Exegese: Mk 7,24-30

Sind wir etwa die Hunde?


Quellenexegese, 2007
28 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Redaktionskritik
1.1. Verfasser
1.2. Entstehungszeit und Ort

2. Abgrenzung des Abschnittes

3. Wortlaut von Mk 7,24-30

4. Übersetzungsvergleich

5. Stellung der Erzählung im Markusevangelium

6. Aufbau des Abschnitts
6.1. Grobgliederung
6.2. Feingliederung

7. Literarkritik

8. Formgeschichte

9. Einzelexegese

10. Ziel der Perikope

11. Systematisch-theologische Reflektion

12. Unterrichtsentwurf

13. Literaturverzeichnis

14. Bestätigung

15. Anhang

1. Redaktionskritik

1.1 Verfasser

Der Verfasser des Markusevangeliums ist bis heute umstritten. Der Text selbst lässt nur wenig Schlüsse auf den Autor zu, da dieser nahezu völlig hinter sein Werk zurücktritt. Sein Schreibstil ähnelt der Septuaginta. „Sicher war [der Verfasser] von seinem Herkommen mit der Geschichte Israels und Palästinas verbunden. Er kennt die Verheißung des AT und die Erwartungen des Judentums im1. Jh. n. Chr.“[1]

Aus Gründen der Legitimation und zur Unterscheidung von anderen Büchern, die im Gottesdienst verwendet wurden, schrieb Bischof Papias von Hierapolis es um 130 Johannes Markus, einem Jerusalemer Judenchristen, Begleiter des Paulus und Dolmetscher des Petrus, zu.[2]

Es wurde behauptet, dass das Evangelium ausschließlich auf Lehrvorträgen des Petrus beruhe. „Eine solche Legitimation schien nötig, da der Name >>Markus<< im Jüngerkreis nicht vertreten ist.“[3]Das Markinische Evangelium geht jedoch im Gegensatz zu Petrus über die Traditionen hinaus.

Obwohl der wissenschaftliche Konsens dem Zeugnis des Bischof Papias keine allzu große Glaubwürdigkeit einräumt, ist doch zu bedenken, dass der Name „Markus“ dem Evangelium zugeschrieben wird und eben nicht einer der Apostel selbst, was die Vermutung zulässt, dass der Verfasser wirklich Markus hieß. Ob es sich jedoch um Johannes Markus handelte, ist nicht nachweisbar.

1.2 Entstehungszeit und Ort

Die Entstehungszeit des Markusevangeliums lässt sich recht genau datieren.

Es wurde erst nach dem Tod des Petrus unter neronischer Verfolgung geschrieben. Die Abfassung der Schrift fällt damit in die Zeit des Jüdischen Krieges, welcher 66 n.Chr. „in Galiläa begann und nach langer Belagerung im Jahre 70 zur Eroberung Jerusalems und Zerstörung des Tempels durch die Römer führte.“[4]

Diese zeitlichen Bezüge sind durch Textpassagen innerhalb des Evangeliums möglich (vgl. Mk 13,2: Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Gebäude? Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.)[5]

Umstritten ist noch, ob die angekündigte Tempelzerstörung zur Zeit der Abfassung bereits geschehen war oder noch bevorstand und nur als logische Konsequenz aus der politischen Lage abgeleitet wurde. Es ist jedoch davon auszugehen, dass das Evangelium gegen Ende des Krieges - also um das Jahr 70 herum - geschrieben wurde.

Die Adressaten des Markusevangeliums gingen über Rom hinaus und waren überwiegend Heidenchristen. Dies lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass der Verfasser jüdische Traditionen und Bräuche sowie aramäische Ausdrücke erklärt, was bei einem jüdischen Auditorium überflüssig wäre. Dass der griechische Schreibstiel des Autoren dem der Septuaginta ähnelt zeigt, dass das Evangelium nicht ausschließlich für Heidenchristen, sondern für die ganze Kirche verfasst wurde.[6]

Der Abfassungsort dagegen ist wiederum unklar. In der Diskussion sind Syrien, Tyrus und Sidon, Galiläa, die Dekapolis sowie Rom.

Für den syrischen Raum spräche die Tatsache, dass in Antiochien „ein frühes Zentrum juden- und heidenchristlicher Mission“[7]lag.

Die große Bedeutung, die der Verfasser dem Gebiet um Galiläa und der Dekapolis beimisst, könnte hingegen ein Hinweis darauf sein, dass das Evangelium in dieser Gegend entstanden ist.

Feldmeier behauptet, die Latinismen, am auffälligsten in Mk 12,42 (Und eine arme Witwe kam und legte zwei Scherflein[A] ein, das ist ein Pfennig[B].

A) w. Lepta; B) w. Quadrans;)[8], deuten auf eine Entstehung in Rom hin.

Dagegen argumentieren andere Forscher, die Latinismen, welche hauptsächlich der Militär- und Verwaltungssprache entstammen, wären kein Beweis für die Rom-Hypothese, da diese im gesamten römischen Reich bekannt und verbreitet waren. Damit gäben sie keine sichere Auskunft über den Entstehungsort.

2. Abgrenzung des Abschnittes

Die Erzählung von der Heilung der Tochter der Syro-Phönizierin befindet sich im ersten Hauptteil des Markusevangeliums und stellt in diesem ein für sich abgeschlossenes Ereignis dar. Dass die Erzählung auch kontextfrei verstanden werden könnte, weist darauf hin, dass dieser Abschnitt vom vorangehenden und darauffolgenden abzugrenzen ist. Mk 7,24 steht in loser Verbindung zur vorausgehenden Erzählung. In dieser definiert Jesus das Recht neu und erläutert seinen Jüngern den Unterschied zwischen rein und unrein. Diese Erzählung und die Erklärung aller Speisen zu reinen Speisen ist die Voraussetzung für die Einkehr Jesu in ein heidnisches Haus (Mk 7,24).

Mit dem Aufsuchen heidnischen Gebietes setzt eine neue Handlung ein. Ebenso endet die Geschichte mit dem Verlassen der Gegend um Tyrus und Sidon und damit mit dem Wechsel des Schauplatzes.

Die Abgrenzung der Erzählung wird demnach deutlich hervorgehoben durch ihren Schauplatz im heidnischen Gebiet von Tyrus und Sidon.

3. Wortlaut von Markus 7,24-30

Der vorliegenden Exegese liegt eine Übersetzung des Textes des Novum Testamentum Graece zu Grunde. Verglichen wird sie mit der revidierten Fassung der Luther-Bibel (1912). Eine detailliertere Kontrastierung der wichtigsten Unterschiede soll in Kapitel 4 folgen.

Markus 7

24. Von dort aber brach er auf[9], zog weg in das Gebiet von Tyrus[10]und trat in ein Haus ein. Er wollte, dass niemand es erfahre, aber er vermochte nicht unbemerkt zu sein.

25. Denn sofort hörte eine Frau von ihm, deren Töchterchen einen unreinen Geist hatte, kam und fiel vor seinen Füßen nieder.

26. Die Frau aber war Griechin, eine Syro-Phönizierin von Geburt[11]und sie bat ihn, dass er den Dämon[12]aus ihrer Tochter vertreibe.

27. Und er sagte zu ihr: Lass zuerst die Kinder satt werden, denn es ist nicht gut das Brot[13]der Kinder zu nehmen und vor die Hündchen[14]zu werfen.

28. Sie aber antwortete und spricht zu ihm: Herr[15], aber die Hündchen fressen unter dem Tisch von den Stückchen[16]der Kinder.

29. Und er erklärte ihr: Wegen dieses Wortes geh hin.[17] Der Dämon ist aus deiner Tochter herausgefahren.

30. Und sie ging weg in ihr Haus und fand ihr Kind auf dem Bett liegen und der Dämon war ausgefahren.

4. Übersetzungsvergleich

Als signifikantester Unterschied sticht das Wort „Hunde“, der Lutherübersetzung in V27 ins Auge. Obwohl hier im Griechischen eindeutig die Verniedlichung to kunarion (das Hündchen) im Gegensatz zu o kuwn (der Hund) steht, wählt Luther in diesem Vers die Normalform. Nun kann es sich hierbei nicht um einen Fehler in der Übersetzung handeln, da sein nächster Vers die Verniedlichung in der Antwort der Syro-Phönizierin enthält. Da es sich hierbei um dasselbe Wort (lediglich in unterschiedlichen Fällen) handelt, ist ein Übersetzungsfehler ausgeschlossen. Die Übersetzung des Wortes kunarion mit „Hund“ in der Rede Jesu führt jedoch zu konträren Interpretationsmöglichkeiten der Reaktion Jesu auf die Bitte der Frau. „Man hat oft daraufhingewiesen, dass […] die Juden […] die Heiden verächtlich als „Hunde“ bezeichneten, im Orient ein starkes Schimpfwort.“[18]„(vgl. Pirqe Rabbi Eliezer 29: wer mit einem Götzendiener ißt, gleicht einem, der mit einem Hund ißt[…])“[19]

Folgt man nun dieser Übersetzung und der sich daraus ergebenden Interpretation, würde Jesus die heidnische Frau vor seinen Jüngern und Gastgebern, welche mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Heiden waren, wüst beschimpfen und demütigen. Diese Überlegung erscheint sehr abwegig und ist bei wörtlicher Übersetzung der Passage auch nicht vertretbar. Denn Jesus bezeichnet die Frau in seiner Metapher nicht als Hund, sondern als Hündlein und meint damit nicht die streunenden Straßenhunde, welche in der damaligen Zeit auf Grund ihrer Lebensweise als „äußerst verachtenswert angesehen“[20]wurden, sondern den geschätzten Haushund.

Nach dieser Interpretation „würde Jesus die Heiden nicht wie seine jüdischen Zeitgenossen als Hunde, sondern als Hündlein bezeichnen und würde ihnen verheißen, daß er sie nach Erfüllung seiner Sendung an die Juden auch speisen werde (prwton vgl. Röm 1,16)“[21].

Das bedeutet, dass Jesus der Heidin zwar von vornherein klar macht, dass sie nicht zum erwählten Volk gehört, zu dem er gesandt wurde, doch seine Metapher impliziert, dass er sie nicht völlig abweist, sondern ihr nur die Rangordnung vor Augen führt.

Diese Interpretation ist jedoch nur bei einer wortgetreuen Übersetzung der Passage möglich und würde auf Grundlage der Luther-Bibel nicht herauskommen.

5. Stellung der Erzählung im Markusevanglium:

Die Erzählung Mk 7,24-30 stellt die Wendung von Jesu Mission hin zur Heidenmission dar. Dies wird auch durch die Stellung der Perikope genau zwischen den beiden Erzählungen der wundersamen Brotvermehrung in Kapitel sechs und acht deutlich. Während bei der ersten Brotvermehrung genau 12 Körbe mit Essen übrig bleiben – 12 für die 12 Stämme Israels – sind es bei der zweiten sieben Körbe. Da sieben die Zahl der Gesamtheit ist, deutet diese Wundererzählung, die zudem noch im Gebiet der Dekapolis stattfindet, auf eine Öffnung der Mission hin. In diesem Kontext stellt die Erzählung der Syro-Phönizierin die konkrete Wendung dar. Es ist das erste Mal, dass Jesus eine Wundertat an Heiden vollbringt.

[...]

[1]Rau: Markusevangelium, in Calwer Bibellexikon, Band 2,879

[2]vgl. Karl-Wilhelm Niebuhr: Grundinformationen Neues Testament,105

[3]Rau: Markusevangelium, in Calwer Bibellexikon, Band 2,877

[4]Rau: Markusevangelium, in Calwer Bibellexikon, Band 2,878

[5]Revidierte Elberfelder Bibel

[6]vgl. Rau: Markusevangelium, in Calwer Bibellexikon, Band 2,878

[7]Rau: Markusevangelium, in Calwer Bibellexikon, Band 2,879

[8]Revidierte Elberfelder Bibel

[9]Luther übersetzt hier: Und er stand auf und ging von dannen.

[10]In der Luther-Bibel ist Sidon ergänzt.

[11]Luther schreibt hier: „(und es war ein griechisches Weib aus Syrophönizien)“.

[12]Das Wort „daimonion“ wird in der LB durchgehend mit dem „Teufel“ übersetzt.

[13]o artos das Brot oder auch die Speise im allgemeinen. Im NT und im Kontext der Mk Erzählung wohl als Brot gemeint.

[14]Das Wort to kunarion wird von Luther an dieser Stelle nicht in der Verniedlichungsform übersetzt sondern als „Hunde“, wodurch verschiedene Interpretationen möglich sind.

[15]Luther identifiziert das Wort kurios als christologischen Titel.

[16]Das Wort yicion übersetzt Luther mit „Brosamen“.

[17]Der Imperativ „upage“ kann als „entferne dich“ oder „ziehe dich zurück“ verstanden werden.

[18]Schnackenburg: Das Evangelium nach Markus, 186

[19]Grundmann: Das Evangelium nach Markus, 154

[20]Riede: Hund, in Clawer Bibellexikon Band 1, 593

[21]Grundmann: Das Evangelium nach Markus,154

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Details

Titel
Exegese: Mk 7,24-30
Untertitel
Sind wir etwa die Hunde?
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V154000
ISBN (eBook)
9783640669783
ISBN (Buch)
9783640670284
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gott, Hunde, Jesus, Syro-Phönizierin, Mk 7 24-30, Exegese, Wundergeschichte, Fernheilung
Arbeit zitieren
Dörte Schabsky (Autor), 2007, Exegese: Mk 7,24-30, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154000

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