Die vorliegende Arbeit befasst sich mit empirischen Methoden, die man auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft anwenden kann. Die Geistes- und Literaturwissenschaften sehen großteils von der psychologischen Grundvoraussetzung von Erzählungen ab, ebenso von psycho-affektiven Funktionen. Neue Erkenntnisse der Biologie, der Hirnforschung und der Psychologie zeigen uns, dass die Zweiteilung der Wissenschaften in Natur- und Geisteswissenschaften nicht mehr angebracht ist. Die Untersuchung von Literaturprozessen muss heutzutage unter Berücksichtigung unseres Wissens über Struktur und Funktionsweise der menschlichen Kognition erfolgen. Daher findet man im 1. Teil der Arbeit einen kleinen Exkurs auf das Gebiet der kognitiven Psychologie, der Neurobiologie und der Hirnforschung.
Die Begründung eines neuen Literatursystems und der Paradigmenwechsels im Sinne einer kognitiven Wende auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft durch Siegfried J. Schmidt, dessen Name eng mit dem interdisziplinären Forschungsprogramm des Radikalen Konstruktivismus verbunden ist, werden im 2. Teil der Arbeit beschrieben. Vor allem geht es dabei um den empirischen Leser, mit all seinen biologisch-psychischen, historisch-kulturellen Voraussetzungen, der den impliziten Leser ablöst.
Im 3. Teil sodann werden die Ergebnisse eigener empirischer Forschungen präsentiert. Es handelt sich dabei um Reproduktionsexperimente, die sich vor allem auf gestaltpsychologische und dynamische textlinguistische Methoden stützen, mittels derer die Gefordertheiten der Texte und deren Wirkung auf die kognitiven Operationen der Rezipienten bei der Reproduktion untersucht werden. Ähnliche Experimente wurden bereits in den 80er Jahren durchgeführt, allerdings lassen sich die Ergebnisse von damals nur bedingt bestätigen. Die angewandten Methoden mögen vielleicht bei sehr kurzen, emotional eher unverfänglichen und wenig komplexen Texten ihre Berechtigung haben, bei längeren, komplexeren Texten, sowie bei sprachexperimenteller Prosa zeigen sich bereits Schwierigkeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Teil
1.1. Einleitung
1.2. Das Gedächtnis
1.3. Das Nervensystem
1.4. Sprache
1.5. Kognition
1.6. Die Welt im Kopf
1.7. Wahrheit
1.8. Emotionen und Gefühle
1.9. Spiegelzellen – der Schlüssel zur Literatur
1.10. Das Bewusstsein
2. Teil
2.1. Textlinguistik und Kognition
2.1.1. Gestaltpsychologischer Ansatz der Textlinguistik
2.1.2. Linguistischer Ansatz der Textlinguistik
2.1.2.1. Konzept einer „Story Grammar“
2.1.2.2. „Structural-Affect-Theory“
2.1.2.3. „Action-Theory“
2.1.2.4. „Construction-Integration-Modell“
2.2. Empirische Literaturwissenschaft
2.2.1. Die NIKOL-Konzeption
2.2.2. Die Neu-Definition des Literaturbegriffs
2.2.3. Die elementaren Handlungstypen (Produktion/Vermittlung/Rezeption/Verarbeitung)
2.2.4. Text-Bedeutungen
2.3. Empirische Forschungen von Stadler und Wildgen
3. Teil
3.1. Eigene empirische Untersuchungen
3.1.1. Die Texte
3.1.2. Die Testpersonen
3.1.3. Die Vorgangsweise
3.1.4. Auswertung
3.1.4.1. Serienreproduktion
3.1.4.2. Einzelne Reproduktionen der selben Geschichte
3.1.4.3. Aktantenkontinuität
3.1.4.4. Prozessuale/Inhaltliche Kontinuität
3.1.4.5. Reproduktion eines sprachexperimentellen Textes
3.2. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht kognitive und neurobiologische Prozesse bei der Rezeption und Reproduktion narrativer Texte. Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie menschliche Psyche und Gedächtnis literarische Kommunikate verarbeiten und warum klassische hermeneutische Ansätze durch empirische Methoden ergänzt werden sollten.
- Grundlagen von Gedächtnis, Nervensystem und Kognition im Kontext der Literaturrezeption.
- Die Bedeutung von Spiegelzellen und bewussten/unbewussten mentalen Mustern beim Lesen.
- Anwendung textlinguistischer Theorien wie "Story Grammar" und "Construction-Integration-Modell" auf empirische Daten.
- Durchführung und Auswertung eigener empirischer Reproduktionsexperimente mit verschiedenen Testtexten.
- Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen empirischer Methoden in der Literaturwissenschaft.
Auszug aus dem Buch
1.2. Das Gedächtnis
Bei der Rezeption und Reproduktion von narrativen Texten bedarf es zunächst einmal eines funktionierenden Gedächtnisses. Der Mensch ist – man könnte sagen - eine nicht-triviale Maschine, im Gegensatz zu einer trivialen Maschine. Eine triviale Maschine basiert auf einem Input-Output-Prinzip, bei dem sie unveränderlich durch Operationen gewisse Ursachen mit gewissen Wirkungen verbindet, während eine nicht-triviale Maschine selbst wieder von den vorangegangenen Operationen beeinflusst und verändert wird (vgl.: Förster 1992: 41-88).
Man kann also von einem aktiven Gedächtnis und einer eigenständigen Organisationsleistung des Gedächtnisses von Menschen ausgehen. Dadurch werden Bedeutungskomplexe generiert, die durch Resonanz den Charakter des „Wiedererkennens“ haben, umso mehr, je konsistenter die konstruierten Bedeutungskomplexe sind. Auf dieses Phänomen werde ich im Kapitel „gestaltpsychologischer Ansatz der Textlinguistik“ noch zu sprechen kommen, und im 3. Teil der vorliegenden Arbeit werden wir die Relevanz dieses Phänomens für die Reproduktion narrativer Texte beobachten können.
Einer der Begründer der kognitiven Psychologie war der britische Psychologe Frederic C. Bartlett (1886 – 1969). Er ließ Menschen Geschichten und Bilder lernen und bewies damit, wie fragil das Gedächtnis eigentlich ist.
„Remembering is not the re-excitation of innumerable fixed, lifeless and fragmentary traces. It is an imaginative reconstruction, or cnstruction, built out of the relation of our attitude towards a whole active mass of organized past reactions or experience, and to a little outstanding detail which commonly appears in image or in language form.” (Squire 1999, 2000: 6)
Schön langsam erkannten dies auch andere Psychologen.
“… perception and memory depend not only on information in the environment but also on the mental structure of the perceiver or the rememberer. … internal representations of mental processes were tenuous theoretical constructs, difficult to approach experimentally. Reaction time measurements, for example, yielded insights about the order in which these hypothetical mental operations are carried out.” (Squire 1999, 2000: 6-7)
Da also diese Vorgänge nur indirekt untersuchbar waren, mussten die Psychologen sich mit Biologen zusammenschließen, um die black box zu öffnen (vgl.: Squire 1999, 2000: 7).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Teil: Dieses Kapitel liefert die neurobiologischen und psychologischen Grundlagen, die für das Verständnis menschlicher Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozesse bei der Literaturrezeption essenziell sind.
2. Teil: Hier werden theoretische Ansätze aus der Textlinguistik und der Empirischen Literaturwissenschaft diskutiert, um Prozesse der Textproduktion und -rezeption theoretisch zu fundieren.
3. Teil: Dieser Hauptteil widmet sich der Beschreibung und Auswertung eigener empirischer Experimente, bei denen Testpersonen narrative Texte nach einmaligem Hören reproduzieren mussten.
Schlüsselwörter
Empirische Literaturwissenschaft, Kognition, Gedächtnis, Narratologie, Textlinguistik, Spiegelzellen, Konstruktivismus, Neurobiologie, Textrezeption, Story Grammar, Reproduktionsexperiment, Schematheorie, Bewusstsein, Interdisziplinarität, Bedeutungskonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Schnittstelle zwischen Literaturwissenschaft, Psychologie und Hirnforschung, um zu untersuchen, wie literarische Texte von Menschen kognitiv verarbeitet und mental rekonstruiert werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses, das Nervensystem, die kognitive Sprachverarbeitung sowie theoretische Modelle der Textlinguistik und der Empirischen Literaturwissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Literaturrezeption kein isolierter Prozess ist, sondern auf biologisch-psychischen Voraussetzungen basiert, und zu demonstrieren, wie empirische Methoden dabei helfen können, diese Vorgänge messbar und nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung kognitionswissenschaftlicher Grundlagen und die Durchführung eigener empirischer Experimente (Reproduktionsexperimente), bei denen Testpersonen Texte nach einem einmaligen Hören wiedergaben.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Durchführung, Dokumentation und methodische Auswertung der empirischen Untersuchungen sowie auf die Diskussion der Ergebnisse im Kontext bestehender Theorien zur Textkohärenz und Aktantenkontinuität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Empirische Literaturwissenschaft, Kognition, Gedächtnis, Textlinguistik, Spiegelzellen und Konstruktivismus.
Warum ist die Untersuchung von „Spiegelzellen“ für die Literaturwissenschaft relevant?
Spiegelzellen sind für die Literaturwissenschaft wichtig, da sie das neuronale Korrelat für das Mitgefühl und die Simulation von Handlungen anderer bilden, was erklärt, warum wir uns in literarische Figuren einfühlen können.
Welche Rolle spielt die „Inversion der Initiative“ in den Experimenten?
Die Inversion der Initiative bezeichnet ein Phänomen in den Reproduktionen, bei dem Testpersonen die Handlungsabfolge oder die Akteure vertauschen, weil sie die fremden kulturellen oder logischen Strukturen der Originaltexte nicht in ihr bestehendes Weltwissen einordnen konnten.
- Arbeit zitieren
- Daria Hagemeister (Autor:in), 2010, Kognitive Ordnungsbildung bei Literaturprozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154534