List und Tücke des Odysseus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
30 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das doppelte Odysseus-Problem
2.1 Das Problem des Odysseus
2.2 Das Problem mit Odysseus

3. Die Wahl der Mittel
3.1. List und Tücke
3.2 Gutes Benehmen
3.3 Die Opfer und die Götter

4. Wieso eigentlich Aufklärung?
4.1. Der kalkulierte Einsatz
4.2 Die rationale Vorgehensweise

5. Rezeptionsgeschichtliche Anmerkungen

6. Resümee

7. Literaturgrundlage/Darstellungsverzeichnis

1. Einleitung

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir, und einer der zähesten Restbestände der klassischen Bildung, vom Altertum bis ins vergangene Jahrhundert begegnet einem im Mythos vom Trojanischen Pferd, im Topos der Odyssee als einer nicht enden wollenden Irrfahrt und in alltäglich genutzten Begriffen wie ‚bezirzen’ oder ‚jemanden zur Sau machen’ – zugestanden: letzteres war nicht fein. Doch die Welt in den beiden großen Epen des ewig rätselhaften Dichters, den wir als Homer kennen und von dem man mittlerweile sicher ist, dass unter diesem Namen mindestens zwei Dichter überliefert worden sind, sie fesselt die Menschen heute noch wie vor fast dreitausend Jahren.

Der gesamte Sagenkreis um Troja und die folgende Irrfahrt des Königs von Ithaka, Odysseus, stellt nicht nur das erste, sondern auch eines der fesselndsten, epischen literarischen Werke überhaupt dar. Dies mag in vielem seine Ursache haben, sicher aber auch in den Schwierigkeiten des Odysseus während der erstrebten Heimfahrt nach dem Ringen um Troja, den Komplikationen, die eine Begegnung mit diesem klugen Kopf mitunter haben kann, seinem listenreichen und bisweilen zynischen Vorgehen (um nicht noch andere Attribute zu verwenden), seinem Umgang mit anderen Figuren, seiner Demut und deren Zurschaustellung, und schließlich dem charakteristischen Merkmal, indem Max Horkheimer und Theodor Adorno den ersten aufgeklärten Menschen der Weltliteratur ausgemacht haben und an ihm auch das Wesen dieses Begriffs (Aufklärung) festmachen, seine Dialektik.

Genau dies will die vorliegende Arbeit leisten, nämlich, sich dem Wesen dieser mythologischen Urfigur in der europäischen Literatur anzunähern und seine wesentlichen Züge herauszuarbeiten, um Antworten zu finden auf die Frage ‚Wie modern war Odysseus? Und was macht ihn zu einem modernen Menschen?’ Hierfür hält sie sich eher am Gehalt der Handlung fest als am buchstabengetreuen Zitat, aufgrund noch zu zeigender Umstände ist die Odyssee hierfür wesentlich interessanter als die Ilias, auf die nur am Rande und wenn dies notwendig erscheint, Bezug genommen wird. Einer dieser Umstände ist der, dass die für diese Arbeit zentrale Figur des Odysseus in der Ilias zwar vorkommt, aber erst in der Odyssee maßgeblich behandelt wird und vieles, was Odysseus vor und in Troja angestellt haben soll, überhaupt erst in der Odyssee erwähnt und beschrieben wird. Außerdem bringt der vorrangige Blick auf die Odyssee das Vergnügen, nebenher nicht jähzornigen Männern beim Ringen, sondern anmutigen und gescheiten Frauen bei ihrem Umgang mit den Gegebenheiten zusehen zu können. Kirke, Penelope und Athene faszinieren nicht nur Odysseus oder sind mythisches Ziel seines Strebens, sie sind Wegbegleiterinnen auf dem Weg der nächsten Seiten, die einen Zugriff auf das Wesen des europäischen Menschen versuchen. Setzen wir die Segel!

2. Das doppelte Odysseus-Problem

2.1 Das Problem des Odysseus

Die Figur des Odysseus ist verschieden verstanden worden: Zum einen ist es der kriegsmüde Held, der die Heimkehr erstrebt, und dabei allerlei zu bestehen hat, was sich in den Fundus der menschlichen Überlieferung eingegraben hat. Doch vor dieser sprichwörtlich gewordenen Irrfahrt, der Odyssee, gab es zum anderen auch Teile der Sage um den mythischen König von Ithaka: etwa, wie er sich einstmals geisteskrank stellte, um dem Kriegsruf zu entgehen, wie er eines der fatalia troiana herbeiführte, indem er sich nach Troja schlich und das Palladion entwendete (Andreae, Baglione (2000): S. 27f.) oder wie er mit List und Tücke den Krieg beendete, indem er die Trojaner mittels des ebenfalls sprichwörtlichen Danaer-Geschenks, des Trojanischen Pferdes dazu brachte, selber ihre von außen unbezwingbaren Mauern zu öffnen. Dies alles wird teils in der hier maßgeblichen Odyssee, teils auch in der Ilias geschildert, wobei auf letztere nur in übergeordneten Zusammenhängen verwiesen werden soll, da das homerische Problem hier nicht teil der Betrachtung werden soll (u. a. Andreae (1984): S. 28) und allein in der Detailtiefe der Schilderung der Welt riesige Diskrepanzen bestehen (Hölscher (1990): S. 15). Das Werk des Odysseedichters, dessen Name mit dem des Dichters der Ilias eins geworden ist, schildert in origineller Form – selten chronologisch oder gar linear – die Verwicklungen um die Heimkehr des alten Königs und seiner damit verbundenen Probleme.

Fast die gesamte, damals bekannte Welt muss der göttliche Laertiade durchreisen, bis hin zum Monte Circeo, die Insel der Kirke im heutigen Italien, verschlägt es ihn (Andreae (1984): S. 9), um vom fernen unheilvollen Troja in Asien heim nach Griechenland zu gelangen, wobei ihn unterwegs der Hass des Poseidon hindert, wo möglich, und er immer nur halbwegs sicher vor dem erderschütternden Gott ist, wenn er sich auf festem Land bewegt (Bowra (1964): S. 136). Doch so einfach ist es natürlich nicht, denn zehn Jahre sind eine lange Zeit, in denen vieles geschieht. Vom schließlich Siegreichen fordern zahlreiche Gefahren und Herausforderungen alle Talente – wie diese auch zu bewerten seien – des Städtezerstörers: seien es die göttlichen Weibsbilder Kirke und Kalypso (Presicce (2000): S. 335), die schrecklichen Monster Skylla und Charybdis, der ebenso sitten- wie später sichtlose Riese Polyphem oder die verführerisch trällernden Sirenen.

„Hatte der Iliasdichter im ersten Wort seines Epos den tiefen Zorn, den Achilleus über eine tiefe Kränkung empfindet, als das Thema seiner Dichtung benannt, so stellt der Odysseedichter den Menschen Odysseus selbst an den Anfang: ‚Den Mann nenne mir, Muse (…)‘ Hier wird lapidar ausgesagt, daß er es war, der Troja zerstörte. Er sah die Städte vieler Menschen und und [sic!] lernte ihre Lebensart kennen, und er musste unsagbare Leiden erdulden, als er sich und seinen Gefährten die Heimkehr zu erringen suchte.“ (Andreae, Baglione (2000): S. 22)

Doch das ist nicht alles, nicht allein die Rückkehr, sondern auch die (Re-)Manifestierung der Machtverhältnisse, die Odysseus bei seiner Ausfahrt nach Troja zwanzig Jahre zuvor hinterlassen hatte – seine Frau, sein Haus, sein Reich –, nehmen einen großen Teil der Erzählung ein. Lange Vorbereitungen werden getroffen, die den schließlich erfolgenden Mord an den Söhnen Ithakas, dem Hinmeucheln einer gesamten lokalen Elite, gelingen lassen. Der Mann, der zu lange weg von zu Hause war, den niemand mehr braucht, der fast ein halbes Menschenleben nur noch als Erinnerung in Ithaka existiert, genau dieser Mann weiß um seine anachronistische Existenz, sicherlich auch durch seine Begegnung mit Agamemnons Seele in der Totenwelt. Dieser seinerseits war nach seiner Rückkehr von seiner untreuen Gattin Klytämnestra gemeinsam mit deren Liebhaber Äghistos gemeuchelt worden. Und so kommt der Mann mit der Mütze, er wird häufig mit dem pilos dargestellt, in zwei Zusammenhängen heim.

„Dieser Pilos wird zu seinem Erkennungszeichen. Odysseus ist Seefahrer und Kriegsheld zugleich. Die erhoffte baldige Rückkehr gelingt nicht, sondern wird durch den Zorn des Meeresgottes Poseidon, dessen Sohn Polyphem Odysseus geblendet hatte, eine Irrfahrt, die ebensolang dauert wie der ganze Krieg. Odysseus kehrt nach dem Verlust aller Gefährten allein und als Bettler heim.“ (Andreae, Baglione (2000): S. 30)

Doch dieser Bettler wird es allen zeigen, und schließlich kann auch dieses Zurückdrehen der Uhr als eine eigentliche Leistung des Odysseus gelten. Beinahe romantisch zog es ihn an den Ort zurück, den er einstmals verließ, zur Penelope, einer Frau, die seiner würdig ist und die anders als Frauen mit oder ohne Zauberkraft und teils erheblich jünger schließlich als einzige sein Herz erreicht. (Andreae, Baglione (2000): S. 257f, siehe auch Presicce (2000): S. 335f.) Wenn das mal kein schöner Antrieb ist. Doch auch Ruhm ist ein Antrieb, besonders für Odysseus und dieser Ruhm und seine Ehre werden mit dem Blut der schändlichen Freier, die ihm nicht mehr huldigten, als sie seiner Frau den Hof machten, wiederhergestellt (Bowra (1964): S. 69). Und auch Machterhalt bzw. deren Wiederherstellung ist ein Antrieb: Er muss, solange er herumirrt, auf gutes Wetter und die Einhaltung der Gastfreundschaft hoffen und passiv und ohnmächtig bleiben, wohingegen er zu Hause Herrscher war (Horkheimer, Adorno (1989): S. 95). Nomade oder Herrscher? – Welche Frage!

So unwahrscheinlich die Heimkehr mit jedem Tag geworden war, so wird allein durch das unablässige Streben nach Rückkehr ein stark entgrenzender Zug im Charakter der Hauptfigur der Odyssee deutlich: Regeln sind gut, solange man sie beherrschen kann (Horkheimer, Adorno (1989): S. 22). Wenn die Gegebenheiten einen jedoch ohnmächtig werden lassen, so darf auch mal getrickst werden, etwa bei der Blendung des Polyphems, dessen Tötung anstatt der gewählten Blendung Odysseus und seine noch nicht gefressenen Mannen auf ewig in der Höhle des Riesen mit Löwenhunger eingeschlossen hätte. Einer, dem nichts so recht heilig ist, kann keinem trauen, vielleicht ist auch hierin einer der Gründe für das rigorose Vorgehen gegen die Jünglinge gesehen werden, das nun die Familien der Hingemetzelten auf den Plan ruft und fast im Bürgerkrieg endet. Auch C. M. Bowra meint dazu, dass sehr wohl auch in der Odyssee zum Ausdruck komme, dass Odysseus nicht völlig sicher sei, selbst nachdem er die Freier getötet hat, aber nichtsdestoweniger belasse die Dichtung ihn im Besitz von Frau und Haus (Bowra (1964): S. 81). Erst die Odyssee, durch des Poseidons Zorn verfügt, dann der von Athene gestiftete Frieden in Ithaka und die zuvor maßgeblich an vielen Stellen durch sie vorbereitete geglückte Heimkehr hebeln so manche Unwucht in der Logik der Handlung aus: Doch die parteiischen Götter (Bowra (1964): S. 96), deren Wohlwollen sich Odysseus anders als etwa die Freier stets durch das Spenden der gebotenen Opfer zu sichern weiß, sind nicht nur anthropomorph, sondern sie verhalten sich auch wie Menschen, drücken dem Einen hier die Daumen, dem Anderen dort aufs Gemüt. Gut zu wissen, wo man steht und wie man damit umzugehen hat. Odysseus weiß das. Auch dass er mehrere Probleme hat, nicht eins. Und viele Figuren der Odyssee, ja des ganzen Sagenkreises um Troja und die Odyssee haben ein Problem mit ihm.

2.2 Das Problem mit Odysseus

Begreift man das Leben als Spiel, das nach gewissen Regeln funktioniert, so hat man es bei Odysseus mit einem Falschspieler zu tun. Zwar stellt er seine Gottesfürchtigkeit und Rechtschaffenheit bei jeder sich bietenden Gelegenheit zur Schau, durch höfliches Auftreten, durch Spenden der Opfer, auch durch kluges Dirigieren seiner Untergebenen. Nun wird aber kein Falschspieler sich sofort zu erkennen geben. Das gegenüber Naturgewalten und Götterzorn ohnmächtige Subjekt ist auf großer Irrfahrt von Troja nach Ithaka, und so aussichtslos man ihm den Wunsch nach Heimkehr klassifizieren möchte, sein Verstand wird als ultima ratio eingeführt und dies ist Aufklärung pur (Horkheimer, Adorno (1989): S. 51).

Wie kommt er denn an den Sirenen vorbei, was niemandem zuvor gelang? Wie durchfährt er die Passage zwischen Skylla und Charybdis? Wie entkommt vor allem er selbst dem Riesen Polyphem (nachdem erst seine Neugierde ihn und die Gefährden zu diesem gebracht hat)? Und wie kann er dem Zauber der Kirke entgehen? Schließlich: Wie meuchelt er die Freier, obwohl diese ihm, seinem Sohn Telemach, dem Hirten Eumaios und Melanthios, zahlenmäßig vielfach überlegen sind? Und wie konnte er lange Jahre zuvor Troja zu Fall bringen?

Gleich der Odyssee, in der Fragen gerne in ungekehrter Reihenfolge beantwortet werden (Bowra (1964): S. 290), muss die Antwort lauten: mit List und Tücke, mit Unterstützung der Athene (die immer wieder Kontrahenten die Sinne vernebelt, Leute in Schlaf fallen lässt, sich und dem Odysseus eine neue Erscheinung gibt und heimlich Tipps und Tricks gibt), mit Insiderwissen, und man könnte diese Liste noch erweitern oder es kurz machen. – Er nutzt alle zur Verfügung stehenden Mittel. Damit unterscheidet er sich stark von den Heroen, wie sie noch in der Ilias das Maß der Dinge sind.

Nur Kassandra, die verfluchte Seherin, hat einstmals die Überkommenheit des heroischen Ideals bemerkt, und der Krieg, der vormals eine Bühne für das Erringen von Ruhmestaten großer Männer war, war nicht mehr derselbe. Wie könnte er auch nach zehn Jahren? Und weil auch Odysseus dies weiß, bricht er alle Regeln, spielt den Frieden und führt den Krieg: die Trojaner hielten das Pferd für ein geweihtes Geschenk, das ihrem Triumph im Ringen um Troja Ausdruck verleihen sollte, die Schiffe der Achäer waren schon ausgelaufen, doch konnte der Krieg noch der selbe sein und konnte auch nur eine Seite gewinnen, wenn nach zehn Jahren alles so sein sollte wie zuvor? Nein (Münkler (1991): S. 78f.). Kassandra kann weder den eigenen noch den Untergang Trojas verhindern, niemand glaubt ihr, nachdem ihr Apollon erst die Gabe der Prophetie gab, und dann verfügte, niemand würde ihr Glauben. Allein nach dieser Episode ist klar, dass es für die Griechen keine gerechten Götter gab und wer an sie glaubte, hatte schon verloren.

Odysseus war sich dessen stets bewusst und reihte eine stattliche Menge Opfer und Verwüstung an, nicht allein in Troja, sondern auch auf der Heimfahrt. Dass ausgerechnet sein Heimweg nicht geradlinig verläuft, erscheint logisch. Wo Achilleus mit einer unbedingten Geradlinigkeit sehenden Auges ins eigene Verderben marschierte, weil er die Kränkung nicht ertrug, „ist [Odysseus; I.G.] geschmeidiger und geht nicht geradlinig auf ein Ziel zu, wenn er auf gewundenen Pfaden eher und sicherer hinzugelangen weiß“ (Andreae (1984): S. 22). Dazu gehört auch, sich an die Gegebenheiten anzupassen und notwendige Opfer zu bringen (so lange es nicht das eigenen Leben ist, denn dann wäre nicht zu gewinnen. Und wir denken immer noch Odysseus als Spieler!). Bis hierhin weist alles immer wieder auf „einen Grundzug seines Wesens“ hin, „der ein notwendiges Komplement der neuartigen Denkweise dieses Mannes darstellt: seine Verschlagenheit“ (Andreae (1984): S. 170).

So wird auch der Mord an den Freiern der Penelope exakt und minutiös geplant und vorbereitet, um den zahlenmäßigen Nachteil auszugleichen; hier ist keiner der Heroen, wie noch vor Troja kämpften, am Werke, sondern ein homo novo, der mit eiskalter Berechnung selbst seine treuesten Verbündeten immer wieder prüft, ewig misstrauisch ist, wohlweislich, dass es ratsam sei, von anderen stets das gleiche zu erwarten wie von sich selber. Ein Held wäre tragisch gestorben, doch ein Odysseus lebt; eine Ruhmestat war der Freiermord nicht, aber ein Erfolg. Die Konstituenten des Handelns haben sich hier schon längst verschoben.

Auch der Triumph über die Zauberin Kirke, die schon die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt hatte, geht mit einer Form von Gewalt einher, mit der die Kraft des Zaubers ausgehebelt wird und wer verrät Odysseus den Weg, wie dieses Ziel zu erreichen sei? Athene. Er wäre schlecht dran ohne die Göttin. Doch auch der Götterbote Hermes hilft auf Zeus’ Ratschluss hin (dieser kam durch Athenes Parteinahme zustande) mit einem Kraut, das Odysseus vor Kirkes Zauber feit, und sodann erfährt Odysseus, wie er sich gegen weitere Ränke absichern kann, wartend auf Gewalt der Kirke durch deren Gerte, solle er, sobald dies geschehen mit dem gezogenen Schwert auf sie losstürmen, auf dass sie ihn verängstigt ins Bett zu kriegen versuche, wohin er ihr folgen solle, sie jedoch vorher einen großen Eid schwören lassen solle, ihm keinen weiteren Schaden zu planen (Odyssee X, 287-302). Wobei mit Schaden natürlich hinsichtlich der bevorstehenden Bettgeschichte bildlich auch die Kenntnis der Untreue etwa bei einer betrogenen Ehefrau umschrieben sein könnte: Während Penelope zwanzig Jahre treu bleibt, auf dass ein jeder von ihr als einem Muster an Tugend spreche, so lässt es sich unser Irrfahrer doch zeitweise recht gut gehen: flirtend mit Nausikaa, ewig bei Kalypso lebend und mit Kirke wird es ihm auch nicht schlecht gegangen sein. Dies sind natürliche Triebe, doch in einem mythologischen Rahmen betrachtet wird die Bildhaftigkeit der Szene deutlich: „Als Grund des Mythos hat sie [die Aufklärung; I.G.] seit je den Anthropomorphismus, die Projektion von Subjektivem auf die Natur aufgefaßt. Das Übernatürliche, Geister und Dämonen, seien Spiegelbilder der Menschen, die sich von Natürlichem schrecken lassen“ (Horkheimer, Adorno (1989): S. 19). So einer ist Odysseus – das weiß man jetzt schon – natürlich nicht. Schrecken und Neugierde gehen bei ihm einher.

„Kirke kennt die unbezwingbare Neugier des Odysseus. Deshalb rät sie ihm, den Gefährten, die das Schiff an der Sireneninsel vorbeirudern müssen, die Ohren mit Wachs zu verkleben, sich selbst aber an den Mastbaum binden zu lassen, so daß es die Sirenengesänge hören, ihn aber nicht nachgeben kann. So geschieht es. Die Sirenen locken Odysseus mit süßem Gesang. Noch nie sei einer im Schiff vorbeigefahren, ohne diesen Tönen zu lauschen, dann aber sei jeder vergnügt und weiser als zuvor davongefahren, denn jenen sei alles bekannt, was irgend geschieht auf der lebenschenkenden Erde. Mit einem ähnlichen Versprechen, sie würden dann alles wissen wie Gott, verlockt die Schlange im Paradies Adam und Eva, von der verbotenen Frucht zu essen (Genesis 3,1-6). Odysseus empfindet heißes Verlangen und gibt seiner Mannschaft Zeichen, man solle ihn losbinden, doch die legten ihm weitere Fesseln an und banden ihn noch fester, bis der Singenden Lied und Stimme verhallte. Odysseus hatte den Gesang der Sirenen gehört, war ihnen aber nicht verfallen und entging so dem Sündenfall“ (Andreae, Baglione (2000): S. 288).

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
List und Tücke des Odysseus
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Geschichte und Kunstgeschichte)
Veranstaltung
HS "Es rühmen Menschen meine Klugheit und List. Die Odyssee des Homer und ihr Nachwirken"
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
30
Katalognummer
V154265
ISBN (eBook)
9783640666584
ISBN (Buch)
9783640666362
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Eine sehr kluge, die Literatur beherrschende Arbeit - dazu mein Kompliment."
Schlagworte
Odysseus, Homer, Odyssee, List und Tücke, Frauen, Gegenspieler, Lüge, Überlieferung
Arbeit zitieren
Ivo Gebert (Autor), 2009, List und Tücke des Odysseus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154265

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