Die vorliegende Studienarbeit beschäftigt sich mit dem geognostischen Diskurs in Johann Wolfgang von Goethes „Faust – der Tragödie zweiter Teil“. Anhand der Debatte zwischen Thales und Anaxagoras in der „Klassischen Walpurgisnacht“ im zweiten Akt und der Auseinandersetzung zwischen Faust und Mephistopheles in der Hochgebirgsszene des vierten Akts werden die unterschiedlichen Positionen über die Erdentstehung hinsichtlich ihrer Vertreter, ihrer sprachlichen Darstellung und ihrer Bedeutung für den Gesamtzusammenhang der Handlung analysiert.
Damit jedoch die eigentliche Dimension des Diskurses in ihrem gesamten Ausmaß annähernd erfasst werden kann, gilt es neben der werkimmanenten Interpretation auch intertextuelle Bezüge zu Fragen und Kontroversen der Entstehungszeit mit einzubeziehen. Ein Hauptaugenmerk wird auf die geognostischen Paradigmen von Plutonismus und Neptunismus gelegt, deren Vertreter zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine intensive Debatte in der Fachwissenschaft ausfochten. Dabei soll den Fragen nachgegangen werden, inwieweit sich die divergierenden Positionen in „Faust II“ wiederfinden lassen und inwiefern sie mit Goethes naturphilosophischen, ästhetischen, und gesellschaftlichen Konzeptionen korrelieren.
Als Einführung in die Thematik werden ein kurzer Überblick über den aktuellen Forschungsstand sowie ein Abriss der Partizipation Goethes an den Ideenkreisen von Neptunisten und Plutonisten gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Vorwort
1.2 Aktueller Forschungsstand
1.3 Goethe und die Lehren von der Natur
1.3.1 Die Neptunismus-Plutonismus Kontroverse
1.3.2 Goethes Naturphilosophie in Geognosie und Dichtung
2. Die geognostischen Dispute in „Faust II“
2.1 Geognostische Antagonismen in der „Klassischen Walpurgisnacht“
2.1.1 Ereigniskontext
2.1.2 Thales vs. Anaxagoras, Neptunismus vs. Plutonismus
2.2 Der Geognostische Disput zwischen Mephistopheles und Faust
3. Reflexe des geognostischen Diskurses
3.1 Ursprung im Werden – Polarität und Steigerung
3.1.1 Geognosie und Entwicklung in der „Klassischen Walpurgisnacht“
3.1.2 Erdwissenschaft und Entstehung in „Hochgebirg“
3.2 Lineare Evolution contra zyklische Revolution
3.2.1 Transformationsgedanke in der „Klassischen Walpurgisnacht“
3.2.1 Transformationsgedanke in „Hochgebirg“
4. Schlussbemerkung – Goethe im geognostischen Diskurs?
5. Literatur
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die geognostischen Debatten in Goethes „Faust II“ und setzt diese in Bezug zu den wissenschaftlichen Kontroversen des frühen 19. Jahrhunderts zwischen Neptunismus und Plutonismus. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Goethe diese naturwissenschaftlichen Paradigmen in den dramatischen Kontext integriert und mit seinen eigenen naturphilosophischen sowie ästhetischen Vorstellungen korreliert.
- Analyse der Dispute zwischen Thales und Anaxagoras sowie Faust und Mephistopheles.
- Gegenüberstellung von Neptunismus (stetiges Werden) und Plutonismus (revolutionäre Umbrüche).
- Untersuchung der Spiegelungen von Naturereignissen in gesellschaftlichen Entwicklungen.
- Verbindung von Goethes „anschauender Urteilskraft“ mit literarischer Gestaltung.
- Interpretation des Transformationsgedankens als Schlüssel zum Verständnis von Fausts Handeln.
Auszug aus dem Buch
2.2 Der geognostische Disput zwischen Mephistopheles und Faust
Auf die „Klassische Walpurgisnacht“ folgt im dritten Akt die Vereinigung zwischen Faust und Helena in der „klassisch-romantischen Phantasmagorie“. Sie endet nach der Euphorion-Tragödie damit, dass das „Körperliche“ (vor V.10038) Helenas verschwindet und Faust von Wolken getragen dem antiken Fabelreich entschwebt. Zu Beginn des vierten Akts wird er von ihnen in einer von „starke[n]-zackige[n] Felsen-Gipfel[n]“ (vor V.10038) geprägten Hochgebirgslandschaft abgesetzt, worauf Faust in tiefsten „Einsamkeiten“ (V.10039) nicht nur die kurz zuvor erlebte Begegnung mit Helena, sondern auch „des tiefsten Herzens frühste Schätze“ (V.10060) nachfühlt. In diese Gedankenversunkenheit hinein betritt der von „Sieben-Meilenstiefeln“ getragene und sogleich parlierende Mephistopheles unvermittelt die Szenerie.
Ungefragt beginnt er Faust seine Version zur Entstehung der Berggipfel zu erläutern. Fausts Ablehnung dieser Vorstellungen eröffnet den zweiten geognostischen Disput der Tragödie. Ein weiteres Mal treffen dabei die beiden vorherrschenden geognostischen Lehrmeinungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufeinander.
Dieses Mal übernimmt Mephistopheles die Rolle des Plutonisten. In seinen Ausführungen verbindet er die geognostische Theorie mit dem Mythos des „Engelsturzes“ aus dem Himmel. Mephistopheles könne nämlich in den Gipfeln des Hochgebirges den ursprünglichen Grund der Hölle wiedererkennen und erläutert, wie das, was zur Zeit der Verbannung Luzifers noch Grund gewesen sei, denn „nun Gipfel“ (V.10088) sein könne. Als Hauptursache nennt er ein „in tiefste[n] Tiefen“ (V.10076) glühendes zentralistisches Feuer. Die „äolischen Dünste“ (V.7866) erhalten bei ihm allerdings eine neue Bedeutung. Mephistopheles, „der Schalk“ (V.339), belässt es nämlich nicht bei einer nüchternen akademischen Ausführung, sondern „garniert“ sie mit derben Anstößigkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt das Forschungsinteresse am geognostischen Diskurs in „Faust II“ dar und definiert den methodischen Rahmen sowie den aktuellen Forschungsstand.
2. Die geognostischen Dispute in „Faust II“: Dieses Kapitel analysiert die Streitgespräche zwischen Thales und Anaxagoras sowie Mephistopheles und Faust unter Berücksichtigung der physikalischen Theorien Neptunismus und Plutonismus.
3. Reflexe des geognostischen Diskurses: Hier wird untersucht, wie Polarität, Steigerung und die Transformation von Naturprozessen auf gesellschaftliche Revolutionen und Fausts individuelles Streben übertragen werden.
4. Schlussbemerkung – Goethe im geognostischen Diskurs?: Das Fazit fasst Goethes Position zusammen, die eine dialektische Synthese aus den gegensätzlichen geologischen Paradigmen bildet.
5. Literatur: Verzeichnis der herangezogenen Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Faust II, Geognosie, Geologie, Neptunismus, Plutonismus, Johann Wolfgang von Goethe, Naturphilosophie, Polarität, Steigerung, Transformation, Hochgebirg, Klassische Walpurgisnacht, Erdgeschichte, Literaturwissenschaft, Naturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den geognostischen Diskurs in Goethes „Faust II“, also die literarische Auseinandersetzung mit erdwissenschaftlichen Theorien der Entstehungszeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kontroverse zwischen Neptunismus und Plutonismus sowie deren Bezug zu Goethes Naturphilosophie und der gesellschaftlichen Entwicklung.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es zu zeigen, wie Goethe geologische Paradigmen in die Handlung integriert und durch sie allgemeingültige Prinzipien der Weltaneignung und Metamorphose verhandelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Interpretation in Kombination mit intertextuellen Bezügen zur zeitgenössischen geologischen Fachwissenschaft und Goethes Naturverständnis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die zwei zentralen Dispute des Dramas („Klassische Walpurgisnacht“ und „Hochgebirg“) und reflektiert deren Bedeutung für Fausts Entwicklung und das Verständnis von Evolution.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Geognosie, Neptunismus, Plutonismus, Naturphilosophie, Polarität und Transformation.
Wie bewertet Goethe laut dieser Arbeit den Plutonismus?
Goethe stellt die plutonistischen Argumente oft durch ein negatives, apokalyptisches und gewaltsames Vokabular dar, da ihm der revolutionäre und chaotische Charakter dieser Theorie widerstrebt.
Welche Rolle spielt der Granit in Goethes Weltbild?
Der Granit gilt für Goethe als „Urphänomen“ und Symbol einer göttlichen Trinität sowie einer übergreifenden, harmonischen Ordnung in der Natur.
- Quote paper
- Andreas Rienow (Author), 2009, Der geognostische Diskurs in "Faust. Der Tragödie zweiter Teil" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153744