"Sittlichkeit und Kriminalität" von Karl Kraus - Eine Textinterpretation


Seminararbeit, 2008

13 Seiten, Note: 2


Leseprobe

SITTLICHKEIT UND KRIMINALITÄT

Text: Karl Kraus (1970): Sittlichkeit und Kriminalität. München.

Karl Kraus wurde am 28. 4. 1874 in Gitschin (Tschechische Republik) geboren und ist am 12. 6. 1936 in Wien gestorben. Er war jüdischer Herkunft und begann zunächst als Schauspieler und Vortragskünstler. 1899 gründete er „die Fackel“, eine satirische, zeit- und gesellschaftskritische Zeitschrift, in der er selbst als scharfer Kritiker von Literatur, Kultur, Gesellschaft, Ideologie, Sprache, Politik und Justiz auftrat. Er stellte sich auch gegen einen verlogenen, sensationslüsternen Journalismus und verurteilte skrupellose Kriegstreiberei, sowie das Rechtsempfinden und die verlogene Moral des Bürgertums. Sein Gesamtwerk besteht aus Essays, Aphorismen, Dramen und Lyrik. Zu einem seiner berühmtesten Werke zählt das satirische Drama „Die letzten Tage der Menschheit“, in dem er die Inhumanität des Krieges anprangert.

Kraus’ Werk „Sittlichkeit und Kriminalität“, das hier besprochen wird, ist 1908 erschienen (erste Ausgabe). Es ist ein Sammelband, bestehend aus Essays, Realsatire, Prozessberichterstattung und Strafgericht bis zum Urteilsspruch. Der Autor prangert hier die strafrechtlichen Prozesse an, die in Österreich zu seiner Zeit geführt wurden. In diesem Sprachwerk richtet er sich in satirischer Art gegen die bürgerliche Doppelmoral und die knöcherne, menschenfeindliche Justiz, die durch ihre Gesetze, Ab- und Verurteilungen selbst zum Täter wird, so sieht es zumindest der Autor. Er versucht in satirischer Art aufzuzeigen, dass sich die den Angeklagten vorgeworfenen Delikte (Kuppelei, Schandlohn, Erpressung, etc.) bei den Anklägern (Richter, Geschworene, Journalisten, etc.) zum Teil durchaus wieder finden. Ebenso prangert er die Willkür der Richter und Behörden an. Und besonders kritisiert er auch die sensationsgeile Presse. Er beleuchtet immer wieder die zwiespältigen, dunklen Seiten der österreichischen bzw. wiener Seele, ferner die zweifelhafte Moral der gesamten Gesellschaft und tritt für die Schwachen, Unterdrückten und Geächteten ein, wie Prostituierte, Homosexuelle, Ehebrecher, etc. Kraus setzt sich für die Unmündigen, Schwachen und Wehrlosen ein und ist absolut gegen Gewalt, die sich gegen Leib und Leben richtet, da befürwortet auch er eine harte Bestrafung. Er tritt für den Schutz des einzelnen Individuums ein, ist aber nicht für eine straffreie Gesellschaft. Er wirft auch den Richtern vor, viel zu streng und einseitig gegen eheliche Untreue vorzugehen, sich anzumaßen, darüber gerecht urteilen zu können, und im allgemeinen meint er, besteht die Justiz darauf, sich nie zu irren. Nun muss man sagen, dass heutzutage schon einige Paragraphen geändert wurden und speziell Ehebruch kein Scheidungsgrund mehr ist und auch nicht mehr sanktioniert wird.

Kraus spricht in seinem Werk den Wiener Bezirksgerichten manchmal eine gewisse Art von Humor nicht ab, meist aber auf Kosten des Angeklagten. Die Gespräche sind dann in eine Art Wiener Gemütlichkeit („Wiener Schmäh“) gekleidet.

Er beginnt sein Werk „Sittlichkeit und Kriminalität“ mit Shakespearezitaten aus „König Lear“ und „Maß für Maß“, die sich auch auf richterliche Gewalt und die Freiheit des Menschen beziehen. Der Autor verehrt neben einigen anderen Autoren auch Shakespeare und sieht ihn ebenso fortschrittlich in seinem moralischen Rechtsbefinden und Verständnis für das allzu Menschliche, wie er selbst es ist. Und ebenso verurteilt er die moralische Heuchelei, wie er sie in Wien beobachtet, er nennt Wien „eine moralverpestete Stadt“ (Kraus S. 11).

Kraus setzt sich für wirtschaftliche Sicherheit und Unverletzlichkeit des Lebens ein. Aber Recht und Justiz dürfen nicht zu sehr in die Privatsphäre des Menschen eindringen (ausser bei Gewaltverbrechen). Jeder Mensch hat ein Recht auf Ehrerbietung und persönlichen Respekt. Die Ehre und Würde eines Menschen darf nicht herabgesetzt werden. Er spricht auch von der Heuchelei einiger Richter, die sich insgeheim nach Unsittlichkeit (ausserehelichem Sex, Prostitution etc.) sehnen und es auch praktizieren, aber öffentlich verurteilen und bestrafen. Er ist der Ansicht, dass die Justiz viel zu weit in die Schlafzimmer der Beschuldigten vordringt und alles Private an die Öffentlichkeit zerrt und es genießt darüber zu reden, bzw. darüber zu schreiben (die Presse). Die Amtspersonen sind geradezu besessen irgendwo Unzucht zu entdecken und er findet, dass durch die Ächtung und Bestrafung von Prostitution, Wucher, Ausbeutung und Kriminalität, diese erst so richtig gefördert würden. Auch sind die Strafen für geringere Delikte seiner Meinung nach unverhältnismäßig hoch. „Immer werden für ein Rechtsgut, das geschützt wird eines oder mehrere andere preisgegeben“ (Kraus S. 15).

Der Autor führt in seinem Werk eine ganze Menge von Kriminalfällen an, zitiert einige Personen, Umstände und Hintergründe, geht näher darauf ein und zeigt Schwachstellen der Justiz bzw. der ausführenden Organe auf und er attackiert die Klatschpresse bzw. den Journalismus. Da es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist auf alle Beiträge näher einzugehen, werde ich einige mir wichtig erscheinende Kapitel herausnehmen und genauer beleuchten.

DiePressealsKupplerin

Hier weist er auf die Sexinserate der Wiener Tageszeitungen hin, gegen die er an und für sich nichts einzuwenden hat. Auch findet er den Beruf der Kupplerin in Ordnung, er kritisiert aber, wie die Presse damit umgeht, das Milieu einerseits verachtet, aber andrerseits mit dessen genauer Beschreibung Geld verdient.

DieHetzjagdaufdasWeib

In diesem Kapitel prangert er die Sexualheuchei der Medien und deren Leser an. Anhand von zwei Zeitungsannouncen weist er auf die vorschnelle Verurteilung von Frauen hin. Nur weil die Damen jung, hübsch, unabhängig sind, oder keinem alltäglichen Beruf nachgehen, wird ihnen gleich gewerbliche Unzucht unterstellt ohne es beweisen zu können. Kraus ist der Meinung, dass nur den Frauen „sittliche“ Lasten aufgebürdet werden. Solch eine Gesellschaft „peinigt statt der Raben die Tauben“ (Kraus S. 37).

Katastrophen

Es werden oft Unschuldige bestraft, wie eine Frau, die irrtümlich zum Tod durch den Strang verurteilt wurde. Nach vier Jahren Haft erkannte man den Irrtum, es wurde aber keine Wiedergutmachung geleistet, keine Entschädigung gewährt, das sah das österreichische Gesetz (um 1900) nicht vor.

[...]

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Details

Titel
"Sittlichkeit und Kriminalität" von Karl Kraus - Eine Textinterpretation
Hochschule
Universität Wien
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V154321
ISBN (eBook)
9783640673513
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Kraus, Sittlichkeit, Kriminalität, Textinterpretation
Arbeit zitieren
Klaus Hofmann (Autor), 2008, "Sittlichkeit und Kriminalität" von Karl Kraus - Eine Textinterpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154321

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