Abschied vom Frontal- und Hinwendung zum Gruppenunterricht?

Ein Praktikumsbericht


Internship Report, 2007
22 Pages, Grade: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterrichtsformen
2.1. Frontalunterricht - was ist das überhaupt?
2.2. Vorteile
2.3 und Nachteile der Frontalunterrichts
2.4. Der Gruppenunterricht
2.5. Vorzüge und Nachteile von Gruppenarbeit

3. Auswertung

4. Unterrichtsentwurf für zwei Geschichtsstunden einer 10. Klasse
4.1. Einordnung der Stunde (fettgedruckt) in die Unterrichtssequenz
4.2. Lernziele
4.3. Feinziele
4.4. Vorstellung der Klasse:

5. Unterrichtsverlaufsplan

6. Reflexion

7. Literaturangaben

Abschied vom Frontal- & Hinwendung zum Gruppenunterricht?! Erdmann

1. Einleitung

Die Aufgabe der vorliegenden Hausarbeit besteht in ihrem ersten Teil darin, im Rahmen eines Vergleichs auf die beiden Unterrichtsformen „Frontalunterricht“ und „Gruppenunterricht“ einzugehen. Dabei werden Vorzüge und Nachteile der beiden Unterrichtsformen gegeneinander abgewogen, um effektive Einsetzungsmöglichkeiten im Klassenunterricht herauszuarbeiten.

In einem zweiten Schritt soll der Versuch unternommen werden, die theoretischen Darlegungen durch eine praktische Veranschaulichung näher zu beleuchten. Als Beispiel dafür sind zwei Schulstunden im Fach Geschichte an dem HeriburgGymnasium in Coesfeld (Münster) gewählt, bei dem ich während eines vierwöchigen Blockpraktikums (19. August bis 20. September 2006) die Fächer Geschichte und katholische Religionslehre hospitieren und unterrichten durfte.

2. Unterrichtsformen

2.1. Frontalunterricht - was ist das überhaupt?

Der Begriff „Frontalunterricht“ bezeichnet in der allgemeinen Schulpädagogik eine Unterrichtsmethode, deren entscheidendes Charakteristikum in der Dominanz lehrergesteuerter Gespräche im Stundenverlauf besteht:

„Die zum Lehrer und zur Wandtafel hin ausgerichtete Sitzanordnung und die zeitliche Gliederung nach 45-Minuten-Lektionen kennzeichnen die Art des Frontalunterrichts ebenso, wie die Tatsache, dass der Lehrer im Brennpunkt des Geschehens steht und die meisten sprachlichen Ä u ß erungen liefert.“1 Grundsätzlich handelt es sich bei der Unterrichtspraxis Frontalunterricht um eine der sogenannten Sozialformen von Unterricht, meist verstanden in Abgrenzung zu den anderen Sozialformen Gruppenarbeit, Partnerarbeit und Einzelarbeit.2 Genauer noch lässt sich die Sozialform Frontalunterricht in zwei Aktionsformen des Lehrens ausdifferenzieren3:

a) der Lehrervortrag/-monolog, unter dem im wesentlichen „eine

zusammenhängende Äußerung eines Lehrers verstanden wird, durch die mittels wörtlicher Rede ein bestimmtes Lernziel erreicht werden soll"4 ; und

b) der fragend- entwickelnder Unterricht, bei dem nur vorbereitete Fragen und Ergebnisse des Lehrers zugelassen werden. Dabei hat sich der Lehrer Abschied vom Frontal- & Hinwendung zum Gruppenunterricht?! Erdmann genaue Zielsetzungen überlegt, die Fragen sind schriftlich formuliert, und ein ganz bestimmtes Lernziel soll erreicht werden. Andersartige, von der Unterrichtsplanung abweichende Schülerfragen oder Äußerungen werden in Folge dessen vom Lehrer unterdrückt, kritisiert oder abgewiesen.5

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in einer ausschließlich nach den Idealen des Frontalunterrichts ausgerichteten Schulstunde nur diejenigen Beziehungen/ Interaktionen erlaubt sind, die vom Lehrer zu den einzelnen Schülern hin- und wieder zurückgehen.6

In der didaktischen Literatur wird der Begriff 'Frontalunterricht' teils wertfrei beschreibend, teils heftig polemisch verwendet; außerdem finden sich ambivalente Zwischenformen, die zwischen grundsätzlicher Ablehnung und widerwilliger Anerkennung schwanken.7 In der Tendenz wird diese Unterrichtsform in der meisten Literatur spätestens seit den 1960er jedoch eher in pejorativer Weise als wenig sinnvoll erachtet. Auch heute ist „Frontalunterricht“ in der Lehrerausbildung ein geradezu geächtetes Wort; Lehramtsstudierenden wird oftmals signalisiert, dass alle anderen Sozialformen per se überlegen seien. In der Unterrichtsrealität hingegen ist Frontalunterricht die mit großem Abstand vorherrschende Sozialform; Studien haben gezeigt, dass je nach Schulform und Schüleralter in Deutschland 80 bis 95% des Unterrichts als Frontalunterricht stattfindet.8

Auf Grund dieses Widerspruchs zwischen erziehungswissenschaftlicher Wertung und seinem dominanten Anteil im Schulalltag muss nach den Vorzügen und Nachteilen dieser Sozialform gefragt werden.

2.2. Vorteile

Der Frontalunterricht gilt bei den Befürwortern als eine sehr einfache Methode, bei der der Lehrer sich leichter als im Unterrichtsgespräch an ein bestimmtes Vorbereitungsschema halten und daher - in der Regel - seine Lehrziele erreichen kann. Der Lehrer in seiner Rolle als singulärer Moderator erlebt keine unliebsamen Überraschungen: „Die Kontrolle über den Unterrichtsverlauf ist vollkommener, wenn der Lehrer alles auf sich zentriert.“9

In Folge dessen gilt Frontalunterricht als effektive Methode zur Vermittlung von Lehrinhalten: Ein Lehrer kann z.B. die wichtigsten Ereignisse der Weimarer Republik ganz plakativ in deutlich weniger Zeit benennen als eine Schulklasse von 20 bis 30 Schülerinnen und Schüler, die darüber erst einmal recherchieren und miteinander in ein aufwendiges Gespräch kommen müsste, lange Zeit bevor sie mit Ergebnissen aufwarten könnte. Der zeitliche Rahmen einer Unterrichtsstunde würde konsequenterweise nicht ausreichen, um bestimmte Lernziele zu erreichen, womit auch der Lehrplan nicht eingehalten werden könne. Also ziehen Befürworter den Schluss, dass „die Lernzielorientierung am ehesten zu gewährleisten ist, wenn das Unterrichtsgeschehen allein vom Lehrer ausgeht“ bzw. dass “Unterrichtsplanung und offizieller Unterrichtsverlauf durch Frontalunterricht am ehesten zur Deckung zu bringen sind.“10

Der Frontalunterricht wird damit als ö konomisch in dem Sinne beschrieben, als dass der Lehrer wie in keiner anderen Sozialform des Unterrichts über die Möglichkeit verfügt, alle Schüler gleichzeitig anzusprechen. Niemand ist vom Wissen, niemand vom Unterrichtsgeschehen ausgeschlossen. Der Lehrer übernimmt demnach für den Schüler Funktionen, wie sie aus dem Vorlesungsbetrieb an den Hochschulen bekannt ist.

2.3 und Nachteile der Frontalunterrichts

Im 19. Jahrhundert wurde dem Frontalunterricht vor allem durch den Pädagogen Johann Friedrich Herbart und seine Schüler durch grundlegende theoretische Einsichten weithin Anerkennung verschafft. Die pädagogische Reformbewegung zu Beginn dieses Jahrhunderts brachte dann jedoch eine tiefgreifende Kritik am Frontalunterricht und die Entwicklung von Alternativen. Diese Kritik richtete sich vor allem gegen das Vorherrschen des Wortes, gegen den Mangel an Schüleraktivität und gegen die Vernachlässigung von Sozialbeziehungen. Ähnlich verhält es sich mit der heutigen Kritik: Ist in den Grundschulen noch Freude am Schulalltag zu erkennen, so lässt diese häufig im Laufe der Jahre immer mehr nach, so dass bei vielen Schülern und Schülerinnen aus Lust schließlich Frust wird - so beobachten viele Pädagogen11 und führen dies nicht selten auf Frontalunterricht als Ursache zurück.

Obwohl man diese Ermüdungserscheinung bei den Schülern sicherlich nicht monokausal von der Unterrichtsform abhängig machen sollte (hinzu kommen weitere Aspekte wie private Lebensumstände, das Elternhaus u.a.), muss man sich dennoch fragen, ob der Frontalunterricht den Schülern nicht doch in bestimmten Punkten zum Nachteil gereicht. Ein wesentlicher Vorwurf besteht darin, dass der Schüler im Frontalunterricht hauptsächlich rezeptiv lerne. Dieser Kritikpunkt ist insofern gerechtfertigt, als dass im reinen Frontalunterricht maximal nur ein Schüler

- zum Beispiel durch das Beantworten von Lehrerfragen - aktiv tätig ist, während alle anderen Schüler lediglich zuhören, also rezeptiv lernen müssen. Versteift sich der Lehrer auf die Aktionsform des Lehrervortrags, kommt sogar gar kein Schüler mehr zu Wort. Dieser Mangel an Selbsttätigkeit ist für viele Menschen wenig ansprechend, kaum motivierend. Empirische Untersuchungen belegen dabei, dass aktiv lernende Schüler sehr viel besser motiviert sind, eine höhere Lerneinsicht zeigen und langfristig besser lernen. Das Erinnerungsvermögen beispielsweise variiert dabei in Abhängigkeit von der Aufnahmeart der Informationen, wobei man letzten Endes von folgendem Zusammenhang ausgehen kann

Art der Aufnahme Behaltenseffekt

Hören niedrig

Sehen

Hören und Sehen

Selbst erarbeiten

Anderen etwas erklären hoch

Hinzu kommt noch ein zweites, ähnliches Argument: Im Frontalunterricht kann der Lehrer nicht der Individualität aller Schüler gerecht werden, da er bei der Wahl seiner Lernziele und damit der Arbeitsaufgaben davon ausgehen muss, eine völlig leistungshomogene Schulklasse vor sich zu haben. Diese Voraussetzung trifft allerdings auf keine Klasse zu, die interindividuellen Unterschiede sind zu groß. Untersuchungen von z.B. Vester zu Beginn der 70er Jahre zeigen, dass in einer Klasse von etwa 30 Schülern ungefähr dieselbe Anzahl von unterschiedlichen Lerntypen sitzen, nämlich Mischtypen von visuellen, auditiven oder haptischen Lerntypen.12 Um aber überhaupt Lernziele setzen zu können, muss der Lehrer so tun, als habe er eine leistungshomogene Klasse vor sich. Denn im Frontalunterricht kann er die Klasse nur als ganzes ansprechen. Dies führt zwangsläufig dazu, dass er sich bei der Wahl seiner Lehrziele an einem bestimmten Leistungsniveau orientiert. Meistens wird er wohl vom Durchschnittsschüler ausgehen, was in einer Überforderung des Leistungsschwachen und in der Unterforderung des guten Schülers endet. Geht er vom leistungsbesten Schüler aus, dann überfordert er alle anderen Schüler. Andererseits langweilt sich der unterforderte Schüler im Englischunterricht, wenn die Lehrerin die Lernschwächeren besonders intensiv betreut und erst dann neue Aufgaben verteilt, sobald der lernschwächste Schüler alle Aufgaben begriffen hat.

In jedem Fall muss man eingestehen, dass ein einzelner Lehrer kaum in der Lage ist, die verschiedensten individuellen Lernbedürfnisse aller Schüler abzudecken. Demnach ist die einzige Person, die einem Schüler eine Sache dauerhaft verständlich machen kann, der Schüler selbst - schließlich kennt er seinen eigenen Lern- und Verarbeitungsrhythmus. Oder kurzum gesagt:

„Erzähle mir, und ich werde vergessen.

Zeige es mir, und ich werde mich erinnern. Beteilige mich, und ich werde verstehen.“13

Ein weiterer, damit verknüpfter Kritikpunkt besteht darin, dass Frontalunterricht zur autoritären Bindung an den Lehrer führen würde. Da ein Lehrer während des Frontalunterrichts eindeutig der wichtigste Bezugspunkt für den Schüler ist, komme es zu einer engeren Bindung an die Person des Lehrers als etwa im Gruppenunterricht. Obwohl dem Gedanken, dass auf diese Weise die soziale Interaktion zwischen den Schülern nicht zum Zuge komme, wohl mit Skepsis zu begegnen ist, muss man zugeben, dass eine zu enge Bindung an die Autorität des Lehrers der Entwicklung hinsichtlich Selbstständigkeit und sozialer Reife nicht förderlich sein wird:

„So werden die Lernenden erwiesenermaßen zu Passivität, Anpassung und einer bequemen Konsumhaltung geführt, [...] bis dahin, dass sich die Klasse so sehr an den Lehrer als Hauptinformationsträger gewöhnt hat, dass sie seinen Informationen unkritisch vertraut und gar nicht erst versucht, Gegenpositionen und Gegeninformationen zu vereinbaren.“14

[...]


1 Vgl. Institut für interkulturelle Didaktik e.V.: http://www.ikud.de/handbuch8.htm (vom 2.1.2007).

2 Vgl. GROSSER, Damian: „Politikdidaktik kurzgefasst”; Bonn 1995, S. 144.

3 Vgl. ASCHERSLEBEN, Karl: „Einführung in die Unterrichtsmethodik“ (5. Auflage); Stuttgart 1991, S. 101.

4 Vgl. ASCHERSLEBEN, Karl: „Einführung in die Unterrichtsmethodik“ (5. Auflage); Stuttgart 1991, S. 29. 3

5 Vgl. ASCHERSLEBEN, Karl: „Einführung in die Unterrichtsmethodik“ (5. Auflage); Stuttgart 1991, S. 100.

6 Vgl. JANASCH, Hans- Windekilde u. JOPPICH, Gerhard: „Unterrichtspraxis“; Hannover 1964, S. 36.

7 Vgl. Berliner Bildungsserver : http://bebis-cms.be.schule.de/weiterbildung/sps/allgemein/ bausteine/ gestaltung /gruppform_expl.htm (vom 2.1.2007)

8 Vgl. GUDJONS, Herbert (Hrsg.): „Handbuch Gruppenunterricht“; Weinheim 1993, S. 17.

9 Vgl. SESINK, Werner: „Fachdidaktik Wirtschaftswissenschaft“; München 1994, S. 204. 4

10 Vgl. SESINK, Werner: „Fachdidaktik Wirtschaftswissenschaft“; München 1994, S. 204.

11 Vgl. HEITKÄMPER, Peter (Hrsg.): „Mehr Lust auf Schule“; Paderborn 1995, S. 7. 5

12 Vgl. THAL, Jürgen u. EBERT, Uwe: „Methodenvielzahl im Unterricht“; München 2004, S. 10. 6

13 Vgl. THAL, Jürgen u. EBERT, Uwe: „Methodenvielzahl im Unterricht“; München 2004, S. 11.

14 Vgl. CASTNER, H.u.Th.: „Emanzipation im Unterricht“; Bad Homburg v.d. Höhe 1976, S.98. 7

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Details

Title
Abschied vom Frontal- und Hinwendung zum Gruppenunterricht?
Subtitle
Ein Praktikumsbericht
College
University of Münster  (Institut für Didaktik der Geschichte)
Course
Blockpraktikum
Grade
1,0
Author
Year
2007
Pages
22
Catalog Number
V153663
ISBN (eBook)
9783640663361
ISBN (Book)
9783668112377
File size
588 KB
Language
German
Tags
Frontalunterricht, Gruppenunterricht, Unterrichtsformen, Gruppenarbeit
Quote paper
Dipl. theol. Peter Hubertus Erdmann (Author), 2007, Abschied vom Frontal- und Hinwendung zum Gruppenunterricht?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153663

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