Wie Prof. Dr. Brieskorn in seinem Buch „Finsteres Mittelalter?“ beschreibt, galt und gilt das Mittelalter in den Vorstellungen der Menschen seit jeher als eine „Zeit der Grausamkeit und der Brutalität“. Eine solche Betrachtung des „Medium Aevum“ ist auf eine Vielzahl von martialischen und blutrünstigen Akten mittelalterlicher Zeitgenossen zurückzuführen, z.B. auf den Fall von Kardinal Jean de la Balue, der wegen Beschuldigung des Landesverrat für elf Jahre in einen Eisenkäfig eingesperrt wurde. Die direkte Schlussfolgerung aus diesen und anderen Umständen würde nun darin bestehen, konsequent das Mittelalter als gewalttätige Epoche zu brandmarken. Von verschiedenen Seiten wird jedoch dagegen Widerspruch eingelegt. Die Aufgabe des vorliegenden Essays soll nun darin bestehen, der Frage nach dem Umgang mit Gewalt im Mittelalter nachzugehen.
Inhaltsverzeichnis
Das finstere Mittelalter?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das verbreitete Bild des Mittelalters als eine von extremer Gewalt und Grausamkeit geprägte Epoche („finstere Mittelalter“) und hinterfragt dieses durch eine differenzierte Analyse historischer Quellen und moderner Forschungspositionen.
- Die historische Wahrnehmung des Mittelalters als „Zeit der Grausamkeit“
- Die Rolle von Fehden und militärischen Strukturen in der mittelalterlichen Gesellschaft
- Mechanismen der Pazifizierung wie Rittertum und Gottesfriedenbewegung
- Der Vergleich zwischen mittelalterlicher Gewalt und modernen Gewaltphänomenen
Auszug aus dem Buch
Das finstere Mittelalter?
Die Aufgabe des vorliegenden Essays besteht darin, der Frage nach dem Umgang von Gewalt im Mittelalter nachzugehen.
Wie Prof. Dr. Brieskorn in seinem Buch „Finsteres Mittelalter?“ beschreibt, galt und gilt das Mittelalter in den Vorstellungen der Menschen seit jeher als eine „Zeit der Grausamkeit und der Brutalität“, bei der das menschliche Denken und Handeln von einer hohen Gewaltbereitschaft geprägt gewesen sein soll mit der Folge einer allgemeinen inneren Verrohung der Menschen und dem billigen Sterben einer Unzahl an Personen. Andere Historiker konstatieren ein ähnliches landläufiges Mittelalterbild, wonach das Mittelalter auf paradigmatische Weise den besten Beweis für die Geschichte der Menschheit als Geschichte der Gewalt liefere. Ein dermaßen abschätziges Urteil über das europäische Mittelalter lässt sich bereits in älteren Quellen feststellen, z.B. in den Schriften des Aufklärers Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) oder bei Kardinal Caesar Baronius in seinen Annalen der Kirchengeschichte (1603): „Siehe, eine neues Saeculum beginnt, das man eisern, bleiern und finster nennt.“ Die Umschreibung als „bleiern“ deutet dabei auf das niedrige intellektuelle Bildungsniveau und die Beschreibungen als „eisern“ und „finster“ auf den ungehemmten Einsatz von Gewalt hin.
Zusammenfassung der Kapitel
Das finstere Mittelalter?: Der Essay untersucht die Konstruktion des Mittelalterbildes als finstere Epoche und stellt die konträren Positionen zur mittelalterlichen Gewaltbereitschaft und Friedfertigkeit einander gegenüber.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Gewalt, Fehde, Grausamkeit, Rittertum, Gottesfriedenbewegung, Pazifizierung, Geschichte, Brutalität, Konfliktbeilegung, Ethik, Mittelalterbild, Historische Forschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das populäre Vorurteil des „finsteren Mittelalters“, welches die Epoche primär als gewalttätig und grausam darstellt, und setzt dieses in einen wissenschaftlichen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Einordnung von Gewalt, die Funktion des Fehdewesens sowie die friedensstiftenden Institutionen und Verhaltensregeln der Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das einseitige Bild eines „finsteren“ Mittelalters zu dekonstruieren und eine differenzierte, ambivalente Sichtweise auf die Epoche zu etablieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine essayistische Auseinandersetzung mit historischer Fachliteratur, wobei verschiedene Expertenmeinungen gegenübergestellt und auf Basis von Quellenbeispielen kritisch reflektiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet Indizien für die Gewaltbereitschaft, wie die Militarisierung, und kontrastiert diese mit pazifizierenden Elementen wie der Ritterethik und der Gottesfriedenbewegung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Gewalt, Mittelalter, Fehde, Rittertum und Pazifizierung.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Fehdewesens?
Das Fehdewesen wird sowohl als Ausdruck einer fehlenden staatlichen Gewaltmonopol-Struktur als auch als ein regelgeleitetes System zur Konfliktlösung betrachtet.
Inwiefern spielt der Gottesfrieden eine Rolle für die Argumentation?
Der Gottesfrieden dient als zweischneidiges Argument: Er beweist einerseits das Bedürfnis nach Friedfertigkeit, verdeutlicht aber andererseits die Notwendigkeit, der allgegenwärtigen Gewalt durch Institutionen Einhalt zu gebieten.
Welches Fazit zieht der Autor hinsichtlich des Epochenvergleichs?
Der Autor schlussfolgert, dass kein eindeutiges Schwarz-Weiß-Bild zwischen „schlechter Vergangenheit“ und „besserer Gegenwart“ konstruiert werden kann, da beide Epochen eigene spezifische Gewalt- und Friedensmuster aufweisen.
- Arbeit zitieren
- Peter Hubertus Erdmann (Autor:in), 2008, Das finstere Mittelalter? Blut und Gewalt allerorten.....? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153538