Dampfkraft als Voraussetzung der Industrialisierung


Seminararbeit, 2010

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Industrialisierung
2.1. Definition und Bedeutung
2.2. Industrielle Revolution in England und den USA

3. Dampfkraft und Wasserkraft im Vergleich
3.1. Technologie
3.2. Zeitliche Verbreitung in England und den USA
3.3. Geographische Verteilung in England und den USA
3.4. Verwendungsbereiche
3.5. Vergleich der Kostenstruktur
3.6. Ergebnis & Interpretation

4. Zusammenfassung

5. Anhang, Literatur- und Quellenverzeichnis
5.1. Anhang
5.1.1 Tabellenverzeichnis
5.1.2 Abbildungsverzeichnis
5.1.3 Tabellen
5.1.4 Abbildungen
5.2. Literatur- und Quellenverzeichnis
5.3. Internetverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 1712 entwickelte der Erfinder Thomas Newcomen die erste nutzbare Dampfmaschine im englischen Staffordshire.[1] Uber die nachsten Jahrzehnte hinweg folgten weitere Verbesserungen an der Dampfmaschine und Folge-Innovationen, sodass die Dampfkraft, hier vor allem die Dampfmaschine, ohne Zweifel eine der wichtigsten innovativen Faktoren fur die gegen Ende des 18. Jahrhunderts begonnene Industrialisierung war. Thomas S. Ashton, britischer Wirtschaftshistoriker und ehemals Professor an der University of London, schrieb in diesem Zusammenhang von der Dampfmaschine als Ausloser, der die Industrie in das moderne Zeitalter katapultierte.[2]

Die Frage, ob die Dampfkraft[3] letztendlich wirklich die Voraussetzung fur die Industrialisierung war, mochte ich auf den folgenden Seiten beantworten. Dabei ist zu klaren, inwieweit die Wasserkraft, hier vor allem das Wasserrad und Wasserturbinen, Auswirkungen auf den technischen Fortschritt sowie die Industrialisierung hatten. Ebenso ist zu untersuchen, ob die Beziehung zwischen Dampfkraft und Wasserkraft im Kontext der industriellen Verwendung eher einen substitutiven oder einer komplementaren Charakter ausweist.

Um diese Fragen beantworten zu konnen, wird a priori in (2.1., 2.2.) die Industrielle Revolution in England und den USA genauer erklart. In (3.1.) wird die jeweilige Technologie der Dampf- und Wasserkraft naher erlautert. AnschlieGend werde ich mich mittels mehrerer Analysepunkte einem Vergleich der Dampfkraft und der Wasserkraft widmen. Dabei mochte ich in (3.2.) und (3.3.) die temporale und geographisch-regionale Verbreitung der Dampf- und Wasserkraft in England und den USA analysieren, bevor ich in (3.4.) die Verwendungsbereiche darstelle. Dampf- und Wasserkraft bedeuten auch zwei unterschiedliche Kostenstrukturen, die in (3.5.) naher untersucht werden. Das Ergebnis meines Vergleichs werde ich in (3.6.) darlegen und interpretieren.

Ob die Dampfkraft letztendlich wirklich die Voraussetzung fur die Industrialisierung in England und den USA war und welchen Stellenwert die Wasserkraft in diesem Prozess hatte, wird in (4.) zusammengefasst.

Hinsichtlich der Literatur orientiere ich mich vor allem an mehreren Journalen aus der Reihe „The Journal of Economic History“ sowie weiteren Artikeln und Buchern.

Die Abbildungen und Tabellen befinden sich im Anhang.

2. Industrialisierung

2.1 Definition und Bedeutung

Um die Kernfragen beantworten zu konnen, ist zunachst zu klaren, was man uberhaupt unter der Industrialisierung versteht.

Wie in Tabelle 1 im Anhang zu sehen ist, begann sie im Jahr 1782 und umfasste eine Kombination der ersten beiden Kondratieff-Zyklen und endete uber ein Jahrhundert spater im Jahr 1892.[4] Da die Industrialisierung in anderen Quellen jedoch teilweise bis 1900 gewertet wird, werde ich auf den folgenden Seiten den Vergleich der Dampfmaschine und der Wasserkraft bis 1900 untersuchen.

Die Industrialisierung bedeutet generell, dass der Anteil des industriellen Sektors sowie die Internalisierung industrieller Prozesse in einer Volkswirtschaft stark zunehmen.[5] Dieser Prozess wird begunstigt durch Erfindungen, die in einer immer ßer werdenden Geschwindigkeit auftreten, sodass die Anzahl der Erfindungen zwischen 1700 und 1900 die Anzahl wirksam gewordener[6] Erfindungen in den ersten 17 Jahrhunderten um das Sechsfache ubersteigt.[7]

Damit dieser Prozess einsetzen konnte, waren zunachst jedoch mehrere begunstigende Faktoren notig. Der Grund dafur, dass die Industrialisierung in England als erstes einsetzte, war, dass dort verglichen zu Frankreich beziehungsweise Kontinentaleuropa schon fruh der Absolutismus und die Grundherrschaft uberwunden beziehungsweise gelockert wurden. Dies wiederum ermoglichte die Bildung von Kapital, einen freien, ausgebreiteten Handel sowie eine Beschleunigung des technischen Fortschritts. Des Weiteren wurde intensiv in die Infrastruktur investiert, sodass England fruh uber ein systematisches Kanalnetz verfugte. Ebenso war auch die ße Handelsflotte von Vorteil, da, obwohl England selbst ein ßes Rohstoffvorkommen ß, weitere Rohstoffe wie Baumwolle, Kohle und Erz von Kolonien importiert werden konnten. All dies ware jedoch nicht moglich gewesen ohne ein großes Angebot an Arbeitskraften auf dem Arbeitsmarkt.[8] Durch die Konzentration auf wenige Großgrundbesitzer wurden viele Kleinbauern arbeitslos und standen somit dem Arbeitsmarkt in den aufkommenden Industriezentren zur Verfugung.

Das Kernelement der Industrialisierung waren der rasante technische Fortschritt sowie besonders die technischen Entwicklungen in der Energiegewinnung. Durch Weiterentwicklungen in der Wasserkraft und besonders effiziente, technologische Neuerungen in der Entwicklung der Dampfmaschine entstand eine Vielzahl an positiven Auswirkungen, die den Verlauf der Industrialisierung intensiv begunstigt und gepragt haben. Die Dampfenergie war in nahezu unbegrenztem Umfang produzier- und transportierbar. Man konnte sich von der Standortbindung an Wasserlaufe und Wasserfalle loslosen. Die Industrie war nicht mehr von den Jahres- zeiten und Effekten wie Frost oder Trockenheit sowie Schwankungen in der Produktivitat bei Mensch und Tier abhangig und letztendlich lieferte die Dampfkraft eine bisher unvorstellbar schnelle, prazise, stetige und mit einem hohen Leistungsgrad verbundene Durchfuhrung industrieller Prozesse.

Wenn die Dampfkraft also die Voraussetzung der Industrialisierung war, dann musste sie den Charakter einer General-Purpose-Technology[9] erfullen und innerhalb eines moglichst breiten Rahmens in der gesamten Gesellschaft einsetzbar, mit neuen Eigenschaften kombinierbar sein und eine schnelle und umfangreiche Diffusion ermoglichen.[10] Inwieweit dies bei der Dampfkraft im Zusammenhang mit der Wasserkraft zutrifft, wird in (3.) naher erlautert.

2.2 Industrielle Revolution in England und den USA

Nachdem in England der Prozess der Industrialisierung als erstes einsetzte, erfolgte der industrielle Aufschwung in den USA erst einige Jahr spater. Dies ist z.B. daran zu erkennen, dass 1820 die Anzahl an stationaren Dampfmaschinen in der gesamten USA 43 betrug[11], wohingegen die englische Stadt Birmingham im selben Jahr allein schon 60 dieser Maschinen besaß.[12] Aber nicht nur im zeitlichen Verlauf, sondern auch hinsichtlich der Verbreitung der unterschiedlichen Typen von Dampfmaschinen und Wasserradern gab es Unterschiede, die in (3.1) naher erlautert werden.

3. Dampfkraft und Wasserkraft im Vergleich

3.1 Technologie

Obwohl einige Versuche zur Konstruktion einer Dampfmaschine schon vor Anfang des 18. Jahrhunderts stattfanden, wird als erste erfolgreiche Entwicklung einer Dampfmaschine die atmospharische Dampfmaschine von Thomas Newcomen (1712) gewertet Verbesserungen an dieser Dampfmaschine durch James Watt (ca. 1769) ermoglichten im spaten 18. Jahrhundert schließlich erstmals die Nutzung fur industrielle Zwecke. Wie auch die Maschine von Newcomen war sie eine „low- pressure engine“, d.h. dass hier ein noch etwas geringerer Druck aufgebaut wird und die Dampfmaschine sowohl bei der Kondensation als auch bei der Befullung des Zylinders arbeitet.[13] 1803-1804 wurde in England und den USA parallel die „high- pressure engine“ von Richard Trevithick und Oliver Evans entwickelt und eingefuhrt. Sie kennzeichnet sich dadurch, dass hier ein viel hoherer Druck aufgebaut wurde und ein Kondensator nicht mehr benotigt wurde. Erst diese Weiterentwicklung ermoglichte den Einsatz in Dampflokomotiven. Zu beobachten ist hierbei, dass es in England eine starke Konzentration auf „low-pressure engines'1 gab, wahrend man in den USA „high-pressure engines" bevorzugte.[14] Die Unterschiede waren anfanglich marginal; zwar wurden „high-Pressure engines" wesentlich schneller abgeschrieben, jedoch hatten sie durch die Einfuhrung der Corliss Dampfmaschine, einer Weiterentwicklung der „high-pressure engine", ab 1840 einen Effizienzvortei]l, waren leichter transportierbar, weniger komplex und vielseitiger anwendbar.

Bei der Wasserkraft kam es verglichen zur Dampfkraft im 19. Jahrhundert nur zu wenigen Innovationen beziehungsweise Fortschritten. Man war trotz Innovationen weiterhin an einen gewissen Ort gebunden, wo man sich durch Wasserrechte Zugang zu einem Strom oder Fluss erkaufen musste. Man nutzte vor allem das Wasserrad, das uber das 19. Jahrhundert hinweg immer weniger Abnehmer fand.

Auch die Einfuhrung der Wasserturbine in den USA 1846 anderte an der zunehmenden Umstellung auf Dampfkraft nur wenig.[15]

3.2 Zeitliche Verbreitung in England und den USA

Durch die Analyse der zeitlichen Verbreitung von Dampfmaschinen in den USA und England kann der Stellenwert der Dampfmaschinen sowie das Verhaltnis der Anzahl an Wasserradern und Wasserturbinen zu Dampfmaschinen verdeutlicht werden.

In den USA hatten die Wasserrader zunachst eine starke Vormachtstellung. Bisherige Eigentumer tendierten dazu, ihre Wasserrader weiter zu betreiben und die neue Dampfmaschine aus Ubersee fand anfanglich nur wenige Abnehmer. Wahrend sich in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts Dampfmaschinen schon langst in groGem MaGe etabliert hatten, betrug in den USA das Verhaltnis von alten Wasserradern zu den neuen Dampfmaschinen 1820 mehr als 100:1.[16] Uber die folgenden Jahre und Jahrzehnte hinweg bekam man jedoch die Erkenntnis, dass die Dampfmaschine eine hoherwertige Technologie implizieren konnte, die Moglichkeit der Loslosung von der Standortbindung bot und auch fortlaufend gunstiger in der Benutzung war, weshalb industrielle Unternehmen daraufhin immer mehr Dampfmaschinen nachfragten. Bisherige Besitzer von Wasserradern nutzen ihre Wasserrader weiter; Neukunden konnte aber fast nur noch die Dampfmaschine verzeichnen. Daher resultiert auch, dass 1870 das Verhaltnis von Wasserradern zu Dampfmaschinen nur noch ca. 5:4 betrug. 1890 war die Verbreitung der Dampfmaschine in den USA annahernd abgeschlossen. Zur Jahrhundertwende 1900 hatte sich die Dampfkraft endgultig in den USA durchgesetzt und das Verhaltnis betrug nunmehr 1:4.[17] Man kann also beobachten, wie uber das 19. Jahrhundert hinweg die Dampfkraft nach und nach an Wichtigkeit und Abnehmern gewinnen konnte und 1900 in den USA fuhrender Energieproduzent war. Dennoch setzte in den USA die technologische Umstellung von Wasserkraft auf Dampfkraft erst sehr spat ein und Wasserrader wurden bis Ende des 19. Jahrhunderts immer noch im groGen MaGe genutzt. Daher ist die Dampfkraft, auf den zeitlichen Verlauf bezogen, in den USA eher keine Voraussetzung für die Industrialisierung gewesen.

[...]


[1] Vgl. http://www.newcomen.com/thomas.htm

[2] Vgl. Ashton, Thomas S.; The Industrial Revolution; 1760-1830; Oxford; 1948; p. 58; A. E. Musson

[3] Im Folgenden durch die Dampfmaschine reprasentiert.

[4] Vgl. Hagemann, Harald; Empirie der langen Wellen; New Economy, SoSe 2009, Universitat Hohenheim

[5] Vgl.www1.bpb.de/publikationen/2OR8C7,0,0,Voraussetzungen_der_Industrialisierung_Entwicklung_der_Technik.htmI

[6] „Wirksam geworden“ in Form von Patentierung

[7] Vgl.www1.bpb.de/publikationen/2OR8C7,0,0,Voraussetzungen_der_Industrialisierung_Entwicklung_der_Technik.html

[8] Vgl.www1.bpb.de/publikationen/2OR8C7,0,0,Voraussetzungen_der_Industrialisierung_Entwicklung_der_Technik.htmI

[9] Vgl. Bresnahan, Timothy F; Trajtenberg M.; General purpose technologies “Engines of growth”?; Journal of Econometrics; Vol. 65; 1995; p.83

[10] Vgl. Hagemann, Harald; Empirie der langen Wellen; New Economy, SoSe 2009; Universitat Hohenheim

[11] Vgl. Atack, Jeremy; Bateman, Fred; Weiss, Thomas; The Regional Diffusion and Adoption of the Steam Engine in American Manufacturing; Journal of Economic History; Vol.40.; No.2; Jun.1980; p.285

[12] Vgl. Feinstein, C.H.; Polllard, Sidney; Studies in capital formation in the United Kingdom: 1750-1920, 2001;Oxford; p.171

[13] Vgl. Temin, Peter; Steam and Waterpower in the Early Nineteenth Century; The Journal of Economic History; Vol 26; No. 2; Jun., 1966; p.188

[14] Vgl. Atack, Jeremy; Fact in Fiction ? The Relative Costs of Steam and Water Power: a Simulation Approach; Economic History; Vol. 16; 1979; p. 411

[15] Vgl. Atack, Jeremy; Bateman, Fred; Weiss, Thomas; The Regional Diffusion and Adoption of the Steam Engine in American Manufacturing; Journal of Economic History; Vol.40.; No.2; Jun.1980, p.282

[16] Vgl. Atack, Jeremy; Bateman, Fred; Weiss, Thomas; The Regional Diffusion and Adoption of the Steam Engine in American Manufacturing; Journal of Economic History; Vol.40.; No.2; Jun.1980, p.282

[17] Vgl. Atack, Jeremy; Bateman, Fred; Weiss, Thomas; The Regional Diffusion and Adoption of the Steam Engine in American Manufacturing; Journal of Economic History; Vol.40.; No.2; Jun.1980, p.282

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Dampfkraft als Voraussetzung der Industrialisierung
Hochschule
Universität Hohenheim
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V154190
ISBN (eBook)
9783640668359
ISBN (Buch)
9783640668434
Dateigröße
954 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dampfkraft, Voraussetzung, Industrialisierung
Arbeit zitieren
Tobias Karcher (Autor), 2010, Dampfkraft als Voraussetzung der Industrialisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154190

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