Königinnen der Lüfte in Frankreich

Biografien berühmter Fliegerinnen, Ballonfahrerinnen und Luftschifferinnen


Fachbuch, 2010
120 Seiten

Leseprobe

Ernst Probst

Königinnen der Lüfte

in Frankreich

Biografien

berühmter Fliegerinnen,

Ballonfahrerinnen

und Luftschifferinnen

Vorwort

Königinnen der Lüfte in Frankreich

Frankreich kann sich vieler berühmter weiblicher Flugpioniere rühmen. Elisabeth Thible ging als erste Passagierin einer Montgolfière in die Geschichte der Luftfahrt ein. Elise Garnerin erregte mit ihren Auftritten als „Venus im Ballon“ weltweit Aufsehen. Sophie Blanchard tat sich als erste professionelle Luftschifferin hervor. Thérèse Peltier war die erste Flugzeugpassagierin der Welt. Raymonde de Laroche gilt als erste Pilotin der Welt. Marie Marvingt wurde als „Mutter der Luftambulanz“ berühmt. Hélène Boucher machte als „Wunderfliegerin“ Furore und Maryse Hilsz als Rekordfliegerin. Maryse Bastié brach acht Weltrekorde. Adrienne Bolland überquerte als erste Frau mit einem Flugzeug die Anden. Jacqueline Auriol flog als erste Frau schneller als der Schall und war zeitweise die „schnellste Frau der Welt“. Diesen und anderen „Königinnen der Lüfte in Frankreich“ ist das gleichnamige Taschenbuch des Wiesbadener Autors Ernst Probst gewidmet. Es berichtet nicht nur von strahlenden Erfolgen, sondern auch von schmerzlichen Ereignissen, Ergänzt wird das Taschenbuch durch ein umfangreiches Kapitel mit Daten und Fakten über „Königinnen der Lüfte“ aus aller Welt.

Jacqueline Auriol

Sie durchbrach als erste Europäerin

die Schallmauer

Die erste Europäerin, die schneller als der Schall flog, war die französische Pilotin Jacqueline Auriol (1917–2000), geborene Jacqueline Marie-Thérèse Suzanne Douet. Sie stellte einige Weltrekorde auf, war mehrfach – abwechselnd mit Jacqueline Cochran – „die schnellste Frau der Welt“ und galt international als eine der besten Pilotinnen.

Jacqueline Marie-Thérèse Suzanne Douet wurde am 5. November 1917 in Challans Vendée als Tochter eines Holzhändlers geboren. Sie besuchte die Institution „Blanche-de-Castille“ in Nantes sowie die Pariser Schulen „Notre-Dame-de-Sion“ und „École du Louvre“. Im Februar 1938 heiratete die 20-Jährige den nahezu gleichaltrigen Paul Auriol (1918–1992), den Sohn des späteren Präsidenten der französischen Republik. Aus dieser Ehe gingen 1938 der Sohn

Jean-Claude und 1941 der Sohn Jean-Paul hervor.

1947 begegnete die 29-Jährige bei einem Dinner im Präsidentenpalais dem französischen Flieger Raymond Guillaume. Er schwärmte: „Beim Fliegen bleibt alles am Boden zurück. Es gibt nur zwei Dinge dort oben: Leben und Tod“. Seine Worte fielen bei der zweifachen Mutter auf fruchtbaren Boden. Denn die High Society und Repräsentationspflichten an der Seite ihres Mannes, der als Sekretär seines Vater arbeitete, füllten sie nicht aus. Die Kinder sind bereits dem Babyalter entwachsen gewesen.

Ihr Gatte, der früher selbst Kampfflieger gewesen war, zeigte sich von der Idee Jacquelines begeistert, der Schwiegervater dagegen weniger. Als sich zeigte, dass Jacqueline eine große Begabung für die Fliegerei besaß, ließ sie sich auch im Kunstflug ausbilden. Zwischen 1948 und 1954 erwarb sie sechs verschiedene Pilotenscheine für sämtliche Flugzeugtypen, auch für Segelflugzeuge. Aufgrund ihres fliegerischen Könnens konnte sie bald als Einfliegerin und Testpilotin arbeiten.

Im Juli 1949 startete Jacqueline Auriol als einzige Frau unter 20 männlichen Kunstfliegern. Nach diesem Auftritt als tollkühne Luftakrobatin verlieh man ihr den Spitznamen „La Lionne“ („die Löwin“). Eine Woche später stürzte Jacqueline als Kopilotin in einem Wasserflugzeug in die Seine. Sie überlebte das Unglück, erlitt aber schwere Gesichtsverletzungen. Danach musste sie eine Stahlmaske tragen, monatelang flüssig ernährt werden und fast anderthalb Jahre in Kliniken verbringen. Selbst ihre eigenen Kinder erkannten sie nicht mehr.

Um sich von den Unfallfolgen abzulenken, studierte die ans Bett gefesselte und entstellte Jacqueline Auriol eifrig Aeronautik, Algebra und Trigonometrie. In den USA gelang es Schönheitschirurgen, innerhalb von drei Jahren mit 22 Eingriffen das ehedem liebreizende und photogene Gesicht wiederherzustellen. Später erzählte Jacqueline, sie sei sich zwölf Jahre lang beim Blick in den Spiegel fremd vorgekommen.

Gleich nach ihrer letzten Operation in den USA absolvierte Jacqueline Auriol ihr Diplom als Hubschrauberpilotin. Nach ihrer Gesundung wollte sie den von der amerikanischen Fliegerin Jacqueline Cochran (1906–1963), einer Freundin von ihr, gehaltenen Geschwindigkeitsrekord für Frauen brechen. Dieses Vorhaben gelang ihr am 13. Mai 1951 auf dem Flugplatz Villacoublay bei Paris mit einem „Vampire“-Düsenjäger: Mit 818,181 Stundenkilometern wurde sie die „schnellste Frau der Welt“. Im September 1952 erhielt Jacqueline in Frankreich das „Kreuz der Ehrenlegion“.

Der amerikanische Präsident Harry Spencer Truman (1884–1972) verlieh Jacqueline Auriol im November 1952 im „Weißen Haus“ in Washington die „Internationale Harmon Trophy“ für hervorragende fliegerische Leistungen. Diese „Harmon Trophy“ wird seit 1926 alljährlich international in drei Kategorien vergeben: 1. an einen herausragenden Flieger, 2. an eine herausragende Fliegerin und 3. an Aeronauten (Ballonfahrer oder Luftschiffer). Die vierte Kategorie ist die „National Trophy“ in jedem der Mitgliedsstaaten. Der Name der „Harmon Trophy“ erinnert an den amerikanischen Ballonfahrer und Piloten Clifford B. Harmon (1866–1945), den wohlhabenden Sponsor dieser Auszeichnung. Die „Internationale Harmon Trophy“ als „beste Fliegerin der Welt“ erhielt Jacqueline auch 1951, 1953, 1955 und 1956.

Im Dezember 1952 glückte Jacqueline Auriol ein neuer Weltrekord für Frauen: Mit einer „Mistral 76“ erreichte sie zwischen Avignon und Istres über 100 Kilometer Flugstrecke eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 856 Stundenkilometern. Damals wurde Jacqueline Auriol und Jacqueline Cochran abwechselnd der Ehrentitel „schnellste Frau der Welt“ verliehen.

Im August 1953 durchbrach Jacqueline Auriol als erste Europäerin mit einem Düsenjäger des Tpys „Mystère“ die Schallmauer (Mach 1): Sie erreichte 1.195 Stundenkilometer. Ein neuer Geschwindigkeits-Weltrekord für Frauen folgte im Juli 1955: Nun überbot Jacqueline Auriol mit einem Düsenjäger vom Typ „Mystère IV“ mit 1.200 Stundenkilometern den Rekord von Jacqueline Cochran.

Mitte der 1950-er Jahre besaß der Titel „Schnellste Frau der Welt“ nur noch repräsentative Bedeutung. Denn vom 1. Juli 1955 bis Anfang 1956 hatte der „Internationale Luftsportverband“ den Geschwindigkeits-Weltrekordtitel für Frauen abgeschafft.

Im August 1959 übertraf Jacqueline Auriol ihre eigene Bestleistung vom Juli 1955 deutlich: Sie schaffte mit einem Düsenjäger vom Typ „Mirage III“ eine Rekordgeschwindigkeit von 2.150 Stundenkilometern. Der Flug fand über dem Flughafen Istres statt. Drei Jahre später, am 22. Juni 1962, brach Jacqueline mit einem neuen französischen Düsenjäger, dem „Mistral III“, mit 1.849 Stundenkilometern erneut den internationalen Schnelligkeitsrekord für Frauen über eine Strecke von 100 Kilometern.

Mit einer „Mirage III-R“, glückte Jacqueline Auriol am 14. Juni 1963 in Istres ein neuer Rekord. Dabei erreichte sie 2.038,7 Stundenkilometer. 1964 gelang ihr ein weiterer Rekord.

Nach ihrem folgenschweren Absturz vom Juli 1949 absolvierte Jacqueline Auriol unfallfrei noch mehr als 4.000 Flugstunden. Sie rauchte und lachte gerne und war auf ihren ältesten Sohn stolz, der bereits im Alter von 17 Jahren seinen Pilotenschein erworben hat. Die „Süddeutsche Zeitung“ bescheinigte ihr nach einem Auftritt beim „Internationalen Flugtag 1956“ in München-Riem, in ihren Augen liege jener Blick, der manchmal aus fernen Weiten zurückzukehren scheine, der Blick der besessenen Fliegerin.

Die „schnellste Frau der Welt“ starb am Abend des 11. Februar 2000 im Alter von 82 Jahren in ihrer Pariser Wohnung. 2003 wurde sie von der „Women in Aviation International“ („WAI“) anlässlich des Jubiläums „Centennial of Flight Woman in Aviation“ als eine der 100 wichtigsten Frauen in der Luft- und Raumfahrtindustrie geehrt.

Maryse Bastié

Die Fliegerin, die acht Weltrekorde brach

Frankreichs berühmteste Fliegerin war Maryse Bastié (1898–1952), geborene Marie-Louise Bombec. Sie erwarb 1928 als erste Französin den Führerschein für Passagierflugzeuge und stellte in den 1930-er Jahren acht Weltrekorde auf. 1952 kam die tüchtige Pilotin auf tragische Weise bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Zu ihren Lebzeiten bezeichnete man sie respektvoll als „Sprinterin der Luft“, „Himmels-Trumpf“ oder „Dauerläuferin am Firmament“.

Marie-Louise („Maryse“) Bombec wurde am 27. Februar 1898 als eines von acht Kindern der armen Eheleute Joseph Bombec und Céline Filhollaud in Limoges (Département Haute Vienne) geboren. Im Alter von elf Jahren verlor sie ihren Vater. Als Mädchen soll sie ungestüm und stur gewesen sein. Nach dem Verlassen der Schule arbeitete sie in einer Schuhfabrik, wo sie Leder nähte. Am 11. Februar 1915 heiratete die 16-Jährige den Porzellanmaler Baptiste Gourinchas. Aus dieser Ehe, die später geschieden wurde, ging ein Sohn hervor, der jung an Typhus starb.

Am 22. Mai 1922 schloss die geschiedene Maryse Gourinchas ihre zweite Ehe mit dem ehemaligen Militärpiloten und entlassenen Fliegerleutnant Louis Bastié (1897–1926). Zu-nächst führten Maryse und Louis ein Schuhgeschäft. Später arbeitete ihr Mann als Fluglehrer in Bordeaux-Merignac. Er stürzte am 15. Oktober 1926 während eines Probefluges vor ihren Augen tödlich ab.

Durch ihren Gatten hatte sich auch Maryse Bastié für die Fliegerei begeistert. Am 29. September 1925 erhielt sie den Pilotenschein und 1928 den Führerschein für Passagierflugzeuge. Bei einer Flugschule arbeitete sie sechs Monate lang als Fluglehrerin.

Mit ihren letzten Ersparnissen kaufte sich Maryse Bastié ein gebrauchtes kleines Flugzeug des Typs „Caudron C109“, das sie liebevoll „Trottinette“ („Radelrutsch“) nannte. Danach hatte sie kein Geld zum Fliegen, aber der Pilot Maurice Drouhin unterstützte sie finanziell. Ihren ersten Rekord stellte sie am 13. Juli 1928 zusammen mit Drouhin bei einem 1.058 Kilometer langen Flug von Paris nach Treptow in Pommern auf.

1929 kreiste Maryse Bastié 26 Stunden 48 Minuten lang über dem Pariser Flughafen Le Bourget und brach damit den Alleinflug-Dauerrekord für Frauen. Die in Deutschland geborene und in Frankreich lebende russisch-stämmige Pilotin Lena Bernstein (1906–1932) blieb kurz darauf noch länger mit ihrer Maschine in der Luft als sie. 1930 erkämpfte sich Maryse in 22 Stunden 40 Minuten mit ihrem 40 PS starken deutschen Leichtflugzeug des Typs „Klemm KL25“ die Urkunde für den „Internationalen Rekord in geschlossener Bahn“. Im September 1930 triumphierte sie über Lena Bernstein, als sie mit ihrem Klemm-Leichtflugzeug 37 Stunden 55 Minuten flog, ohne zu tanken, und einen neuen Alleinflug-Dauerrekord für Frauen aufstellte. Dabei kämpfte sie bis zur Erschöpfung gegen die Kälte, den Mangel an Schlaf und Abgase des Motors.

Am 28. Juni 1931 startete Maryse Bastié zu einem aufsehenerregenden Langstreckenflug. Mit diesem fast 3.000 Kilometer weiten Direktflug von Frankreich (Paris) über Deutschland nach Russland (Urino bei Nishni Nowgorod in Sibirien) in 30 Stunden 30 Minuten brach sie den bis dahin von Lena Bernstein gehaltenen Frauen-Weltrekord und stellte den absoluten Weltrekord für Kleinflugzeuge auf. Fortan galt sie als berühmte Fliegerin und konnte von den Einnahmen, die ihr die Flüge mit der eigenen Maschine sowie Werbung einbrachten, leben.

1931 erhielt Maryse Bastié als erster Franzose die renommierte „Internationale Harmon Trophy“ als „beste Fliegerin der Welt“. Die „Internationale Flieger-Liga“ verlieh ihr 1932 den offiziellen Weltmeistertitel für Frauen. 1934 flog sie als erste Frau von Paris nach Tokio und zurück. Im Jahr darauf gründete sie 1935 auf dem Flugplatz Orly die Flugschule „Maryse Bastié Aviation“. Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ arbeitete sie in den 1930-er Jahren auch als Verkaufsdirektorin bei einem Motoren- und Flugzeughersteller.

Louise Bastie und die französische Fliegerin Adrienne Bolland (1895–1975) unterstützten die 1934 von der Politikerin, Feministin, Schriftstellerin und Journalistin Louise Weiss (1893–1983) und Cécile Brunsvicg gegründete Vereinigung „La femme nouvelle“ („Die neue Frau“). Diese strebte das Frauenwahlrecht und die Stärkung der Rolle der Frauen im öffentlichen Leben an.

Kurz nach dem Verschwinden des französischen Fliegers Jean Mermoz (1901–1936) über dem Atlantik krönte Maryse Bastié ihre fliegerische Leistung im Dezember 1936, als sie durch Nebel und Gewitterwolken von Dakar in Westafrika über den Südatlantik nach Natal in Brasilien flog. Dabei war sie 12 Stunden 5 Minuten unterwegs, also eine Stunde schneller als die bisherige Rekordhalterin Jean Batten (1909–1982) aus Neuseeland, und erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 260 Stundenkilometern. Für diesen Ozeanflug hatte ihr der französische Luftfahrtminister eine Maschine des Typs „Caudron Simoun“ zur Verfügung gestellt. Nach der triumphalen Heimkehr verlieh er ihr 1937 den Titel eines „Offiziers der Ehrenlegion“. Im Sommer 1937 flog Maryse zusammen mit der französischen Pilotin Suzanne Tillier von Paris nach Krasnojarsk und zurück.

Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) meldete sich Maryse Bastié freiwillig als Pilotin zu den Luftstreitkräften. Sie konnte aber als Frau wegen der damaligen Bestimmungen nicht

angenommen werden und wurde statt dessen Fahrerin eines Ambulanzwagens. Während der deutschen Offensive im Mai 1940 arbeitete sie für das „Rote Kreuz“ und half vor allem französischen Kriegsgefangenen im Lager Drancy. Bei der Abfahrt eines Zuges mit Kriegsgefangenen nach Deutschland wurde Maryse von einem deutschen Wachtposten gestoßen, brach sich dabei den rechten Ellenbogen und behielt fortan eine Behinderung. Unter dem Deckmantel des „Roten Kreuzes“ sammelte sie Informationen über die Insassen des Lagers.

1940 starb der einzige Sohn von Maryse Bastié als Soldat in Tunis. Daraufhin schloss sie sich der französischen Widerstandsbewegung („Résistance“) an. Nach der Befreiung von Paris trat sie der „Women’s Auxiliary“ der „Air Force“ bei und hatte den Rang eines Leutnants. 1946 wurde sie entlassen. 1947 erhielt sie als erste Frau den Rang eines Kommandanten der Ehrenlegion. Ab 1951 arbeitete sie für die PR-Abteilung eines Testflug-Centers.

Maryse Bastié, die bis dahin ohne schwere Unfälle geflogen war, verlor am 6. Juli 1952 im Alter von 54 Jahren bei einem Sommer-Flugmeeting auf dem Flugplatz Lyon-Bron ihr Leben. Sie wurde nach dem Absturz eines zweimotorigen Transportflugzeuges „Nord 2501 Noratlas“ aus rund 200 Metern Höhe unter den Trümmern begraben und erschlagen. Auch die fünfköpfige Besatzung starb.

Die berühmte Fliegerin wurde in Paris auf dem Montparnasse-Friedhof beigesetzt, wo ihr Grab noch heute erhalten ist. In Frankreich tragen viele Schulen – zum Beispiel in ihrem Geburtsort Limoges in Reims und in Hayange-Marspich – den Namen von Maryse Bastié. 1955 wurde sie mit ihrem Porträt auf einer französischen Briefmarke geehrt.

Sophie Blanchard

Die erste professionelle Luftschifferin

Als tollkühne Ballonfahrerin begeisterte die Französin Madeleine Sophie Blanchard (1778–1819), geborene Madeleine Sophie Armant, in Frankreich, Belgien, Italien und Deutschland die Massen. Zuerst trat sie mit ihrem Mann und später alleine auf. Wegen der Form der Gondel ihres Ballons bezeichnet man sie auch als „Luftschifferin“, obwohl das erste richtige Luftschiff erst 1852 aufstieg. Die erste professionelle „Luftschifferin“ und „Kaiserliche Aeronautin“ von Napoléon I. stürzte über Paris bei ihrer 67. Ballonfahrt in den Tod. Sie gilt als die erste Frau, die bei einem Flugunfall starb.

Madeleine Sophie Armant wurde 1778 in Trois-Canons im französischen Département Charente Maritime geboren. Es heißt über sie, sie sei wohlbehütet in ihrem bescheidenen Elternhaus in Trois-Canons aufgewachsen.

1804 heiratete Madeleine Sophie Armant im Alter von 26 Jahren den berühmten französischen Ballonfahrer Jean-Pierre Blanchard (1753–1809), der aus Les Andelys stammte. Ihr Ehegatte war damals etwa doppelt so alt wie sie.

Jean-Pierre Blanchard hatte sich bereits als Ballonfahrer in Europa einen Namen gemacht. Am 2. März 1784 startete er auf dem Marsfeld in Paris mit einem wasserstoffgefüllten Ballon zu seiner ersten Ballonfahrt, bei der er die Seine überflog. Einige Monate später landete er nach einer erfolgreichen Ballonfahrt zusammen mit einem Begleiter in der Normandie. Laut Anekdote wurden die beiden Ballonfahrer von Scharen wild gestikulierender herbeilaufender Bauern ungläubig in Empfang genommen. Einige Augenzeugen fielen auf die Knie, falteten die Hände zum Gebet, andere rannten entsetzt davon. Ein Bauer soll zu den Ballonfahrern nach oben gerufen haben, ob sie Menschen oder Götter seien und sie sollten sich zu erkennen geben. Daraufhin sollen die Ballonfahrer geantwortet haben, sie seien Menschen und zum Beweis ihre Mäntel abgeworfen haben.

Am 7. Januar 1785 überflog Jean-Pierre Blanchard zusammen mit dem aus Boston (Massachusetts) stammenden amerikanischen Physiker Dr. John Jeffries (1744–1819), der in England lebte, erstmals mit einem gasgefüllten Ballon von England (Dover) über den Ärmelkanal nach Frankreich. Weil Blanchard den Ruhm, der Erste zu sein, der den Ärmelkanal mit dem Ballon überquerte, nicht teilen wollte, versuchte er, seinen Geldgeber Jeffries mit üblen Tricks an der Mitfahrt zu hindern, was ihm aber nicht gelang. Die abenteuerliche Fahrt dauerte 2 Stunden 25 Minuten. Zuletzt warfen die beiden Ballonfahrer allen Ballast (Seile, Anker, Sitze, wissenschaftliche Instrumente) ab, um nicht abzustürzen, zogen sich bis auf ihre Unterwäsche aus, entleerten sogar ihre Blasen in den Ärmelkanal und kletterten von der Gondel in die Halteseile. Als die Küste von Frankreich näher kam, wurde der Ballon von einem warmen Aufwind erfasst und erreichte das Festland.

In der Folgezeit trat Jean-Pierre Blanchard öffentlich als Ballonschausteller auf. Zur ersten Luftreise in Deutschland startete er am 3. Oktober 1785 anlässlich der Herbstmesse in Frankfurt am Main, das deswegen als Wiege der deutschen Luftfahrt gilt. Zuvor hatten zwei geplante Starts am 25. und 27. September wegen stürmischem Wetter nicht geklappt. Erst am 3. Oktober 1785 gelang der Start auf der Bornheimer Heide vor angeblich 100.000 Zuschauern/innen. Frankfurt zählte damals nur etwa 35.000 Einwohner. Blanchard hatte eine Flasche Wein und zwei Milchbrote als Proviant an Bord. Erstmals ließ er seinen Hund mit einem Fallschirm zur Erde herunterschweben. Seine Fahrt ging von der Bornheimer Heide nach Weilburg an der Lahn, wo erst der dritte Landeversuch gelang. Zuerst wollte Blanchard auf einer Wiese landen, warf den Anker aus, aber ein Kind knüpfte den Ballon wieder los. Am zweiten vorgesehenen Landeplatz, einem Gestrüpp, machte ein Schäfer die Stricke wieder los. Das deutsche Kind und der Schäfer hatten wohl nicht verstanden, was der Franzose ihnen zuschrie. Beim dritten Versuch setzte Blanchard den Anker in das Wasser der Lahn und der Ballon landete am Ufer. Im Schloss von Weilburg wurde der französische Luftpionier, der mit dem Fürsten Carl von Nassau befreundet war, mit einem Festmahl gefeiert. Mit einem Wagen brachte man ihn später nach Frankfurt am Main, wo man ein Festspiel arrangiert hatte, in dessen Mittelpunkt Blanchard und sein Ballon standen. Es folgten ein Gelage mit vornehmen Herrschaften im „Römischen Kaiser“ und ein Empfang im Römer, wo ihm der Rat „50 Stück doppelte Krönungsstücke in Gold von der Krönung Kaiser Josephs II. von 1764, hundert Dukaten im Wert“ überreichte.

Jean-Pierre Blanchard nahm für sich die Erfindung des Fallschirms in Anspruch. Sein Fallschirm rettete ihm am 21. November 1785 das Leben. Als sein Ballon wegen Überdrucks zu platzen drohte, stieß er einige Löcher in die Hülle, um dies zu verhindern. Weil das Gas nun so schnell ausströmte, dass ein Absturz unmittelbar bevorstand, musste er sich mit seinem Fallschirm retten. Dabei handelte es sich um den ersten verbürgten, wenngleich unfreiwilligen Fallschirmabsprung eines Menschen und die erste Luftrettung in der Luftfahrtgeschichte.

Eine weitere Ballonfahrt in Deutschland unternahm Jean-Pierre Blanchard am 23. Juli 1786 in Hamburg. Auch dort begeisterte er das Publikum.

Vor den Stadttoren von Nürnberg bewunderten am 12. November 1787 schätzungsweise mehr als 50.000 Zuschauer/innen einen Ballonstart von Jean-Pierre Blanchard. Einem Gerücht zufolge hatte er die letzte Beichte für den Fall abgelegt, dass ihm etwas zustoßen sollte. 240 Stadtsoldaten sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Das Füllen der Ballonhülle wurde durch Böllerschüsse verkündet. Nach dem durch Händeklatschen und Vivarufe begleiteten Aufstieg um 11.26 Uhr in der Gegend des heutigen Stadtparks liefen Tausende von Menschen über abgeerntete Felder dem Ballon hinterher, kamen aber wegen dessen Schnelligkeit nicht nach. Bis heute hat sich in Nürnberg die Redensart „No schau’ ner hie, der rennt wie beim Blenscherd“ erhalten. Der Ballon flog angeblich bis zu 1.600 Meter hoch und landete um 12.15 Uhr bei Braunsbach im Knoblauchsland. Unter dem Jubel der Bevölkerung geleitete man Blanchard zurück in die Stadt, wo neben mehrtägigen Feierlichkeiten weitere Flugexperimente abgehalten wurden.

In Berlin erinnert noch heute der Ballonplatz in Karow-Nord an eine Landung von Jean-Pierre Blanchard nach einer Ballonfahrt. Dazu war er am 27. September 1788 auf dem Exerzierplatz im Tiergarten gestartet.

Der Magistrat von Hannover ernannte Jean-Pierre Blanchard nach einer Flugvorführung 1790 in der Stadt an der Leine zum Ehrenbürger.

In Wien führte Jean-Pierre Blanchard am 6. Juli 1791 eine Ballonfahrt vom Praterzum Vorort Groß-Enzersdorf durch. Bei einer Tournee durch Österreich verhaftete man ihn 1792, weil man den Verdacht hatte, er würde die radikalen Ideen der „Französischen Revolution“ verbreiten. Wegen fehlender Beweise ließ man ihn wieder frei.

In der Neuen Welt hat Jean-Pierre Blanchard die erste Ballonfahrt unternommen. Am 9. Januar 1793 stieg er aus dem Washington Prison Yard (Philadelphia) mit seinem Ballon in die Luft, wobei ihm kein Geringerer als Präsident George Washington (1732–1799) zusah. Die Landung erfolgte in Deptford, Gloucester County (New Jersey). Im September 1796 fegte ein Tornado durch New York, wobei Blanchards 16-jähriger Sohn aus der Ehe mit seiner ersten Frau Victorie getötet und die Ballonhalle zerstört wurde, in der sich die gesamte Ausrüstung befand. Im Mai 1797 floh Blanchard wegen seiner Schulden mit seiner Frau Victorie und drei Töchtern aus Amerika. Irgendwann danach kam es zur Trennung.

Was Madeleine Sophie Armant bewog, die zweite Ehefrau von Jean-Pierre Blanchard zu werden, ist eigentlich verwunderlich. Denn ihr Gatte war merklich älter als sie und wurde von Zeitgenossen als sehr kein (nicht viele Inches größer als fünf Fuß), spindeldürr, nicht besonders temperamentvoll, unangenehme Kreatur, humorlos und verdrießlich beschrieben.

Vielleicht war es die Begeisterung für die Luftfahrt, welche die beiden zusammenschweißte? Zusammen mit ihrem Gatten Jean-Pierre schwebte Sophie mit einem Ballon in zweieinhalb Stunden von Frankreich (Calais) über den Ärmelkanal nach England (Dover). Bald unternahm sie alleine Ballonfahrten. Außerdem sah man das Ehepaar Blanchard bei Ballonaufstiegen in vielen europäischen Großstädten.

Während seiner 60. Ballonfahrt über dem niederländischen Den Haag erlitt erlitt Jean-Pierre Blanchard einen Schlaganfall. Er konnte zwar noch sicher landen, starb aber kurz darauf am 7. März 1809 im Alter von 55 Jahren in Paris. Später hat man einen Mondkrater mit einem Durchmesser von 40 Kilometern nach ihm benannt.

Nach dem Tod ihres Ehemannes drohte seine 31-jährige Witwe zu verarmen. Denn sie hatte keine Ausbildung, keinen Beruf und keine eheliche Versorgung. Ihr einziger Besitz waren die Ballone ihres Gatten. Damit bestritt sie fortan ihren Lebensunterhalt, indem sie bei größeren Anlässen mit einem Ballon aufstieg und manchmal artistische Kunststücke auf einer Schaukel darunter vorführte.

Abenteuerlich verlief eine Ballonfahrt von Madeleine Sophie Blanchard am 16. September 1810 in Frankfurt am Main. Sie startete ohne Gondel auf einem Seil sitzend, wurde in den Taunus abgetrieben und landete dort mit starken Erfrierungen. Danach musste sie fast ein Jahr lang pausieren.

Bei ihren Auftritten mit dem Ballon zeigte Madeleine Sophie Blanchard gewagte Kunststücke außerhalb der Gondel, die sie mit einem Feuerwerk beleuchtete. Solche Schauspiele wurde von Tausenden von Zuschauern bejubelt. In Frankreich gab es bald kein großes offizielles Fest mehr, bei dem Sophie nicht zu bewundern war.

Kaiser Napoléon I. (1769–1821) ernannte Madeleine Sophie Blanchard zur „Kaiserlichen Aeronautin“. Bei seiner zweiten Hochzeit 1810 mit Erzherzogin Marie Louise von Österreich (1791–1847) war sie auf dem Pariser Marsfeld und 1811 bei den Feiern zur Geburt seines Sohnes Louis (1811–1832) in Saint-Cloud die große Attraktion.

Am 7. Juli 1819 fand Madeleine Sophie Blanchard im Alter von nur 41 Jahren bei einer nächtlichen Ballonfahrt über dem Pariser Vergnügungspark „Tivoli“ den Tod. Als sie in etwa 300 Meter Höhe ein Feuerwerk loslassen wollte, explodierte ein Feuerwerkskörper zu früh und der Ballon begann zu brennen. Die Zuschauer/innen hielten den brennenden Ballon zunächst für eine besonders gelungene Darstellung und brachen in Jubel aus. Erst als der Ballon brennend herabfiel, die Gondel auf ein Dach prallte und sich überschlug, Sophie Blanchard herausgeschleudert wurde und auf die Straße stürzte, begriffen die Menschen, was sich tatsächlich ereignet hatte.

Bei der Beerdigung von Madeleine Sophie Blanchard auf dem Pariser Friedhof „Père Lachaise“ nahm eine unübersehbare Menschenmenge von der berühmten Ballonfahrerin bewegt Abschied. Noch heute erinnert dort ein großes Monument, das mit Spenden der Bevölkerung errichtet wurde, an die mutige Frau.

Ironie de Schicksals: Jean-Pierre Blanchard, der Mann, der es verabscheute, den Ruhm zu teilen und immer allein im Rampenlicht stehen wollte, musste letztendlich die Ehre der Berühmtheit teilen. Beim Namen Blanchard denkt man heute nicht nur an ihn, sondern auch an seine zweite Frau Sophie.

Adrienne Bolland

Die erste Frau, die über die Anden flog

Die erste Frau, die über die Anden flog, war die französische Pilotin Adrienne Bolland (1895–1975). Bei diesem strapaziösen Flug über die südamerikanische Gebirgskette erreichte sie eine Höhe bis zu 4.500 Metern. Als junge Frau machte sie in den 1920-er Jahren auch durch andere spektakuläre Flüge von sich reden.

Adrienne Bolland wurde am 25. November 1895 als jüngstes von sieben Kindern des Journalisten und Schriftstellers Henri Boland und seiner Ehefrau Marie Josephine in Arcueil (Département Val-de-Marne) geboren. Arcueil liegt etwa fünf Kilometer von der französischen Hauptstadt Paris entfernt. Als Kind war sie sehr trotzig und ließ sich nichts sagen.

Im Herbst 1919 beschloss Adrienne Bolland, Pilotin zu werden und mit den Einkünften ihre Spielschulden zu tilgen. Damals ging sie zum Flugzeugpionier René Caudron (1884–1959) und erklärte ihm, sie wolle fliegen. Ihren Wunsch trug sie so überzeugt, vor, dass sie Gehör fand.

Adrienne Bolland nahm an der Flugschule von Réne Caudron ihren Flugunterricht. Dieser hatte 1909 zusammen mit seinem Bruder Gaston Caudron (1882–1915) zunächst ein Segelflugzeug und später auch motorgetriebene Flugzeuge hergestellt. Beide hatten am Strand von Le Crotoy einen Hangar errichtet und auch eine Flugschule gegründet, an der Franzosen und Ausländer – wie die Amerikanerin Bessie Coleman (1893–1926) – das Fliegen lernten. Gaston Caudron kam 1915 bei einem Flugversuch in Lyon ums Leben. Die Caudron-Flugschule blieb bis 1928 in Le Crotoy und wurde später nach Ambérieu-en-Bugey (Département Ain) verlegt. 1929 kam eine weitere Flugschule in Royan (Département Maritim) dazu.

Adrienne Bolland war 24 Jahre alt, als sie am 26. Januar 1920 den Flugschein erhielt. Bereits im Februar jenes Jahres stellte die Flugzeugbaufirma Caudron sie als Pilotin ein. Sie war die erste Frau, die bei dieser Firma als Testpilotin arbeitete. Man wollte zeigen, dass die Maschine „Caudron G-III“ sehr leicht zu handhaben sei, weil eine junge Frau sie fliegen konnte. Dieses Flugzeug sah angeblich aus wie eine „Rattenfalle“, war aber sehr flexibel und stabil.

Am 25. August 1920 überquerte Adrienne Bolland als zweite Frau im Flugzeug den Ärmelkanal (Englischer Kanal) zwischen Frankreich und England. Dieses Kunststück hatte 1912 die amerikanische Fliegerin Harriet Quimby (1875–1912) als erste Frau geschafft.

Einen ihrer größten Erfolge feierte Adrienne Bolland am 1. April 1921. An jenem Tag flog sie mit einer „Caudron G-III“ in drei Stunden 15 Minuten von Mendoza (Argentinien) nach Santiago de Chile über die Anden. Letztere sind mit rund 7.500 Kilometer Länge die längste Gebirgskette der Erde, teilweise mehr als 600 Kilometer breit und ihr größter Berg, der Aconcagua, ist 6.962 Meter hoch.

Den ersten Anden-Überflug überhaupt hatte am 12. Dezember 1918 der chilenische Leutnant Dagoberto Godoy (1893–1960) geschafft. Er war in El Bosque, etwa 40 Kilometer nördlich von Santiago de Chile, gestartet, in einer Höhe von rund 6.300 Metern geflogen und nach 1 Stunde 35 Minuten in Lagunitas bei Mendoza in Argentinien gelandet.

Adrienne Bolland gilt als die erste Frau, die den Alleinflug über die Anden schaffte. In der Literatur wird diese bravouröse Leistung mitunter irrtümlich der amerikanischen Fliegerin Laura Ingalls (1901–1967) zugeschrieben, die aber in Wirklichkeit erst 1934 die Anden überquerte.

Für Adrienne Bolland war ihr Rekordflug von 1921 über die Anden ein gefährliches Abenteuer. Sie musste mit schwierigen Witterungsbedingungen, eisiger Kälte, dünner Höhenluft und gesundheitlichen Problemen fertig werden. Unter ihrer Fliegerkluft trug sie seidene Pyjamas und Zeitungen.

Adrienne Bolland flog teilweise bis in eine Höhe von 14.750 Fuß (umgerechnet rund 4.500 Meter), obwohl ihr Flugzeug nur maximal 4.000 Meter hoch steigen sollte. Während des Fluges im offenen Cockpit und ohne Windschutzscheibe wurde ihr Sehvermögen wurde beeinträchtigt, ihre Nase und ihr Mund waren voller Blut, ihre Hände und Füße eiskalt. Sie fühlte sich benommen und konnte in der dünnen Atmosphäre kaum noch atmen. Manchmal wurde ihre Maschine nach unten gedrückt und sie musste sie mit ganzer Kraft wieder nach oben ziehen, wobei die Flügel flatterten und zitterten.

Als sie rund zehn „höllische“ Minuten lang die Orientierung verlor, entdeckte Adrienne Bolland unten einen austerförmigen See, der ihr wieder den richtigen Weg wies. Kurz vor ihrem Start zum Flug über die Anden war sie nämlich von einer Brasilianerin, die von ihr in der Zeitung erfahren hatte, im Hotel besucht worden und hatte den Rat erhalten, welche Richtung sie nach diesem See einschlagen sollte.

Diese Empfehlung rettete vermutlich ihr Leben. Sie orientierte sich nach einem Tal rechts von ihr, flog nach links entlang einer schier unüberwindbar wirkenden hohen Felswand, wurde vom Wind hochgehoben, überquerte einen Pass, erreichte plötzlich stille Täler und sah endlich den Pazifik vor sich.

Bei der Landung nach ihrem spektakulären Flug über die Anden wurde Adrienne Bolland in Santiago de Chile begeistert von einer großen Menschenmenge empfangen. Der französische Konsul dagegen nahm keine Notiz von ihr, weil er diesen Rekordflug irrtümlich für einen Aprilscherz gehalten hatte. 1923 verlieh man ihr den „Orden der Ehrenlegion“.

Auf dem Flugplatz Orly in Frankreich glänzte Adrienne Bolland am 27. Mai 1924 auch als Kunstfliegerin. Sie schaffte mit 212 Loopings innerhalb von 73 Minuten einen neuen Weltrekord. In einem Interview mit der Zeitschrift „Icarus“ gestand sie später, eigentlich hätte sie 1.111 Schleifen fliegen wollen, um den damaligen männlichen Rekord zu brechen. 1930 heiratete sie den Flieger Ernest Vinchon (1893–1966).

Von der Tüchtigkeit und vom Geschäftssinn Adrienne Bolland’s zeugt, dass sie zeitweise zwei Flugzeuge besaß. Damit betrieb sie eine Luftverkehrsgesellschaft, die auch Personen transportierte.

Die Flugzeugfirma „Caudron“, für die Adrienne Bolland arbeitete, war bis 1933 erfolgreich. Dann geriet sie in finanzielle Schwierigkeiten, wurde von dem französischen Industriellen Louis Renault (1887–1944) am 1. Juli jenes Jahres aufgekauft und in „Société anonyme des avions Caudron“ umbenannt. Diese Firma konzentrierte sich nur noch auf den Bau von Leichtflugzeugen.

Während des Zweiten Weltkrieges hatte Adrienne Bolland eine aktive Rolle in der französischen Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer. Ihre fliegerischen Erfolge sind ihr nicht zu Kopf gestiegen. Darauf deutet ihr kluger Ausspruch „Ehre ist flüchtig“ hin.

Am 18. März 1975 ist Adrienne Bolland im Alter von 79 Jahren in Donnery gestorben. Sie fand auf dem Friedhof von Donnery ihre letzte Ruhe. In zahlreichen französischen Städten erinnert der Straßenname „Rue Adrienne Bolland“ an sie. Im Oktober 2005 wurde sie in Frankreich auf einer Briefmarke abgebildet.

Hélène Boucher

Die französische „Wunderfliegerin“

Eine frühe französische Pilotin war Hélène Boucher (1908–1934). Die „Wunderfliegerin“ stellte im Laufe ihres kurzen Lebens insgesamt zehn Weltrekorde auf. Eine ihrer bekanntesten Leistungen war ihr Geschwindigkeitsrekord von 1934 über 100 Kilometer, womit sie in jenem Jahr als „schnellste Frau der Welt“ galt. Hélène ist in jungen Jahren bei einem Übungsflug ums Leben gekommen.

Hélène Boucher kam am 23. Mai 1908 in Versailles zur Welt. Von früher Kindheit an nannte man sie „Léno“, dies war ein Anagramm des Vornamens Noel eines Verwandten. Ihre Schulferien verbrachte sie auf einem Bauernhof in einem kleinen Weiler unweit von Maintenon, wo die „kleine Dame“ zeitweise Tiere hütete. Sie hatte ein großes Talent zum Zeichnen von Tieren und nahm Zeichenunterricht.

Im Alter von 16 Jahren lernte Hélène Boucher das Autofahren. Es heißt, sie sei kein Wildfang, sondern ein Mädchen mit frischem Gesicht, hübschen Mandelaugen und zierlicher, guter Figur gewesen. Zeitgenossen beschrieben sie überschwänglich als schlagfertig, entschlossen, ausdauernd, hartnäckig, über-zeugend, offen, ehrlich, spontan, mutig, bescheiden, fleißig und frei von Bosheit.

Nach dem Abschluss der Schule trat Hélène Boucher in das „College Sevigne“ ein. Eines Tages teilte sie ihren Eltern mit, ein Bachelor nütze ihr wenig, sie sei ziemlich gut in Englisch und wolle nach London gehen, um sich zu verbessern. Ihr Vater reiste mit ihr auf die Isle of Wight, quartierte sich dort in einer Pension ein und Hélène führte drei Monate lang das schöne Leben eines Mädchens aus der Mittelschicht.

Ein 20 Minuten langer Flug über dem Flugplatz von Orly am 4. Juli 1930 in einer zweisitzigen „Gipsy Moth“ zusammen mit dem Piloten Le Folcavez war ein Schlüsselerlebnis für die 22-jährige Hélène Boucher. Sie begeisterte sich für die Fliegerei, kam jedes Wochenende zum Flugplatz Orly und wollte das Fliegen lernen.

An einem Sonntag im Herbst 1930 begegnete Hélène Boucher auf dem Flugplatz Orly dem Piloten Henri Liaudet (1894–1956), dem sein Kollege Le Folcavez bereits von der jungen Frau erzählt hatte, die mit ihm ihren ersten Flug unternommen hatte. Dabei erfuhr Liaudet, dass Hélène gerne selbst fliegen würde, und sie wurden gute Freunde.

Eines Tages wurde Hélène Boucher von Henri Farbos (1894–1964), dem Gründer einer Flugschule in Mont-de-Marsan, der Hauptstadt des Départements Landes, angesprochen. Er teilte ihr mit, er habe ihren Freund Liaudet als Fluglehrer engagiert, und lud sie ein, sie solle eine seiner ersten weiblichen Flugschüler werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Königinnen der Lüfte in Frankreich
Untertitel
Biografien berühmter Fliegerinnen, Ballonfahrerinnen und Luftschifferinnen
Veranstaltung
-
Autor
Jahr
2010
Seiten
120
Katalognummer
V154354
ISBN (eBook)
9783640671359
ISBN (Buch)
9783640671519
Dateigröße
1591 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Jacqueline Auriol, Maryse Bastié, Sophie Blanchard, Adrienne Bolland, Hélène Boucher, Hélène Dutrieu, Elise Garnerin, Maryse Hilsz, Raymonde de Laroche, Marie Marvingt, Thérèse Peltier, Elisabeth Thible, Lena Bernstein, Fliegerinnen, Pilotinnen, Fliegerei, Ballonfahrerinnen, Luftschifferinnen, Frauenbiografien, Biografien, Dave Lam, Luftfahrt
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Königinnen der Lüfte in Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154354

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