Der Held in der Wildnis

Zur Darstellung des (Natur-)Raumes bei Karl May


Seminararbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Naturraum als Abenteuerraum
2.1 Die Wildnis
2.2 Karriere im Wilden Westen
2.3 Funktionen der Landschaftsbeschreibung bei Karl May
2.3.1 Aktionsort abenteuerlicher Handlungen
2.3.2. Bedeutungsstiftung
2.3.3 Stimmungsbild

3 Naturraum als religiöser Raum

4 Naturraum als sozialer Raum
4.1 Der Ehrenkodex der Westmänner („Das Leben als eigentliche und einzige Hochschule“)
4.2 Zivilisation versus Naturraum
4.2.1 Die Stadt als Sammelplatz der Kapitalisten
4.2.2 Frauenraum versus Männerraum

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Vorwort

Was macht den Wilden Westen eines Karl May aus, einen Raum, der nur in unserer Vorstellungskraft existiert? Ein wesentlicher Baustein für das Verständnis hierfür liegt meines Erachtens in der Art und Weise, wie Landschaften beschrieben und für die Erzählhandlung genutzt werden. Es stellt sich die Frage nach der Funktionalisierung des Raumes: welche Funktionen haben Naturschilderungen und Landschaftsbeschreibungen in Bezug auf die Erzählhandlung in der Winnetou-Trilogie, wie greifen Beschreibungen und Handlung ineinander? Wie wird der Wilde Westen dargestellt, wie die Dichotomie zwischen Stadt und Land? In der nachfolgenden Arbeit möchte ich diese Fragen unter drei grundsätzlichen Aspekten näher beleuchten:

- Der Naturraum als Abenteuerraum: der Naturraum wird zum Handlungsraum, in dem der Held seine Abenteuer erleben kann.
- Der Naturraum als religiöser Raum: als mystischer Raum zur Selbstfindung und spirituellen Einkehr und
- Der Naturraum als sozialer Raum mit spezifischen Regeln und Normen

2 Naturraum als Abenteuerraum

2.1 Die Wildnis

Wir traten beim Ersteigen des Gebirges in eine Wildnis ein, welche so urwüchsig uns entgegenstarrte, daß wir beinahe den Mut verloren, in das unüberwindlich scheinende Gewirr von Fels und Waldung einzudringen. Aber je weiter wir kamen, desto besser ging es.[1]

Unüberwindlich, chaotisch, unvorhersehbar: Hier lauert das Abenteuer an jeder Ecke, suggeriert uns Karl May mit dieser Beschreibung und greift damit auf ein Topos der Reiseliteratur des 19. Jhdts. zurück: die mörderische Wildnis.[2] Erst in stetiger Auseinandersetzung mit der Natur und Überwindung lebensbedrohlicher Gefahren wird das unbedarfte Greenhorn zum Helden. Der Naturraum als „locus periculosus“, als Ort, an dem unsagbare Gefahren drohen, wird zum Bewährungsraum westmännischer Tugenden wie Ehre, Kameradschaft, Kühnheit, List und Stärke:

Aber gerade diese Gefahren sind es, die ihn locken und bezaubern. Seine Muskeln sind von Eisen und seine Sehnen von Stahl; sein Körper kennt keine Anstrengungen und Entbehrungen, und alle Tätigkeiten seines Geistes haben durch unausgesetzte Uebung eine Energie und Schärfe erlangt, die ihn selbst noch in der größten Not ein Rettungsmittel finden lassen.[3]

Laut Volker Klotz erhält der Abenteuerroman „seine große Schlagkraft und Massenwirkung[4] “ aus der Anwendung des Prinzips Leib und Leben: „Indem er einzig Lebensgefahr gelten läßt ; indem er gegenüber dem körperlichen Wagnis psychische, moralische oder religiöse Wagnisse vernachlässigt, wo nicht gar völlig ausblendet.[5] Wahre Abenteuer sind bei Karl May immer untrennbar mit Gefahr verbunden und lassen sich auf einen einfachen Nenner bringen: je größer das Gefahrenmoment, desto ruhmreicher ist der der Gefahr entronnene Westmann. Gleichzeitig findet das zunächst großspurig wirkende Auftreten seiner Helden seine nachträgliche Rechtfertigung in der Außerordentlichkeit ihrer Leistung im Umgang mit den unüberwindlich scheinenden Gefahren der Wildnis. „Dem Interesse des Helden an Selbstdarstellung wird ein Schauplatz unterlegt.[6]

2.2 Karriere im Wilden Westen

Der Wilde Westen der Winnetou-Romane bietet alle Ingredienzien unbegrenzten Abenteuers: unwirtliche Landschaften, wilde Tiere, hinterlistige Diebe, edle Kameraden, falsche Freunde und Indianer auf dem Kriegspfad. Die Reisen des Old Shatterhand erscheinen als Aneinanderreihung abenteuerlicher Lokalitäten, im Dienste der Selbstbestätigung des Helden. Durch seine Reisen durch den Wilden Westen, die ihn von Abenteuer zu Abenteuer führen, findet er seine wahre heldische Bestimmung. Fernab seiner deutschen Heimat zieht es Charly, den späteren Old Shatterhand, zunächst in den Westen Amerikas, wo er nach Absolvierung einiger Initiationsprüfungen in die Gesellschaft von berühmten Westmännern wie Sam Hawkins eingeführt wird. Durch sein schnelles Avancement in der wildwestlichen Karriereordnung wird Old Shatterhand zum Paradefall eines westlichen Helden. Die Stationen seiner Karriere sind:

- Studium in Deutschland
- Schießübungen in St. Louis
- Zähmung eines Pferdes in St. Louis
- `Examinierung` seiner geometrischen Kenntnisse in St. Louis
- Erste Anwendung des Schläfenhiebs (bei Rattler), mit Kriegsnamensverleihung als Folge
- Bison- und Mustangjagd mit Hawkens
- Kampf mit einem Grizzly
- Befreiung Winnetous und Intschu tschunas
- Duell mit Blitzmesser
- Duell mit Intschu tschuna
- Duell mit Tangua
- Lesen von Winnetous und Nscho-tschis Spuren.[7]

Nach seinen Initiationserlebnissen in St. Louis wird er von Sam Hawkins für würdig erachtet, mit ihm in den Wilden Westen zu ziehen, um sich in der unwirtlichen Natur zu bewähren und die Kniffe westmännischen Könnens kennenzulernen: Die erste vorgeführte Übung ist das Schießen eines Bisons zum Essen:

Welch ein mächtiges Tier! Dieser dicke Kopf mit dem gewölbten Schädel, der breiten Stirn und dem zwar kurzen, aber starken, aufwärts gekrümmten Hörnern, diese dichte, zottige Mähne um den Hals und Brust! Dem Bilde ursprünglicher, rohester Kraft wurde durch den hohen Widerrist die höchste Vollendung gegeben. Ja, das war ein höchst gefährliches Geschöpf ; aber sein Anblick reizte förmlich zu dem Verlangen, menschliches Können an dieser tierischen Stärke zu messen.[8]

Geschildert als Verkörperung archaischer Urkraft, fordert der Bisonbulle den Jagdinstinkt Old Shatterhands heraus: nicht eine Bisonkuh will dieser erlegen, sondern sich gleich mit dem gefährlichsten Gegner weit und breit messen, „weil es ritterlicher war[9] “ und der Bulle mehr Fleisch hätte. Der Lehrling Shatterhand überflügelt schon bei der ersten Gelegenheit seinen Meister, erlegt den Bullen durch mehrere gezielte Schüsse hinter das Schulterblatt und erweist sich für Hawkins als Retter in der Not. Allerdings ist er noch ein Greenhorn, denn er hatte nicht bedacht, daß das Fleisch eines Bullen „hart [ist] wie gegerbtes Leder, und wenn Ihr es tagelang bratet oder kocht, so könnt Ihr es doch nicht kauen. Jeder erfahrene Westmann zieht eine Kuh dem Ochsen vor, weil ihr Fleisch zarter und saftiger ist.“[10] Auch beim Versuch, ein Maultier einzufangen, scheitert der erfahrene Westmann Sam Hawkins, Old Shatterhand dagegen ist abermals erfolgreich. In der Jagd auf Bisons und Mustangs hat er sich Ehre erworben, das gefährlichste Abenteuer steht ihm aber noch bevor: die Jagd auf den großen grauen Grizzly: „Mit einem einzigen Bisse verwandelt er Euern Kopf in Knochenbrei, und wenn er einmal angegriffen und in Wut versetzt worden ist, so ruht er nicht, bis er seinen Feind zerrissen und vernichtet hat.“[11] Diese Schilderung hebt das Exzeptionelle hervor: es scheint Irrsinn zu sein, sich nach dem Gehörten mit einer derartigen Bestie einlassen zu wollen, doch Old Shatterhand hat keine Wahl: Als er vom Ausflug in die Prärie zurückkehrt, erwartet ihn eine schreckliche Szenerie. Vom Geruch des toten Bisons angelockt, macht ein Grizzly das Lager unsicher:

Die Spur führte noch weiter, bis dahin, wo die Bäume begannen. Dorthin, hatte der Bär den Bullen geschleppt. Von dorther war er vorher gekommen; darum hatten wir seine Spur nicht sehen können, da sie durch das Fortschleifen des Bisons ausgelöscht worden war.[12]

Old Shatterhand sieht sich völlig unvorbereitet dem Grizzly gegenüber, der gerade einen der Westmänner, die auf die Bäume geflohen waren, mit seinen Pranken zerfleischt. Im Gegensatz zu den angeblich mutigen Westmännern flüchtet er nicht auf die Bäume, sondern eilt dem Sterbenden todesmutig zu Hilfe. Der darauffolgende Kampf auf Leben und Tod vollzieht sich in drei Phasen: Da alle Patronen in den Gewehren seiner Kameraden verschossen sind, versetzt er dem Bären blitzschnell mit einem Gewehr einen Kolbenhieb auf den Kopf, aber so einfach ist es diesmal selbst für Old Shatterhand nicht: „Das Gewehr zersplitterte wie Glas in meinen Händen ; so einem Schädel ist nicht einmal mit einem Schlachtbeile beizukommen;“[13] Der Bär wendet sich verwundert um, und diesen Augenblick der Ablenkung nützt Shatterhand und verwendet die zuvor schon am Bison erprobte Taktik:

Ich riß den einen Revolver heraus, sprang aber ganz nahe zu dem Bären heran, welcher mir zwar seinen Kopf, sonst aber den Rücken zukehrte, und schoß ihn ein-, zwei-, drei- viermal in die Augen [...] Dies geschah natürlich so schnell, wie es mir möglich war ; dann sprang ich weit zur Seite und blieb da stehen, indem ich nun das Bowiemesser zog.[14]

Nachdem Kolbenhieb und selbst die aus dem Revolver abgegebenen Schüsse das Tier nicht schwerwiegend verletzt haben, greift Shatterhand zum Messer, der erste Angriff scheitert:

Er griff augenblicklich nach mir, aber ich war schon wieder fort. Ich hatte das Herz nicht getroffen, und das Suchen nach mir begann mit erneuter und verdoppelter Wut. Dies dauerte wohl zehn Minuten lang.[15]

Erst als er dem Tier zwei Stiche ins Herz versetzen kann, ist der ungleiche Kampf beendet:

[...] und diesmal traf ich besser; er sank, während ich rasch wieder zur Seite gesprungen war, vorn nieder, lief taumelnd und fauchend einige Schritte vorwärts, dann zur Seite und wieder zurück, wollte sich abermals aufrichten, hatte aber nicht die Kraft dazu, sondern fiel hin und kollerte, im vergeblichen Bemühen, auf die Beine zu kommen, einige Male hin und her, bis er sich lang ausstreckte und dann ruhig liegen blieb.[16]

Mit seiner beispiellosen Tapferkeit, Kühnheit und Schnelligkeit hat er sogar die wilde Bestie bezwungen, als Höhepunkt des Abenteuers wird nun der Bär verspeist, der Held des Geschehens erhält als besonderen Leckerbissen Bärenschinken und Bärentatzen. Mit diesem Erlebnis ist er nun endgültig als vollwertiges Mitglied in die Westmann-Gesellschaft integriert und muss fortan nur noch seinen Kriegsnamen nennen, um sich Respekt zu verschaffen, da die Kunde seiner Taten sich wie ein Lauffeuer durch die Prärie verbreitet hat.

[...]


[1] WIII=Karl May: Winnetou. In: Karl Mays Werke, Abt. 4, Reiseerzählung ; 12, Bd. 3. Histor.-krit. Ausg. d. Karl-May-Gedächtnis-Stiftung. Hrsg. v. Hermann Wiedenroth., S. 296

[2] Vgl. dazu auch: Manfred Durzak: Das Amerika-Bild in der deutschen Gegenwartsliteratur. Histor. Voraussetzungen u. aktuelle Beispiele. Stuttgart: Kohlhammer 1979, S. 68

[3] WIII, S. 319

[4] Volker Klotz: Abenteuer-Romane. Sue. Dumas. Ferry. Recliffe. May. Verne. München 1979, S. 217. zit. nach: Annette Deeken: „Seine Majestät das Ich“. Zum Abenteuertourismus Karl Mays. Bonn: Bouvier 1983, S. 165

[5] zit. nach: ebd., S. 165

[6] Anette Deeken: „Seine Majestät das Ich“. Zum Abenteuertourismus Karl Mays. Bonn: Bouvier 1983, S. 169

[7] Melk: Das Werte- und Normensystem in Karl Mays Winnetou-Romanen. Paderborn: Igel 1992, S. 171

[8] WI, S. 64

[9] WI, S. 65

[10] WI, S. 66

[11] WI, S. 87

[12] WI, S. 92

[13] WI, S. 93

[14] WI, S. 93

[15] WI, S. 94

[16] WI, S. 94

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Held in der Wildnis
Untertitel
Zur Darstellung des (Natur-)Raumes bei Karl May
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Seminar Gerstäcker - Sealsfield - Karl May
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V154199
ISBN (eBook)
9783640671694
ISBN (Buch)
9783640671885
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Held, Wildnis, Karl May, Naturdarstellung, Winnetou
Arbeit zitieren
Eva Lirsch (Autor), 2006, Der Held in der Wildnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154199

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