Die Schiffe des Kolumbus

Ein Rekonstruktionsversuch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

26 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Karacke und Karavelle

3.1 Die Quellenlage
3.2 Schriftliche Quellen

4.1 Santa Maria/„Nao“
4.2 Niña
4.3 Pinta

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Das 15. Jahrhundert war das Jahr der großen Entdeckung. Eine bedeutende Frage wurde gelöst, und zwar die der Gestalt der Erde und der Verteilung von Land und Wasser. Für die moderne Welt und deren Bewohner sind die heutigen geografischen Kenntnisse selbstverständlich, wobei man sich darüber im Klaren sein sollte, dass es mit viel Anstrengung und Zeit verbunden war, den heutigen Stand des Wissens zu erreichen. Der wohl bedeutendste Entdecker war Christoph Columbus. Nach eigenen Angaben war er ein italienischer Seefahrer, der in Genua geboren wurde. Mithilfe der spanischen Krone machte er eine Expeditionsreise auf dem westlichen Seeweg von Europa, um nach Ostasien zu gelangen. Sein Bestreben war, eine andere bzw. kürzere Route nach Indien zu finden, um somit eine neue Handelsroute zu ermöglichen.[1] Schließlich wurde der Handel mit Asien beschwerlicher. Die Seidenstraße war nicht mehr sicher, auch die vielen Zölle waren für den Handel mit Gewürz, Pfeffer, Kampfer, Zimt und vielen anderen Gütern zunehmend hinderlich. Zusätzlich war die Eroberung Konstantinopels 1453 ein Schlag gegen den Handel. Denn der Weg zum Osten schloss sich endgültig.[2]

Die erste Reise startete er im August 1492 mit seinem Flaggschiff, der Karacke Santa Maria, sowie den beiden Karavellen Nina und Pinta. Im Oktober 1492 erreichten die Schiffe San Salvador, eine zu den Bahamas gehörende Insel. Auf der Weiterfahrt entdeckte er auch Kuba und Hispaniola, die zweitgrößte Insel der Antillen. 1493 kehrte Christoph Columbus schließlich nach Europa (Palos) zurück. Er selbst war bis zu seinem Lebensende der Ansicht, auf dem Seeweg eine Route nach „Hinterindien“ entdeckt zu haben. Anders als oft behauptet, glaubte er nie, Indien selbst erreicht zu haben.[3] Im Gegensatz zu den anderen Reisen war die erste mit bescheidenen Mitteln finanziert. Dazu gehörten auch die Expeditionsschiffe, die in vielen künstlerischen Darstellungen, Zeichnungen, Schulbüchern und Nachbauten dargestellt werden. Man erkennt auch, welche große Bedeutung den Schiffen bzw. der Santa Maria zugeschrieben wird, die in diesem wichtigen Ereignis ein zentraler Punkt sind, da ohne diese Mittel die Entdeckung nicht hätte gemacht werden können. Jedoch sind die Darstellungen und Nachbauten sehr vielfältig. In dieser Facharbeit soll versucht werden, ein genaueres Bild von den Expeditionsschiffen zu machen und diese zu rekonstruieren. Folgende Fragen sind zu klären: Mit was für Schiffen wurde die 1. Expeditionsreise gemacht? Welche Schiffe waren tatsächlich an der großen Expedition, der Entdeckung der Neuen Welt, beteiligt? Obwohl die Antwort recht einfach erscheint, gibt es keine einheitliche Darstellung bzw. keinen Nachbau. Die damit verbundenen Quellen sind im Verlauf der Arbeit zu analysieren, wobei die vorhandene Quellenproblematik näher zu erläutern ist. Im ersten Abschnitt ist der Schiffstyp zu erklären. Denn durch den Schiffstyp kommt man den eigentlichen Schiffsbildern sehr nahe und man kann den Rekonstruktionsversuch auf einen bestimmten Typ beschränken.

2. Karacke und Karavelle

Im Allgemeinen wird immer von drei Karavellen gesprochen, d. h. über schnelle Schiffe mit leichtem Rumpf, mehreren Masten und einer großen Segelfläche.[4] Neueren Erkenntnissen zufolge jedoch soll die Flotte des Columbus aus den beiden Karavellen Nina und Pinta bestanden haben. Die Santa Maria, auch „Nao“ genannt, war hingegen ein Schiff mit drei Masten, zwei Viereckssegeln und einem Lateinischen Segel. Mit ihrem Bugaufbau wäre die Santa Maria demnach eher der Klasse der Karacken zuzurechnen.[5] Damit diese Behauptungen geklärt werden können, sind im Folgenden die Schiffstypen näher zu erklären.

Der Begriff Karavelle kommt von dem französischen Wort Caravelle, wobei sich dieses auf das portugiesische Wort Caravela bezieht. Der Ursprung des Begriffes lässt sich weiterleiten zum spätlateinischen Carabus, womit ein kleines, mit Leder bespanntes und geflochtenes Boot bezeichnet wurde. Dies sind Bezeichnungen für ein kleines Fischer- bzw. Küstenboot mit Lateinersegel.[6] Im Wörterbuch der königlichen Akademie für die spanische Sprache wird die Karavelle als „sehr schnell, lang und schmal, mit nur einem Deck, einem Sporn am Bug und einem flachen Achterdeck, mit drei Masten für Lateinersegel[7] und einigen mit Rahen für quadratische Segel an Großmast und Fockmast“ beschrieben. Die Karavellen können aber auch mit einem, zwei, drei oder sogar vier Masten ausgestattet sein.[8] Durch die Entdeckung der westafrikanischen Küste 1434 kamen neue Probleme für die damaligen Schiffe. Im Atlantik waren der Wind und die Strömungsverhältnisse anders als heute, wobei sie die Rückreise erschwerten. Man konnte nicht mehr vor dem Wind fahren. Die neue Route nach Indien stellte andere Anforderungen an die Schiffe, da die Entfernungen von den Heimathäfen immer größer wurden. Die Portugiesen benötigten zunehmend Schiffe, die lange Strecken schnell und, wenn nötig, auch ohne Aufenthalt zurücklegen konnten. Diese sollten demnach auch mehr Proviant und Ersatzteile transportieren können. Auch mussten diese Schiffe zur Weiterführung der portugiesischen Entdeckungen in der Lage sein. Aufbauend auf den Erfahrungen der portugiesischen Seeleute beim Befahren des Atlantiks, entwickelte sich seit den 40er Jahren des 15. Jahrhunderts zunehmend die Karavelle zu einem solchen Schiff. Unter der Anleitung von Prinz Heinrich dem Seefahrer wurde die Karavelle in Portugal entwickelt. Prinz Heinrich hatte dazu holländische Schiffbauer nach Portugal geholt. Die Karavelle hatte anfangs zwei, später auch drei Masten mit dreieckigen Lateinersegeln. An den vorderen Masten wurden teilweise auch Rahsegel verwendet. Wie bei den späten Hansekoggen und Holks liegt das Ruder mittschiffs. Aufgrund ihres - von der Kogge abgeleiteten - schlankeren Rumpfes und der Lateinersegel konnte die Karavelle besser kreuzen als bis dahin übliche Schiffstypen. Durch den geringen Tiefgang eignete sie sich für Expeditionen zu fremden Küsten.[9]

Die Karacke ist ein Segelschiffstyp des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Beim Ursprung und der Entwicklung soll Genua eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie ist ein Dreimaster, der in Kraweelbauweise ausgeführt ist; im 16. Jahrhundert waren es auch Viermaster. Die Karacke hat sich aus den Schiffstypen Nef und dem Kraweel entwickelt. Hauptsächliches Verbreitungsgebiet war der Mittelmeerraum. Die Länge betrug bis zu ca. 40 Meter, die Tragfähigkeit bis ca. 500 Tonnen. Sie ähnelte sehr der Karavelle, war jedoch größer. Dieser Schiffstyp wurde für verschiedene Aufgaben genutzt. Die Karacke diente mit ihrer enormen Größe als Handels- wie auch als Kriegsschiff. Auch bei diesem Schiffstyp gibt es, wie bei der Karavelle, keine einheitlichen Standards. Im Vergleich zur Karavelle war die Karacke länger, breiter und auch schwerer. Ein typisches Kennzeichen war dabei die Kraweelbeplankung, wie sie im Mittelmeer (im Gegensatz zum Nordsee- und Ostsee­Klinkerbau) üblich war. Die Karacken waren ihrerseits die größten Schiffe. Einzelne Schiffe fassten bis zu 1200 Personen und 200 Kanonen. Die Hauptmerkmale der Karacken waren, dass Bug und Rumpf eine fast runde Form hatten und dass sie ein Kastell besaßen. Meistens besaßen sie ein Achterkastell mit zwei Decks und einer langen Galerie. Vorn, beim Bugspriet, war sie bestückt mit einem Sprietsegel. Der Fockmast war mit einem Rahsegel versehen, ebenso wie der Großmast. Beim Großmast konnten es auch manchmal zwei kleinere Rahsegel sein. Am hinteren Basenmast wurden Lateinersegel gesetzt.[10] Die Karacken wie auch die Karavellen spielten damals eine wichtige Rolle und führten den größten Teil des Seeverkehrs. Obwohl die Schiffstypen ihre eigenen Merkmale haben, gibt es viele Variationen. Bei den bekanntesten Karavellen wird in der Literatur an erster Stelle Bartolomeu Diaz’ Flaggschiff Säo Cristöväo genannt, mit der er die erste Umseglung der Südspitze Afrikas machte. Auch werden die Nina und die Pinta als bekannte Karavellen genannt. Die Santa Maria wird wegen ihrer Größe und der anderen Takelung eher den Karacken zugeordnet.[11]

Wie es zu solch einer Zuordnung der Schiffe kommt, wird im folgenden Kapitel näher erläutert. Hierbei spielen die vorhandenen Quellen und die Literatur eine wichtige Rolle. Obwohl klare Bilder über die drei Schiffe gezeigt werden, sieht die Quellenlage eher bescheiden aus. Leider sind die originalen Schiffe nicht mehr vorhanden, und auch nur wenige wissen, dass keine originalen Grundrisse oder Baudaten erhalten sind. Man kann jedoch anhand der beschriebenen Schiffstypen ein einigermaßen genaues Bild von den drei Schiffen rekonstruieren.

3.1 Quellenlage

Holz ist in der Archäologie ein sehr schwer zu konservierendes Naturprodukt und auch mit den heutigen Techniken ist es ein mühsamer Prozess (siehe Hansekogge). Deswegen ist es schwer, große Objekte wie ganze Schiffe zu erhalten und diese den nachkommenden Generationen zu übergeben.[12] Auch wurde im Falle von Christoph Columbus zu spät erkannt, wie bedeutsam das Ereignis 1492 war. Die Quellen bezüglich der Entdeckung von Amerika waren entweder verloren gegangen oder sie waren völlig zerstört. Es muss auch festgehalten werden, dass keine authentischen Abbildungen der drei Schiffe vorhanden sind, die 1492 von Palos ausliefen und am 12. Oktober des gleichen Jahres mit der Insel San Salvador den ersten Zipfel Amerikas entdeckten. Jedoch ist bei genauerer Analyse der Quellenlage eine Vielfalt von Abbildungen erkennbar, die von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis ins 16. Jahrhundert führen. Insbesondere sind hier die Abbildungen von Benincasa 1482 und von Juan de la Cosa 1500, der auch Eigentümer der Santa Maria war, wichtige Hinweise.[13] Mit solchen Quellen kann man die Schiffe, die Columbus 1492 benutzte, rekonstruieren. Im Allgemeinen kann man die Quellen in zwei Kategorien unterteilen. Einmal in die bildlichen Quellen wie Gemälde, Stiche, Holzschnitte[14], Miniaturen (Modelle), Basreliefs und die auf allen Seekarten jener Zeit zu findenden Schiffsdarstellungen. Bei diesem Bereich ist Vorsicht geboten. Es gibt unterschiedlichste Darstellungen. Einige der Darstellungen sind sehr genau und detailgetreu und zeigen Fachwissen. Andere Darstellungen sind eher unter dem Aspekt künstlerischer Gestaltung einzuordnen und zeigen die Idee „Schiff“.[15]

Bei der zweiten Quellenunterteilung spricht man von schriftlichen Quellen. In diesem Fall ist es nur eine schriftliche Quelle - die Tagebücher von Christoph Columbus -, die für die Rekonstruktion relevant ist. Jedoch sind hier einige Probleme vorhanden, auf die später zurückzukommen sein wird.

Bildliche Quellen aller Art sind mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Auch sind diese Quellen zu unterteilen in historische oder religiöse Begebenheiten auf See und die Darstellung von Schiffen. Bei der ersten Kategorie stehen die Ereignisse und Personen im Vordergrund. Diese Bilder dienen mehr einer Geschichtsschreibung und sind künstlerisch abstrakt gestaltet. Bei diesen Bildern dominieren entweder Könige, Heilige, Helden oder auch ganze Figurengruppen wie z. B. Jesus mit seinen Jüngern oder ein Fürst mit seinem Gefolge. Die Schiffsdarstellungen sind in diesen Bildern eher zweitrangig. Sie dienen einer bestimmten Aussage, wobei sie selbst nicht die Aussage darstellen. Damit die Personen und Figuren besser in den Vordergrund gebracht werden konnten, wurden bewusst Fehler gemacht. Zu diesen Fehlern gehören sehr deutliche Missproportionen zwischen den Figuren und dem Schiff. Besonders abstrakt wirken die Darstellungen von Künstlern, die noch nie ein Schiff gesehen hatten. Für die damaligen Verhältnisse war dies normal.[16]

Bei Darstellungen von Schiffen waren die Künstler durchaus fachkundig und das Thema Schiff stand im Vordergrund. Einige der Künstler sind für diese Darstellungsform besonders berühmt, wie beispielsweise der Bildhauer von Burgos. Dieser flämische Künstler arbeitete um die Zeit 1475. Seine Arbeiten waren außerordentlich genau und detailgetreu. Doch ein großes Problem gibt es hier für die Rekonstruktion der Santa Maria und der Begleitschiffe. Denn dieser Künstler stellte ausschließlich Karacken dar, die an der flämischen westfriesischen Küste beheimatet waren.[17] Diese Schiffe sind trotz vieler Gemeinsamkeiten, gegeben durch den Schiffstyp, nicht identisch mit den Naos des westlichen Mittelmeers. Die meisten Künstler, die das Thema Schiff im Mittelpunkt ihrer Werke hatten, konnten nur das zeichnen, was sie gesehen hatten. Dies beschränkte sich meist auf die eigenen Lebensregionen der jeweiligen Künstler. Auch wurden Zeichnungen in Auftrag gegeben, die auf exakten Darstellungen beruhten. Hier ist Bernhard von Breydenbach ein gutes Beispiel für detailgetreue Schiffsdarstellungen. Dieser schrieb ein Buch mit dem Titel „Die heyligen reyßen gen Jherusalem“[18], welches im Jahre 1486 erschien. Für eine gute und realistische Illustration nahm er seinen Illustrator Erhard Reuwich mit auf eine Pilgerreise nach Jerusalem. Die Auftraggeber solcher detailgetreuen Bilder verstanden meist viel von Schiffen, und für das viele Geld, welches sie ausgaben, duldeten sie auch keine Fehler bei den erstellten Gemälden. Eine Quelle, die besonders wichtig ist, sind die Gemälde von Vittore Carpaccio. Dieser Künstler vereint besonders viele Aspekte, die dazu führen, dass seine Werke die wichtigste Quelle bei den Rekonstruktionen der Schiffe von Columbus sind. Um 1495 entstanden seine wichtigsten Werke. Carpaccio war ein Venezianer und lebte in Venedig. Er hatte also seine Vorlagen immer vor seinen Augen. Seine Auftraggeber waren auch Venezianer, deren Existenz und Wohlstand auf dem Handel gründete. Für sie waren die Schiffe Grundpfeiler ihres Reichtums, deshalb achtete man besonders auf die jeweiligen Darstellungen. Seine Kunstwerke waren bis zu sechs Meter groß. Obwohl die Figuren im Falle der Darstellung von „Ursulas Meerfahrt“ im Vordergrund standen, konnte der Künstler aufgrund der großen Arbeitsfläche Schiffe bis ins Detail ausführen.[19]

3.2 Schriftliche Quellen

Bei den schriftlichen Quellen ist das Tagebuch von Christoph Columbus das wichtigste noch erhaltene Schriftmaterial. Jedoch ist dies auch keine problemfreie Quelle. Die originalen Tagebücher sind vermutlich in den Archivos de las Indias in Sevilla verschwunden und es ist fast unmöglich, an diese heranzukommen. Deswegen sind die Abschriften der Tagebücher von Bartolome de Las Casas die Quelle, über die man verfügt. Einen wichtigen Makel hat diese Quelle in Bezug auf ihren Verfasser bzw. Nachschreiber. Das Problem dieser Abschrift, welches auch alle Historiker betonen, ist, dass Las Casas eine unzuverlässige Quelle darstellt. Um dies zu verdeutlichen, muss kurz die Biografie von Las Casas geschildert werden. Er wurde 1464 in einer wohlhabenden Familie geboren. Darüber hinaus studierte er Philosophie und Jura. Danach kam er als Konquistador nach Westindien. Nach etlichen Jahren wurde er ein wohlhabender Plantagenbesitzer und ließ sich auf Santo Domingo, dem heutigen Haiti, nieder. Als Las Casas 47 Jahre alt war, trat er als „Bekehrter“ in den Dominikanerorden ein. Er wurde in kürzester Zeit ein großer Verfechter der Rechte der Indios. Doch als engagierter Ordensbruder beschränkte er sich in seinen Streitschriften nicht nur darauf, alles zu beschreiben und zu schildern, was in den spanischen Kolonien von Westindien geschah, sondern übertrieb und log zugunsten seiner Schützlinge in einem sehr unrealistischen Maße. Er sah sich als Apostel der Indios und ließ sich auch gerne so beschreiben. In welchem Maße er übertrieb, soll am Beispiel Haitis deutlich gemacht werden. Las Casas behauptete, dass seit der Entdeckung Haitis durch Columbus die Spanier mit ihren Gräueltaten die Bevölkerung von Haiti von einer halben Million auf nur noch tausend dezimiert hätten. Dies war unmöglich, denn die agrartechnischen Möglichkeiten hätten niemals eine halbe Million Indios ernähren können, und wenn 1512 auf der Insel nur tausend Indios gelebt hätten, wäre die dort vorhandene spanische Wirtschaft sofort zusammengebrochen. Im Allgemeinen wird von Autoren und Historikern auf die wilden Über- und Untertreibungen in den Schriften von Las Casas hingewiesen.

Im Falle der schriftlichen Quelle von Christoph Columbus ist die Frage zu stellen, ob Las Casas beim Abschreiben der Tagebücher auch hier zugunsten seiner Mission gelogen hat und wie zuverlässig bzw. unzuverlässig diese Quelle ist. Man kann davon ausgehen, dass Las Casas, der in der Literatur als dreister Lügner beschrieben wird, auch diese Möglichkeit ausgenutzt hat, um seine Propaganda zu betreiben. Was aber die seemännischen und schiffstechnischen Anmerkungen im Tagebuch angeht, so kann man davon ausgehen, dass diese korrekt abgeschrieben wurden. Denn einerseits verstand Las Casas nichts von Seefahrt und Schiffsbau, also musste er demzufolge die originalen Quellen übernehmen, und andererseits brachte es ihm gar nichts, die Aussagen von Christoph Columbus zu verfälschen. Für ihn und seine Propaganda waren diese Themen nicht von Bedeutung. Man kann auch diese Quelle für die Schiffsrekonstruktion verwenden.[20]

4.1 Santa Maria/„Nao“

In diesem Abschnitt sollen mithilfe der vorhandenen Quellen die Geschichte, Daten und Fakten der Schiffe erklärt werden. Natürlich steht hier das Flaggschiff im Mittelpunkt. Schon am Anfang muss gesagt werden, dass das Flaggschiff von Christoph Columbus nicht - wie es oftmals genannt wird - Santa Maria hieß. Dieser Name wurde ihm erst später gegeben, als man erkannte, welch große Entdeckung mit diesem Gefährt gemacht wurde. Der Name Santa Maria wird auch im Tagebuch nie genannt. Columbus nannte das Schiff im Tagebuch, „Nao“, Mondfeld, Wolfram zu; Holz, Peter; Soyener, Johannes. Die Schiffe des Christoforo Colombo 1492; Santa Maria, Nina, Pinta. Herford. 1991. die Seeleute hingegen nannten es „La Galega“, was „Die Geissraute“ heißt.[21] „Nao“ ist ein altes spanisches Wort und stammt vom lateinischen navis ab, das Schiff bedeutet. Der Begriff wurde damals für Schiffe benutzt, die über 100 Tonnen wogen und die für damalige Verhältnisse größte Takelung besaßen. Die Takelung bestand aus drei Masten, wobei zwei davon mit Rahsegeln bestückt waren.[22] Dies untermauert die These, dass das Flaggschiff eine Karacke war. Außerdem gibt es noch einen wichtigen Hinweis aus dem Columbus-Tagebuch. Er beklagt sich über die Schwerfälligkeit des Schiffes und darüber, dass es mit den anderen Schiffen nicht mithalten kann. Er vermerkte, dass die Nao, trotz ihrer Geschwindigkeit von ca. 9 Knoten, sehr träge und eigentlich für solch eine Expedition nicht geeignet sei. Dies zeigt, dass die Nao mehr als hundert Tonnen gewogen haben muss. Die anderen beiden Schiffe werden im Tagebuch deutlich als Karavellen bezeichnet. Das Schiff (Nao) gehörte Juan de la Cosa und wurde für das Expeditionsvorhaben 1492 an Columbus vermietet. Dabei stellte sich auch Juan de la Cosa als Kapitän zur Verfügung.[23]

Für die Rekonstruktion der Nao sind die wichtigsten Hinweise neben der Betakelung und der Gewichtsklasse auch die Expeditionsausstattung. Daraus ergeben sich weitere Details über das Schiff und dessen Größe und den Aufbau des Rumpfes. Vom Kiel aus hatte der Großmast eine Höhe von 26,6 Metern; an diesem waren sowohl ein mit einem roten Kreuz verziertes Haupt- und ein zusätzliches Topsegel befestigt. Das Hauptsegel war das stärkste Segel und sorgte für den Hauptantrieb des Schiffes. Die Fläche des Hauptsegels betrug 166 m2. Der Fockmast war mit einem Rahsegel ausgestattet, während der Besanmast mit einem Lateinsegel versehen war. Darüber hinaus konnten an der Rahe zwei Leesegel und am Bugspriet auch die Bugsprietsegel gesetzt werden. Die Funktion der Vor-, Spriet- und Besansegel bestand darin, die Takelage auszubalancieren und einen steten Kurs zu halten. Die größte Rumpflänge betrug 29,6 Meter. Die Nao war 7,9 Meter breit.[24]

[...]


[1] Bellec, Francois. Die Entdeckung der Welt. München.2000. S. 60-62.

[2] Runciman, Steven. Die Eroberung von Konstantinopel 1453. England. 1969. S. 27-28 Neumann-Adrian, Michael, Neuman K. Christoph. Die Türkei, Ein Land und 9000 Jahre Geschichte. München.1990. S. 154

[3] Christopher Kolumbus. Bordbuch, Aufzeichnungen seiner ersten Entdeckungsfahrt nach Amerika 1492-1493.Wiesbaden. 2005. S. 13-20. Kaunath, Gerda. Christoph Kolumbus. Die Entdeckung der Neuen Welt. Holzminden. 2007. S. 28-43.

[4] Kaunath, Gerda. Christoph Kolumbus. Die Entdeckung der Neuen Welt. Holzminden. 2007. S. 57.

[5] Winter, Heinrich. Die Kolumbusschiffe von 1492. Bielefeld. 1976. S. 7-10.

[6] Brockhaus Enzyklopädie. Band 14. Mannheim. 2006. S. 459.

[7] Bild 1, Anhang.

[8] Pastor, Xavier. Die Kolumbus-Schiffe. Bielefeld. 1993.S. 18-19.

[9] Pastor, Xavier. Die Kolmbus-Schiffe. Bielefeld. 1993. S. 19.

[10] Winter, Heinrich. Die Kolumbusschiffe von 1492. Bielefeld. 1976. S. 10-12.

[11] Winter, Heinrich. Die Kolumbusschiffe von 1492. Bielefeld. 1976. S. 10-15.

[12] Link Marion Clayton. Sea Diver. A Quest for History Under the Sea. Toronto.1959. S. 157-229.

[13] Winter, Heinrich. Die Kolumbusschiffe von 1492. Bielefeld. 1976. S. 7

[14] Bild 7, Anhang.

[15] Mondfeld, Wolfram zu; Holz, Peter; Soyener, Johannes. Die Schiffe des Christoforo Colombo 1492; Santa Maria, Nina, Pinta. Herford. 1991. S. 10.

[16] Bild 2 und 3, Anhang.

[17] Bild 4 und 5, Anhang.

[18] Bild 6, Anhang.

[19] Mondfeld, Wolfram zu; Holz, Peter; Soyener, Johannes. Die Schiffe des Christoforo Colombo 1492; Santa Maria, Nina, Pinta. Herford. 1991. S. 10–14.

[20] Mondfeld, Wolfram zu; Holz, Peter; Soyener, Johannes. Die Schiffe des Christoforo Colombo 1492; Santa Maria, Nina, Pinta. Herford. 1991.

[21] Ludwig, Ferdinand. Anker Hefte, Seefahrt Aller Welt, Nr.87. Spanische Karavelle „Santa Maria“. Land in Sicht! Columbus entdeckt Amerika.

[22] Bild 8, Anhang.

[23] Winter, Heinrich; Die Kolumbusschiffe von 1492. Bielefeld. 1976. S. 10-13.

[24] Pastor, Xavier. Die Kolmbus-Schiffe. Bielefeld. 1993. S. 15-17.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Schiffe des Kolumbus
Untertitel
Ein Rekonstruktionsversuch
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Die europäische Expansion nach Übersee, [European overseas expansion],
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V153703
ISBN (eBook)
9783640665518
ISBN (Buch)
9783640665839
Dateigröße
3601 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
9 Seiten Abbildungen.
Schlagworte
Schiffe, Kolumbus, Rekonstruktionsversuch
Arbeit zitieren
Basay Ali (Autor), 2010, Die Schiffe des Kolumbus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153703

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