Der Konflikt zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. bis 1078


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
56 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die Person Heinrich IV.
2.1.1 Von der Geburt bis zur Regentschaft
2.1.2 Eigenständige Herrschaft
2.2. Die Person Gregor VII.
2.2.1 Geburtsort
2.2.2 Familie
2.2.3 Kindheit und Jugend
2.2.3.1 Der Lateran
2.2.3.2 Die Erziehung
2.3. Kirchlicher Werdegang bis zur Papstwahl
2.3.1 Subdiakon
2.3.2 Legatentätigkeit in Frankreich und Deutschland
2.3.3 Archidiakon
2.3.4 Das Laterankonzil 1059
2.3.5 Die milites Christi
2.3.6 Die Papstwahl am 22.04.1073
2.3.7 Das Pontifikat
2.4. Der Konflikt
2.4.1. Anbahnung des Konfliktes
2.4.2. Der offene Kampf

3. Schluss
3.1. Zusammenfassung
3.2. Beurteilung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zwei große und für die Geschichtsschreibung wichtige Persönlichkeiten bestimmten den Höhepunkt des Investiturstreites. Auf der Seite der weltlichen Herrschaft stand Heinrich IV. und auf der Seite der geistlichen Herrschaft Papst Gregor VII.

Auch wenn es zu Beginn des Pontifikates Gregors VII. noch nicht nach einem offenen Konflikt zwischen regnum und sacerdotium aussah, wandelte sich dies im Laufe der Zeit.

Zwei machtbewusste und sehr zielorientierte Persönlichkeiten trafen aufeinander und es entwickelte sich ein Konflikt besonderen Ausmaßes. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein König durch einen Papst gebannt. Bonizo von Sutri beschrieb diesen Moment 1076 wie folgt: „Als die Kunde von der Bannung des Königs an die Ohren des Volkes drang, erzitterte unser ganzer römischer Erdkreis.“[1]

In meiner Arbeit möchte ich die beiden Personen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. zuerst genauer betrachten und ihre persönlichen Hintergründe beleuchten. Über Kaiser Heinrich IV. existieren bereits über seine Kindheit- und Jugendjahre diverse Quellen, in denen seine Erziehung und wichtige Stationen seines Lebens erwähnt werden. Die Quellen über die Kindheit- bzw. Jugendjahre Gregors VII. bis hin zu seinem Pontifikat sind eher als spärlich zu bezeichnen. Gregor VII. hat selbst in dem von ihm verfassten Register nur wenig über seine Herkunft hinterlassen. Trotz der teilweise schlechten Quellenlage lohnt es sich, sich mit den frühen Jahren der beiden auseinander zu setzen, da diese prägend für ihren Charakter und den späteren Führungsstil gewesen sind und vielleicht einige Rückschlüsse auf ihr späteres Verhalten und politisches Vorgehen erlauben.

Des Weiteren werde ich im Laufe meiner Arbeit näher auf den großen Konflikt zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. eingehen. Ich werde versuchen die Hintergründe und letztendlichen Auslöser des Konfliktes näher zu betrachten und zu erörtern.

2. Hauptteil

2.1 Die Person Heinrichs IV.

2.1.1 Von der Geburt bis zur Regentschaft

Heinrich IV. wurde am 11. November 1050 wahrscheinlich in der Kaiserpfalz Goslar geboren. Er war der lang ersehnte Thronfolger Heinrichs III., der mit seiner Frau Agnes bereits drei Töchter, aber keinen Sohn hatte. Mit großen Schenkungen an den Mariendom zu Speyer bat die königliche Familie die Gottesmutter ihnen einen Sohn zu schenken, doch erst im November 1050 war es dann soweit.[2]

Daher ist auch die Eile des Vaters zu erklären dem erstgeborenen Sohn, „(...) der zuerst den Namen Konrad erhielt (...)“[3], schnell die Herrschaftsnachfolge zu sichern. Bereits zum Weihnachtsfest 1050, der erstgeborene Sohn war gerade sechs Wochen alt, forderte Heinrich III. von den wahrscheinlich in Goslar anwesenden Reichsfürsten den Treue-Eid für seinen Sohn.[4]

Die Taufe, welche nun auf den Namen Heinrich stattfinden sollte, wurde von Mariä Lichtmeß (02. Februar 1051) auf das Osterfest des Jahres 1051 verschoben.[5] Grund dafür war der von Heinrich III. gewählte Taufpate für seinen Sohn. Der Taufpate war kein geringerer als Abt Hugo von Cluny. Diesem war es nicht möglich schon zum Fest Mariä Lichtmeß an den kaiserlichen Hof zu kommen und somit wurde die Taufe auf das folgende Osterfest verschoben.[6] Hugo von Cluny sollte seinem Patenkind noch in einigen Situationen hilfreich zur Seite stehen.[7] Zum einen dürfte die Wahl des Abtes von Cluny als Taufpaten für den kleinen Heinrich dazu gedient haben, sich „(...) der Gebetshilfe des mächtigen burgundischen Klosters zu versichern.“[8], zum anderen stammte aber auch die Ehefrau Heinrichs III. und Mutter des Thronfolgers aus dem Geschlecht der Herzöge von Aquitanien, den Gründern des Klosters von Cluny.[9]

Im November 1053, noch vor dem dritten Geburtstag des kleinen Heinrich, sorgte sein Vater auf einem Hoftag in Tribur dafür, „(...) dass die großen des Reiches ihn (Heinrich IV., Anmerkung: Fournier) zum Nachfolger wählten (...)“.[10] Allerdings existiert ein interessanter Zusatz bezüglich der Wahl Heinrichs zum Nachfolger seines Vaters, denn nur „(...) wenn er ein gerechter Leiter [ rector iustus ] werden würde, (...)“[11] gewährten sie ihm die Gefolgschaft. Grund dafür war die Betonung des Wahlrechtes der Fürsten, das sie nicht durch die „(…) väterliche Designation (…)“[12] unterwandert sehen wollten.

Nur ein Jahr später weihte der Erzbischof Hermann von Köln Heinrich IV. in Aachen zum König. Zuvor war ihm bereits die bayrische Herzogswürde übertragen worden, nachdem ein Gegner Heinrichs III. diese verloren hatte.

Der Vater unterließ nichts um die Stellung seines Sohnes weiter zu festigen. So wurde der gerade erst fünfjährige Heinrich IV. mit Bertha, der Tochter des Markgrafen von Turin, verlobt. Die Verlobung mit Bertha, ebenfalls noch ein Kind, sollte vermutlich die Loyalität der Markgrafen von Turin gegenüber der salischen Herrschaft bekräftigen. Ein anderer Beweggrund für die frühe Verlobung seines Sohnes war für Heinrich III. die Schaffung eines Gegengewichtes zu den Markgrafen von Tuszien. Denn nach Einschätzung Heinrichs III. lag hier das Potential für einen drohenden Konflikt, da Beatrix von Tuszien, Erbin der Markgrafen von Tuszien, mit Gottfried dem Bärtigen, ehemals Herzog von Lothringen und einer der härtesten Widersacher Heinrichs III., die Ehe eingegangen war.[13]

Selbst auf dem Totenbett ließ Heinrich III. nicht nach in der Sorge um seine Thronfolge durch seinen Sohn Heinrich IV. Im September 1056 befand sich Heinrich III. auf der Jagd im sächsischen Bodfeld (Harz), während dieser Zeit erkrankte er so stark, dass eine Heilung nicht möglich war und er nach wenigen Tagen verstarb.[14] Selbst kurz vor seinem Tod ließ Heinrich III. die Reichsfürsten, an seinem Krankenlager, noch einmal „(...) durch eine erneute Wahl des Sohnes dessen Thronfolge bestätigen.“[15] Der in Bodfeld anwesende Papst Viktor II., der anlässlich des Festes Mariä Geburt an den kaiserlichen Hof gereist war, wurde anscheinend damit beauftragt, die Nachfolgefrage und die Installation einer Regentschaft für seinen Thronfolger Heinrich IV. zu sichern.[16]

Am 5. Oktober 1056 verstarb Kaiser Heinrich III. und hinterließ seinem Thronfolger mit gerade sechs Jahren die Herrschaft im Reich. Natürlich war ein Sechsjähriger nicht in der Lage diesem Herrschaftsanspruch gerecht zu werden. Es stellte sich die Frage nach einer vertrauenswürdigen Regentschaft. Papst Viktor II. war ein wichtiger Faktor für die überraschend problemlose Herrschaftsübergabe an den erst sechsjährigen Sohn. Er sorgte dafür , „(...) dass die Fürsten nach dem Tode Heinrichs III. seinem Sohn und Nachfolger den Treueid leisteten, er leitete überdies zusammen mit der Kaiserin Agnes die Begräbnisfeierlichkeiten in Speyer, reiste mit dem neuen König nach Aachen zu einer weiteren Thronsetzung und war gewiss auch dafür verantwortlich, dass die Übernahme der Regentschaft durch die Kaiserin Agnes ohne Schwierigkeiten vor sich ging.“[17]

Durch das junge Alter des neuen Königs war eine lange Zeit der Regentschaft durch die Kaiserin Agnes zu erwarten. Die Kaiserin bedurfte eines Beraterstabes, der es verstand, allen Forderungen und Ansprüchen seitens der Fürsten und dem Herrschaftsanspruch ihres Sohnes gerecht zu werden und zu vermitteln.[18]

Das Bibelzitat aus Prediger 10,16 war den Menschen dieser Zeit sehr vertraut: „Wehe dem Land, dessen König ein Kind ist, und dessen Fürsten in der Frühe tafeln.“

Zu Beginn der Regentschaft schien dieses Zitat nicht auf die Situation der Kaiserin Agnes und ihres Sohnes zuzutreffen. Die Erinnerung an die weise und gerechte Regentschaft durch die Kaiserinnen Theophanu und Adelheid für Otto III. war noch gegenwärtig und dürfte auch die neue Situation überstrahlt haben.[19]

Negative Emotionen in Bezug auf die Regentschaft scheinen in der Bevölkerung nicht vorhanden gewesen zu sein. Bei Lampert von Hersfeld wird diese Situation wie folgt beschrieben: „Die oberste Gewalt und die Verwaltung aller notwendigen Regierungsgeschäfte verblieb jedoch bei der Kaiserin, die die Sicherheit des gefährdeten Reiches mit solcher Geschicklichkeit aufrechterhielt, dass die tiefgreifende Veränderung der Lage keinerlei Unruhen und keinerlei Anfechtungen hervorrief.“[20]

Doch diese Unruhen und Konflikte ließen nicht lange auf sich warten. Worin lagen nun die Ursachen für die Konflikte der kommenden Jahre? Die ältere Forschung sieht als eine der Hauptursachen die Person der Kaiserin Agnes, die als schwache Frau und dominiert von ihrer Religiosität nicht in der Lage war, die Regierungsgeschäfte konsequent zu führen. Belege für ihre angebliche Schwäche finden sich in der zeitgenössischen Überlieferung allerdings nicht. Ein eindeutiger Beleg für diese These scheint für die ältere Forschung die Übersiedlung von Agnes nach Rom und ihr späterer intensiver Kontakt mit Papst Gregor VII. gewesen zu sein.

Die neuere Forschung steht diesem Ansatz eher kritisch gegenüber. Die Quellenlage für den Nachweis der politischen Präsenz der Kaiserin Agnes während ihrer Regentschaft ist eher dürftig.

Ein Beweis dafür, dass Kaiserin Agnes eine eher schwache Regentin war, scheint die Entführung von Kaiserswerth zu sein.

Eine Gruppe von hohen Klerikern und Fürsten war höchst wahrscheinlich in hohem Maße unzufrieden mit der Art und Weise, wie Kaiserin Agnes die Regentschaft führte, und sah sich dazu gezwungen einzugreifen. Grund für die Unzufriedenheit scheint die Bevorzugung des Bischofs Heinrich von Augsburg durch Agnes gewesen zu sein. Als Mitglied ihres Beraterstabes suchte die Kaiserin wohl zu oft den Rat des Bischofs und düpierte damit die anderen Fürsten und Berater. „Während der Minderjährigkeit ihres Sohnes führte die Kaiserin selbst die Regierungsgeschäfte, und sie bediente sich dabei in erster Linie des Rates des Bischofs Heinrich von Augsburg. (...) Diesen unwürdigen Zustand ertrugen sie nicht; sie veranstalteten deshalb häufig Zusammenkünfte, erfüllten ihre Pflichten gegen das Reich nur lässig, reizten die Volksstimmung gegen die Kaiserin auf und trachteten endlich mit allen Mitteln danach, den Sohn dem Einfluss der Mutter zu entziehen und die Verwaltung des Reiches in ihre Hände zu bekommen.“[21] Die Bevorzugung eines Ratgebers wurde zu dieser Zeit negativ bewertet und sollte die Kaiserin dies getan haben, war dies durchaus eine Fehlentscheidung.[22]

Die bereits oben erwähnte Gruppe entführte den Thronfolger mit dem Ziel die Regentschaft zu übernehmen.

Namentlich genannt werden in den Quellen Erzbischof Anno von Köln, Herzog Otto von Northeim und Graf Ekbert von Braunschweig.[23] Im April des Jahres 1062 gelang es den zuvor genannten Personen den jungen König durch eine List auf ein im Rhein ankerndes Schiff zu locken und dann mit ihm an Bord schnell abzulegen. Der junge König versuchte noch durch einen Sprung in den Rhein zu fliehen und wäre fast bei diesem Versuch ertrunken. Graf Ekbert sprang ihm nach, rettete ihn und brachte Heinrich zurück auf das Schiff. Zielort der Entführung war Köln, Bischofssitz Annos von Köln und einflussreiches Bistum.[24] Aus der Reaktion der Kaiserin auf die Entführung ihres Sohnes, wie Lampert von Hersfeld und andere Autoren beschrieben, sah die Forschung ihre These bestätigt, dass die Kaiserin mit ihrer Rolle als Regentin überfordert war. „Die Kaiserin war willens, ihrem Sohn nicht nachzureisen noch für das ihr zugefügte Unrecht nach dem Völkerrecht Rechenschaft zu fordern sondern beschloss, sich auf ihre Privatgüter zurückzuziehen und künftig ihr Leben ohne politische Betätigung zu verbringen. Und nicht lange danach entschloss sie sich, der Welt zu entsagen, der Trübsale der Zeitlichkeit überdrüssig und durch ihr persönliches Missgeschick belehrt, wie rasend schnell das Gras irdischen Ruhmes verdorrt, wenn ein Hauch Gottes hereinbläst; und sie wäre sogleich Hals über Kopf zur Ausführung ihres Vorhabens geschritten, hätten nicht ihre Freunde den ungestümen Drang ihres Herzens durch überlegtere Pläne gedämpft.“[25]

Ein weiterer möglicher Grund für diese tiefgreifenden Veränderungen im Leben Heinrichs IV. und der politischen Situation des Reiches ist womöglich „(...) das sich verschlechternde Verhältnis der Regentschaft zum Reformpapsttum.“[26] Bereits vor der Entführung von Kaiserswerth lassen sich verschiedene Ereignisse erkennen, die eine kommende Krise andeuten. So kam es zu schwerwiegenden Differenzen zwischen Papst Nikolaus II. und den Erzbischöfen Anno von Köln und Siegfried von Mainz. Ursache für die Differenzen war anscheinend die Weigerung des Papstes, dem Erzbischof das Zeichen seiner bischöflichen Würde, das Pallium, zu übersenden. Der Papst forderte vielmehr das persönliche Erscheinen Siegfrieds in Rom, um das Pallium dort zu empfangen. Für die Bischöfe im Reich dürfte dies ein vollkommener Affront gewesen sein und „(...) in einem Brief an die Kaiserin Agnes [wurde] die Schuld an dieser Situation in der ignorantia ihrer Ratgeber gesehen (...).“[27]

Erzbischof Anno von Köln gelang es durch seinen Einfluss am Hofe, den Papst auf einer Versammlung zu verurteilen und seine Erlässe für ungültig zu erklären.

Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war letztendlich im Oktober 1061, auf einer Reichsversammlung in Basel, die Ernennung des Bischofs Cadalus von Parma zum Papst Honorius III. durch Heinrich IV.

Der junge König tat dies in Berufung auf seine Eigenschaft als patricius romanorum, allerdings befand er sich damit in absolutem Widerspruch zu dem bereits in Rom zum Papst erhobenen Bischof von Lucca, der nun den Namen Alexander II. trug. Ganz bewusst wurde von den treibenden Kräften des Hofes ein Schisma verursacht. Als treibende Kraft kann man auf keinen Fall die Kaiserin Agnes ansehen, denn im November, quasi als direkte Antwort auf das Geschehen von Basel, entledigte sie sich der königlichen Gewänder und nahm den Schleier. Die Kaiserin verpflichtete sich damit „(…) ihr Leben an Idealen und Prinzipien monastischer Lebensführung auszurichten.“[28] Sie trat zwar nicht in ein Kloster ein, aber die Ausrichtung ihres zukünftigen Lebens auf diese Ideale hin ließen sich nicht oder nur schwer mit der Stellung einer Regentin vereinbaren. Auf Grund neuerer Forschungsergebnisse ist diese Reaktion der Kaiserin, hinsichtlich der Konfrontation, die ihre Berater mit dem Papst und dem Reformpapsttum eingingen, ihre Konsequenz sich aus der Regentschaft zurückzuziehen und den Bischof Heinrich von Augsburg mit der weiteren Erziehung des Königs und der Regentschaft zu beauftragen.[29]

Falls dies zustimmen sollte, so wäre die Entführung von Kaiserswerth keine Aktion gegen die Kaiserin selbst, sondern gegen „(…) die Regelungen gerichtet, die sie nach ihrem Rückzug aus der aktiven Regentschaft getroffen hatte.“[30] Aufgrund der schwierigen Quellenlage wird diese These wohl nicht genau zu belegen sein. Verständlicher wäre durch diese These jedoch, dass die Kaiserin auch nach dem Verlust der Regentschaft weiter Einfluss auf die Politik nehmen konnte und ein wichtiges Bindeglied zwischen den Beratern ihres Sohnes und der Reformkirche in Rom wurde. Erst im Jahr 1065, nachdem ihr Sohn mündig geworden war, siedelte sie nach Rom über.

Über die genauen Empfindungen und Kenntnisse des jungen Heinrich IV. schweigen die Quellen, doch ist durchaus anzunehmen, dass die gewaltsame Entführung von Kaiserswerth und der dadurch entstandene Verlust von Mutter und Familie traumatische Erlebnisse für ihn waren. Anzeichen in einigen Quellen sprechen dafür, dass er eine tiefe Abneigung gegenüber Anno von Köln empfand.[31]

Die Hoffnung auf eine gut strukturierte Regentschaft, nach der Entführung, wurde jedoch schnell zerstört. Anno von Köln gelang es nicht, sich als bestimmender Faktor zu etablieren und so kam es zu Spannungen zwischen den Großen des Reiches. Vor allem Erzbischof Siegfried von Mainz und Adalbert von Bremen taten sich als Konkurrenten hervor.

Der Kampf um die Gunst des jungen Königs und die zahlreichen Versuche ihn zu beeinflussen, dürften auf die Entwicklung des Königs nicht ohne Wirkung gewesen sein. Die verschiedenen Berater versuchten ihn auf die eine oder andere Weise zu manipulieren, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Lampert von Hersfeld beschreibt dies folgendermaßen; „Die Erziehung des Königs und die gesamte Regierung lag in den Händen der Bischöfe, und unter ihnen hatten die Erzbischöfe von Mainz und Köln überragenden Einfluss. Als dann von diesen Adalbert von Bremen an den Beratungen beteilig wurde, (…), hatte dieser den König durch häufige Unterredungen und auch durch Willfährigkeit und Liebedienerei bald so stark an sich gefesselt, dass dieser sich unter Hintansetzung der anderen Bischöfe ausschließlich an ihn hielt, und dass er sich in der gemeinsamen Regierung fast die Alleinherrschaft anzueignen schien. Die zweite Rolle spielte ein Graf Werner, ein nach Veranlagung und Alter unbändiger junger Mann. Diese beiden herrschten an Stelle des Königs, von ihnen wurden Bistümer und Abteien, von ihnen alles, was es an kirchlichen, was es an weltlichen Würden gibt gekauft. (…) Zunächst verteilten sie die Klostergüter nach Belieben unter ihren Anhängern. (…) Dann aber steigerte sich ihre Frechheit noch: Sie machten nun einen Angriff auf die Klöster selbst und teilten sie unter sich wie Provinzen, und der König stimmte mit kindlicher Bereitwilligkeit allem zu, was man verlangte.“[32]

Bruno von Magdeburg greift diese Situation in seinem Werk „Brunos Sachsenkrieg“ wie folgt auf: „Allein da im Laufe der Zeit der Knabe wohl an Alter, aber keineswegs an Weisheit vor Gott und Menschen zunahm und aufgebläht von königlichen Hochmut kaum mehr auf die Ermahnungen hörte, entriss ihn der ehrwürdige Erzbischof Anno von Köln mit Gewalt seiner Mutter und ließ ihn mit aller Sorgfalt, wie es sich für den kaiserlichen Spross gehörte, erziehen, wobei er weniger den Vorteil des Königs als den des Reiches im Auge hatte. (…) Zu dieser Zeit war Adalbert Bischof von Bremen, ein von Stolz und Hochmut aufgeblasener Mann, der glaubte, niemand komme ihm gleich, weder an Adel noch an Heiligkeit des Lebenswandels. (…) Als dieser Bischof also den König wie ein zügelloses Pferd auf der abschüssigen Bahn des Frevels dahinstürmen sah, suchte er sich ihm zum vertrauten Genossen zu machen, nicht um die aufgeschossenen Dornen des Lasters mit der Hand strenger Mahnung auszurotten und mit wahrhaft bischöflicher Predigt den Samen der Tugend zu säen, sondern um den Keim des Lasters noch mit dem Tau des Schmeichels zu benetzen und Früchte der Tugend, so solche hervortraten, durch die Bitterkeit böser Lehre absterben zu machen.“[33]

Anhand dieser beiden Quellen wird deutlich, dass der engste Ratgeber des jungen König eher gering geschätzt wurde. Die Rivalität der beiden Erzbischöfe Anno von Köln und Adalbert von Bremen dürfte auch an dem jungen König nicht spurlos vorüber gegangen sein. So kam es ein Jahr nach der Entführung und der Übernahme der Regentschaft durch die Bischöfe an Weihnachten sowie Pfingsten in Goslar zu Ausschreitungen, die den König selbst betrafen und die noch einmal die schwierige Situation am Königshof verdeutlichten. Grund für die Ausschreitungen waren anscheinend Unstimmigkeiten über die Sitzordnung der Anwesenden. Obwohl der König um die Beilegung der Streitigkeiten bat, wurde er ignoriert und konnte sich nur unter großen Mühen dem Konflikt entziehen.[34]

Anhand dieser Beschreibungen wird deutlich, wie sehr der junge König zum Spielball der Interessen seiner Regenten wurde. Der junge und unerfahrene König wurde von ihnen scheinbar nur benutzt, um ihre eigenen Interessen zu forcieren und zu unterstützen.

Heinrich IV. war durch das Fehlen einer klaren Linie anscheinend sehr beeinflussbar und lenkbar. Die Regenten Heinrichs IV. handelten jedoch nicht nur gegenüber ihrem König widersprüchlich, sondern sie verhielten sich auch in Bezug auf die immer noch ausstehende Papstfrage nicht eindeutig.

Bischof Anno von Köln reiste im Jahr 1064 auf eine Synode nach Mantua, auf der das immer noch bestehende Problem des päpstlichen Schisma behandelt werden sollte. Als Ergebnis wurde Papst Alexander II als rechtmäßig anerkannt und der im Jahre 1061 von Heinrich IV. erhobene Papst Honorius II. abgesetzt. Alexander II. war daraufhin äußerst interessiert an einer fruchtbaren Verbindung zwischen Königtum und Papsttum. Sogar die Kaiserkrönung wurde für das Jahr 1065 vorbereitet. Durch die Verschiebung der Macht unter den Regenten zu Gunsten des Erzbischofs Adalbert von Bremen wurde die Romfahrt allerdings aufgeschoben.[35] Dass die Kaiserkrönung noch zwanzig Jahre auf sich warten ließ, konnte niemand ahnen.

1065 wurde Heinrich IV. mündig und durfte von dieser Zeit an eigenständig Entscheidungen und Entschlüsse ausarbeiten und durchsetzen. Berater standen ihm auch weiterhin zur Seite, wobei Erzbischof Adalbert von Bremen anscheinend eine herausragende Stellung einnahm.

2.1.2 Eigenständige Herrschaft

Im Rahmen des festlichen Aktes der Schwertleite wurden dem König zum Zeichen seiner Volljährigkeit Rüstung und Waffen übergeben.

Dass die Entführung für den jungen König ein traumatisches Erlebnis war, das ihn immer noch beschäftigte, scheint durch die Ausführungen Lamperts von Hersfeld belegt. „(...) und er hätte sogleich die erste Probe mit der eben angelegten Rüstung gegen den Erzbischof von Köln abgelegt und wäre Hals über Kopf ausgezogen, um ihn mit Feuer und Schwert zu bekämpfen, hätte nicht die Kaiserin noch zur rechten Zeit durch ihren Rat den drohenden Sturm beschwichtigt.“[36]

Da seine Mutter noch in diesem Jahr nach Rom übersiedelte und das Vertrauen in Erzbischof Anno von Köln zerstört war, konnte Adalbert von Bremen seinen Einfluss geltend machen und den König für sich und seine Zwecke einspannen. Adalbert von Bremen versuchte den König von allen anderen Beratern zu isolieren. So zog der König, wie auch der Erzbischof von Bremen, die Verachtung der Reichsfürsten auf sich. Die Tradition des Landes verlangte die Beratung und Anhörung aller Großen des Reiches. Heinrich IV., wahrscheinlich überdrüssig der unterschiedlichen Meinungen und Zwistigkeiten unter seinen Beratern/ früheren Regenten, beteiligte die Reichsfürsten nicht an der Willensbildung und forcierte damit den Unmut im Reich. Auf einem Hoftag in Tribur wurde dann vermutlich beschlossen, den König vor die Wahl zu stellen, entweder er breche mit seinem engsten Vertrauten Adalbert von Bremen oder er danke ab. Adalbert wurde daraufhin gestürzt.

Inwiefern die Zeit seiner Jugend Heinrich IV. geprägt hat, ist nicht lückenlos zu belegen, aber gerade diese Jahre sind für die spätere Entwicklung eines Menschen von großer Bedeutung. In dieser Zeit formt sich in der Regel, und sicher auch bei Heinrich IV., das Weltbild und damit das Leitbild seines Handelns. Aus seinen bisherigen Erfahrungen schien die Welt von Streitigkeiten und Konflikten dominiert worden zu sein. Er war es gewohnt dem Rat anderer zu folgen, dadurch scheint er leicht beeinflussbar gewesen zu sein und schenkte mithin den falschen Ratgebern sein Vertrauen.[37]

Der Versuch, einige Fehler der Regentschaftszeit auszubessern, fand anscheinend im Jahre 1066 statt. Dieses Vorhaben wurde von einer schweren Krankheit Heinrichs IV. überschattet. Obwohl selbst die Ärzte keine Heilung mehr sahen, erholte sich der König und die Fürsten mussten ihre bereits nach dem Thron ausgestreckten Hände zurückziehen.[38]

Im selben Jahr, kurz nach seiner Genesung, heiratete Heinrich IV. dann auch Bertha, die Tochter des Markgrafen von Turin, mit der er noch durch seinen Vater verlobt worden war. Da er bereits nach drei Jahren versuchte diese Ehe aufzulösen, kann davon ausgegangen werden, dass der Entschluss zur Eheschließung nicht aus freien Stücken erfolgte. Vielmehr ist anzunehmen, dass ihm dieser Schritt „(...) durch den Rat der Fürsten nahe gelegt oder sogar aufgezwungen worden ist.“[39]

Zudem kam es 1066 noch zu einer Auseinandersetzung mit Gottfried, Herzog von Lothringen und Markgraf von Tuszien. Gottfried zählte zu den erbittertsten Gegnern Heinrich III., übernahm allerdings bei der Schwertleite Heinrichs IV. das Amt des Schildträgers. Er versprach damit dem König Gefolgschaft und Loyalität.

1066 schien dieses Versprechen durch Gottfried sehr weit ausgelegt zu werden, nachdem Papst Alexander II. im Reich um Hilfe gegen den Normannenführer Richard von Capua gebeten hatte. Richard war in Gebiete des vom Papst beanspruchten Capua eingedrungen und bereits brandschatzend bis Rom vorgedrungen.

Ohne die Entscheidung des Königs abzuwarten, ergriff Gottfried von Lothringen die Initiative und brach mit einem Heer nach Italien auf, „(...) selbständig für die Verteidigung der Belange des heiligen Petrus zu sorgen.“[40]

Dieses Verhalten eines großen und wichtigen Reichsfürsten macht deutlich, wie wenig sich Heinrich auf die Unterstützung der Fürsten verlassen konnte. Das eigenmächtige Vorgehen Gottfrieds zeigt, wie wenig Gewicht der Entschluss dieses Königs hatte, dem das Eigeninteresse alleine im Vordergrund stand.[41]

Für den Papst in Rom scheint es ein deutliches Zeichen gewesen zu sein, dass dieser junge König in Notsituationen kein effektiver Beschützer sein würde. Diese Annahme dürfte die 1068 nach Rom gesandte Delegation nur untermauert haben. Der Delegation gehörten hochrangige Würdenträger an, wie Erzbischof Anno von Köln, Herzog Otto von Northeim und Bischof Heinrich von Trient. Ziel der Delegation war anscheinend die Begrenzung des Schadens, der durch das Vorgehen Gottfrieds von Lothringen hervorgerufen worden war, und dadurch die Stärkung des Ansehens Heinrichs IV. in Rom. Das Vorgehen der Delegation bewirkte jedoch anscheinend das genaue Gegenteil und sorgte in Rom für Verwirrung, da sie mit dem schismatischen Papst Honorius in der Öffentlichkeit gemeinsam auftraten und mit dem durch Papst Alexander II. exkommunizierten Erzbischof Heinrich von Ravenna gemeinsam aßen.[42]

Die Reaktion der Kurie war daraufhin die Weigerung, die Delegation zu empfangen, und nur durch barfüßigen Bußgang konnte Anno von Köln es erreichen, beim Papst empfangen zu werden.

Die Beziehung zu Rom und Papst Alexander II. war also bereits deutlich angespannt als Heinrich IV., auf einem Hoftag in Worms im Jahr 1068, den Papst unterschwellig erneut reizte. So beschloss er, ohne Berufung auf die üblichen Ehehindernisse, sich von seiner Ehefrau Bertha zu trennen. Erzbischof Siegfried, der in einem Schreiben an den Papst um Hilfe bat, erreichte nur eine Aufschiebung der Verhandlung auf einen späteren Termin. Für das damalige Verständnis von Ehe und die damit verbundene Bindung dürfte das Ansinnen des Königs für alle Beteiligten mehr als peinlich und unangenehm gewesen sein. Ein Herrscher, der für sein Volk Vorbild und reiner Herrscher sein sollte, durfte nicht mit Gottes Sakramenten sein Spiel treiben.

[...]


[1] vgl. Weinfurter, S.109.

[2] vgl. Laudage1, S.46.

[3] vgl. Althoff, S. 41.

[4] ebd. S.42

[5] vgl. Laudage1, S. 47.

[6] ebd.

[7] vgl. Althoff, S. 42.

[8] vgl. Laudage1, S. 47.

[9] vgl. Althoff, S. 42.

[10] vgl. Althoff, S. 42.

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] vgl. Knonau, Bd.1, S.9f.

[14] vgl. Laudage1, S. 48.

[15] vgl. Althoff, S. 44.

[16] ebd., Laudage1, S.48.

[17] vgl. Althoff, S. 44.

[18] ebd. S. 45.

[19] ebd.

[20] vgl. Lampert von Hersfeld, Annales, a. 1056, S. 59: Summa tamen rerum et omnium quibus facto opus erat administratio penes imperatricem remansit, quae tanta arte periclitantis rei publica statum tutata est, ut nihil in ea tumultus, nihil simultatis tantae rei novitas generaret.

[21] vgl. Lampert von Hersfeld, a. 1062, S. 73-75.

[22] vgl. Althoff, S. 47 f.

[23] vgl. Lampert von Hersfeld, a. 1062, S. 75.

[24] ebd.

[25] vgl. Lampert von Hersfeld, a. 1062, S. 75.

[26] vgl. Althoff, S. 49.

[27] ebd.

[28] vgl. Althoff, S. 50.

[29] ebd.

[30] ebd. S. 51.

[31] ebd.

[32] vgl. Lampert von Hersfeld, a. 1063, S.87 ff.

[33] vgl. Brunos Buch vom Sachsenkrieg, in: FSGA 12, S.199 ff.

[34] vgl. Lampert von Hersfeld, a. 1063, S. 90 f.

[35] vgl. Althoff, S. 59 f.

[36] vgl. Lampert von Hersfeld, a. 1065, S. 93. (...) statimque primam susceptae armaturae experientiam in archiepiscopum Coloniensem dedisset et ad persequendum eum ferro et igni preceps abisset, nisi res turbatas imperatrix tempestivo valde consilio composuisset.

[37] vgl. Althoff, S.66.

[38] ebd. S.69.

[39] ebd.

[40] vgl. Althoff, S. 70.

[41] ebd. S. 71.

[42] ebd. S. 71f.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Der Konflikt zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. bis 1078
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Geschichte)
Veranstaltung
Heinrich IV. – eine endlose Krise?
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
56
Katalognummer
V154415
ISBN (eBook)
9783640672295
ISBN (Buch)
9783640672172
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikt, Kaiser, Heinrich, Papst, Gregor
Arbeit zitieren
Heike Fournier (Autor), 2007, Der Konflikt zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. bis 1078, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154415

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