichen Burgen.
Es soll hier versucht werden, einige Charakteristika eines Siedlungstypes aufzuzeigen, der in dieser Form zwischen der 1. Hälfte des 8. und dem ausgehenden 10. Jahrhundert bestanden hatte.
Wie entstanden diese Siedlung? Wer war daran beteiligt? Worin liegen die Gründe ihres Verschwindens gegen Ende des 10. Jahrhunderts?
Nach einem knappen Einblick in die Forschungs- und Handelsgeschichte sollen einige Emporien vorgestellt und deren strukturelle Gemeinsamkeiten aufgezeigt werden. In einem nächsten Schritt gilt es, Forschungsmodelle, die das Phänomen der Handelsplatzgenese erklären zu können beanspruchen, vorzustellen und zu kritisieren, um abschließend die gewonnenen Erkenntnisse zusammen zu führen und einen Erklärungsansatz anzubieten.
Inhaltsverzeichnis
1. Handelsplätze und die Voraussetzungen ihrer Entstehung.
1.1. Einleitung.
1.2. Übergreifende Charakteristika.
1.3. Forschungsgeschichte.
1.4. Historischer Rahmen. Abriss zur Handelsgeschichte.
2. Darstellung der Quellen.
2.1. Historische Quellen.
2.2. Archäologische Quellen. Einige Beispiele.
2.2.1. Haithabu.
2.2.2. Groß Strömkendorf.
2.2.3. Weitere Seehandelsplätze.
3. Genese der Handelsplätze. Modelle und Kritik.
3.1. Das Modell des politisch konsolidierten Hinterlandes.
3.2. Das Modell des politisch unkonsolidierten Hinterlandes und das Konzept des Port-of-Trade.
4. Versuch einer Interpretation der Seehandelsplatzgenese.
5. Zusammenfassung.
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung früh-mittelalterlicher Handelsplätze an der südwestlichen Ostseeküste. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob diese Emporien als Resultat einer zentral gesteuerten politischen Planung oder als organisch gewachsene, eigenständige Handelszentren entstanden sind.
- Analyse der historischen und archäologischen Quellenlage zu Emporien des 8. bis 10. Jahrhunderts.
- Gegenüberstellung von Modellen zur Entstehung, insbesondere dem politisch konsolidierten vs. unkonsolidierten Hinterland.
- Untersuchung der strukturellen Charakteristika, wie z.B. Parzellierung und Handwerkertätigkeit.
- Diskussion der Rolle von Fernhandel und agrarischem Umland bei der Genese der Handelsplätze.
- Bewertung des Einflusses politischer Mächte (wie des Karolingerreichs) auf die Entwicklung der Handelsstrukturen.
Auszug aus dem Buch
1.1. Einleitung.
ADAM VON BREMEN beschrieb im ausgehenden 11. Jahrhundert das Emporium Wollin als die größte aller Städte, in der Händler aus allen Gegenden der Welt zusammen kamen, um ihre Waren umzuschlagen. Sie besaßen alle das gleiche Niederlassungsrecht und konnten ihrem Glauben im Privaten frei nachgehen.¹ Wollin, das sagenumwobene Vineta, verfügte zu dieser Zeit über eine Burg, ein comes vici vetrat den Fürsten am Ort und ein 'Vulkanstopf' wies den Fremden den Weg.²
Diese und andere historische Schilderungen vermitteln bis in die Gegenwart das Bild der turbulenten Marktplätze, die an Lebendigkeit und Farbenfreude den orientalischen Bazaren in nichts nachstanden. Noch heute locken Mittelalter- bzw. Vikingermärkte zigtausende Touristen in den Ringwall nach Hedeby, das einstige Haithabu.
Doch wie entstanden derartige Siedlungen? Wer veranlasste ihre Gründung oder entstanden sie frei von obrigkeitlicher Kontrolle? Welche Rolle kommt dabei den fremden Händlern und welche den Einheimischen zu?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Handelsplätze und die Voraussetzungen ihrer Entstehung.: Einführung in das Thema, Darstellung der Forschungsgeschichte und des historischen Rahmens des mittelalterlichen Handels.
2. Darstellung der Quellen.: Analyse der schriftlichen historischen Quellen sowie archäologischer Funde an spezifischen Orten wie Haithabu und Groß Strömkendorf.
3. Genese der Handelsplätze. Modelle und Kritik.: Kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellen zur Entstehung der Handelsplätze, insbesondere unter Berücksichtigung des Hinterland-Status.
4. Versuch einer Interpretation der Seehandelsplatzgenese.: Synthese der Erkenntnisse und Interpretation der strukturellen Entwicklung und der Einflussfaktoren auf die Handelsplatzgenese.
5. Zusammenfassung.: Abschließende Betrachtung der Entstehungsbedingungen, die verdeutlicht, dass es keine monokausalen Erklärungen gibt.
Schlüsselwörter
Handelsplätze, Ostseeküste, Frühmittelalter, Emporien, Haithabu, Groß Strömkendorf, Port-of-Trade, Archäologie, Handelsgeschichte, Siedlungsstruktur, Fernhandel, Slawen, Skandinavier, Karolinger, Reric
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und Entwicklung der sogenannten Seehandelsplätze oder Emporien an der südwestlichen Ostseeküste im Zeitraum zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Arbeit thematisiert die archäologische Fundlage, die historische Quellenkritik, verschiedene Entstehungsmodelle der Orte sowie das komplexe Zusammenspiel zwischen Händlern, Handwerkern und der lokalen Bevölkerung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob diese Handelsplätze als Resultat staatlich-politischer Planung entstanden sind oder ob es sich um eine Form der eigenständigen, organischen Selbstorganisation handelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine interdisziplinäre Untersuchung, die historische Schriftquellen mit archäologischen Befunden (insbesondere Dendrochronologie und Fundgutanalysen) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Quellenanalyse, die Vorstellung wichtiger Ausgrabungsorte und die Diskussion wissenschaftlicher Modelle über die Abhängigkeit oder Unabhängigkeit dieser Orte von politischen Machtzentren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Seehandelsplätze, Emporien, Archäologie, Port-of-Trade, frühmittelalterlicher Fernhandel und die sozio-ökonomische Struktur des Hinterlandes.
Was ist das Besondere an dem Fundort Groß Strömkendorf?
Groß Strömkendorf gilt als ein Paradebeispiel für ein Emporium, das eine mehrphasige Entwicklung aufweist und durch dendrochronologische Daten den Übergang von lockeren Strukturen zu planmäßigen Anlagen dokumentiert.
Welche Bedeutung kommt dem Konzept des "Port-of-Trade" zu?
Dieses Modell beschreibt Handelsorte als "Freihandelszonen" außerhalb direkter politischer Jurisdiktion, was erklärt, wie Händler unterschiedlicher Kulturen in einer politisch fragmentierten Region koexistieren konnten.
- Arbeit zitieren
- Benjamin Nowak (Autor:in), 2009, Die Genese der Handelsplätze an der südwestlichen Ostseeküste, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153508