Zum Sinn und Zweck staatlichen Strafens


Essay, 2010
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Universität Hamburg

Institut für Soziologie

22-546 Vertiefungsmodul: „Macht, Gewalt und Strafe“

SoSe 2010

Dozentin: Wiebke Bruns

Abgegeben von: Marina Schmidt, Matr.nr. 5795234

Am: 17.06.2010

Essay 2:

Muss Strafe sein? Diskutieren Sie unter Bezugnahme der Straftheorien den Sinn und Zweck staatlichen Strafens und erläutern Sie dessen gesellschaftliche Funktion.

Um im Rahmen dieses Essays Sinn und Zweck der staatlichen Strafe zu diskutieren, ist es angebracht, sich an den Überlegungen der Straftheorien[1] und ihrer spezifischen Sichtweise von Verbrechen, Sanktionen, Tätern und Opfern, aber auch der Gesellschaft, zu orientieren. Die Kritik an diesen Theorien soll gleichzeitig den Verbindungsweg zur justiziellen Realität bilden, um letztlich eine differenzierte und umfassende Betrachtung des Strafens, seiner Vorgänge und Institutionen zu erreichen. Aufgrund dieser Vorgehensweise wird sich die vorliegende Abhandlung hauptsächlich auf Eberhard Schmidhäusers Werk „Vom Sinn der Strafe[2] “ beziehen sowie, um auch die gesellschaftliche Funktion des Strafens einzubeziehen, auf Texte aus David Garlands „Kultur der Kontrolle[3] “.

Ich möchte meine Betrachtungen denjenigen Schmidhäusers insofern anschließen, als ich ebenfalls vorab auf die grundlegende Unterscheidung zwischen Sinn und Zweck hinweise: In der hier aufgeworfenen Fragestellung geht es einerseits um die reale Zweckmäßigkeit von Strafe. Stelle ich andererseits die Frage nach ihrem Sinn, so frage ich nach etwas „Objektiv-Geistig-Allgemeine[m][4] “, das sich bei einer Sinnhaftigkeit des Strafens darin erleben lassen müsste. Anders ausgedrückt ist Sinn also eine wahrnehmbare Äußerung eines moralischen Wertes, auf den sich die Allgemeinheit geeinigt hat.

Daraus ergibt sich, dass dieses Sinnempfinden Strömungen der Zeit unterliegt und sich ändern kann, ebenso wie Normen und Werte sich im Laufe der Zeit verändern. Im Unterschied zum Zweck ist der Sinn somit nicht auf ein reales Ziel, beispielsweise die Abschaffung sämtlicher Diebstähle, gerichtet, sondern auf ein ideales Ziel – zum Beispiel, das Bewusstsein in jedem Mitglied der Bevölkerung zu schaffen, dass Diebstähle Schaden verursachen und somit zu verurteilen sind, schlussendlich dann nicht mehr stattfinden.

Schmidhäuser ergänzt seine Unterscheidung dadurch, als dass er Sinn immer als „Sinn für jemanden[5] “ definiert. Daraus schlussfolgert er, dass dann auch die Existenz eines „Kollektivsubjekts“ angenommen werden müssen, „für das dieser Sinn gegeben sein könnte“, ergo eine „strafende Gemeinschaft[6] “.

Die folgenden Erwägungen befassen sich somit teils mit der Zweckhaftigkeit der Strafe und teils mit ihrem Sinn, die sie nach Schmidhäuser nur durch gesellschaftliche Zuschreibung erhalten kann und die vor allem gleichzeitig die Frage nach dem Recht zur Strafe ist[7]. Vorangestellt ist dem demnach die Überlegung, was Strafe will – oder was der Bestrafende mit der Verhängung einer Sanktion erreichen will. Will Strafe vergelten? Wiedergutmachen? Abschrecken? Belehren? Und welche (gesellschaftlichen) Bedingungen müssen erfüllt sein, damit er dies überhaupt darf und kann?

Schmidhäuser formuliert die Idee der staatlichen Strafe folgendermaßen: „Eine sittliche Verfehlung wird durch nach Form und Inhalt zu verantwortendes Übel vergolten.[8] “ Nach diesem Ansatz wäre das Ziel der Strafe, einen begangenen Normbruch wiedergutzumachen, indem dem Täter ebenso ein „Übel“ widerfährt, wie es das Opfer bereits erleiden musste. Diese Idee der Vergeltung, der „gerechte[n] Sühne für die Schuld des Täters[9] “, formulierten bereits Kant und Hegel[10]. Neben den Ideen der Vergeltung kommen hier die Begriffe Sühne und letztlich Gerechtigkeit zum Tragen[11], die Kant in Zusammenhang mit dieser Theorie des Strafens gebracht hat. Gerechtigkeit wäre demnach wiederhergestellt, sobald wie gesagt die Straftat durch eine gleichwertige Strafe vergolten wurde[12] . Den naheliegenden Schluss, somit sei Strafe nach der Vergeltungstheorie gleich Rache, verneint Schmidhäuser: Rache hat nach bereits ausgeführter Sinn-Zweck-Differenzierung kein objektiv-allgemeines, sondern ein subjektiv-besonderes[13] Ziel und wäre somit sinnlos und nicht legitimiert.

Als weiterer Aspekt steht hier der Sühnegedanke, der in der Strafe einen „Dienst am Verbrecher[14] “ sieht. Dieser hat durch die Bestrafung die Möglichkeit, „gereinigt“ zu werden und die Sanktion nicht als negativ wahrzunehmen, sondern ja als gerecht[15].

[...]


[1] Diese werden auch synonym als Strafzwecktheorien bezeichnet.

[2] Schmidhäuser, Eberhard: Vom Sinn der Strafe, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen, 1971.

[3] Garland, David: Kultur der Kontrolle: Verbrechensbekämpfung und soziale Ordnung in der Gegenwart, Campus-Verlag: Frankfurt/Main u.a.: 2008.

[4] SCHMIDHÄUSER, 1971: 36.

[5] SCHMIDHÄUSER, 1971: 41.

[6] Ebd.: 43.

[7] Ebd.: 41.

[8] Ebd.: 37.

[9] Ebd.: 19.

[10] Die hier angesprochene, so genannte Vergeltungstheorie wird der absoluten Straftheorie zugeordnet. Nach der absoluten Straftheorie konzentriert sich Strafe allein auf die Reaktion auf ein in der Vergangenheit begangenes Verbrechen. Vgl. SCHMIDHÄUSER, 1971: 18f.

[11] Auf den Begriff der Schuld möchte ich später zu sprechen kommen.

[12] Dieser Gedanke findet sich bereits im biblischen Talion „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Vgl. Ex 21, 23–25.

[13] SCHMIDHÄUSER, 1971 : 35.

[14] Schmidhäuser verweist hier u.a. auf den christlich-theologischen Zugang zur Strafe und nennt beispielhaft Thomas von Aquin und dessen Abhandlung „Heilstrafen“. Vgl. S. 23.

[15] Der Autor weist auch darauf hin, dass die Idee der „Sühne“ momentanen geistigen Strömungen wenig entspricht: Wenn nach der Sühnetheorie Strafe etwas Gutes sei, das zu Sühne führe, müsste jedes Gesellschaftsmitglied diese „Wohltat“ auch seinen Freunden und sich selbst gönnen und Straftaten jeglicher Art anzeigen. Vgl. S. 52.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Zum Sinn und Zweck staatlichen Strafens
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Vertiefungsmodul: Macht, Gewalt und Strafe
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V153626
ISBN (eBook)
9783640660339
ISBN (Buch)
9783640660865
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strafe, Staat, Sanktionen, Kontrolle, Gesellschaft, Straftheorien, Prävention, Verbrechen, Resozialisierung, Sinn, Zweck, Recht
Arbeit zitieren
Marina Schmidt (Autor), 2010, Zum Sinn und Zweck staatlichen Strafens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153626

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