Gottfried von Straßburgs "Tristan" - Riwalin und Blanscheflur als Präfiguration von Tristan und Isolde?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt der Arbeit

1. Einleitung

2. Charakteristische Eigenschaften der Figuren
2.1 Riwalin
2.2 Tristan
2.3 Blanscheflur
2.4 Isolde

3. Die Liebeshandlungen
3.1 Begegnung und Liebe beim Elternpaar
3.2 Begegnung und Liebe bei Tristan und Isolde

4 Riwalin und Blanscheflur als Präfiguration von Tristan und Isolde?

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten beschäftigen sich mit dem Thema der Elternvorgeschichte imTristanGottfrieds von Straßburg und deren präfigurierende Wirkung auf die Haupthandlung. Allein die Länge der Liebesgeschichte zwischen Riwalin und Blanscheflur (rund 1600 Verse) lässt die Bedeutung für die gesamte Geschichte erahnen.

Ebenfalls kann man in der Literatur, die zu der damaligen Zeit entstand, oft eine Neigung erkennen, dass eine enge Beziehung zwischen Vor- und Hauptgeschichte besteht. Diese Tendenz ist wahrscheinlich auf die Idee der Typologie zurückzuführen, die ursprünglich den Glauben bezeichnet, dass bestimmte Personen oder Geschehnisse im Neuen Testament von Ereignissen oder Persönlichkeiten im Alten Testament präfiguriert wurden und dass das Neue Testament sozusagen die Erfüllung der Vorankündigungen im Alten Testament darstellt.

ImTristanbieten sich die beiden Liebesgeschichten und die darin verstrickten Figuren zum Vergleich an. In dieser Arbeit sollen sowohl Parallelen als auch Variationen zwischen den Liebespaaren herausgestellt werden.

Ich beschäftige mich demnach mit der Analyse und dem Vergleich der Vorgeschichte mit der Haupthandlung. Dabei werde ich zuerst die Charaktere der Liebenden analysieren, wobei ich zuerst die männlichen und dann die weiblichen Figuren bearbeiten werde. Anschließend werden die beiden Liebesgeschichten unabhängig voneinander gedeutet. Im abschließenden Kapitel werde ich die Analyseergebnisse miteinander in Beziehung zu setzen versuchen um zu einem Ergebnis zu gelangen, ob man Riwalin und Blanscheflur als Präfigurationen von Tristan und Isolde betrachten kann, um somit die Fragestellung der Arbeit zu beantworten.

Ich werde nur bedingt auf das Ende der Tristangeschichte eingehen, da es in der Gottfriedschen Fassung nicht enthalten ist. Um jedoch einzelne Vergleiche ziehen zu können, werde ich mich auf das naheliegende und sich an den Vorlagen orientierende Ende der Geschichte berufen.

2. Charakteristische Eigenschaften der Figuren

Um die Frage der Arbeit, ob sich das Schicksal und die Geschichte von Tristan und Isolde bereits in der Elternvorgeschichte erahnen lässt beantworten zu können, ist es notwendig, die Charaktere der hier handelnden Figuren zu analysieren und miteinander zu vergleichen. Denn wird die Frage gestellt, ob Riwalin eine „frühere Version“ von Tristan darstellt, ob sich sein Schicksal in dem seines Sohnes verwirklicht, ja sogar ob Tristan schließlich der „perfektere Riwalin“ sein wird, so muss man sich zuerst mit den Charaktereigenschaften und dem Werdegang der beiden Figuren auseinandersetzen.

So selbstverständlich es sein mag, dass Vater und Sohn sich so wie Riwalin und Tristan ähnlich sind, mag es jedoch weniger selbstredend sein, dass sich zwei völlig fremde Figuren wie Blanscheflur und Isolde ebenso gleichen sollen, und dass Isolde die Vollendung der Blanscheflurfigur darzustellen vermag. Aber auch an dieser Stelle ist eine genaue Betrachtung der Charaktereigenschaften und der Beschreibung der beiden Frauenfiguren notwendig, um später auf den Vergleich der beiden Paare eingehen zu können und schließlich vielleicht eine Antwort auf die Ausgangsfrage geben zu können.

2.1 Riwalin

Tristans Vater Riwalin wird vornehmlich durch seine höfischen Tugenden beschrieben. Zu Anfang wird er alsgetriuwe, küene, milte,undrîch[1]dargestellt. Als „Musterbeispiel aller höfischen Qualitäten“[2]wird Riwalin von Rosemarie Deist bezeichnet. Allerdings bringt Gottfried bereits hier am Anfang der Schilderung im Kontrast zu all den Vorzügen Riwalins ebenfalls dessen schlechte Charaktereigenschaft vor:

an ime brast al der tugende niht,

der hêrre haben solte,

wan daz er ze verre wolte

in sînes herzen luften sweben

und niwan nâch sînem willen leben.

daz ime ouch sît zue leide ergie,

wan leider diz ist und was ie,

ûfgêndiu jugent und vollez guot,

diu zwei diu vüerent übermuot.(V. 260-268)

Bezüglich dieses Übermutes Riwalins bemerkt Schausten: „Die Ausführlichkeit, mit der Gottfrieds Erzähler sich der näheren Kennzeichnung von Folgen widmet, die aus dieser inneren Verfaßtheit der Figur erwachsen, deutet an, daß die Aufmerksamkeit des Publikums wohl genau auf diese Facette gerichtet werden soll.“[3]Es scheint, als habe Gottfried diese Charaktereigenschaft ganz bewusst in die Konzeption der Riwalinfigur eingeplant, um später im Vergleich mit der Tristanfigur dessen diesbezüglich andere Wesenszüge stärker hervorzuheben. Dafür spräche ebenfalls, dass dieser „übermuot“ Riwalins erst in der Fassung Gottfrieds so hervorgebracht wird[4].

Riwalin, der inzwischen ein vorzüglicher Ritter geworden ist, fängt wohl auch aus einer Laune heraus und völlig grundlos einen Angriff auf Morgan an (sô greif er Morgânen an / als einen schuldegen manV. 345-346). Zieht man den Vergleich zu Tristans Kampf mit Morgan heran, so fällt auf, dass Riwalin, zwar auch mit großer Anstrengung, jedoch viel einfacher mit Morgan fertig wird als sein Sohn. Hieraus sollte man jedoch nicht auf die größere Stärke Riwalins schließen, sondern sich entsinnen, dass dieser seinen Angriff heimlich und ohne Ankündigung startet und dass Tristans Angriff im Gegensatz dazu von Morgan zu erwarten war.[5]

Auch nach diesem unnötigen Feldzug, der auch unter seinen eigenen Männern viele Opfer gefordert hat (vgl. V. 361-365), nimmt Riwalin sein nächstes Unternehmen, die Fahrt zu Markes Hof, aus einer Laune hinaus in Angriff:

nu daz Canêle alsus gelanc,

nu was dar nâch vil harte unlanc,

unz daz er aber einer vart

durch banekîe in eine wart(V. 409-412).

Gottfried mildert jedoch Riwalins Vorgehen teilweise, indem er erklärt, dass dieses hauptsächlich auf sein jugendliches Alter zurückzuführen sei[6].

Zwar gedenkt Riwalin am Hofe König Markes seine ritterlichen und gesellschaftlichen Fähigkeiten zu perfektionieren, doch handelt er eher intuitiv und gefühlsmäßig als überlegt. Wie später Tristan wird Riwalin am Hof in Cornwall freudig begrüßt und seine Fähigkeiten und Tugenden bringen ihm in kurzer Zeit das Ansehen der Leute ein.

Ist die Beschreibung Riwalins bis zum Zeitpunkt des Maifestes meist nur auf dessen ritterliche Fähigkeiten und seine - von Gottfried eher negativ dargestellten – kriegerischen Aktivitäten beschränkt, so ergibt sich erst mit der Liebe zu Blanscheflur die vollkommene Darstellung seines Charakters:

wan er greif in eine ander leben;

ein niuwe leben wart ime gegeben:

er verwandelte dâ mite

al sîne sinne und sîne site

und wart mitalle ein ander man;

wan allez daz, des er began,

daz was mit wunderlîchen siten

und mit blintheit undersniten.

sîne ane geborne sinne

die wâren von der minne

als milde und alse unstaete,

als er s’erbeten haete.(V. 937-948)

Bis jetzt drehte sich in Riwalins Leben alles um sich selbst und vor allem um sein Vergnügen und um seine Selbstdarstellung, doch nach der Begegnung mit Blanscheflur zieht er sich in seine Gedanken zurück und grübelt über ihre Äußerungen nach. Auch als seine inzwischen Geliebte Blanscheflur in der Voraussicht seiner Abreise zusammenbricht, ist es für Riwalin nun selbstverständlich, ihr zu helfen und auf sie einzugehen: „Durch die Liebe hat er gelernt, seine eigenen Begehren außer acht zu lassen, um in Blanscheflur aufzugehen“[7]. Deist weist weiterhin darauf hin, dass Riwalin nach dieser Veränderung, die sein Charakter vollzogen hat, erstmals den Rat Ruals sucht und sich nicht nur auf seine eigene Meinung verlässt, wie er es noch beim Feldzug gegen Morgan getan hatte.

2.2 Tristan

Eine Charakterdarstellung Tristans beginnt genau wie die seines Vaters bei mit der Beschreibung seiner zahlreichen Tugenden und seiner vollkommenen Bildung. Tristan spricht durch Auslandsaufenthalte viele fremde Sprachen fließend. Seine Beschäftigung mit der Literatur wird jedoch alssîn êrstiu kêre / ûz sîner vrîheite(V. 2068-2069) bezeichnet. Hier könnte man bereits einen Unterschied zu Riwalin erkennen, der sich im jugendlichen Alter durch nichts in seiner Freiheit hatte einschränken lassen. Gottfried erwähnt ebenso Tristans Fähigkeiten im Saitenspiel und seine ritterliche Eignung. Auch lobt er Tristans Äußeres in hohem Maße, bezeichnet ihn sogar als „so schön, wie die Liebe selbst es sich wünschen könnte“ (V.3332-3333).

Tristans Tugenden werden vor allem auf die gute Erziehung Ruals zurückgeführt:

diz taete der lobebaere

sô lobelîchen unde alsô,

daz in den zîten unde dô

in allem dem rîe

nie kint sô tugentlîche

gelebete alse Tristan.

al diu werlt diu truog in an

vriundes ouge und holden muot,

als man dem billîche tuot

des muot niwan ze tugende stât,

der ale untugende unmaere hât.(V. 2138-2148)

Stellt man den Vergleich zur Beschreibung von Riwalins Fähigkeiten an, so ergibt sich kein „reines Urbild-Abbild-Verhältnis“[8]zwischen Vater und Sohn, „[d]enn es ist auffallend, daß […] nicht einfach besondere Fähigkeiten und Eigenschaften auf die Tristanfigur appliziert werden, sondern daß diese im Rahmen eines Erziehungsprogramms vorgestellt werden“[9].

[...]


[1] Gottfried von Straßburg: Tristan. 3 Bde. 6. Durchgesehene Auflage. Stuttgart: Reclam 1993 (=RUB 4471 - 4473) Vers 252. Im Folgenden werden Zitate aus demTristanlediglich mit einer Versangabe und im fortlaufenden Text angegeben.

[2] Deist, Rosemarie: Die Nebenfiguren in den Tristanromanen Gottfrieds von Straßburg, Thomas‘ de Bretagne und im ‚Cligès‘ Chrétiens de Troyes. Göppingen: Kümmerle 1986. (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik 435). S.108.

[3] Schausten, Monika: Erzählwelten der Tristangeschichte im hohen Mittelalter – Untersuchungen zu den deutschsprachigen Tristanfassungen des 12. Und 13. Jahrhunderts. München: Wilhelm Fink Verlag 1999 (=Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 24). S. 148

[4] Vgl. ebd. S.148

[5] Vgl. Deist 1986 S.121.

[6] Vgl. ebd. S.109

[7] Vgl. ebd. S. 137

[8] Schausten 1999. S. 156

[9] Ebd. S. 156

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Gottfried von Straßburgs "Tristan" - Riwalin und Blanscheflur als Präfiguration von Tristan und Isolde?
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V154488
ISBN (eBook)
9783640678709
ISBN (Buch)
9783640680504
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Straßburgs, Tristan, Riwalin, Blanscheflur, Präfiguration, Isolde
Arbeit zitieren
Nadine Esser (Autor), 2009, Gottfried von Straßburgs "Tristan" - Riwalin und Blanscheflur als Präfiguration von Tristan und Isolde?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154488

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