Zu Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen" und Christian Krachts "Faserland"

Moderne und Postmoderne Adoleszenzliteratur im Vergleich


Examensarbeit, 2009
79 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adoleszenz und Adoleszenzroman
2.1. Lebensphase Adoleszenz
2.2. Die literarische Gattung des Adoleszenzromans
2.2.1 Der klassische bzw. traditionelle Adoleszenzroman
2.2.2 Der moderne Adoleszenzroman
2.2.3 Der postmoderne Adoleszenzroman

3. Analyse der Romane
3.1. Jerome D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ als Beispiel eines modernen Adoleszenzromans
3.1.1. Formale Aspekte
3.1.2. Soziale Kontakte und Kommunikation
3.1.3. Sexualität
3.1.4. Medien und Gesellschaftskritik
3.1.5. Identitätssuche
3.2. Christian Krachts „Faserland“ als Beispiel eines postmodernen Adoleszenzromans...
3.2.1. Formale Aspekte
3.2.2. Zitate
3.2.3. Marken
3.2.4. Soziale Kontakte und Kommunikation
3.2.5. Fluchten
3.2.6. Sexualität
3.2.7. Identitätssuche: modern oder postmodern?

4. Vergleich der Romane

5. Didaktische und methodische Überlegungen
5.1. Didaktik
5.2. Methodische Anregungen

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat die literarische Gattung des Adoleszenzromans eine erneute große Blütezeit erlebt, in der eine Vielzahl unterschiedlich ausgeprägter Werke entstanden ist. Dieser Boom erforderte eine neue Sicht auf die Gattung, und so entstanden die Unterkategorien des traditionellen, des modernen und des postmodernern Adoleszenzromans. Mit den beiden letztgenannten Gattungsausprägungen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit, und zwar exemplarisch anhand von Jerome D. Salingers „Fänger im Roggen“ und Christian Krachts „Faserland“. Salingers 1951 veröffentlichter Roman wirkte gattungsprägend für den modernen Adoleszenzroman, während Krachts 1995 erschienenes Debüt einer der ersten postmodernen Adoleszenzromane war und als Begründung der neuen deutschen Pop-Literatur galt. Hierunter fallen eine Reihe von Romanen junger Autoren, die, aufgrund ihres Alters, aus der Binnensicht über Jugend und Erwachsenwerden schreiben. „Die neue deutsche Pop-Literatur ist [daher] in ihrem Kern Adoleszenzliteratur[1].

Während moderne Adoleszenzromane wie beispielsweise „Der Fänger im Roggen“ bereits Eingang in den Unterricht gefunden haben, ist dies bei der postmodernen Gattungsausprägung kaum der Fall. Zu groß sind die Vorwürfe, an den Büchern könne nichts gelernt werden, da sie keine erzieherischen Absichten enthalten, und die Scheu vor Werken, zu denen bisher kaum didaktische Modelle existieren. Dabei bieten die thematischen Bezüge zur Alltagswelt der heutigen Jugendlichen ein Potential, das nicht unterschätzt werden sollte. Sie können auch ohne einen pädagogischen Zeigefinger bei der Identitätsfindung, dem zentralen Thema von Adoleszenz, behilflich sein. Dies zu begründen, ist Aufgabe von Kapitel 5.1.

Zu Beginn der Arbeit wird zunächst die Lebensphase der Adoleszenz aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, da sie das Thema der Romane ist. Neben den Entwicklungsaufgaben dieser Phase spielt der historische, gesellschaftliche Wandel eine große Rolle, da er sich in den Anforderungen und Identitätskonstruktionen von Adoleszenz niederschlägt. Diese Veränderungen spiegeln sich auch in den Romanen wieder, sowohl in formaler als auch in inhaltlicher Hinsicht. Dadurch kommt es zu den drei Gattungsausprägungen, deren Charakteristika in den Kapiteln 2.2.1 bis 2.2.3 beschrieben werden. Vorher erfolgen allerdings noch einige allgemeine Ausführungen zum, sowie eine Definition des Adoleszenzromans.

Im nächsten Kapitel werden dann die beiden Romane analysiert, die stellvertretend für die jeweilige Gattungsausprägung stehen. Die Gesichtspunkte, unter denen die Analyse erfolgt, begründen sich auf zentrale Themen von Adoleszenz: soziale Beziehungen, Sexualität und Identitätssuche. Diese werden ergänzt durch romanspezifische Untersuchungspunkte, durch die die Unterschiede zwischen moderner und postmoderner Gattungsausprägung weiterhin deutlich werden.

Zusammenfassend werden dann in Kapitel vier die herausgearbeiteten Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Romane dargestellt.

Im abschließenden Kapitel werden neben der bereits erwähnten didaktischen Begründung für die Relevanz der Romane im Unterricht auch einige methodische Überlegungen angestellt.

2. Adoleszenz und Adoleszenzroman

In diesem Kapitel geht es zunächst um eine Beschreibung der Lebensphase Adoleszenz, während anschließend die spezifischen Merkmale der literarischen Gattung des Adoleszenzromans und seiner drei Subgattungen dargestellt werden.

2.1. Lebensphase Adoleszenz

Eine eindeutige Definition des Begriffes Adoleszenz ist nicht ganz unproblematisch. Da sich die unterschiedlichsten Wissenschaften - wie z.B. Psychologie, Soziologie, Biologie, Anthropologie und Erziehungswissenschaft - mit ihr beschäftigen, existieren mehrere Definitionen, die jeweils einen spezifischen Schwerpunkt bei der inhaltlichen Füllung des Begriffs setzen.

In einer sehr weit gefassten Definition lässt sich Adoleszenz als Phase, „die den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter markiert“[2], bezeichnen. Hierbei ist wichtig zu erwähnen, dass es sich nicht nur um eine reine Übergangsphase handelt[3], sondern dass Adoleszenz eine eigenständige Lebensphase mir spezifischen Bedürfnissen, Möglichkeiten und Problemen darstellt.[4] King verleiht dieser Definition Tiefe, indem sie auf

„die potenzielle Qualität dieser Übergangsphase, nämlich ein psychosozialer Möglichkeitsraum zu sein, der jene weitergehenden psychischen, kognitiven und sozialen Separations-, Entwicklungs- und Integrationsprozesse zulässt, die mit dem Abschied der Kindheit und der schrittweisen Individuierung im Verhältnis zur Ursprungsfamilie, zu Herkunft und sozialen Kontexten in Zusammenhang stehen,“[5] verweist.

Häufig wird der Begriff Jugend anstelle von Adoleszenz verwendet[6], wodurch aber nicht zwingend ein inhaltlicher Unterschied ausgedrückt wird. Ob zwischen beiden Begriffen unterschieden wird, oder sie - wie es zumeist der Fall ist - synonym zueinander gebraucht werden, hängt von der jeweiligen Wissenschaft ab, wobei aber auch innerhalb des jeweiligen Faches ein uneinheitlicher und divergierender Gebrauch auszumachen ist.

Der Begriff Pubertät lässt sich hingegen klar von den anderen beiden abgrenzen, da dieser sich allein auf die biologischen und physiologischen Veränderungen bezieht, die mit Einsetzen und Entwickeln der Geschlechtsreife verbunden sind; wohingegen sich Adoleszenz bzw. Jugend auf die psychologische Bewältigung der in der Pubertät stattfindenden körperlichen und sexuellen Veränderungen bezieht.[7]

Wird Adoleszenz altersmäßig definiert, so reicht die Zeit vom 12. bis zum 25. bzw. 27. Lebensjahr.[8] Diese Einteilung ist jedoch aufgrund starker Schwankungen und der Ausdehnung der Lebensphase sowohl nach unten als auch bzw. vor allem nach oben nicht gerade sinnvoll.[9] Hinzu kommt seit einigen Jahren der Terminus „Postadoleszenz“[10], der für Menschen bis ins dritte Lebensjahrzehnt gebraucht wird, die zwar in vielen Bereichen schon Autonomie erlangt haben, sich aber teilweise noch in - z.B. ökonomischen - Abhängigkeiten befinden. Eine interne Strukturierung von Adoleszenz erfolgt meist durch die Einteilung in drei Phasen, und zwar in die frühe, die mittlere und die späte Adoleszenz.[11]

Im Folgenden wird die Phase der Adoleszenz aus den verschiedenen Perspektiven betrachtet, die meines Erachtens auch relevant für die spätere Auseinadersetzung mit der Gattung des Adoleszenzromans sind.[12]

Adoleszenz aus psychologischer Sicht:

Adoleszenz umfasst die psychischen Bewältigungsstrategien, die nötig sind, um sich mit den in der Pubertät stattfindenden abrupten körperlichen Veränderungen sowie den daraus resultierenden seelischen und sozialen Verunsicherungen bzw. Wandlungen auseinandersetzen zu können.[13] Das Ziel ist die Entwicklung von Individuation und Identität bzw. die Ausbildung einer autonomen Persönlichkeit, welches nur erreicht werden kann, wenn eine Ablösung von den Eltern stattfindet.[14]

Für die Lebensphase der Adoleszenz lassen sich aus psychologischer Sicht vier Entwicklungsaufgaben benennen:[15]

1. Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, die zur Meisterung schulischer und beruflicher Anforderungen befähigt, welche zur Aufnahme einer Erwerbsarbeit nötig sind, und dadurch die ökonomische Basis für die selbstständige Existenz als Erwachsener bildet.
2. Entwicklung des inneren Bildes von der Geschlechtszugehörigkeit, welches zum Aufbau einer hetero- oder homosexuellen Partnerbeziehung nötig ist, welche die potentielle Basis für eine Familiengründung ist.
3. Entwicklung selbstständiger Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarktes, um einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und zu einem kontrollierten und bedürfnisorientierten Umgang mit Freizeitangeboten zu gelangen.
4. Entwicklung eines Werte- und Normsystems und eines ethischen und politischen Bewusstseins, das mit dem eigenen Verhalten und Handeln in Übereinstimmung steht, sodass eine verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen als Bürger möglich wird.

Wenn diese vier Entwicklungsaufgaben bewältigt sind, findet der Übergang von der Adoleszenzphase in die Erwachsenenphase statt. Die Bewältigung erfordert ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung im Umgang mit den inneren und äußeren Anforderungen und zugleich Verantwortlichkeit gegenüber den Belangen und Interessen anderer Menschen. Durch das Meistern der Aufgaben findet ein Prozess der selbstständigen und bewussten Individuation, also die Entwicklung von Persönlichkeitsstruktur, statt. Diese ist wiederum verbunden mit der Ausbildung von Identität, die definiert ist als „das Erleben des Sich-Selbst-Gleichseins“.[16]

Laut Eriksons psychodynamischer Theorie von 1966 bilden sich in der Jugendphase erstmals die individuellen Voraussetzungen, um Identität aufzubauen: Die Bewältigung einer Abfolge von psychosozialen Krisen führt zum Aufbau der Persönlichkeitsstruktur, die wiederum die Basis für Identität darstellt.[17] Obwohl Erikson unzulässig verallgemeinert, da er seine Daten ausschließlich von männlichen klinischen Patienten aus städtisch-bürgerlichen Verhältnissen bezieht und dadurch zu stark von einer für alle Jugendlichen stattfindenden Krise ausgeht, ist seine Theorie durchaus relevant, da sie die für die Phase der Adoleszenz sehr wichtige Identitätsfindung in den Mittelpunkt stellt und gleichzeitig eine Brücke zu soziologischen Theorien der Adoleszenz schlägt.[18] Er prägt die Sichtweise der Adoleszenz als „psychosoziales Moratorium“[19], d.h. eines Schonraumes, in dem die Adoleszenten Gelegenheit haben, soziale Rollen und Verhalten zu erproben, um schließlich zu einer ausgewogenen Ich-Identität zu gelangen.

Aus psychologischer Perspektive ist für die Phase der Adoleszenz „die Suche nach Orientierung und Sinngebung (...) charakteristisch wie für wohl keine Lebensphase davor und danach.“[20] Diese Suche kann zwar, wie es z.B. Erikson postuliert, Ausgangspunkt für Krisen sein; sie kann aber durchaus auch produktive und positive Kräfte freisetzen, da Werte und Weltbilder kritisch durchleuchtet und kritisiert werden.

Adoleszenz aus soziologischer Sicht:

Aus soziologischer Sicht kann Adoleszenz als „Lebensabschnitt definiert werden, in dessen Verlauf schrittweise der Übergang von der unselbstständigen Kindheit in die selbstständige Erwachsenenrolle vollzogen wird.“[21] Im Vordergrund steht also ein Prozess der Übernahme von verantwortlichen sozialen Rollen. Stand aus psychologischer Sicht die physische und psychische Entwicklung des Einzelnen im Mittelpunkt, so ist für die Soziologie die Jugend als Bevölkerungsgruppe interessant, die sich zunehmend in ihre Rolle als mündiger Bürger und Teil der Gesellschaft einfinden muss. Ging es also im vorangegangenen Abschnitt um die Entwicklung der Individualität, so geht es hier um die gesellschaftliche Integration. Allerdings knüpfen die soziologischen Theorien an die psychologischen an. Die vier Entwicklungsaufgaben lassen sich auch im Hinblick auf eine Erweiterung des Handlungs- und Rollenspektrums betrachten.[22]

Die bereits erwähnten Übergänge von der Kindheit zur Jugend und weiter ins Erwachsenenalter werden als „Statuspassagen“[23] definiert, da mit dem Wechsel der Lebensphase auch ein Wechsel der sozialen Positionen stattfindet. Der Übergang vom Kind zum Jugendlichen wird erkennbar durch die „schrittweise Erweiterung der Handlungsspielräume (...), die eine Vergrößerung der Rollenvielfalt mit sich bringt.“[24] Als Erwachsener lässt sich dann derjenige bezeichnen, der in allen zentralen gesellschaftlichen Positionen die volle Selbstständigkeit als Gesellschaftsmitglied erlangt. Diese zentralen Positionen korrespondieren mit den vier Entwicklungsaufgaben und sind: die Berufsrolle, die Partner- und Familienrolle, die Konsumentenrolle und die Rolle als politischer Bürger.[25]

Allerdings ist die Vorstellung eines gleichmäßigen Übergangs in allen vier Bereichen idealtypisch gedacht und nicht der Realität entsprechend. Die Zeit des Übergangs in den einzelnen Teilpassagen differiert meist erheblich voneinander; manche Rollen werden erst sehr spät oder sogar gar nicht eingenommen.[26] So wird der Erwachsenenstatus in Bezug auf Erwerbs- und Familienrolle heutzutage oft erst spät erreicht, während in den anderen Bereichen eine Art Früherwachsenheit ausgemacht werden kann. Dieses Phänomen wird als „Statusinkonsistenz“[27] bezeichnet und birgt ein großes Spannungspotential. Die Jugendlichen müssen sich damit arrangieren, in einigen Bereichen schon sehr früh autonom zu sein, während sie sich in anderen Bereichen noch in Abhängigkeiten befinden. Die Statusinkonsistenz wird im Zuge des mit der Modernisierung einhergehenden gesellschaftlichen Wandels immer ausgeprägter. Bevor nun diese Veränderungen dargestellt werden, wird noch ein knapper Blick auf die Initiation bei Naturvölkern geworfen, da diese historisch vor den Modernisierungsprozessen liegt und die Initiationsreise als literarisches Modell bedeutsam für Adoleszenzromane ist.[28]

Initiation

Initiation ist definiert als „ein in den drei Phasen von Ausgang, Übergang und Eingang ablaufender menschlicher Wandlungs- und Entwicklungsvorgang, der (...) als ein Tod des alten und eine Wiedergeburt eines neuen Menschen symbolisiert wird.“[29] Dieser Vorgang ist verbunden mit verschiedenen Initiationsmythen und -riten, die vor allem bei Naturvölkern von Bedeutung sind. Durch die Riten wird ein abrupter Übergang vom Kindheits- in den Erwachsenenstatus vollzogen.

In modernen westlichen Gesellschaften ist der Vorgang der Initiation zwar auch vorhanden, jedoch sind die Initiationsriten (wie z.B. Konfirmation etc.) zunehmend am Verschwinden und sprechen zudem immer nur einen Teilaspekt des Menschen an, weswegen sie ohnehin keine ganzheitliche Veränderung bewirken können.[30] An Stelle der Initiation tritt heute die Sozialisation mit ihren Entwicklungsaufgaben.[31]

Das Schwinden feststehender Initiationsriten eröffnet zwar einen großen Freiraum in Bezug auf die eigene Lebensgestaltung, erschwert durch den Zwang zur Selbstbestimmung aber auch den Entwicklungsprozess und kann dadurch zu Sinnkrisen führen.[32]

Historischer Wandel und postmoderne Tendenzen

Wie durch das Phänomen der Statusinkonsistenz bereits angedeutet wurde, wird es zunehmend schwerer, Adoleszenz eindeutig zu definieren, da der Übergang in den Erwachsenenstatus heutzutage erheblich von traditionellen Mustern abweicht und nicht mehr unbedingt durch feststehende Riten, wie z.B. Heirat, erkennbar ist. Diese Tatsache resultiert vor allem aus den gesellschaftlichen Veränderungen, die mit der zunehmenden Industrialisierung und Pluralisierung der modernen westlichen Gesellschaften einhergehen. Der gesellschaftliche Wandel führt zu einer „Entstrukturierung und Biographisierung von Lebenslauf und Lebensverlauf“[33], „Enttraditionalisierung“[34] oder „Individualisierung“[35] der Adoleszenzphase. Zur Erläuterung dieser Phänomene werden im Folgenden einzelne Lebensbereiche betrachtet, die auch für den Wandel bzw. die Herausbildung von unterschiedlichen Ausprägungen des Adoleszenzromans relevant sind, da „Literatur (...) Reaktion und Aktion in einem umfassenden kulturellen Prozess“[36] ist.

- Familie

Die traditionellen Familienstrukturen nehmen durch einen generellen Rückgang der Eheschließungen, freie Partnerwahl, Scheidung und Neuverheiratung immer mehr ab, wodurch eine Vielzahl neuer Familienformen entsteht. Diese sogenannten „Patchwork-Familien“[37] bestehen aus Familienmitgliedern, deren Beziehungen untereinander durch ein hohes Maß an Individualisierung geprägt sind.[38]

War die vorindustrielle Familie noch eine „Notgemeinschaft“[39], da jedes Familienmitglied eine feste Aufgabe im gemeinsamen Arbeitsprozess hatte, so können „postfamiliale Familien“ als „Wahlverwandtschaften“[40] angesehen werden. Jedes Familienmitglied rechnet unter Umständen andere Personen zur Familie[41], ausschlaggebend dafür ist eine freiwillige Entscheidung für die Fortführung der Beziehung und nicht mehr zwingend die biologische Verwandtschaft.

Weiterhin sind eine Abnahme des autoritären Erziehungsstils und eine Entschärfung des Generationenkonflikts auszumachen.[42] Mit dem Schwund von Autorität verliert die Familie allerdings auch an Einfluss im Hinblick auf die Vermittlung von Norm- und Wertvorstellungen, welche zunehmend durch Medien, Konsum und peer-group geprägt werden.

- Soziale Netzwerke

Der einzelne wird zunehmend zum „Baumeister des Sozialen“[43]. Das bedeutet, dass soziale Netze selbst erschaffen und ihre Mitglieder frei gewählt werden können. Diese Entscheidungsfreiheit „eröffnet einerseits die Chance, den eigenen sozialen Lebenszusammenhang wesentlich mitzugestalten“, andererseits birgt sie aber auch ein erhöhtes Risiko der Auflösung, da stets „die Notwendigkeit [besteht], Initiator und Manager des eigenen Beziehungsnetzes zu sein.“[44] Es muss also permanent Beziehungsarbeit geleistet werden, damit das soziale Netz, welches zur Unterstützung in Problemlagen unabdingbar ist, aufrecht erhalten werden kann.

- Schule und Beruf

Aufgrund längerer Schul- und Ausbildungszeiten sowie vermehrtem Streben nach höheren Bildungsabschlüssen gewinnen Ausbildungsinstitutionen zwar einerseits an Bedeutung, andererseits ist aber auch eine Tendenz zur verstärkten Hinwendung zu außerschulischen Entfaltungsmöglichkeiten zu beobachten, so dass es „zu einer Entfremdung zwischen Schülerdasein und persönlicher Identität kommt.“[45]

Im Arbeitsleben sind ebenfalls Ambivalenzen auszumachen. Durch die freie Berufswahl einerseits und den Mangel an Arbeitsplätzen andererseits entsteht eine „wachsende Vielfalt von Erwerbsverlaufsformen und Lebenslaufmustern“.[46] Hiermit verbunden ist ein oft ungewollter Zuwachs an Freizeit, wodurch sich die Bedeutung von Arbeit und Freizeit umkehrt: Arbeit wird zum begehrten, da seltenen Gut. Andererseits verliert die Erwerbsarbeit durch den Strukturwandel aber auch ihre Monopolstellung als „alleiniges Zentrum der Lebensführung und -planung und Identitätsbildung“[47]

Der unterschiedliche Umgang mit diesen Ambivalenzen kann sowohl zu Depressionen als auch zum eifrigen Basteln an der eigenen Bildungsbiographie führen.[48]

- Konsum

Der Stellenwert der Konsumentenrolle hat zugenommen; der frühe Umgang mit Geld führt in diesem Bereich zu einem schnelleren Übergang in den Erwachsenenstatus.[49]

„Die Außenwahrnehmung des Menschen, seine inszenierte Erscheinungsweise hat an Bedeutung gewonnen.“[50] Kleidung und Körperkult sowie die nach außen getragenen Vorlieben in Bezug auf Musik, Kultur, Kunst etc. werden vermehrt zur Bildung und Darstellung der eigenen Individualität benutzt.

Zusammenfassung des Wandels: Chancen und Risiken

Durch Einblick in unterschiedliche Lebensbereiche sollte nun deutlich geworden sein, dass durch die Auflösung tradierter Lebensformen, Werte und Normen einerseits und das Entstehen von neuen Anforderungen und Zwängen andererseits, sowohl neue Chancen als auch neue Risiken entstehen. Diese „riskanten Freiheiten“[51] mit allen ihren Ambivalenzen stellen enorme Anforderungen an den Einzelnen, wie z.B. die Notwendigkeit aktiven Handelns und die der Auswahl aus vielfältigen Sinnangeboten. Die Begriffe „Bastelidentität“, „Bastelexistenz“ oder „Bastelbiographie“[52] sind bezeichnend für die Auswirkungen der Veränderungen und beinhalten sowohl die Möglichkeit zu einer gelungeneren Selbstverwirklichung als auch das Risiko der Überforderung und/oder des Scheiterns.

Es gibt nach wie vor „keine verbindlichen Regeln für den Ausgang von Adoleszenz, womit die kulturgeschichtlichen Grundlagen für die vielfältigen Varianten von Adoleszenzdarstellung in der Literatur gegeben sind.“[53]

2.2. Die literarische Gattung des Adoleszenzromans

Der Begriff Adoleszenzroman existiert erst seit Ende der 1980er Jahre, obwohl bereits seit dem 18. Jahrhundert Literatur (z.B. Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ von 1774) veröffentlicht wurde, die diesem Genre zugeordnet werden könnte.[54] Allerdings konnte sich die Gattung im 18. und 19. Jh. zunächst nicht durchsetzen und erlebte ihre „zweite Blütezeit (...) erst um die Jahrhundertwende“[55] in Texten von Strauß, Hesse, Musil und anderen.[56]

Einen neuen Entwicklungsschub erfuhr die Gattung dann nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren aus den USA, und zwar durch Jerome D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“, der in Kapitel 3.1 noch ausführlich analysiert wird.[57] Dieser Roman beeinflusste die erneute Blütezeit des deutschen Adoleszenzromans erheblich, die dann zeitverzögert erst in den 1970er Jahren einsetzte.[58] Die Studenten- und die Frauenbewegung der 1960er/1970er hatten ebenfalls Einfluss auf die Gattung, so dass z.B. nun auch weibliche Protagonisten dargestellt werden.[59]

Eine erste Definition des Begriffs Adoleszenzroman stammt von Ewers (1989), der diesen definiert als „Roman mit jugendlichem Helden“, der sich „in existentieller Erschütterung und tiefgreifender Identitätskrise“[60] befindet. Diese Definition kann allerdings inzwischen nicht mehr allgemeingültig aufrecht erhalten werden, da der Boom des Adoleszenzromans in den 1990er Jahren zu einer Vielzahl von Werken unterschiedlichster Ausprägung führte, die neue Blickwinkel auf die Gattung erforderten. Dementsprechend befasste sich die Forschungsliteratur, vor allem gegen Ende der 1990er, mit den verschiedenen Ausprägungen der Gattung und gelangte so zu einer Untergliederung in den klassischen bzw. traditionellen, den modernen und den postmodernen Adoleszenzroman. Diese Formen werden später noch ausführlich behandelt.

Die Adoleszenzromane der Jahrhundertwende wurden nur als Erwachsenenliteratur publiziert, erst ab den 1970ern fand eine „jugendliterarische Eingemeindung“[61] statt. Allerdings erreicht der jugendliterarische Adoleszenzroman „trotz seiner Annäherung an den Adoleszenzroman der Erwachsenenliteratur nicht dessen Polyvalenz und Radikalität.“[62]

Gattungen, die eine enge Verwandtschaft zum Adoleszenzroman aufweisen, sind der Bildungs-, Erziehungs- und Entwicklungsroman, die problemorientierte Jugendliteratur, die Jeansliteratur, die emanzipatorische Mädchenliteratur und der amerikanische Initiationsroman.[63] Um eine literarische Einordnung des Adoleszenzromans vorzunehmen und Verwechselungen vorzubeugen, wird im Folgenden eine kurze Abgrenzung der Gattungen vorgenommen. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass diese nur unter Bezug auf die idealtypischen Formen geschehen kann, da die Grenzen durchaus fließend sind.[64]

So stellt der Bildungsroman zwar die intellektuelle und psychische Entwicklung des Individuums zu einer unverwechselbaren Identität dar, enthält dabei jedoch eine eindeutige didaktische Intention des Autors, die im Adoleszenzroman nicht vorhanden ist. In einem weiter gefassten Verständnis sind unter dem Begriff Bildungsroman alle Romane zu subsumieren, deren zentrales Leitmotiv Bildung darstellt. Am Beginn eines solchen Romans steht die Beschreibung der Kindheit und am Ende der Einstieg ins Berufsleben, während hingegen die Darstellung des eng verwandten Entwicklungsromans die gesamte Lebensphase umfassen kann. Der Erziehungsroman wiederum stellt den Erzieher in den Mittelpunkt der Handlung, und nicht dessen Zögling. Während im Adoleszenzroman die Entwicklung des Individuums als individuelles Einzelschicksal geschildert wird, dient diese in der problemorientierten Jugendliteratur lediglich als Beispiel, um ein allgemeines Problem darzustellen. Dahinter steht eine stark ausgeprägte pädagogische Intention. Der amerikanische Initiationsroman ist kaum abgrenzbar, er „stellt ein maßgebliches Orientierungsmuster des Adoleszenzromans seit den 1950er Jahren dar.“[65] Im Initiationsreise-Roman wird ein innerer, psychischer Prozess nach außen projiziert. Die äußere Reise, die immer in die drei Phasen von Ausgang, Übergang und Eingang eingeteilt ist, entspricht folglich einer inneren, und die Entwicklung dabei führt zu einer so existentiellen Veränderung, dass sie als symbolischer Tod des alten und Wiedergeburt eines neuen Menschen angesehen wird. Oft steht hierbei ein Helfer zur Seite.[66]

„Die emanzipatorische Mädchenliteratur wie auch der Jeansroman können heute als integrative Bestandteile des Adoleszenzromans gelten.“[67]

Nach dieser sehr knappen Abgrenzung gegen verwandte Gattungen rücken nun die spezifischen Merkmale des Adoleszenzromans in den Mittelpunkt der Betrachtungen:

- „Im Zentrum der Darstellung stehen ein oder mehrere jugendliche Helden, wobei sich die Darstellung anders als im Entwicklungsroman auf die Jugendphase konzentriert.
- Während im klassischen A. der jugendliche Held zumeist männlichen Geschlechts ist, finden sich im modernen und postmodernen A. auch weibliche Protagonistinnen als zentrale Figuren. Die Übergänge zur emanzipatorischen Mädchenliteratur sind fließend.
- Die Zeitspanne ist nicht auf die Pubertät beschränkt, sondern umfasst den gesamten Prozess der Identitätssuche junger Leute, kann also von der Vorpubertät bis in die Postadoleszenz reichen.
- Im Unterschied zur sozialkritischen Problemliteratur geht es – ähnlich wie im modernen Roman – um eine ganzheitliche Darstellung: die Figuren sind weder Personifikation noch Typ, sondern Individuum, also einmalig und unwiederholbar; neben die Erfassung von Außenwelt tritt die Gestaltung von Innenwelt, von psychischen Prozessen. Entsprechend kommen Darstellungsweisen des modernen Romans zum Einsatz.
- Die jugendliche Hauptfigur wird nicht nur in einer „existentiellen Erschütterung“ und „tiefgreifenden Identitätskrise“ (Ewers 1989, 11) angetroffen, sondern sie kann die lebensgeschichtliche Phase lustvoll und offen erleben, als Möglichkeit des Auszuprobierens, als Spielchance, als Gewinn bei der Sinn- und Identitätssuche.
- Adoleszenzromane lassen sich an der Gestaltung ausgewählter Problembereiche bzw. Handlungsmuster erkennen, dazu gehören: a) die Ablösung von den Eltern; b) die Ausbildung eigener Wertvorstellungen (Ethik, Politik, Kultur usw.); c) das Erleben erster sexueller Kontakte; d) das Entwickeln eigener Sozialbeziehungen; e) das Hineinwachsen oder das Ablehnen einer eigenen sozialen Rolle. Dabei kennzeichnet den A. zumeist ein ‚offenes Ende’, die Protagonisten bleiben auf der Suche, eine Identitätsfindung im Sinne eines festen Wesenskerns muss nicht erfolgen und auch nicht angestrebt sein.“[68]

Durch diese Auflistung sollte deutlich geworden sein, dass spezifische Merkmale zutreffen müssen, um einen Roman der Gattung des Adoleszenzromans zuordnen zu können: „Nicht jeder die Jugend thematisierende Roman ist also eo ipso auch schon ein Adoleszenzroman.“[69]

Im Folgenden werden die drei unterschiedlichen Ausprägungen des Adoleszenzromans dargestellt, wobei zu beachten ist, dass diese „nicht immer scharf voneinander abzugrenzen sind“[70]. Besonders schwierig ist die Abgrenzung des modernen gegenüber dem postmodernen Adoleszenzroman, da über die Definition des Letzteren in der Forschung Uneinstimmigkeit herrscht. Die unterschiedlichen Positionen werden vorgestellt und anschließend werde ich Position dazu beziehen, um deutlich zu machen, auf welches Verständnis sich die spätere Einordnung der analysierten Romane bezieht.

2.2.1 Der klassische bzw. traditionelle Adoleszenzroman

Da im Rahmen dieser Arbeit kein traditioneller Adoleszenzroman behandelt wird, erfolgt hier nur der Vollständigkeit halber und zur besseren Abgrenzung der anderen beiden Formen eine knappe Darstellung seiner spezifischen Merkmale und Strukturen.[71]

Romane wie beispielsweise Unterm Rad (1906) von H. Hesse sind Abbild und Anprangerung der hierarchischen Machtstrukturen des wilhelminischen Obrigkeitsstaates. Sie stellen die ausgeprägt autoritären Erziehungsverhältnisse in Schule und Elternhaus dar, mit denen der meist begabte und sensible, ausschließlich männliche Protagonist zu kämpfen hat. Die patriarchalischen Strukturen führen zu einem existenziellen Generationskonflikt. Sowohl die Eltern als auch die Lehrer behindern die Identitätsentwicklung des schwachen Helden, der - wie Ewers konstatiert - in eine tiefgreifende Krise gestürzt wird, die nicht selten zum Tode führt. Diese Handlungsstrukturen stehen im Gegensatz zu denen des Bildungsromans, in welchem die bürgerliche Kleinfamilie idealisiert wird und der Aufbau einer Identität gelingt. Dem Protagonisten des Adoleszenzromans wird meist eine Kontrastfigur zur Seite gestellt, durch die die unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Adoleszenz deutlich werden. Häufig bestehen biographische Bezüge zwischen dem Autor und der Kontrastfigur und diese stellt die vom Autor wirklich vertretene Position dar. Auch die Natur fungiert als Kontrastmittel, und zwar zur feindlichen Umwelt. Im Gegensatz zur furchteinflößenden und erdrückenden Schulatmosphäre steht die Natur als Ort freier Entfaltung. Ein weiteres Merkmal des traditionellen Adoleszenzromans ist die Tabuisierung von Sexualität. Sie ist derart schuld- und angstbesetzt, dass der Held seine inneren Regungen ablehnt und dadurch in eine Krise gerät. Erzählt wird die Handlung zumeist auktorial, aber aus dem Blickwinkel des gequälten Schülers.

2.2.2 Der moderne Adoleszenzroman

Der seit der Mitte des letzten Jahrhunderts fortschreitende Modernisierungsprozess führte zu einem Wandel der Lebensphase Jugend.[72] Da der Adoleszenzroman „ganz erhebliche zeitdiagnostische Qualität“[73] besitzt, spiegeln sich die veränderten Lebensbedingungen in Thema und Struktur des Romans wieder. Der Wandel der literarischen Gattung ist also auf die gesellschaftliche Modernisierung zurückzuführen.

Durch das Wegbrechen tradierter Normen und Werte, sowie die Zunahme der Bedeutung von Medien und Konsum entsteht „in der Jugend ein Gefühl der Entfremdung und damit der Kritik an der Erwachsenengesellschaft.“[74] Gewandelt haben sich z.B. die autoritären Erziehungsstrukturen. Die Lehrerfiguren sind nun „diskursorientierte, lässig-lockere Pädagogen“ und in der Darstellung von Familie dominiert der Typus der „liberalen Verhandlungsfamilie“ oder der „auseinandergebrochenen Nach-Scheidungs-Ehe.“[75] Allerdings sind die betont liberalen, lockeren Erwachsenen auch nicht unbedingt förderlich für die Entfaltung der Persönlichkeit der Jugendlichen, da zu viele Freiheiten auch zu Überforderungen oder einem Gefühl des ‚Egal-Seins’ führen können.

Generell haben die traditionellen Strukturen wie Eltern und Schule an Bedeutung eingebüßt, an ihre Stelle treten zunehmend neue Leitmedien wie z.B. Film, Musik, (Mode-) Trends etc.[76], aber auch Freundschaften, Liebe und Sexualität.[77]

Die Abnahme von autoritären Strukturen sowie die Aufnahme pikaresker Elemente führt dazu, dass der moderne Adoleszenzroman „die Schwere, die „radikale Negativität“ der Texte der Jahrhundertwende verliert. Gleichwohl geht es im modernen Adoleszenzroman weiter um die Dichotomie von Jugend- und Erwachsenenwelt.“[78] Der Generationenkonflikt verschwindet also nicht gänzlich aus dem Roman, aber er besitzt nicht mehr die existenzielle Qualität der traditionellen Werke.

Der Protagonist bzw. die Protagonistin, da nun auch weibliche Adoleszenz dargestellt wird, befindet sich weiterhin auf einer Identitätssuche, die unter anderem durch die Abgrenzung von Erwachsenen sinnstiftende Momente erfährt. Allerdings geht es hierbei weniger um eine Eltern-Kind-Beziehung, als vielmehr um eine Opposition zu den institutionalisierten Einrichtungen der Gesellschaft, die durch Erwachsene repräsentiert werden.[79] Die Abgrenzung erfolgt nicht nur innerlich, sondern ist auch äußerlich festzustellen, und zwar durch das Herausbilden von Jugendsubkulturen.[80] Äußerliche Merkmale werden hierbei zum Ausdruck einer inneren Haltung. So avancierte z.B. die Jeans in den 1970ern zum Zeichen der Hippie-Bewegung; sie symbolisiert die Ablehnung der modernen leistungsorientierten Industrie- und Massengesellschaft.[81] Die zunehmende gesellschaftliche Relevanz von Konsum und Medien wird also nicht affirmativ aufgenommen, sondern bietet Anlass für Kritik. Die Identitätskrisen des modernen Helden resultieren „aus dem Spannungszustand zwischen größeren Selbstentfaltungswünschen und der Verpflichtung zur Selbstverantwortung einerseits und dem Gefühl der erdrückenden Rollenzwänge und Normierung durch die Industriegesellschaft andererseits.“[82] Allerdings haben diese Krisen wie bereits angedeutet ihre Existenzialität eingebüßt und führen statt in den Tod oftmals zu positiven Identitätsbewegungen.

Festzuhalten ist also, dass das Thema der Identitätsfindung als Streben nach Autonomie des Individuums immer noch eine zentrale Rolle einnimmt. „Bei allen Unterschieden basieren die modernen Adoleszenzromane wie ihre klassischen Vorgänger auf dem Fundament der Moderne und orientieren sich an entscheidenden Prämissen moderner Subjektivität: Suche nach einem festen Wesenskern, nach einer unverwechselbaren Persönlichkeit, Handlungsautonomie und sozialer Verantwortung.“[83]

Formale Neuerungen[84] sind unter anderem in der Handlungsstruktur zu erkennen. Statt einer chronologischen ist oft eine episodische Handlungsstruktur auszumachen. Diese rührt vom Orientierungsmuster des amerikanischen Initiationsromans her. Es wird demnach ein stärker begrenzter Zeitraum geschildert, in dem wenige, aber einschneidende Erlebnisse gemacht werden. Die Erzählperspektive wandelt sich vom kommentierenden, auktorialen Erzähler zum Ich-Erzähler, der dadurch Einblicke in Identifikationsprozesse oder Gründe für eine Protesthaltung geben kann. Oft wird rückblickend distanziert oder interpretierend erzählt, oder die Ereignisse werden rückblickend, aber in der Sichtweise des erlebenden Ichs verfangen dargestellt. Stilistisch wird häufig Umgangssprache zur Herstellung von zeitgenössischer Realität verwendet. Auch Stilmittel wie Ironie, Satire, Bewusstseinsstrom usw. finden nun Eingang in den Adoleszenzroman.

2.2.3 Der postmoderne Adoleszenzroman

Ungefähr seit Mitte der 1980er Jahre kam abermals ein Diskurs über einen einschneidenden gesellschaftlichen Wandel auf: die Moderne begann der Postmoderne zu weichen. Mit ihr verbunden sind Stichworte wie Individualisierung, Pluralisierung, Entstandardisierung, Medialisierung usw. Diese gewandelten Lebensverhältnisse bilden den sozialen Hintergrund des postmodernen Adoleszenzromans.

Spezifische, eigenständige Merkmale und Strukturen der Kategorie desselben wurden erstmals von Kaulen und Gansel formuliert, nachdem in der vorangegangenen Forschung eine Bestimmung lediglich aus Negation der modernen Form resultierte. Allerdings haben die beiden Autoren leicht unterschiedliche Ansichten über die Ausprägung der Gattung, welche laut Wagner dadurch entstehen, dass sich jeweils auf ein unterschiedliches Verständnis von Postmoderne bezogen wird.[85] Auf die Unterschiede wird später noch eingegangen.

Der größte Unterschied zum modernen Adoleszenzroman besteht darin, dass „das für Adoleszenzromane traditionelle Thema der Suche nach der eigenen Identität (…) hier im modernern Verständnis nicht mehr statt(findet).“[86] Die Protagonisten sind nicht mehr auf dem Weg zu sich selbst, sondern nur noch von Party zu Party bzw. von Erlebnis zu Erlebnis. Von Langeweile oder der Angst etwas zu verpassen angetrieben, bewegen sie sich ziellos in einem Alltag voller Alkohol, Drogen, Partys, Sex, Lifestyle usw. „Eine durchgängige Handlung ist [daher] in diesen Texten nicht mehr auszumachen, ebenso wenig wie fest umrissene Charaktere, ein eindeutig codierter Sinn oder gar eine soziale oder politische Botschaft.“[87] Wichtig ist hierbei zu betonen, dass die Suche nach Identität nicht generell verschwunden ist, sondern dass sie im modernen Verständnis nicht mehr stattfindet. Das bedeutet, es wird nicht mehr nach einem festen Wesenskern gesucht, sondern durch die Entstehung der postmodernen „Bastel-Identität“ befindet sich das Individuum ständig auf der Suche nach etwas, das in diese integriert werden kann. In der permanenten Suchhaltung ist auch das Scheitern als Bestandteil der Persönlichkeitsbildung mit inbegriffen. Durch die zunehmende Polyvalenz der Gesellschaft kann diese Suche durchaus ziellos werden, da dem Individuum nicht bewusst sein muss, wonach es sucht. Dies kann sich dann als Suche nach Erlebnissen ausdrücken. Durch die vielfältigen Sinnangebote kann auch eine Orientierungslosigkeit entstehen, die durch Partys und Alkohol verdrängt wird.

[...]


[1] Gansel (2003), S. 236; Hervorhebung im Original.

[2] Remschmidt (1992), S.1; vgl. auch King (2002), S. 19.

[3] Diese Sichtweise war um 1900 noch vorherrschend, vgl. Hurrelmann (2007) S. 19.

[4] Vgl. Remschmidt (1992), S. 5f; Hurrelmann (2007), S. 36-47.

[5] King (2002), S. 28, Hervorhebungen im Original.

[6] Vgl. z.B. Baacke (2004); Ferchhoff/Neubauer (1997); Hurrelmann (2007); zu einer eingehenden Erforschung der unterschiedlichen Verwendung und Traditionen der Begriffe vgl. King (2002), besonders S. 19-23.

[7] Vgl. Remschmidt (1992), S. 2; Wagner (2007), S. 24.

[8] Vgl. Hurrelmann (2007) S. 40; Remschmidt (1992), S. 2; Wagner (2007), S. 26 sowie Ferchhoff/Neubauer (1997), S. 109.

[9] Vgl. hierzu Ferchhoff/Neubauer (1997), S. 110-11; Hurrelmann (2007), S. 13-25 und 40f sowie meine späteren Ausführungen zu postmodernen Tendenzen der Adoleszenz.

[10] Ferchhoff/Neubauer (1997), S. 109.

[11] Vgl. Streek-Fischer (2002), S. 315f; Hurrelmann (2007), S. 41.

[12] Zu einer Übersicht über die verschiedenen Perspektiven vgl. Remschmidt (1992), S. 2f; Wagner (2007), S. 25. Der biologische (somatische Veränderungen) und der rechtliche Aspekt (Zunahme von Teilmündigkeiten) werden hier nicht ausführlicher thematisiert.

[13] Vgl. Hurrelmann (2007), S. 26; Remschmidt (1992), S.2f.

[14] Vgl. Hurrelmann (2007), S. 26. Die Ablösung von den Eltern wird u.a. deshalb so betont, da sie im Gegensatz zu den Bewältigungsstrategien des Kindheitsalters steht. In der Kindheit sind die vorherrschenden psychischen Mechanismen noch Imitation und Identifikation mit den Eltern.

[15] Vgl. im Folgenden Hurrelmann (2007), S. 27f unter Bezugnahme auf Havighorst (1956, 1982).

[16] Hurrelmann (2007), S. 30.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. hierzu Remschmidt (1992), S. 204-206; Wagner (2007), S. 26f.

[19] Remschmidt (1992), S. 205 unter Bezugnahme auf Erikson (1971).

[20] Hurrelmann (2007), S. 31.

[21] Ebd.

[22] Vgl. hierzu Hurrelmann (2007), S. 33f.

[23] Hurrelmann (2007), S. 31.

[24] Hurrelmann (2007), S. 32.

[25] Vgl. Hurrelmann (2007), S. 35.

[26] Vgl. hierzu Hurrelmann (2007), S. 37-40. Ein Beispiel für die Verzögerung der Rollenübernahme ist das Fehlen von Arbeitsplätzen, welches das Übernehmen der Berufsrolle und damit die ökonomische Selbstversorgung erschwert bzw. verhindert.

[27] Hurrelmann (2007), S. 39.

[28] Vgl. Kap. 2.2.

[29] Freese (1971), S. 155.

[30] Vgl. Wagner (2007), S. 33.

[31] Vgl. Lange (2000a), S. 73.

[32] Vgl. Wagner (2007), S. 34.

[33] Schröer et al. (2002), S. 91.

[34] Keupp (1994), S. 336.

[35] Ferchhoff/Neubauer (1997), S. 114; Beck/Beck-Gernsheim (1994), S. 10-17.

[36] Gansel (1994), S. 13.

[37] Beck-Gernsheim (1994), S. 132; Kaulen (1997), S. 86.

[38] Vgl. Hierzu Beck-Gernsheim (1994), S. 123-125. Durch vielseitige und differierende außerhäusliche Arbeitsplätze und Freizeitangebote entstehen im Alltag unterschiedliche Zeitrhythmen und Aufenthaltsorte, die aufeinander abgestimmt werden müssen.

[39] Beck-Gernsheim (1994), S. 116 und 120. Auch die Familienstrukturen im Zuge der Industrialisierung sind noch von wechselseitigen Abhängigkeiten geprägt, da die Frau meist vom Verdienst des Mannes abhängig ist, während er ihre tägliche Arbeit und Versorgung benötigt (vgl. Beck-Gernsheim (1994), S. 121).

[40] Ebd., S. 116.

[41] Vgl. Beck-Gernsheim (1994), S. 132f. Beispielsweise kann ein Kind die neue Frau des geschiedenen Vaters zur Familie rechnen, während die leibliche Mutter dies wohl nicht tun wird.

[42] Vgl. Wagner (2007), S. 170-175.

[43] Keupp (1994), S. 342.

[44] Ebd., S. 343.

[45] Wagner (2007), S. 187, zitiert nach Hurrelmann.

[46] Ferchhoff/Neubauer (1997), S. 14, zur Vertiefung siehe ebd., S. 14-17.

[47] Ferchhoff/Neubauer (1997), S. 16.

[48] Vgl. Wagner (2007), S. 188.

[49] Vgl. Hurrelmann (2007), S. 38.

[50] Ferchhoff/Neubauer (1997), S. 28

[51] Beck/Beck-Gernsheim (1994), S. 11.

[52] Beck/Beck-Gernsheim (1994), S. 13; Hitzler/Honer (1994), S. 311; Kaulen (1997), S. 84; 87.

[53] Gansel (2000), S. 364.

[54] Vgl. z.B. Gansel (1999), S. 112 und (2000), S. 365f; Lange (1997), S. 1 und (2000), S. 69.

[55] Lange (1997), S. 8.

[56] Die Thematik ist dabei keineswegs gänzlich aus der Literatur verschwunden, verlagert sich aber vom Roman auf Märchen und Novellen. Vgl. hierzu z.B. Steinlein (2004).

[57] Vgl. Lange (1997), S. 8.

[58] Vgl. Grenz (1990), S. 198.

[59] Vgl. ebd.

[60] Ewers (1989), S. 10f.

[61] Ewers (1992), S. 292-294.

[62] Grenz (1990), S. 199.

[63] Vgl. Lange (1997), S. 1-4; Wagner (2007), S. 40.

[64] Vgl. Wagner (2007), S. 41, für die nachfolgenden Ausführungen und zur Vertiefung vgl. ebd., S. 42-46; sowie Lange (1997), S. 1-4.

[65] Wagner (2007), S. 46.

[66] Zu einer ausführlichen Darstellung des Initiationsreise-Romans vgl. Freese (1971), S. 146-177.

[67] Lange (1997), S. 4; zur emanzipatorischen Mädchenliteratur vgl. z.B. Grenz (2000), S. 341-344.

[68] Gansel (1999), S. 115f oder Gansel (2000) S. 370f.

[69] Kaulen (1999b), S. 7.

[70] Kaulen (1999a), S. 328, vgl. auch Gansel (2000), S. 373.

[71] Zu den folgenden Ausführungen vgl. Gansel (1999), S. 117f; Gansel (2000), S. 373-374; Kaulen (1999a), S. 328-330; Wagner (2007), S. 64-73.

[72] Vgl. hierzu Kap. 2.1

[73] Kaulen (1999b), S. 8.

[74] Wagner (2007), S. 78.

[75] Kaulen (1999b), S. 8.

[76] Vgl. Kaulen (1999a), S. 330 und 331.

[77] Vgl. Wagner (2007), S. 83.

[78] Gansel (2000), S. 375.

[79] Vgl. ebd., S. 377.

[80] Zum Zusammenhang von Literatur und Jugendsubkultur vgl. Gansel (1994) und (2000), S. 375-377.

[81] Das Symbol der Jeans führte auch zu dem Terminus „Jeansliteratur“, die heute unter den Adoleszenzroman zu subsumieren ist.

[82] Wagner (2007), S. 84.

[83] Gansel (1999), S. 119.

[84] Vgl. hierzu Wagner (2007), S. 80f.

[85] Vgl. Wagner (2007), S. 115;

[86] Gansel (1999), S. 122; Gansel (2000), S. 380.

[87] Kaulen (1999b), S. 9.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Zu Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen" und Christian Krachts "Faserland"
Untertitel
Moderne und Postmoderne Adoleszenzliteratur im Vergleich
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
79
Katalognummer
V154324
ISBN (eBook)
9783640666782
ISBN (Buch)
9783640666959
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehungswissenschaft, Fachdidaktik Deutsch, Adoleszenzliteratur, Moderne Adoleszenzliteratur, Postmoderne Adoleszenzliteratur, Salinger, Fänger im Roggen, Kracht, Faserland
Arbeit zitieren
Friederike Kloebe (Autor), 2009, Zu Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen" und Christian Krachts "Faserland", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154324

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