Schallmayers "Generative Ethik"

Eine Erörterung zur Provenienz des Eugenischen Gedankengutes unter besonderer Betrachtung des Kantischen Würdebegriffes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
28 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0 EINLEITUNG

1 ENTSTEHUNG DES EUGENISCHEN
1.1 Umgang mit Behinderung und Andersartigkeit von der Antike bis zur
1.2. Verwirklichung sozialdarwinistischer Ideen bis 1918
1.3 Vorstellungen vom Perfekten Menschen in der
1.3.1 Platons “Politeia”
1.3.2 Campanellas “La Citta del Sole”

2 “GENERATIVE ETHIK” VON W. SCHALLMAYER – EINE
2.1 Inhaltsangabe und
2.1.1 Erklärungsmodell
2.1.2 Realisierungsvision der Generativen
2.2 Auslegung und Ziel des

3 SCHALLMAYERS EUGENIKKONZEPT IM WIDERSTREIT MIT DEM WÜ
3.1 Geschichte des Würdebegriffes aus philosophischer
3.2 Bewertung Schallmayers „generativer Ethik“ unter Zuhilfenahme Kantischer

4 ZUSAMMENFASSENDE

5

0 EINLEITUNG

„Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“

SCHWEITZER 2003, S. 32

Diese Stellungnahme Albert Schweitzers, welche er in seiner Predigt am 23.02.1919 kundtat, vertritt einen eindeutigen Standpunkt zum Thema Leben, welcher zu Beginn des 20. Jahrhunderts in keiner Weise als alltäglich zu bezeichnen war.

Demgegenüber steht ein eugenisches Ideenkonzept, in das diese Arbeit auf Grundlage des Aufsatzes „Generative Ethik“[1] von Wilhelm Schallmayer einen Einblick geben will. Was ist unter dieser so genannten „generativen Ethik“ zu verstehen? Wie möchte der Autor dieses in die Praxis umsetzen?

Zu Beginn der dreigliedrigen Arbeit soll ein kurzer, prägnanter Überblick über den geschichtlichen Werdegang von Andersartigkeit beschrieben werden. Demzufolge wird darauf eingegangen, inwieweit sich die Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung auseinandersetzten und mit dieser empfundenen Fremdheit umgingen. Welcher soziale Status wurde Behinderten zuteil und in welchem Ausmaß erfuhren sie Sanktion oder Förderung? Im Anschluss daran soll auf das Streben nach der Perfektion des Individuums mit Hilfe der Betrachtung der Züchtungsutopien von Platon und Campanella eingegangen und somit deren Traum von der Höherentwicklung der Bürger herausgearbeitet werden.

Der zweite Punkt stellt eine Auseinandersetzung mit dem Text von Wilhelm Schallmayer „Generative Ethik“ dar, in welcher die wichtigsten Thesen des Autors wiedergegeben werden und damit vertiefende Einblicke in die eugenische Lehre erfolgen sollen. Daraufhin steht die Aufgabe, den Text kritisch auf seine Ziele zu hinterfragen. Durch welche Mittel gedenkt Schallmayer sein eugenisches Konzept zu verwirklichen? Unter Zuhilfenahme welcher Argumente begründet er seine Ausführungen?

Basierend auf den Thesen und Ansichten Schallmayers, versucht die Abhandlung im letzten Teil, unter Betrachtung des Kantschen Moral- und Würdeverständnisses die Kontroverse zwischen der Eugenik des beginnenden 20. Jahrhunderts und des aufgeklärten, humanistischen Würdebegriffes näher zu reflektieren. Hier stellt sich die Frage nach dem Gegensatz zwischen kantischer Würdehypothese und der von Schallmayer postulierten Ethik. In welchem Ausmaß bestehen hier Unterschiede oder können Parallelen festgestellt werden?

Die heutige Forschung zum Thema Eugenik und der darauf aufbauenden Rassenhygiene, welche vor allem im Nationalsozialistischen Deutschland ungeahnte Menschenrechtsverletzungen zur Folge hatte, ist an Literatur sehr umfangreich. Vor allem die Geschichtsforschung setzt sich in unzähligen Arbeiten damit auseinander, nicht zuletzt um die erfolgten Taten im Zuge der systematischen Vernichtung „Lebensunwerten Lebens“ aufzuarbeiten sowie die Triebfedern eines solchen Vorgehens zu beleuchten und zu hinterfragen. Eine erste Reflexion dieses Themas erfolgte durch Alexander Mitscherlich, der 1949 den Bericht „Medizin ohne Menschlichkeit“ veröffentlichte, welchen er im Anschluss an die Beobachtung der Ärzteprozesse in Nürnberg verfasste. Exemplarisch für eine umfassende Überblicksdarstellung kann die Monographie “Der Weg zum NS-Genozid – von der Euthanasie zur Endlösung“ aus dem Jahr 2001 von Henry Friedlander erwähnt werden, die sowohl die Wurzeln des eugenischen Gedankengutes, als auch die Umsetzung züchterischer Utopien in die Praxis während des Nationalsozialismus beleuchtet. Doch neben Geschichts-, Politik- und Naturwissenschaften setzt sich auch die Philosophie mit diesem Thema auseinander. Auf Grundlage der Aufarbeitung der Vergangenheit und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit der Moralvorstellung vor und während der NS- Zeit ist unter anderem das Werk von Andreas Frewer „Medizin und Moral in Weimarer Republik und Nationalsozialismus“ zu nennen. Weitere moralphilosophische Disputationen, vor allem vor dem Hintergrund der heute aktuellen Diskussionen in Medizinethik im Hinblick auf Embryonalforschung und die damit verbundene Selektion von Leben im Zusammenhang mit der Frage nach der Würde des Menschen, sind die Publikationen von Theda Rehbock „Personsein in Grenzsituationen - Zur Kritik der Ethik medizinischen Handelns“ und Matthias Kettners „Biomedizin und Menschenwürde“ anzuführen.

1 ENTSTEHUNG DES EUGENISCHEN GEDANKENGUTES

Auf Grundlage der Forschung Charles Darwins transformiert sich die suggestive Idee der Höherentwicklung des Menschen zu einem wissenschaftlich offenbar fundierten Ergebnis. Er schien mit seinem 1859 veröffentlichten Werk über die Entstehung der Arten[2] den Beweis erbracht zu haben, dass dieses Faszinosum Realität werden könnte. Gleichzeitig öffnete er damit Horizonte, welche utopische Träume in greifbare Nähe rücken ließen, jedoch in selbem Maße eine Überlebenspanik schürten, die das Leben mit einem Ausscheidungswettkampf gleichsetzten. Die Wurzeln dieser Idee liegen allerdings schon weit vor Darwins wissenschaftlichem Werk. Die nächsten Ausführungen sollen diese näher beleuchten.

1.1 Umgang mit Behinderung und Andersartigkeit von der Antike bis zur Neuzeit

Die kontroverse Handhabung mit Behinderten oder Andersartigen, welche zum Teil brutale Züge an den Tag legte, hegt eine lange Geschichte. Schon in Babylon war es üblich missgebildete Kinder zu kastrieren[3], während gleichermaßen geregelt wurde, dass in:

dem babylonischen Codex Hammurabi, um 1700 v. Chr., […] dem Vater das Recht zugebilligt [wird, d. Verf .], seine Neugeborenen in den Brunnen zu werfen oder den wilden Tieren zum Fraß zu geben“[4]

Kennzeichnend für die Antike ist, dass dort Kinder nicht das gleiche Recht zu leben besaßen wie Erwachsene[5]. Kindstötungen waren in dieser Epoche Gang und Gebe. So forderte beispielsweise auch Aristoteles “daß die Aussetzung verkrüppelter Kinder gesetzlich verordnet werden müsse”[6] und ebenso sei unter Solon[7] in Athen die Kindstötung gesetzlich erlaubt gewesen[8] . Erst mit der wachsenden Bedeutung des Christentums seit Kaiser Konstantin I. im vierten Jahrhundert u. Z. und der damit zusammenhängenden Durchsetzung von Werten wie Nächstenliebe nahmen derartige Maßnahmen ab, ohne jedoch gänzlich in den Hintergrund zu treten. Vielmehr wird ein bipolares Bild gezeichnet. Zum einen ist das Beispiel des mittelalterlichen `Hospice des Quinze-Vingts` zu nennen, in dem sich 300 Blinde zusammenschlossen und zu einem Bettelorden von Ansehen und großem Reichtum heranwuchsen. Dies geschah auf der Grundlage, dass eine sichtbare Beeinträchtigung als ein Zeichen Gottes für die Erleuchtung der Menschheit zu werten sei[9]. Ambivalent hierzu wurden allerdings auch weiterhin vor allem geistig behinderte und missgebildete Menschen verhöhnt und gepeinigt. Martin Luther bezeichnete erstere als „ massa carnis[10], einen Klumpen aus Fleisch ohne Seele, während indes Inquisitoren vor allem Verwachsene, Klumpfüßige und Rothaarige als Werk des Teufels betitelten und auf den Scheiterhaufen brachten. Mit der Aufklärung veränderte sich die Haltung gegenüber Behinderten zwar in der Weise, dass sie nicht mehr als dämonisch angesehen wurden, allerdings ging dies nicht mit einer Verbesserung des sozialen Standes in der Gesellschaft einher. Weiterhin galten beeinträchtigte Menschen als funktionsuntüchtig für die Gesellschaft. Neben der Einkerkerung dieser mit anderen sozial Geächteten[11], wie es im 17. Jahrhundert üblich war, wurden nun vereinzelt Institutionen geschaffen, die sich ihrer Pflege annahmen. Beispielsweise eröffneten so Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals Pflegestationen, die die geistige Behinderung als Krankheit behandelten.[12] Die weitere soziale Ausgrenzung bleibt davon allerdings unberührt. Auch im 19. Jahrhundert wurde nun mit der aufkommenden Industrialisierung zunehmend zwischen „ industriell brauchbaren und industriell unbrauchbaren Menschen[13] unterschieden. Da in dieser Zeit immer häufiger alle Familienmitglieder erwerbstätig waren, schien es nicht mehr möglich sich zu Hause um die Beeinträchtigten zu kümmern, was sie zu einer Belastung forcieren ließ und eine Überweisung in staatliche und auch immer häufiger werdende karikative Sondereinrichtungen zur Folge hatte. Die in dieser Zeit populär gewordene sozialdarwinistische Anschauung und Erkenntnis wurde wegweisend für die weitere Entwicklung.[14]

1.2. Verwirklichung sozialdarwinistischer Ideen

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wird das Mysterium der anfänglich nur visuell wahrgenommenen Ungleichheit zwischen Menschen wissenschaftlich anscheinend aufgelöst und erklärt. Mit dem Einzug der Biowissenschaften wird vor allem ein Name Träger einer neuen Handlungsperspektive: Charles Darwin.[15]

Darwins Hauptthesen gehen auf die Beobachtung der Tierwelt zurück und eröffneten neue Horizonte für die gesamte Forschung. Als Erster beschreibt er den so genannten „Kampf ums Dasein“[16], welcher eher metaphorisch zu sehen ist, allerdings auch ein physisches Gefecht nicht ausschließt. Dieser Kampf wird zwischen zwei um Nahrung oder Lebensraum konkurrierenden Arten, im Hinblick auf den Fortbestand der Eigenen, ausgefochten. Die natürliche Zuchtwahl, welche die Natur umsetzt, entscheidet daraufhin welche Lebewesen am besten an die Umwelt angepasst[17] sind und somit diesen Kampf gewinnen. Aufgrund dieser Fehde ist von der Natur ein Überschuss an Nachkömmlingen vorprogrammiert und mit Hilfe der natürlichen Selektion werden die Schwächsten aus diesen aussortiert. Als Endergebnis überleben die am besten Angepassten. Eine Anwendung dieser Studien auf den Menschen hat Darwin jedoch nie gewagt auszusprechen. Als großer Anhänger der Lehren Darwins ist Ernst Haeckel zu erwähnen, der die Übertragung der Ergebnisse Darwins auf den Menschen, aufgrund der affenähnlichen Vorfahren, als unbestreitbar ansieht. Auf Grundlage dieser Annahme folgt eine Rezeption der Forschungsergebnisse Darwins sowohl auf die Gesellschaft, als auch auf Kultur, Politik und Ökonomie. Die daraufhin entstehende Wissenschaft der „Eugenik“ geht auf den britischen Naturforscher Francis Galton zurück, wurde von dem amerikanischen Eugeniker Charles B. Davenport als „die Wissenschaft von der Aufwertung der menschlichen Rasse durch verbesserte Fortpflanzung“[18] beschrieben und somit innerhalb des Sozialdarwinismus[19] als „Überleben des Stärkeren“[20] zu einem Naturgesetz erhoben.

Die weitere Entwicklung auf Grundlage dieser Forschungen verlief in Deutschland bis 1918 weitgehend parallel zu anderen Ländern, wie zum Beispiel den USA. Die Eugenik wurde so zu einer wissenschaftlichen Disziplin, welche sich neben anderen Naturwissenschaften behauptete, ohne jedoch eine übermäßige Popularität zu erreichen. Mit der Gründung der so genannten „Gesellschaft für Rassenhygiene“ wurden in Deutschland sämtliche Eugeniker in einem Verein zusammengeschlossen, dessen populärstes Publikationsorgan das „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“[21] 1904 von Alfred Plötz[22] ins Leben gerufen wurde. Maßgeblich war die Entwicklung bis zur Weimarer Republik von einer positiven Eugenik beherrscht, was beinhaltete, dass man besonders die ‚guten’ Erbmerkmale durch eine verstärkte Geburtenrate fördern wollte. Im Gegensatz dazu wurde ebenfalls eine negative Eugenik in Betracht gezogen, welches zum Beispiel in Indiana durch ein Sterilisationsgesetz von 1907 realisiert worden war. Allerdings rechnete man in Deutschland mit keiner Unterstützung der Gesetzgebung in dieser Hinsicht.[23] Das Hauptaugenmerk der Eugenik lag in Deutschland zu dieser Zeit auf den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen, die die Menschen in höherwertigere und minderwertigere Bürger einteilten. In diesem Zusammenhang rückte zu späterem Zeitpunkt der Fokus der Rassendivergenz in den Mittelpunkt. Schallmayer zweifelte allerdings die Überlegenheit der weißen Rasse an, während Plötz diese ‚arische Rasse’ als führend herausstellte. Erst die Nachkriegswirren und das politische und soziale Chaos förderten eine Radikalisierung der Durchsetzung eugenischer Maßnahmen verstärkt im negativen Bereich.

[...]


[1] SCHALLMAYER 1909, S. 199.

[2] „Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um's Daseyn.“ Als Erstausgabe erschienen unter dem Titel: “On the Origin of Species by means of NaturalSelection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life.”.

[3] Vgl. WILKEN 1983, S. 225-226

[4] Ebd.

[5] Vgl. AHMANN, S.7

[6] Vgl. WILKEN 1983, S. 227

[7] Geboren ca. 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr., Lyriker und Staatsmann.

[8] Vgl. WILKEN 1983, S. 227

[9] Vgl. AHMANN 2001, S. 12

[10] Ebd.

[11] Hier werden auch Arbeitslose und Verbrecher genannt.

[12] Ebd., S. 13

[13] Ebd., S. 14

[14] Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass im Folgenden beschriebene Eugenik sich nicht nur auf Behinderungen beschränkte, sondern ebenfalls Krankheiten oder soziale Missstände mit in ihre Betrachtungen aufnahm.

[15] Geboren 1809 in Shrewsbury; † 1882 in Downe; bedeutender britischer Naturforscher.

[16] Im Original: „Struggle for life“.

[17] In Darwins Ausführungen wird diese Angepasstheit als „Survival of the fittest“ bezeichnet, wobei „fittest“ bis heut Komplikationen in der Übertragung ins Deutsche darstellt, da es keine präzise Übersetzung gibt.

[18] FRIEDLANDER 2001, S. 32

[19] Anwendung der darwinschen Evolutionstheorie auf die menschliche Gesellschaft.

[20] FRIEDLANDER 2001, S. 32

[21] Die bekannte und in der Literatur gängige Abkürzung ist „ARGB“.

[22] Geboren 1860; † 1940, deutscher Arzt. Einer der Begründer der Rassenhygiene und Eugenik in Deutschland.

[23] Vgl. Ebd., S. 41

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Schallmayers "Generative Ethik"
Untertitel
Eine Erörterung zur Provenienz des Eugenischen Gedankengutes unter besonderer Betrachtung des Kantischen Würdebegriffes
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie )
Veranstaltung
„Moral an den Grenzen menschlichen Lebens. Schauplätze der Medizinethik“
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V153752
ISBN (eBook)
9783640663378
ISBN (Buch)
9783640663354
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schallmayers, Generative, Ethik, Eine, Erörterung, Provenienz, Eugenischen, Gedankengutes, Betrachtung, Kantischen, Würdebegriffes
Arbeit zitieren
Janine Schuster (Autor), 2010, Schallmayers "Generative Ethik", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153752

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