In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat die literarische Gattung des Adoleszenzromans eine erneute große Blütezeit erlebt, in der eine Vielzahl unterschiedlich ausgeprägter Werke entstanden ist. Dieser Boom erforderte eine neue Sicht auf die Gattung, und so entstanden die Unterkategorien des traditionellen, des modernen und des postmodernern Adoleszenzromans.
Mit den beiden letztgenannten Gattungsausprägungen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit, und zwar exemplarisch anhand von Jerome D. Salingers „Fänger im Roggen“ und Christian Krachts „Faserland“. Salingers 1951 veröffentlichter Roman wirkte gattungsprägend für den modernen Adoleszenzroman, während Krachts 1995 erschienenes Debüt einer der ersten postmodernen Adoleszenzromane war und als Begründung der neuen deutschen Pop-Literatur galt. Hierunter fallen eine Reihe von Romanen junger Autoren, die, aufgrund ihres Alters, aus der Binnensicht über Jugend und Erwachsenwerden schreiben. „Die neue deutsche Pop-Literatur ist [daher] in ihrem Kern Adoleszenzliteratur“.1
Während moderne Adoleszenzromane wie beispielsweise „Der Fänger im Roggen“ bereits Eingang in den Unterricht gefunden haben, ist dies bei der postmodernen Gattungsausprägung kaum der Fall. Zu groß sind die Vorwürfe, an den Büchern könne nichts gelernt werden, da sie keine erzieherischen Absichten enthalten, und die Scheu vor Werken, zu denen bisher kaum didaktische Modelle existieren. Dabei bieten die thematischen Bezüge zur Alltagswelt der heutigen Jugendlichen ein Potential, das nicht unterschätzt werden sollte. Sie können auch ohne einen pädagogischen Zeigefinger bei der Identitätsfindung, dem zentralen Thema von Adoleszenz, behilflich sein. Dies zu begründen, ist Aufgabe von Kapitel 5.1.
1 Gansel (2003), S. 236; Hervorhebung im Original.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Adoleszenz und Adoleszenzroman
2.1. Lebensphase Adoleszenz
2.2. Die literarische Gattung des Adoleszenzromans
2.2.1 Der klassische bzw. traditionelle Adoleszenzroman
2.2.2 Der moderne Adoleszenzroman
2.2.3 Der postmoderne Adoleszenzroman
3. Analyse der Romane
3.1. Jerome D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ als Beispiel eines modernen Adoleszenzromans
3.1.1. Formale Aspekte
3.1.2. Soziale Kontakte und Kommunikation
3.1.3. Sexualität
3.1.4. Medien und Gesellschaftskritik
3.1.5. Identitätssuche
3.2. Christian Krachts „Faserland“ als Beispiel eines postmodernen Adoleszenzromans
3.2.1. Formale Aspekte
3.2.2. Zitate
3.2.3. Marken
3.2.4. Soziale Kontakte und Kommunikation
3.2.5. Fluchten
3.2.6. Sexualität
3.2.7. Identitätssuche: modern oder postmodern?
4. Vergleich der Romane
5. Didaktische und methodische Überlegungen
5.1. Didaktik
5.2. Methodische Anregungen
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit vergleicht moderne und postmoderne Adoleszenzliteratur anhand der Romane „Der Fänger im Roggen“ von Jerome D. Salinger und „Faserland“ von Christian Kracht. Das primäre Ziel ist es, die spezifischen Merkmale beider Gattungsausprägungen herauszuarbeiten und zu begründen, warum postmoderne Adoleszenzromane trotz didaktischer Vorbehalte ein wertvolles Potenzial für den zeitgemäßen Literaturunterricht bieten.
- Abgrenzung von traditionellen, modernen und postmodernen Adoleszenzromanen
- Analyse zentraler Themen wie Identitätssuche, soziale Beziehungen und Sexualität
- Untersuchung des gesellschaftlichen Wandels und seiner Auswirkungen auf die Adoleszenz
- Entwicklung didaktischer und methodischer Ansätze für den Einsatz dieser Werke im Unterricht
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Soziale Kontakte und Kommunikation
Holden befindet sich zwar anfangs durch seinen Aufenthalt in der Schule in einer Gemeinschaft, allerdings kann man sich seine Mitschüler nicht aussuchen und die Gemeinschaft basiert daher auf Zwang. Die beiden dem Leser vorgestellten Schulkameraden Ackley und Stradlater sind keine Freunde von Holden. Der Außenseiter Ackley ist ungepflegt, ignorant und merkt nicht, wenn er stört (S. 31-40). Holden zieht die Lektüre eines Buches einem Gespräch mit ihm vor (S. 32). Allerdings hat er auch Mitleid mit ihm und nimmt ihn daher mit ins Kino (S. 56, S. 51f). Stradlater hingegen ist das Gegenteil von Ackley. Er ist gutaussehend, sportlich und hat viele Verabredungen mit Mädchen, allerdings ist er eingebildet und oberflächlich (S. 41f). Holden findet Stradlater nicht unsympathisch, er mag seine Großzügigkeit (S. 38) und seine Freundlichkeit (S. 39), jedoch findet er diese auch teilweise verlogen. Zum Zerwürfnis zwischen den beiden kommt es schließlich aus Eifersucht.118 Als Freund bezeichnet Holden nur seinen Schulkameraden Mal Brossard (S. 51), jedoch wird das Verhältnis der beiden durch eine sprachliche Klammer wieder dekonstruiert:119 Als Holden im Kino mit Ackley und Brossard ist, „lachten beide wie die Hyänen über Sachen, die nicht mal komisch waren.“ (S. 53) Samstagabend in New York begegnet Holden einem „Haufen rowdyartige(r) Typen mit ihren Schnecken, und alle lachten sie wie die Hyänen über was, was garantiert nicht komisch war“ (S. 108) und kurze Zeit später bemerkt er über das oberflächliche Publikum in Ernies Bar: „Es waren genau die gleichen Idioten, die bei Filmen wie die Hyänen über Sachen lachten, die überhaupt nicht komisch sind.“ (S. 111) Durch diese Wortklammer wird Mal Brossard in eine Reihe mit unangenehmen, oberflächlichen Menschen gestellt und wird dadurch als echter Freund fragwürdig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit erläutert die Bedeutung der Gattung des Adoleszenzromans und begründet die exemplarische Auswahl von Salingers und Krachts Werken zur Analyse.
2. Adoleszenz und Adoleszenzroman: Dieses Kapitel definiert die Lebensphase Adoleszenz aus psychologischer und soziologischer Sicht sowie die literarische Gattung mit ihren drei Subgattungen.
3. Analyse der Romane: Die Romane werden detailliert hinsichtlich formaler Aspekte, Kommunikation, Sexualität und Identitätssuche untersucht.
4. Vergleich der Romane: Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Werken werden gegenübergestellt, wobei besonders die Identitätskonstruktion der Protagonisten im Fokus steht.
5. Didaktische und methodische Überlegungen: Es wird die Eignung der beiden Romane für den Deutschunterricht erörtert und Methoden wie das literarische Gespräch oder szenische Interpretation vorgestellt.
6. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammenfassend reflektiert und die didaktische Berechtigung der Lektüre beider Romane nochmals unterstrichen.
Schlüsselwörter
Adoleszenz, Adoleszenzroman, Moderne, Postmoderne, Identitätssuche, Salinger, Kracht, Fänger im Roggen, Faserland, Didaktik, Literaturunterricht, Sozialisation, Kommunikation, Bastel-Identität, Individualisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Examensarbeit befasst sich mit dem Vergleich zwischen modernen und postmodernen Adoleszenzromanen unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Wandels.
Was sind die zentralen Themenfelder der Romane?
Die Arbeit analysiert Themen wie Identitätssuche, soziale Beziehungen, Sexualität sowie das Spannungsfeld zwischen dem Individuum und der Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel besteht darin, die Gattungsmerkmale zu bestimmen und ein Plädoyer für die Aufnahme postmoderner Adoleszenzromane in den Deutschunterricht zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Textanalyse zur Untersuchung der Romane sowie fachdidaktische Konzepte zur Begründung ihres Einsatzes im Unterricht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse von Salingers „Der Fänger im Roggen“ als modernem und Krachts „Faserland“ als postmodernem Beispiel sowie deren anschließenden Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Adoleszenz, Identitätssuche, Moderne, Postmoderne, Didaktik und die beiden analysierten Primärtexte.
Warum wird „Faserland“ als postmodern eingeordnet?
Krachts Werk gilt als postmodern, da der Protagonist keine feste Identität mehr anstrebt, sondern eine „Bastel-Identität“ verfolgt und der Roman eine zerfaserte, orientierungslose Struktur aufweist.
Wie unterscheiden sich die Identitätssuchen der Protagonisten?
Holden Caulfield sucht nach einem festen Wesenskern und absoluter Aufrichtigkeit, während der namenlose Protagonist in „Faserland“ ziellos von Erlebnis zu Erlebnis driftet.
- Arbeit zitieren
- Friederike Kloebe (Autor:in), 2009, Zu Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen" und Christian Krachts "Faserland", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154324