Die Entwicklung der Jenseitsvorstellungen im Judentum und Christentum an Hand ausgewählter Schriften bis zur Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts


Hausarbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Warum eine solche Arbeit nötig ist

2. Die Jenseitsvorstellungen im Judentum
2.1. Theoretische Grundlagen
2.2. Jesaja 38,10-19
2.3. Kohelet 9,1-6
2.4. 2 Makk 7,7-14 und 12,39-45
2.5. Daniel 12,1-3
2.6. Flavius Josephus
2.7. Zusammenfassung der jüdischen Jenseitsvorstellungen

3. Die Jenseitsvorstellungen im Christentum
3.1. Lukas 16,22-25
3.2. Markus 9,43
3.3. Johannes 5,28-30
3.4. Römerbrief 6,5-10

4. Das Problem des Begriffs "Hölle"

5. Die Jenseitsvorstellungen im Vergleich

6. Literaturliste

1. Warum eine solche Arbeit nötig ist

In dieser Arbeit sollen die Jenseitsvorstellungen des Judentums[1] sowie des Christentums untersucht und anschließend unter der Frage miteinander verglichen werden, inwiefern das Christentum die Vorstellungen des Judentums übernommen hat beziehungsweise wo und an welchen Stellen neue Ideen vorkommen und welche externen Einflüsse dabei eine Rolle gespielt haben könnten.

Dabei tauchen verschiedene Probleme auf. Nicht nur, dass es auf den ersten Blick nicht als zwingend notwenig erscheint, dass die Vorstellungen über das Leben nach dem Tod von Judentum und Christentum miteinander verglichen werden müssen, vielmehr stellt sich auch die Frage, auf welche Basis ein solcher Vergleich geschehen soll. Letztere Frage stellt sich dabei für jede Religion nochmals selbstständig. Bezieht man sich für das Christentum auf die gesamte Bibel oder, weil das Alte Testament mit den Heiligen Schriften des Judentums identisch sind, nur auf das Neue Testament? Befragt man nur die Evangelien oder auch die kanonischen Briefe? Welche Schriften werden für das Judentum zugrunde gelegt? Die fünf Bücher Mose, das Alte Testament nach Luther oder nach der Septuaginta? Was ist mit den apokryphen[2] Schriften?

In dieser Arbeit wird angestrebt, eine möglichst breite Basis zu reflektieren, da sich so auch Strömungen und Hintergründe politischer oder sozialer Art besser herausarbeiten lassen. Gleichzeitig muss jedoch auch eine tiefgründige Analyse der Texte gewährleistet werden, sodass eine selektive Auswahl von Grundlagentexten unausweichlich ist, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Dabei ist mir bewusst, dass eine Auswahl von Texten stets Gefahr läuft, die perspektivischen Differenzen innerhalb einer Religion zu übergehen. Dem soll gerade damit entgangen werden, dass auch apokryphe und außerbiblische Texte in die Untersuchung einbezogen werden. Bei der Auswahl der Texte wird sich dabei in erster Linie auf die Untersuchung „Nach dem Tode. Jenseitsvorstellungen von den Babyloniern bis zum Christentum“[3] von Luigi Moraldi gestützt. Die Texte werden dabei zumindest was das Judentum betrifft in der chronologischen Reihenfolge nach ihrer Entstehung untersucht, um Entwicklungen aufzeigen zu können.

Damit ist jedoch noch nicht beantwortet, warum eine solche Arbeit (in dieser Weise) nötig ist. Darauf zu verweisen, dass das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist und sich deshalb eine solche Untersuchung anbietet, kann nicht ausreichend sein. Vielmehr wird es interessant sein zu sehen, wie sich die beiden Religionen voneinander, aber auch von externen Einflüssen wie dem Hellenismus, abgrenzen beziehungsweise für die eigenen Vorstellungen Ideen von diesen externen Einflüssen reflektieren.

Somit sollte deutlich geworden sein, dass es nicht genügt, sich auf die Schriften der Religionen (welche auch immer dies nun genau sind) zu begrenzen, sondern dass auch die Philosophen und Gelehrten der Zeit wie etwa Platon oder Flavius Josephus reflektiert werden müssen.

2. Die Jenseitsvorstellungen im Judentum

2.1. Theoretische Grundlagen

Bei der Untersuchung der Jenseitsvorstellungen im Judentum muss gegenüber dem Christentum bedacht werden, dass die Zeitspanne der Ideengeschichte größer ist als die der Verschriftlichung derselben. Auf den ersten Blick scheint dies nicht weiter tragisch zu sein, da sich, wie gezeigt werden wird, anscheinend in den ersten Jahrhunderten des Judentums an den Jenseitsvorstellungen wenig änderte. Jedoch kann es auch sein, dass bestimmte Strömungen, die von dieser scheinbaren Norm abwichen, schlichtweg nicht verschriftlicht wurden und deshalb heute unbekannt sind. Diese Möglichkeit der Nichtüberlieferung gibt es zwar für das Christentum auch, jedoch erscheint die Wahrscheinlichkeit geringer. Dies liegt zum einen daran, dass die Verschriftlichung von Gedanken im ersten oder zweiten nachchristlichen Jahrhundert einfacher gewesen sein dürfte als im achten oder neunten vorchristlichen Jahrhundert, zum anderen aber auch an der Tatsache, dass die Verschriftlichung mit der Entwicklung des Christentums relativ parallel verlief, während Texte aus der Zeit des frühesten Judentums nicht überliefert sind.

Im folgenden sollen die jüdischen Schriften untersucht werden, wobei diese dabei in ihrer historischen Reihenfolge betrachtet werden, um somit eine Entwicklung innerhalb der Herausbildung des Jenseitsglaubens zu erarbeiten. Dabei wird zuerst auf Jesaja, anschließend auf Kohelet und danach auf die Makkabäerbücher und das Danielbuch eingegangen[4]. Abgeschlossen wird die Betrachtung des Judentums mit dem jüdischen Autor und Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der in nachchristlicher Zeit einen Blick auf die Situation innerhalb des Judentums wirft. Während der Untersuchung einzelner Bücher wird stets auch auf andere Schriften mit ähnlichen oder auch gerade gegensätzlichen Gedanken eingegangen, so dass die eben genannten Schriften ein Gerüst für die Untersuchung darstellen sollen.

2.2. Jesaja 38,10-19

In Jes 38,10-19 betet der kranke König Hiskia zu JHWH[5], damit dieser ihm von seinem bevorstehenden Tode errette. An dieser Stelle interessiert besonders sein Blick auf das „Totenreich“[6], in das er sich sicher ist einzugehen. Durch seine Worte in den Versen 11 und 12 wird deutlich, dass Jesaja die Welt der Toten abgegrenzt sieht von jener der Lebenden. Im Totenreich könne der Mensch seine einstigen Mitmenschen nicht mehr wahrnehmen. Auch könne JHWH nicht mehr geschaut werden. Damit ist gemeint, dass JHWH in dieser Welt nicht erfahrbar ist und somit auch nicht präsent zu sein scheint. Somit steht die jenseitige der diesseitigen Welt gegenüber, in der JHWH die Macht hat, in das Leben der Menschen einzugreifen[7].

Somit ist der Mensch allein, ohne jegliche Form von Gesellschaft. In der Verfasserzeit heißt dies auch, dass der Mensch der Natur ohne Schutz ausgeliefert ist, was sich auch in diesem Text wiederfindet, wenn der Kranke beklagt:

„Tag und Nacht gibst du mich preis.“[8]

Der König sieht sich somit der Umwelt, repräsentiert in „Tag und Nacht“, denen sich niemand entziehen kann, schutzlos ausgesetzt. Ein rettendes oder fürsorgendes Eingreifen JHWHs ist nicht möglich. Das Bild vom Totenreich gipfelt in Vers 18 mit den Worten:

„Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue.“

Hiskia weist JHWH darauf hin, dass die Nichtpräsenz JHWHs im Totenreich dazu führt, dass dieser nicht angebetet wird. JHWH spielt für die Toten keine Rolle, er wird nicht gelobt, nicht gerühmt und es wird nicht auf seine Treue gewartet. Somit gibt es zu dieser Zeit auch noch keine Auferstehungshoffnung und der Eintritt in das Totenreich scheint etwas Endgültiges und Unausweichliches zu sein.

Hier stellt sich die Frage, warum der Mensch dann zu Lebzeiten die Gebote JWHWs halten soll, wenn es doch keine Auswirkungen auf das jenseitige Leben hat. Eine erste Antwort gibt der Tun-Ergehen-Zusammenhang im Alten Testament, nach dem eine Handlung auf den Menschen selber, oder aber auch auf seine Nachfahren zurückkommt. Ein Verstoß gegen die Gebote JHWHs kann durch den Tun-Ergehen-Zusammenhang, den JHWH garantiert, Auswirkungen auf das eigene Leben haben.[9]

Eine zweite Antwort die gibt gesellschaftliche Situation der Verfasserzeit[10]. JHWH handelt bei Verstößen gegen seine Gesetze gegen das gesamte Volk[11], während der einzelne nur eine untergeordnete Rolle spielte. Dies weist darauf hin, dass das Ergehen des Einzelnen, der ohne die Gemeinschaft des Volkes nicht überleben konnte, nicht so wichtig war wie das des Volkes, das Individuum somit eine untergeordnete Rolle spielte. Somit muss sich der einzelne Mensch zu seinen Lebzeiten gemäß JHWHs Gesetzen und Vorgaben verhalten, um das kollektive Wohlergehen des Volkes, welches durchaus auch mit dem Tun-Ergehen-Zusammenhang in Verbindung gedacht werden kann, sicherzustellen.

[...]


[1] Auf die Problematik der Bezeichnung „Judentum“ kann nicht ausführlich eingegangen werden. Es muss genügen festzustellen, dass es nicht eindeutig ist, ab wann vom Judentum als solchem im Sinne einer einheitlichen Religion gesprochen werden kann. Trotzdem soll hier im Sinne der alttestamentlich erzählten Berichte mit der Bezeichnung „Judentum“ jene Religion gemeint sein, welche die christlich Altes Testament genannten Schriften als ihre Heilige Schrift bezeichnen.

[2] Apokryphe Schriften sind hier im alttestamentlichen Sinne gemeint. Sicherlich könnten auch neutestamentliche apokryphe Schriften untersucht werden, jedoch sind diese zumeist jünger und werden deshalb und aus Platzgründen nicht berücksichtigt.

[3] Moraldi, Luigi: Nach dem Tode. Jenseitsvorstellungen von den Babyloniern bis zum Christentum; Bergisch Gladbach; 1989. Leider geht Moraldi dabei nicht strikt chronologisch vor, so dass sich einige Unterschiede in der Bearbeitung der Texte ergeben.

[4] In dieser Arbeit kann eine Untersuchung der einzelnen Schriften hinsichtlich der Verfasser, der Abfassungszeit und der sozialen Kontexte nicht stattfinden. Hier soll es genügen, die Abfassungszeiten zu nennen: Jesaja zw. 740 und 701 v. Chr. (Andere Datierungen gehen davon aus, dass Jesaja zumindest teilweise erst nach dem babylonischen Exil 538 V.Chr. verfasst wurde und das Ende des 8.Jh. lediglich die erzählte Zeit darstellt; vgl.: Smend, Rudolf: Die Entstehung des Alten Testaments; Stuttgart; 19782; S. 143), Kohelet Mitte des dritten Jahruhunderts v.Chr., Makkabäerbücher und Danielbuch 160-63 v.Chr., wobei am Danielbuch wohl länger geschrieben wurde. Vgl. hierzu: Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift (hrsg. im Auftrag der Bischöfe Deutschlands. Für die Psalmen und das Neue Testament auch im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der deutschen Bibelgesellschaft); Stuttgart; 1980. Die Texte werden im Folgenden jedoch nach der 1984er revidierten Lutherübersetzung zitiert.

[5] Vgl.: Jes 38, 9.

[6] Jes 38,10.

[7] Vgl.: Jes 38, 14.

[8] Jes 38,12. Das „du“ bezieht sich auf JHWH, den Hiskia hier anklagt, dass dieser ihn frühzeitig sterben lässt.

[9] Zum Tun-Ergehen-Zusammenhang vgl.: Janowski, Bernd: Die Tat kehrt zum Täter zurück. Offene Fragen im Umkreis des "Tun-Ergehen-Zusammenhangs"; in: Zeitschrift für Theologie und Kirche (ZThK) 91; 1994.

[10] Zum Problem der Verfasserzeit vgl. Fußnote 4.

[11] Vgl.: Lev 26,14-17.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Jenseitsvorstellungen im Judentum und Christentum an Hand ausgewählter Schriften bis zur Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Sterben, Tod und Trauer in Judentum, Christentum und Islam
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V154016
ISBN (eBook)
9783640662364
ISBN (Buch)
9783640662432
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jenseits, Jenseitsvorstellungen, Judentum, Christentum, Hölle
Arbeit zitieren
Mario Westphal (Autor), 2009, Die Entwicklung der Jenseitsvorstellungen im Judentum und Christentum an Hand ausgewählter Schriften bis zur Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154016

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