Um im Rahmen dieses Essays Sinn und Zweck der staatlichen Strafe zu diskutieren, ist es angebracht, sich an den Überlegungen der Straftheorien und ihrer spezifischen Sichtweise von Verbrechen, Sanktionen, Tätern und Opfern, aber auch der Gesellschaft, zu orientieren. Die Kritik an diesen Theorien soll gleichzeitig den Verbindungsweg zur justiziellen Realität bilden, um letztlich eine differenzierte und umfassende Betrachtung des Strafens, seiner Vorgänge und Institutionen zu erreichen. Aufgrund dieser Vorgehensweise wird sich die vorliegende Abhandlung hauptsächlich auf Eberhard Schmidhäusers Werk "Vom Sinn der Strafe" beziehen sowie, um auch die gesellschaftliche Funktion des Strafens einzubeziehen, auf Texte aus David Garlands "Kultur der Kontrolle".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Unterscheidung von Sinn und Zweck der Strafe
3. Die absolute Straftheorie: Vergeltung und Sühne
4. Die relative Straftheorie: Prävention und Resozialisierung
5. Vergleich: Schmidhäuser vs. Garland
6. Fazit: Die Notwendigkeit staatlichen Strafens
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Sinn und Zweck staatlichen Strafens durch eine kritische Gegenüberstellung klassischer Straftheorien nach Eberhard Schmidhäuser und soziologischer Perspektiven nach David Garland, um die gesellschaftliche Funktion von Strafe zu ergründen.
- Differenzierung zwischen Sinn und Zweck der Strafe
- Kritische Analyse der absoluten Straftheorie (Vergeltung/Sühne)
- Untersuchung der relativen Straftheorie (Prävention/Resozialisierung)
- Vergleich der gesellschaftlichen Funktionen von Strafe über fünf Jahrzehnte
- Reflexion über Machtkonsolidierung und das Bedürfnis nach Sicherheit
Auszug aus dem Buch
Die absolute Straftheorie: Vergeltung und Sühne
Schmidhäuser formuliert die Idee der staatlichen Strafe folgendermaßen: „Eine sittliche Verfehlung wird durch nach Form und Inhalt zu verantwortendes Übel vergolten.“ Nach diesem Ansatz wäre das Ziel der Strafe, einen begangenen Normbruch wiedergutzumachen, indem dem Täter ebenso ein „Übel“ widerfährt, wie es das Opfer bereits erleiden musste.
Diese Idee der Vergeltung, der „gerechte[n] Sühne für die Schuld des Täters“, formulierten bereits Kant und Hegel. Neben den Ideen der Vergeltung kommen hier die Begriffe Sühne und letztlich Gerechtigkeit zum Tragen, die Kant in Zusammenhang mit dieser Theorie des Strafens gebracht hat. Gerechtigkeit wäre demnach wiederhergestellt, sobald wie gesagt die Straftat durch eine gleichwertige Strafe vergolten wurde.
Den naheliegenden Schluss, somit sei Strafe nach der Vergeltungstheorie gleich Rache, verneint Schmidhäuser: Rache hat nach bereits ausgeführter Sinn-Zweck-Differenzierung kein objektiv-allgemeines, sondern ein subjektiv-besonderes Ziel und wäre somit sinnlos und nicht legitimiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung nach dem Sinn und Zweck staatlicher Strafe ein und definiert die methodische Ausrichtung anhand von Schmidhäuser und Garland.
2. Die Unterscheidung von Sinn und Zweck der Strafe: Hier wird die begriffliche Trennung zwischen dem realen Zweck einer Sanktion und dem übergeordneten, ideellen Sinn des Strafens explizit herausgearbeitet.
3. Die absolute Straftheorie: Vergeltung und Sühne: Dieses Kapitel beleuchtet den vergeltungstheoretischen Ansatz, der auf der Idee der Sühne und der Wiederherstellung von Gerechtigkeit durch Leidzufügung basiert.
4. Die relative Straftheorie: Prävention und Resozialisierung: Im Fokus stehen hier die zukunftsorientierten Aspekte der Strafe, insbesondere die Spezial- und Generalprävention sowie die Problematik des Resozialisierungsgedankens.
5. Vergleich: Schmidhäuser vs. Garland: Die unterschiedlichen theoretischen Sichtweisen werden kontrastiert, wobei insbesondere der Wandel vom Wohlfahrtsstaat zum Individualismus des Marktes betrachtet wird.
6. Fazit: Die Notwendigkeit staatlichen Strafens: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die gesellschaftskonstituierende Rolle der Strafe als Mittel zur Aufrechterhaltung eines Sicherheitssystems.
Schlüsselwörter
Staatliche Strafe, Straftheorien, Vergeltung, Sühne, Spezialprävention, Generalprävention, Resozialisierung, Willensfreiheit, Machtkonsolidierung, Gesellschaftskonstruktion, Normbruch, Labeling Approach, Sicherheitsgefühl, Eberhard Schmidhäuser, David Garland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen und soziologischen Begründung staatlicher Strafe und hinterfragt deren Sinnhaftigkeit sowie gesellschaftliche Zweckbestimmung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Vergeltungstheorien, Präventionsgedanken im Strafvollzug sowie die soziologische Betrachtung der Machtfunktion von Strafe.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Frage "Muss Strafe sein?" differenziert zu beantworten, indem sowohl die Perspektive auf den Täter als auch die Rolle der Gesellschaft für das Strafsystem analysiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und theoriebasierte Analyse, die sich primär auf die Werke von Eberhard Schmidhäuser und David Garland stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden absolute und relative Straftheorien gegenübergestellt, kritisch auf ihre theoretischen Schwachstellen geprüft und in den Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen gesetzt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Straftheorie, Prävention, Vergeltung, soziale Kontrolle und Machtkonsolidierung charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin die Resozialisierung im Gefängnis?
Die Resozialisierung wird als theoretisch positives, aber in der Praxis durch strukturelle Gewalt und kriminelle Ansteckung stark problematisches Konzept bewertet.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der Willensfreiheit bei?
Die Willensfreiheit ist zentral, da die Annahme individueller Verantwortung erst das Recht auf staatliche Strafe legitimiert; deren Verneinung würde hingegen zu präventiven Maßnahmen führen.
- Quote paper
- Marina Schmidt (Author), 2010, Zum Sinn und Zweck staatlichen Strafens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153626