„Failure is a central idea in engineering.“ (Petroski 2001: 8).
Mit dieser im ersten Moment befremdlichen Aussage ließe sich der Bereich des Ingenieurwesens gut umschreiben. Eine mögliche Definition für das Berufsbild wäre „das Verhindern von Einstürzen“. Jeden Tag ereignen sich in den Vereinigten Staaten von Amerika zahlreiche Einstürze von Gebäuden und Infrastruktureinrichtungen. Doch nur wenige erreichen solch ein Ausmaß, dass sie als Katastrophen größere mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Hyatt Regency Walkway Collapse von 1981 ist dafür ein Beispiel. Er gilt als die bisher schlimmste Einsturzkatastrophe in den USA und wurde zu einem Modell zur Veranschaulichung des Konfliktes zwischen Ethik und Wirtschaftlichkeit im Ingenieurberuf (Engineering Ethics 1995, Hyatt Regency Walkway Collapse 1999). Hierbei steht die Frage im Raum, wie diese beiden Elemente in ein praktikables Gleichgewicht gebracht werden können, um den Ansprüchen an Konstruktionen wie Gebäuden und Infrastruktureinrichtungen gerecht zu werden.
Petroski umschreibt das Ingenieurwesen dabei so: „Engineering is as much art as it is science – subject to human error.” (Keane 2006). Darum soll in der vorliegenden Arbeit an dieser besonderen Fallstudie aufgezeigt werden, warum katastrophale Einstürze passieren und welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft, das betroffene Berufsfeld und die Wissenschaft des anliegenden Fachbereichs haben können. Dabei sollen folgende Hypothesen überprüft werden:
Hypothese 1: Die Fehler, die zum Hyatt Regency Walkway Collapse geführt haben, können unter technischen, organisatorischen und rechtlichen Aspekten analysiert werden. (Kapitel 4)
Hypothese 2: Die Katastrophe hat einen regional begrenzten, aber wesentlichen Einfluss auf die Gesellschaft gehabt. (Kapitel 5.1)
Hypothese 3: Die Katastrophe hat hauptsächlich zu formalen Änderungen im Berufsfeld des Ingenieurwesens geführt. (Kapitel 5.2)
Hypothese 4: Die Katastrophe hat die Rolle von „Ethik im Ingenieurberuf“ vor allem im akademischen Bereich hervorgehoben. (Kapitel 5.3)
Um eine möglichst umfangreiche Datengrundlage zu haben, wurden verschiedene Quellen genutzt....Das abschließende Urteil der Arbeit baut vor allem auf den Ergebnissen der 61 E-Mail-Interviews auf, welche der Autor mit Experten durchgeführt hat.
Inhaltsverzeichnis
I. Hyatt Regency Walkway Collapse 1981
1. Einleitung
2. Untersuchungsdesign
3. Vorstellung der Fallstudie
4. Fehleranalyse
4.1 Technische Aspekte
4.2 Organisatorische Aspekte
4.3 Rechtliche Aspekte
5. Auswirkungen auf die Gesellschaft, das Berufsfeld und die Wissenschaft
5.1 Auswirkungen auf die Gesellschaft
5.2 Auswirkungen auf das Berufsfeld
5.3 Auswirkungen auf die Wissenschaft
6. Ergebnisse der E-Mail-Interviews
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Katastrophe des Hyatt Regency Walkway Collapse von 1981 als Modell zur Veranschaulichung des Konflikts zwischen Ethik und Wirtschaftlichkeit im Ingenieurberuf, um die Ursachen des Einsturzes sowie dessen Folgen für die Gesellschaft, das Ingenieurswesen und die Wissenschaft aufzuzeigen.
- Analyse der technischen, organisatorischen und rechtlichen Fehlerursachen.
- Untersuchung der regionalen sozialen Auswirkungen auf die Gemeinschaft.
- Bewertung der Veränderungen in den Standards des Berufsfeldes.
- Reflektion der Rolle von Ethik im Ingenieurberuf in Lehre und Praxis.
Auszug aus dem Buch
4.1 Technische Aspekte
Wie bereits erwähnt, waren die Fehler an der Konstruktion schnell gefunden. Bereits der ursprüngliche Entwurf von den Bauingenieuren von GCE hielt nur 60 Prozent der erforderlichen Belastung gemäß der Bauvorschriften von Kansas City stand (Hyatt Regency Walkway Collapse 2009). Havens Steel, als ausführende Baufirma für die Brückenkonstruktionen, änderte diese Pläne allerdings noch einmal in ein schwächeres Design und ließ sich dieses durch eine – angeblich getätigte – Telefonrücksprache mit den Bauingenieuren bestätigen. Das Aufhängen der untersten Brücke an der obersten, zusammen mit einer Änderung der Verbindungs-konstruktion (siehe Abb. 2), vergrößerte die Last, welche die dritte Brücke schließlich zu tragen hatte. Besonders die zweite Änderung – eine eigentlich nur minimale Designänderung – hatte fatale Auswirkungen.
Bei der Brückenkonstruktion wurden von vornherein nicht deren Eigenbewegung sowie Rotation und Schwingung bedacht (Schauer 2008). Umso dramatischer, dass sich bereits in der Bauphase zahlreiche Situationen ergaben, in denen der Entwurf eine Überarbeitung hätte erfahren sollen (Luth 2000: 56). Die Aufhängung der Brücken war als Fehlerquelle schon beim Einsturz eines Teiles des Atriumdaches Zentrum größerer Aufmerksamkeit geworden. Doch ein Faktor sollte sich hier als besonders nachteilig erweisen: Das Schnellverfahren in der Durchführung des Bauprojektes („fast track“). Dies hatte zur Folge, dass Entwürfe als Pläne übernommen wurden, ohne dass diese entsprechend kontrolliert wurden. Mit dem Bau einzelner Teile eines Objektes wurde bereits begonnen, bevor überhaupt der gesamte Plan entworfen und kontrolliert worden war. Nach Aussagen des Ingenieurexperten Lee Lowery im E-Mail-Interview war und ist dies bei vielen anderen Bauprojekten zu Zeiten dieses „Baubooms“ in den USA, aber auch heute noch gängige Praxis! Gillum fasst das Paradoxon der technischen Aspekte pointiert zusammen: „The connection that failed was never designed.” (Gillum 2000: 68).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Einsturzkatastrophe als Modellfall für den Konflikt zwischen Ethik und Wirtschaftlichkeit.
2. Untersuchungsdesign: Erläuterung der Quellenbasis, einschließlich digitaler Archive, Berichte und durchgeführter Experteninterviews.
3. Vorstellung der Fallstudie: Beschreibung des Bauprojekts, der beteiligten Firmen und der Ereignisse bis zum Unglück.
4. Fehleranalyse: Untersuchung der technischen, organisatorischen und rechtlichen Mängel, die zum Kollaps führten.
5. Auswirkungen auf die Gesellschaft, das Berufsfeld und die Wissenschaft: Analyse der Folgen der Katastrophe in den drei zentralen Bereichen.
6. Ergebnisse der E-Mail-Interviews: Auswertung der Expertenmeinungen zu Veränderungen im Berufsfeld und der Rolle der Ethik.
7. Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Lerneffekts und der notwendigen Konsequenzen aus der Katastrophe.
Schlüsselwörter
Hyatt Regency Walkway Collapse, Ingenieurwesen, Ethik, Wirtschaftlichkeit, Gebäudeeinsturz, Katastrophenforschung, Bauvorschriften, Fast-Track-Verfahren, Berufsverantwortung, Ingenieur-Ethik, Kommunikation, Projektmanagement, Fehleranalyse, Kansas City.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Hyatt Regency Walkway Collapse von 1981 als Fallbeispiel für die ethischen und ökonomischen Herausforderungen im Ingenieurwesen.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Arbeit fokussiert sich auf die technische und organisatorische Ursachenanalyse, gesellschaftliche Folgen sowie auf die Auswirkungen auf Standards und Ausbildung im Berufsfeld.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie katastrophale Einstürze entstehen und welchen Einfluss sie auf die Praxis und Wissenschaft des Ingenieurwesens haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden Literaturanalysen, die Auswertung offizieller Untersuchungsberichte und eine qualitative Befragung von 61 Experten mittels E-Mail-Interviews genutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die technischen, organisatorischen und rechtlichen Aspekte des Einsturzes sowie die langfristigen Auswirkungen auf Gesellschaft, Berufsverbände und akademische Forschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Ingenieur-Ethik, Fehleranalyse, Fast-Track-Verfahren, Verantwortlichkeit des Ingenieurs und Gebäudesicherheit.
Welche Rolle spielte das "Fast-Track"-Verfahren beim Unglück?
Dieses Schnellverfahren führte dazu, dass mit dem Bau begonnen wurde, bevor der gesamte Plan vollständig entworfen und kontrolliert war, was entscheidende Fehler begünstigte.
Wie bewerten die befragten Experten die Veränderungen seit 1981?
Die Expertenmeinungen sind gespalten; während einige eine gesteigerte Sensibilität für Ethik wahrnehmen, betonen andere, dass fundamentale Probleme bei der Verantwortlichkeit und Kontrolle weiterhin bestehen.
Warum wird die Kommunikation im Bericht so stark betont?
Ineffektive Kommunikation zwischen Architekten, Ingenieuren und Baufirmen wird als wesentlicher organisatorischer Faktor identifiziert, der die technischen Mängel erst ermöglichte.
- Quote paper
- Renard Teipelke (Author), 2009, Hyatt Regency Walkway Collapse 1981, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153751