Bonaventuras Nachtwachen - Die satirische Kritik des Bonaventura


Seminararbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Einleitung
1.2 Überblick zur Rezeptionsgeschichte und Verfasserfrage
1.3 Zur Orientierung: Die „Nachtwachen“

2. Analyse
2.1 Das Selbstbild Kreuzgangs
2.2 Kritik der Wissenschaft
2.3 Kritik der romantischen Programmatik
2.3.1 Der romantische Dichter
2.3.2 „Progressive Universalpoesie“
2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Einführung

1.1 Einleitung:

Wenn die „Nachtwachen“ von Bonaventura im frühen 19. Jahrhundert überhaupt Gegenstand von literaturwissenschaftlichen Untersuchungen waren, dann jahrzehntelang nur unter dem einen Gesichtspunkt der Verfasserfrage. Dass ein Werk unter einem nicht zu identifizierenden Pseudonym publiziert wurde, stellte für die damaligen Rezipienten einen Skandal da. Es wurden daher sehr schnell einige potentielle Urheber des zu seiner Zeit höchst provokativ geschriebenen, vor Satire und Paradoxien strotzenden Romans, gefunden (s. Kapitel 1.2). In der vorliegenden Arbeit möchten wir die Verfasserfrage bewusst vernachlässigen. Es soll vielmehr hermeneutisch untersucht werden, warum der Text oft als zentraler Wegbereiter für das Ende der Frühromantik angeführt wird. Dazu soll durch eine rein werkimmante, strukturalistische Analyse versucht werden, den ‚Ansichten‘ Bonaventuras auf die Schliche zu kommen, um so das für seine Zeit vollkommen Neue an diesem Werk aufzuzeigen.

Im ersten Teil soll dem Leser zunächst ein grober Überblick über die zu behandelnde Materie an die Hand gegeben werden: es wird als erstes ein knapper Rezeptionsabriss der „Nachtwachen“ präsentiert, wobei auch die Verfasserfrage der Vollständigkeit halber Erwähnung findet. Nachdem danach zur Veranschaulichung relativ oberflächlich auf den Aufbau des Werkes eingegangen wird, wenden wir uns in Teil 2 der Analyse zu. Diese beansprucht selbstverständlich keine Vollständigkeit, sondern möchte vielmehr exemplarisch zeigen, wie sich Bonaventura klassischer romantischer Stilmittel bedient und gleichzeitig die literarische Epoche seiner Zeit kritisiert und satirisiert. Dabei sollen im Besonderen kritische Kommentare und satirische Elemente inbezug auf sich selbst, das Konzept der Romantik und der damals geläufigen Wissenschaftsauffassung aufgespürt werden.

1.2 Überblick zur Rezeptionsgeschichte und Verfasserfrage

Die „Nachtwachen“ sind seit ihrer Erscheinung 1804 im literaturwissenschaftlichen Diskurs – besonders im Hinblick auf die Verfasserfrage - ausführlich unter die Lupe genommen worden. An dieser Stelle soll kurz und knapp mehr oder minder chronologisch zusammengefasst werden, was von Wichtigkeit für die folgende Textanalyse sein wird.

Zum ersten Mal wurden die Nachtwachen durch den kleinen sächsischen Verlag Dienemann & Co. im „Journal von neuen deutschen Originalromanen“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieser war unter Literaturinteressierten seiner Zeit durchaus bekannt, wenn auch nicht gerade im hohen Maße beliebt. Vorwiegend belletristische Werke von meist jungen Autoren wurden publiziert; dabei monierten Zeitgenossen eine nicht immer überzeugende Qualität dieser meist Romanfragemente oder auch vollständigen Romane. Hinzu kam, dass es Dienemann nicht gelang einen beliebten typisch romantischen Schriftsteller für seinen Romanjournal zu verpflichten und so waren die Schriften nicht weniger Autoren aufgrund des scheinbar bescheidenen Rufes des Journals oft hinter Pseudonymen verborgen. An diesen zwei Faktoren mag es auch gelegen haben, dass sich die Nachtwachen von „Bonaventura“ nicht gerade großer Aufmerksamkeit erfreuen konnten. Vielmehr beschäftigte man sich jahrzentelang fast ausschließlich mit der Verfasserfrage. Wer steckte hinter diesem „Bonaventura“, einem zur damaligen Zeit nicht ungebräuchlichen Ausdruck, der etwa mit ‚Glückskind’ zu übersetzen ist? Ziemlich schnell kam man auf Friedrich W. J. Schelling, weil dieser bereits zwei Jahre zuvor in Schlegels und Tiecks Muselalmanach (Tübingen, 1802. 12) unter demselben Pseudonym zwei Gedichte veröffentlicht hatte. Auch ein Eintrag in Friedrich Rassmanns Pseudonymenlexikon (Leipzig, 1830) half den Glauben der Autorschaft Schellings aufrecht zu erhalten. So findet man dort nicht nur Schelling als gleichbedeutend mit „Bonaventura“ sondern ebenfalls ihn als Verfasser der „Nachtwachen“ aufgeführt. Allerdings kannte Rassmann noch einen zweiten „Bonaventura“, welchen er als Urheber von „Diana von Montesolaros, eine Geschichte aus den Zeiten der Befreiung Spaniens“ (Braunschweig, 1826, 2 Bde) ausmachte; allerdings gibt er dort keinen sich dahinter versteckenden Autorennamen an. Dies alles bewies also noch lange nicht, dass tatsächlich Schelling Urheber der „Nachtwachen“ war. Und so vermutete man zahlreiche andere zeitgenössische Dichter und Denker wie z.B. die Schlegel-Brüder, Jean Paul, Ludwig Tieck und einige andere hinter dem sonderbaren Pseudonym. Beweise fehlten den Untersuchenden stets und so kam man Mitte der 50-er Jahre erstmals wirklich auf den Text zu sprechen. Die Literaturwissenschaft stand im Zeichen des Strukturalismus und konzentrierte sich nunmehr verstärkt auf den Text als selbstständiges Ganzes, in welchem das Auftauchen eines Pseudonyms als ein zum Text selbst gehörendes Zeichen angesehen wurde. Genau hier setzte Dorothee Sölle an. Sie stellte zunächst auf rein textueller Ebene fest, dass alle sechszehn Nachtwachen von einem allgegenwärtigen Nihilismus[1]durchzogen seien, wobei sie der fehlenden Autorschaft eine klare semiotische Intention zuwies[2].

Jeffrey L. Sammons machte 1965 den Versuch einer Strukturanalyse, in der er jeder einzelnen Nachtwache ein allgemeingültiges zyklisches Kompositionsschema zu Grunde legte. „Danach soll das Ende jeder Sequenz durch eine Katastrophe, der Beginn der darauf folgenden durch eine neu einsetzende satirische Erzählhaltung markiert sein, der von Mal zu Mal der Boden entzogen werde.“[3]Braeuer-Ewers merkt hierzu an, dass ein so beschriebenes durchstrukturiertes Symmetriebedürfnis innerhalb der Komposition stark im Widerspruch zur Makrostrukturs des Werkes stehe, welche höchst widersprüchlich und ungleichmäßig sei. Dass diese Anmerkung durchaus Wahres in sich birgt werden wir in der Strukturanalyse der „Nachtwachen“ noch näher beleuchten.

Anfang der 70-er Jahre bekam die Verfasserfrage durch Jost Schillemeits umstrittene Untersuchungen eine aufsehenerregende Wende. Schillemeit versuchte anhand von sprachlichen und motivischen Vergleichen August Klingemann als Verfasser zu identifizieren. Auch Horst Fleig zog 1973 mit einer gänzlich unterschiedlichen Methode Klingemann ernsthaft als Autor in Betracht, nachdem er – ohne diesen von vornherein zu verdächtigen - 300 Schriften von zeitgenössischen Autoren um 1800 ausgewertet hatte[4]. Beide methodischen Verfahren wurden sehr kritisch betrachtet und generell als nur gering aussagekräftig angesehen. Erst der urkundliche Beweis brachte Gewissheit. In einem Artikel im Euphorion 81 von 1987 konstatierte Ruth Haag, dass sich in der ‚Sammlung Diedrichs‘ aus der Handschriftenabteilung der Amsterdamer Universitätsbibliothek eine von 1830 datierte Liste befände, aus der eindeutig Klingemann als Urheber der „Nachtwachen“ hervorgehe[5].

Obwohl die Forschung heute diesen Listeneintrag als sehr verlässlich einstuft, bleiben Zweifel an der Beweiskraft dieser ‚Urkunde‘. Die vorliegende Arbeit möchte die Verfasserfrage im Folgenden ganz bewusst ausklammern und sich an einem rein werkimmanten, hermeneutischen Ansatz versuchen.

1.3 Zur Orientierung: Die „Nachtwachen“

„Wie man die Nachtwachen aufzufassen habe, ist nicht leicht zu sagen. Ernst und Scherz, Tragisches und Komisches, Tiefsinn und Unsinn. Wehleidigkeit und Übermut, Sanftes und Grässliches, Zierliches und Gewaltiges, Keusches und Zynisches, träumerischer Idealismus und krasser Materialismus werden offenbar mit Absicht durcheinandergewirbelt, und nach der ersten Lektüre des Buches wird den kaum anders zumute sein als dem braven Schüler, der zum erstenmal mephistophelische Weisheit zu schmecken bekommen hat.“[6]

[...]


[1] Das Auftreten des Nihilismus wurde in der Forschung ausgiebig und kontrovers diskutiert. Vgl. hierzu z.B.: Küpper, Peter: Unfromme Vigilien. In: Festschrift für Richard Alewyn, Köln, Graz: 1967, S. 309-27; Gillespie, Gerald: Bonaventura’s romantic agony. In: Modern languages notes 85 (1970), S. 697-726

[2] Siehe hierzu: Braeuer-Ewers, Ina: Züge des grotesken in den Nachtwachen von Bonave;ntura. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh, 1995. S. 6.

[3] Braeuer-Ewers, Ina: Züge des grotesken in den Nachtwachen von Bonaventura. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh, 1995. S. 6; Vgl. Sammons, Jeffrey L.: The Nachtwachen von Bonaventura. The Hague, 1965.

[4] Fleig, Horst: Rohmanuskript: ‚Zersprungene Identität‘. Klingemanns ‚Nachtwachen von Bonaventura‘. Nebel/Amrum, 1974

[5] Haag, Ruth: Noch einmal: Der Verfasser der Nachtwachen von Bonaventura. Euphorion 81 (1987), S. 295

[6] Nachtwachen von Bonaventura, S. XXX-XXXI. Ed. Hermann Michel. Berlin: Behr’s Verlag, 1904

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Bonaventuras Nachtwachen - Die satirische Kritik des Bonaventura
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistik)
Veranstaltung
RomantikRomantisches Wissen – Naturphilosophie und die Entstehung romantischer Textur
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V154497
ISBN (eBook)
9783640672325
ISBN (Buch)
9783640672066
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bonaventuras, Nachtwachen, Kritik, Bonaventura, satire
Arbeit zitieren
Jan Skordos (Autor), 2007, Bonaventuras Nachtwachen - Die satirische Kritik des Bonaventura, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154497

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