Die Entwicklungen vieler europäischer Staaten zum Nationalstaat waren geprägt von der Ausdehnung nationaler Kompetenzen und wirtschaftlicher Abschottung. Diese Politik hatte die europäische Staatenwelt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in zwei Weltkriege geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sich viele Staatsmänner bewusst, dass die gegenseitigen Feindseligkeiten langfristig nur durch eine enge Kooperation sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht beseitigt werden konnten. Das Ergebnis dieser Bemühungen war die Europäische Gemeinschaft, die zum Erfolgsmodell wurde und der sich immer mehr Staaten anschlossen. Die Zusammenarbeit unter den Mitgliedsstaaten war von Beginn an von nationalen Vorbehalten geprägt und ist es bis heute. Nicht jeder Mitgliedsstaat ist gleichermaßen bereit nationale Kompetenzen an die EU abzutreten.
Dies hängt vor allem mit den nationalen Entwicklungen und Traditionen der einzelnen Nationalstaaten zusammen, die sich oftmals grundlegend voneinander unterscheiden. Darüber hinaus geben einige Mitgliedsstaaten nationale Errungenschaften, für die ihre Vorfahren gekämpft haben, oftmals nur widerwillig an eine übergeordnete Instanz ab. Die französische Gesellschaft ist beispielsweise viel tiefer in ihrer Grande Nation verwurzelt als die Deutschen dies nachvollziehen könnten. Ähnliches gilt auch für das polnische Volk, welches Jahrhunderte lang um ihren Staat und ihre Unabhängigkeit kämpfen musste.
Ziel dieser Arbeit ist es, die deutsche Nationalstaatsgenese den nationalen Entwicklungen anderer europäischen Staaten gegenüberzustellen und Zusammenhänge sowie Wechselwirkungen herauszuarbeiten. Als Vergleichsstaaten dienen Frankreich und Polen, da diese Staaten jeweils einem eigenen Nationstypus angehören.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. Typologie der Staaten Europas
2.1. DIE VERSCHIEDENEN TYPEN NATIONALSTAATLICHER ENTWICKLUNGEN
2.2. DIE STAATEN WEST- UND NORDEUROPAS (INTEGRIERENDER TYPUS)
2.3. DIE STAATEN MITTELEUROPAS (UNIFIZIERENDER TYPUS)
2.4. DIE STAATEN OSTEUROPAS (SEZESSIONISTISCHER TYPUS)
3. DEUTSCHLAND
3.1. DIE ANFÄNGE DER DEUTSCHEN NATIONSBILDUNG
3.2. DIE REFORMATION UND DEREN FOLGEN
3.3. DAS ALTE REICH NACH 1648
3.4. DIE „DEUTSCHE BEWEGUNG“
3.5. DER DEUTSCHE BUND
3.6. DIE LIBERAL-NATIONALE BEWEGUNG
3.7. DAS REICHSGRÜNDUNGSJAHRZEHNT
4. FRANKREICH
4.1. DIE ANFÄNGE DER FRANZÖSISCHEN NATIONSBILDUNG
4.2. GROSSMACHT FRANKREICH
4.3. DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
4.4. NAPOLEON
5. POLEN
5.1. DIE ANFÄNGE DER POLNISCHEN NATIONSBILDUNG
5.2. DER WEG IN DEN ADELSSTAAT
5.3. DIE POLNISCHEN TEILUNGEN
5.4. DER POLNISCHE FREIHEITSKAMPF
6. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die deutsche Nationalstaatsgenese im Kontext eines europäischen Vergleichs, um die spezifischen Bedingungen und Hindernisse der deutschen Entwicklung im Kontrast zu den Modellen Frankreichs und Polens herauszuarbeiten.
- Typologie europäischer Nationalstaatsentwicklungen (Schieder-Modell)
- Vergleichende Analyse der deutschen Entwicklung und ihrer „Verspätung“
- Rolle der Französischen Revolution und Napoleons für die nationale Identitätsbildung
- Strukturmerkmale und Krisen des polnischen Adelsstaates
- Wechselwirkungen zwischen zentralstaatlicher Macht und nationaler Identität
Auszug aus dem Buch
3.4. DIE „DEUTSCHE BEWEGUNG“
Als der aufgeklärt-absolutistische Preußenkönig Friedrich II. im Jahre 1758 ein französisches Heer bei Rossbach besiegte, wurde dieser Sieg im Reich wie ein nationaler gefeiert. Die Deutsche Bewegung begann mit einem großen Erschrecken über den desolaten Zustand des Reiches, den die Kriege Friedrichs offenbar gemacht hatten. Dem Bildungsbürgertum wurde bewusst, dass es eigene, von den Fürsten ungleiche nationale Interessen besaß. Man begann sie zu formulieren. Mitinitiator der Deutschen Bewegung war der staatsrechtliche Publizist Friedrich von Moser. In seiner Schrift „Von dem teutschen Nationalgeist“ (1765) deckte der die Schwächen des Reiches schonungslos auf:
„Wir sind ein Volk von einem Namen und Sprache, unter Einem gemeinsamen Oberhaupt, an innerer Kraft und Stärke das erste Reich in Europa, dessen Königskronen auf deutschen Häuptern glänzen - und so, wie wir sind, sind wir schon Jahrhunderte hindurch ein Rätsel politischer Verfassung, ein Raub der Nachbarn, ein Gegenstand ihrer Spöttereien, uneinig unter uns selbst, unempfindlich gegen die Ehre unseres Namens, ein großes und gleichwohl verachtetes, ein in der Möglichkeit glückliches, in der Tat selbst aber sehr bedauernswürdiges Volk.“
Mosers Flugschrift löste eine breite Diskussion aus. Nun wurde das nationale Thema auch von Dichtern und Schriftstellern aufgegriffen und vielfältig umgesetzt. Zu der Generation des „Sturm und Drang“ zählten beispielsweise Lessing, Klopstock, Wieland, Goethe und vor allem Herder. Die Bewegung erreichte in den frühen 1770er Jahren ihren Höhepunkt. Sie erfasste das gesamte gebildete Publikum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert die Notwendigkeit einer vergleichenden Analyse nationaler Entwicklungen, um die unterschiedlichen Voraussetzungen für die europäische Integration zu verstehen.
2. Typologie der Staaten Europas: In diesem Kapitel wird das theoretische Modell von Theodor Schieder vorgestellt, das Europa in drei Regionen und Entwicklungstypen (integrierend, unifizierend, sezessionistisch) gliedert.
3. DEUTSCHLAND: Der Hauptteil analysiert die deutsche Nationsbildung von den Anfängen im Heiligen Römischen Reich über die Reformation bis zur gescheiterten Revolution 1848 und der schließlich erfolgten Reichsgründung.
4. FRANKREICH: Dieses Kapitel betrachtet Frankreich als Vorbild der Staatsnation, in der sich zentralstaatliche Verwaltung und nationale Identität früh und eng miteinander verbanden.
5. POLEN: Die Analyse des polnischen Modells zeigt den Weg vom Adelsstaat über die Teilungen bis hin zum langjährigen Freiheitskampf unter fremder Herrschaft auf.
6. SCHLUSS: Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengeführt und die deutsche Entwicklung als „Verspätete Nation“ in Abgrenzung zu den anderen untersuchten europäischen Modellen gewürdigt.
Schlüsselwörter
Nationalstaat, Deutschland, Frankreich, Polen, Nationsbildung, Kulturnation, Staatsnation, Schieder, Deutsche Bewegung, Liberalismus, Nationalismus, Reichsgründung, Adelsdemokratie, Identität, Verspätete Nation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die unterschiedlichen historischen Wege, die europäische Staaten zur Bildung eines Nationalstaates eingeschlagen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Staats- und Kulturnation sowie die Analyse der spezifischen nationalstaatlichen Entwicklung von Deutschland, Frankreich und Polen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die deutsche Nationalstaatsgenese den Entwicklungen in Frankreich und Polen gegenüberzustellen und die Wechselwirkungen dieser unterschiedlichen Prozesse herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine historisch-vergleichende Methode, gestützt auf die Typologie von Theodor Schieder.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Abschnitte, die jeweils die historische Entwicklung der drei untersuchten Nationen detailliert beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Nationalstaat, Staatsnation, Kulturnation, Nationalismus und Verspätete Nation.
Warum wird Deutschland als „verspätete Nation“ bezeichnet?
Dieser Topos bezieht sich auf die im Vergleich zu westlichen Nationen zeitlich verzögerte Gründung eines deutschen Nationalstaates im 19. Jahrhundert.
Welche Rolle spielte die französische Revolution für die untersuchten Staaten?
Sie fungierte als Katalysator für nationale Selbstfindungsprozesse, deren Prinzipien (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) auch außerhalb Frankreichs tiefgreifende Auswirkungen auf die politischen Debatten hatten.
Welches Problem hatte das polnische Modell der „Adelsdemokratie“?
Die enorme Macht des Adels verhinderte die Etablierung eines starken Königtums und führte zu einer Lähmung staatlicher Handlungsfähigkeit, was Polen zur Beute seiner Nachbarmächte machte.
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- M. Ed. Torsten Gruber (Autor:in), 2008, Die deutsche Nationalsstaatsbildung im europäischen Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154214