Wirtschaftsbürgertum im Vormärz

Inwiefern tritt der Augsburger Wirtschaftsbürger in der Gesellschaft in Erscheinung und kann er als typischer Vertreter des deutschen Wirtschaftsbürgertums im Vormärz betrachtet werden?


Seminararbeit, 2003
39 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Augsburger Wirtschaftsbürgertum im Vormärz
1. Betätigungsfelder der Wirtschaftsbürger in Augsburg
1.1 Banken und Börsenhandel
1.2 Banken und Industrie
2. Sozialer Hintergrund
2.1 Bürgerliche Werte
2.2 Herkunft und Familienstrukturen
3. Religion
3.1 Bedeutungsverlust des kath. Wirtschaftsbürgertums
3.2 Situation der jüdischen Wirtschaftsbürger
4. Die gesellschaftliche Oberschicht
4.1 Vereinswesen als Gesellschaftsorganisation
4.2 Politischer Einfluss

III. Der typische Wirtschaftsbürger

IV. Anhang

1. Quellen

2. Literaturverzeichnis

Inwiefern tritt der Augsburger Wirtschaftsbürger in der Gesellschaft in Erscheinung und kann er als typischer Vertreter des deutschen Wirtschaftsbürgertums im Vormärz betrachtet werden?

I. Einleitung

Der Begriff des Wirtschaftsbürgertums, der sich bereits im Vormärz herausbildete, legt nahe, diese Gesellschaftsschicht als eine einheitliche, dieselben Ziele verfolgende Gruppe von Bürgern zu betrachten. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die Welt des Einzelnen auch im Vormärz noch stark regional geprägt war und dementsprechende Unterschiede in der Herausbildung bestimmter Bevölkerungsschichten herrschten. Obwohl das gehobene Bürgertum über gewisse finanzielle Mittel verfügte und oft auch Auslandsreisen unternommen hat, bedeutet das nicht, dass die Einwohner einer Stadt ihre Schicht für das gesamte deutsche Gebiet repräsentieren. Diese Arbeit soll das Wesen des Augsburger Wirtschaftsbürgers herausarbeiten und damit eine mögliche Grundlage für allgemeine Vergleiche bereiten. Am hilfreichsten ist hierzu die Abhandlung Frank Möllers, der sich mit der bürgerlichen Führungsschicht und den Vereinen in Augsburg beschäftigt hat, und die Arbeiten Peter Fassls, der sein Augenmerk vor allem auf religiöse und wirtschaftlich bedeutende Aspekte legt. Selbstverständlich kann man bei der Beschäftigung mit der Wirtschaftsgeschichte Augsburgs nicht auf die Werke Wolfgang Zorns verzichten, der diese ausführlichst darlegt. Alle anderen Veröffentlichungen dienten der inhaltlichen Ergänzung und Bestätigung. Als besonders ergiebig erwiesen sich auch die Augsburger Archive mit Unmengen von Quellenbeständen. Anhand dieser Materialien soll nun im Weiteren ausgeführt werden inwiefern der Augsburger Wirtschaftsbürger in der Gesellschaft in Erscheinung tritt und ob er vielleicht als typischer Vertreter des deutschen Wirtschaftsbürgertums im Vormärz betrachtet werden kann.

II. Das Augsburger Wirtschaftsbürgertum im Vormärz

1.Betätigungsfelder derWirtschaftsbürgerin Augsburg

1.1. Banken und Börsenhandel

Das Wirtschaftsbürgertum in Augsburg setzt sich im Vormärz aus Großhändlern, Bankiers, Fabrikanten, sowie den kaufmännischen und technischen Direktoren und den Prokuristen der Betriebe zusammen. Im frühen 19. Jahrhundert gewann das Bankwesen zunehmend an Bedeutung und überflügelte wirtschaftlich den erschütterten Handel. „Im Gegensatz dazu [dem Handel] verzeichneten die Augsburger Banken in der napoleonischen Zeit und danach große Gewinne."1 Zunächst mit Kriegsspekulationen und später mit Effektenhandel und Staatspapieren ließen sich an der Augsburger Börse Vermögen verdienen. Die Staatsanleihen ergaben einen risikofreien Zins von 5-6% und durch den noch von den Kriegswirren herrührenden Mangel an Kapital ergaben sich private Leihzinsen von bis zu 15%2. Besonders augenfällig sind hierbei die Gewinne der Bankiers Johann Lorenz Schäzler und Johann Gottlieb Süßkind und des Bankhauses Froelich & Wohnlich. Zwar sind diese Herren im weiteren Kreis Mitglieder von Kaufmannsfamilien, aber die Investition in Industrien erschien in dieser Zeit nicht rentabel. Erst der Aufstieg Münchens zum Wechselplatz und Finanzzentrum bescherte der Zeit der großen Spekulationsgewinne in Augsburg ein Ende, die „Augsburger Börse verlor […] seit 1826 unaufhaltsam an Bedeutung."3 Vor allem als die bayerische Regierung die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank ins Leben rief und 1835 infolge der Beteiligungen entschied, dass der Hauptsitz in München liegen wird, wanderte auch das Wertpapiergeschäft langsam in die Hauptstadt ab. Ausschlaggebend für das Ende der gewinnträchtigen Bankgeschäfte war jedoch der Niedergang Augsburgs als Handelsstadt. Der Zollverein bereitete 1834 langfristig zwar neue Möglichkeiten im deutschen Raum, aber andererseits schränkten hohe Zollgrenzen zu Österreich-Italien und Frankreich die traditionell über Augsburg laufenden Verkehrsströme ein.4 Dazu kommt, dass der „Ausbau des Eisenbahnsystems seit den vierziger Jahren […] im Gegensatz zu den Plänen Friedrich Lists, welche die Handels- und Gewerbestädte Nürnberg und Augsburg als Verkehrszentren in Süddeutschland vorgesehen hatten, auf München hin zentriert [war]"5. Augsburg geriet wirtschaftlich abseits der Hauptverkehrswege, da es durch den Ausschluss Österreichs aus dem Zollverein nicht mehr „im Mittelpunkt", sondern in der südöstlichen Ecke „Teutschlands[!]6 " lag. Auch wenn München als Finanzplatz erst 1860 wirklich Bedeutung erlangte, war damit klar ersichtlich, dass München dem ehemaligen Wechselplatz von europäischer Bedeutung den Rang ablaufen würde und die Augsburger Vermögenden suchten nach neuen Investitionsmöglichkeiten.

1.2. Banken und Industrie

Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts, aber besonders nach der napoleonischen Zeit, als die Kattunfabriken allmählich unrentabel wurden, entzogen die Banken das Kapital, dass eine entstehende Industrie dringend benötigte. Vor allem das in Augsburg traditionelle Textilgewerbe konnte nicht mit der technisch weit überlegenen Industrie in England konkurrieren. In der Folgezeit mussten einige Fabriken, wie zum Beispiel die Baumwollspinnerei Gebr. Heinle und die Kattundruckerei Dingler ihren Betrieb einstellen.7

Fabriken sind mehr als kein anderes Handelsgeschäft, selbst im Augenblick des am günstigsten erscheinendem Zeitpunktes, großen möglichen Gefahren ausgesetzt, und Realitäten einer ins stocken geratenen Fabrik sind, hätten solche auch ursprünglich auch noch so viel gekostet, fast gar nichts mehr Werth [!].8

Damit ist die zunächst noch vorherrschende Meinung der Augsburger Wirtschaftsbürger wiedergegeben. Trotz der wirtschaftlich ungünstigen Lage blieben dem Standort Augsburg eine Vielzahl kleinerer Betriebe erhalten, sogar einige Neugründungen entstanden.9 Von den größeren Textilfabriken überlebte nur die Kattundruckerei Schöppler & Hartmann unter der Leitung von Karl Forster. Aufgrund des Wegfalls der Augsburger Börse als Investitionsmöglichkeit entdeckten einzelne Bankiers, angeregt durch die erfolgreiche Wirtschaftung einzelner Unternehmen wie der Tabakfirma Lotzbeck, wieder die Möglichkeiten der Industrie. Mit der Verlegung der Kammergarnspinnerei von Nürnberg nach Augsburg, eben durch Investoren und die Wasserkraft des Lechs angelockt, begann in Augsburg 1836 die industrielle Gründungswelle.10 Kurz darauf wurde unter Führung des Bankiers Johann Lorenz Schäzler die Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei11 gegründet, deren Aktienkapital von 1,2 Mio. fl. innerhalb von 18 Tagen bereits gezeichnet war, und davon 60% allein von Banken.12 Die Beteiligung der Augsburger Wirtschaftsbürger am Eisenbahnbau ist endgültig als „Lernprozeß von der Spekulation zur soliden Industrieinvestition […]"13 zu verstehen. Der Augsburger Bahnhof14 und die damit verbundenen Nutzungsmöglichkeit des entstehenden bayerischen Schienensystems ließen Augsburg für Industriegründungen an Attraktivität gewinnen. Mit zunehmendem Erfolg ergriffen immer mehr Augsburger Wirtschaftsbürger selbst den Beruf des Unternehmers15, natürlich mit dem Kapital der verzweigten Familie aus den Bankgeschäften. Bereits ab 1840 lässt sich eine außerordentlich starke Zunahme der Neugründungen erkennen.

2.Sozialer Hintergrund

2.1. Bürgerliche Werte

Trotz allem Erfolg war es für den Wirtschaftsbürger wichtig, sich auch bürgerlich zu verhalten. Man war stolz darauf ein Bürger zu sein. Die Verleihung eines Freiherrntitels, auf den Johann Lorenz Schäzler mit Fleiß und Ausdauer hingearbeitet hatte, brachte ihm Vorteile im Umgang mit der adligen Gesellschaft, „seinem Bürgerstolz mißfiel es aber dann, daß man ihn nur noch als Baron, nicht mehr als Finanzrat anredete, da das eine auf Leistung, das andere aber nur auf Gnadenerweis beruhe"16. Karl Ludwig Forster ging in seiner Verbundenheit mit dem Bürgertum sogar soweit, dass er noch 1948 die Reichsratwürde ablehnte. Aber vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts setzte sich die Faszination eines Adelstitels gegen bürgerlichen Stolz der Wirtschaftsbürger durch, die die Standesunterschiede eigentlich nur am Vermögen und an der Leistung des Einzelnen festmachten.17 Mit der Ausübung eines Gewerbes verdiente man mehr und in den Augen der Wirtschaftsbürger leistete man auch mehr. Ein Arbeitstag von 12 Stunden oder auch länger war keine Seltenheit, auch für die Großunternehmer oder Bankiers, so erklärt Johann Lorenz Schäzler:

Selbst im Winter gieng[!] ich gemeiniglich[!] schon des Morgens früh 6 Uhr mit meiner Handlaterne auf das Comptoir, zündete mit den in dem Circulations-Ofen noch vom vorigen Abend unter der Asche glimmend gebliebenen Funken mir selbst das Feuer im Ofen an und arbeitete mit meinen Leuten, denen ich mit gutem Beyspiel[!] vorangieng, ununterbrochen fort, bis gemeiniglich[!] Nacht Neun Uhr.18

Deswegen hatte der erfolgreiche Unternehmer oder Kaufmann in Augsburg bis gegen Ende des Jahrhunderts einen höheren Stellenwert als der Regierungsbeamte oder Offizier, was jedoch nicht bedeutete, dass Staatsdiener nicht gesellschaftlich geachtet wurden und einen feste Bestandteil der Führungsschichten in Augsburg stellten.19 Trotz allem war auch der Alltag der Wirtschaftsbürger im Vormärz durchschnittlich von Bescheidenheit geprägt, die Ehefrauen führten zum Beispiel den Haushalt selbst. Oft wohnten die Kinder auch noch lange nachdem sie bereits verheiratet waren im Hause der Eltern oder Schwiegereltern, da eine eigene Wohnung als nicht angemessen erschien.20

„Persönlicher Luxus wurde beargwöhnt, galt als Zeichen von Leichtsinn und Abkommen vom rechten Weg"21 Aber gleichzeitig stiegen die Gewinne und der verheiratete Wirtschaftsbürger mittleren Alters konnte es sich finanziell leicht leisten ein eigenes Anwesen zu erwerben. Vor allem im Zuge der Fabrikneugründung wurden innerhalb des Firmengeländes regelrechte Villen errichtet. Man genoss so die Leistung seiner Arbeit, versuchte aber trotzdem die bürgerliche Lebensführung beizubehalten. In Augsburg lagen die Fabrikgelände zwar am Rand der Stadt22, aber immer noch im Stadtgebiet. Deswegen erstand Johann Lorenz Schäzler zusätzlich zu seinem Stadthaus ein so genanntes Gartenpalais23, welches abseits jeglicher Industrie steht. Überhaupt erwarb „die Spitze des Augsburger Wirtschaftsbürgertums […] im großen Umfang Gutsbesitz"24, nicht nur aus dem Wunsch es dem Adel gleichzutun, sondern auch als eine krisenfeste Kapitalanlage. Hier wiederum konnte sich die Erhebung in den Adelsstand als nützlich erweisen, wobei „der Zusammenhang zwischen beiden […] nicht immer eindeutig geklärt werden [kann] - sollte der Erwerb eines Adelstitels den Erwerb von Landbesitz erleichtern oder umgekehrt?"25 Auf jeden Fall ermöglichte die Verleihung eines Adelstitels die Errichtung eines Fideikommisses26, wovon mehrere Wirtschaftsbürger Gebrauch machten.27 Mit zunehmenden Verdiensten wurden auch die Möglichkeiten für die sowieso schon als essentiell betrachtete Ausbildung weiter ausgeschöpft. Für den Sohn eines erfolgreichen Wirtschaftsbürgers war eine gute Ausbildung, immer häufiger auch eine schulische durch Privatlehren oder auf Gymnasien, selbstverständlich und vor allem Reisen ins In- und Ausland um verschiedenste Unternehmen und Fabriken kennen zulernen gewannen immer mehr an Bedeutung.28 Obwohl viele Vertreter des Augsburger Wirtschaftsbürgertums an bürgerlichen Idealen festhielten, entwickelte sich durch den wirtschaftlichen Erfolg auch hier eine eigene Gesellschaftsschicht mit leicht veränderten Werten.

2.2. Herkunft und Familienstrukturen

Augsburg hat eine weit zurückreichende Handelsgeschichte, doch „um 1800 zählte zu der wirtschaftlichen Führungsschicht keine einzige Familie, die bereits vor dem 30jährigen Krieg wirtschaftliche Bedeutung gehabt hätte, und nur sehr wenige die vor 1700 zugewandert waren."29 Das bedeutet, dass die Wirtschaftsbürger Augsburgs größtenteils nicht aus der Stadt selbst stammten, sondern sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts dort niedergelassen hatten. Viele vermögende protestantische Familien kamen aus anderen Reichsstädten, dem Norden des deutschen Raumes und später vor allem aus Baden-Württemberg und Franken (Schüle, Wohnlich, Süßkind, Schäzler, Forster,…), während wirtschaftlich tätige Katholiken von Österreich und Norditalien, später dann auch aus dem schwäbischen Umland, nach Augsburg übersiedelten (Carli, Pedrone, …).30 Bereits vor dem Beginn des 19. Jahrhunderts konnte es die alte Oberschicht bewerkstelligen vor allem die protestantischen Zuwanderer größtenteils zu integrieren und dauerhaft in die Augsburger Gesellschaft aufzunehmen. Damit erklärt sich der im Vormärz sehr hohe Prozentsatz von über 50% der Führungskräfte aus Augsburg und der näheren Umgebung.31 Noch höher ist in der Folgezeit dann die Selbstrekrutierungsquote des Augsburger Wirtschaftsbürgertums von 61%, die durch jeweils unterschiedliche Werte aus Handel, Bankwesen und Industrie entsprangen.32 Dies wurde in erster Linie noch durch die Heiratspolitik der einzelnen Familien verstärkt. So bestanden mehrere familiäre Verbindungen, die sich über das gesamte Augsburger Wirtschaftsbürgertum erstreckten, wobei „gerade die Gruppe der protestantischen und wirtschaftsbürgerlichen Höchstbesteuerten33 […] eine hohe Übereinstimmung mit diesem Verwandtschaftsnetz [aufwies]"34. Um die Bedeutung der verwandtschaftlichen Verflechtungen zu erkennen, darf man das Augenmerk nicht auf die Abstammung richten, sondern muss die verwandten Zeitgenossen eines Wirtschaftsbürgers auflisten.35 Dann begegnen einem auch alle anderen wichtigen Wirtschaftsbürger, die Verbindung untereinander wird mit Konsequenz betrieben und ist sowohl Vermögens als auch Standespolitik.36 Wenn man also nun den „eigentlichen Kern der Führungsschicht [betrachtet], der über Gründung, Sanierung, Erweiterung eines Unternehmens, Bestellung und Entlassung von Direktoren, entschied, kurz die unternehmerische Richtung bestimmte, so stößt man auf einen kleinen Kreis von fünf bis sieben Familienclans […]."37 Wichtig für das jeweilige Familienunternehmen war also eine eheliche Verbindung mit anderen wirtschaftsstarken Familien aufgrund ökonomischer Vorteile. Durch die Heiratspolitik ergab sich die Ausweitung des Einflussgebietes und damit auch des Absatzmarktes oder die Zusammenlegung bzw. Klärung der Zuständigkeiten für bisher konkurrierende Betriebe. Letztendlich war eine weit gefächerte Verwandtschaft das ideale Beziehungsgeflecht für den Handel und verwandte Personen die vertrauensvollsten Geschäftspartner. Oft wurden auch die Teilhaber oder die eingesetzten Unternehmensleiter in die Familie integriert, was zum Beispiel die Heirat Johann Lorenz Schäzlers zeigt, der damit nicht nur die Tochter von Benidikt von Liebert als Ehefrau, sondern auch eine führende Position in dessen Unternehmen erhielt.38 Auch „Gottlieb von Süßkind [übertrug] die Leitung seiner Wiener Fabrik seinem Schwiegersohn"39. Des Weiteren diente die Familie zur Kapitalsammlung im Sinne einer Aktiengesellschaft, um fremden Kapitalgebern so wenig Einfluss wie möglich zu gewähren. Wegen des absichtlich hohen Ausgabewertes der Aktien konnte von Anfang an sichergestellt werden, dass „bei sämtlichen größeren Unternehmen nur ein kleiner [vermögender] Kreis von etwa 15 vielfach miteinander verwandter Bankiers und Kaufleute beteiligt war"40, die sich damit jegliche Entscheidungsbefugnis für die Familie vorbehielten. Fast genauso wichtig wurde dann auch der Status, den es mit der Partnerwahl zu bewahren galt. Damit vergrößerten sich langsam die Möglichkeiten für ein Konnubium41 auch mit adligen bzw. altpatrizischen Familien Augsburgs, die wiederum zwar nur in geadelte Wirtschaftsbürgerfamilien einheirateten, aber damit über mehre Ecken hinweg auch mit den anderen Wirtschaftsbürgern verwandt waren.42 Diese Verbindungen waren in Augsburg in der ersten Hälfte des Jahrhunderts eher die Ausnahme, wurden aber dann, wie für das gesamte Wirtschaftsbürgertum im mitteleuropäischen und speziell im deutschen Raum, zur üblichen Familienpolitik.

3.Religion

3.1. Bedeutungsverlust des katholischen Wirtschaftsbürgertums

Unabhängig davon wie angesehen oder erfolgreich eine Familie war, blieb die Konfession als Schranke für eine eheliche Verbindung bis über das Ende des 19. Jahrhunderts hinaus bestehen. Trotz des gesellschaftlichen Umgangs bekundeten beide Seiten wenig Interesse an einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Familien mit anderer Konfession. Ferdinand Benedikt von Schäzler ging sogar soweit, dass er, aufgrund der Konversion seines Sohnes, in seinem Testament vermerkte:

Mein Sohn Constantin ist zur großen Betrübnis der ganzen Familie aus dem Schoße der Evangelischen Kirche getreten und hat den Glauben verlassen, […] er trägt sich mit dem Gedanken Priester dieser [katholischen] Kirche zu werden, vielleicht sogar Mitglied eines Ordens, in dessen Mitte er nicht mehr frei über sich und sein Vermögen zu verfügen im Stande ist. Dieses letztere aber in fremde Hände und zwar in solche kommen zu lassen, die es für die besonderen Zwecke der römische Kurie und zum Nachtheile[!] meiner Kirche verwenden können, wird er wohl selbst nicht von mir verlangen und solches […] zu verhindern, erachte ich als meine Pflicht43.

[...]


1 Frank Möller: Bürgerliche Herrschaft in Augsburg 1790-1880. (= Stadt und Bürgertum, Bd.9), München 1998, S. 138.

2 Hannes Leiskow: Spekulation und öffentliche Meinung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jena 1930, S. 2.

3 Wolfgang Zorn: Handels- und Industriegeschichte Bayrisch-Schwabens 1648-1870. Wirtschafts-, Sozialund Kulturgeschichte des schwäbischen Unternehmertums. (= Studien zur Geschichte des Bayrischen Schwabens, Bd. 6) Augsburg 1961, S. 131f.

4 Peter Fassl: Wirtschaftliche Führungsschichten in Augsburg 1800-1914. In: Möckl, Karl (Hg.): Wirtschaftsbürgertum in den deutschen Staaten im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert. (= Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit, Bd. 21), München 1996, S. 220f.

5 Peter Fassl: Konfession, Wirtschaft und Politik. Von der Reichsstadt zur Industriestadt, Augsburg 1750- 1850. (= Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 32), Sigmaringen 1988, S. 220.

6 Stadtarchiv Augsburg: Die Organisation der Reichsstadt Augsburg: Entwurf einer Darstellung der Handelsverhältnisse hiesiger Stadt. Denkschrift des Augsburger Handelsstandes von 1806.

7 Josef Graßmann: Die Entwicklungen der Augsburger Industrie im Neunzehnten Jahrhundert. Augsburg 1894

8 Antrag des Abg. Schäzler, die Errichtung einer National-Bank … betr., Mü. 1819 (1822), 26. In: Zorn: Handels- und Industriegeschichte, S. 129.

9 Möller: Bürgerliche Herrschaft, S. 144.

10 Fassl: Konfession, S. 226.

11 Siehe Quellen, Dok. 10.

12 Friedrich Hassler. Hundert Jahre Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg. Augsburg 1937, S. 21-67.

13 Möller: Bürgerliche Herrschaft, S. 145.

14 Siehe Quellen, Dok. 11.

15 Siehe Quellen, Dok. 1.

16 Wolfgang Zorn: Johann Lorenz und Ferdinand Benedikt von Schaezler. In: Lebensbilder aus dem bayerischen Schwaben, Bd. 3, München 1954, S. 369-388.

17 Peter Fassl: Wirtschaftliche Führungsschichten in Augsburg 1800-1914. In: Karl Möckl (Hg): Wirtschaftsbürgertum in den deutschen Staaten im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert. (= Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit, Bd. 21), München 1996, S. 243.

18 Johann Lorenz Freiherr von Schaezler: Meine Lebens-Beschreibung. In: Zorn: Handels- und Industriegeschichte. S. 329.

19 Fassl: Führungsschichten. S. 244.

20 Schaezler: Lebens-Beschreibung. S. 310-317.

21 Fassl: Führungsschichten. S. 244.

22 Siehe Quelle, Dok. 12.

23 Siehe Quelle, Dok. 13.

24 Möller: Bürgerliche Herrschaft. S. 121.

25 Ebd., S. 120.

26 Rechtsinstitut für den Adel, wonach ein Vermögensgut, insbesondere Grundbesitz, unveräußerlich und nur als Ganzes in der Familie vererblich ist und der jeweilige Inhaber nur die Erträge des Gutes nutzbar machen kann.

27 Möller: Bürgerliche Herrschaft. S. 122.

28 Zorn: Handels- und Industriegeschichte. S. 276-280.

29 Fassl: Führungsschichten. S. 218.

30 Zorn: Handels- und Industriegeschichte. S. 265f.

31 Fassl: Führungsschichten. S. 224f.

32 Ebd., S. 226.

33 Siehe Quellen, Dok. 2.

34 Möller: Bürgerliche Herrschaft. S. 113.

35 Siehe Quellen, Dok. 3.

36 Zorn: Handels- und Industriegeschichte. S. 210f.

37 Fassl: Führungsschichten. S. 227.

38 Schaezler: Lebens-Beschreibung. S. 310f. Auch H. Schlösser aus Aachen machte ihm ein ähnliches Angebot.

39 Möller: Bürgerliche Herrschaft. S. 115f.

40 Fassl: Konfession, S. 231.

41 Kreis von Personen und Familien aus dem mögliche Ehepartner gewählt werden.

42 Möller: Bürgerliche Herrschaft. S. 115.

43 Stadtarchiv Augsburg: AK 7, Nr. 126.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftsbürgertum im Vormärz
Untertitel
Inwiefern tritt der Augsburger Wirtschaftsbürger in der Gesellschaft in Erscheinung und kann er als typischer Vertreter des deutschen Wirtschaftsbürgertums im Vormärz betrachtet werden?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Deutschland im Vormärz
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
39
Katalognummer
V154629
ISBN (eBook)
9783640673049
ISBN (Buch)
9783640673179
Dateigröße
5359 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
19 Seiten Anhang (Dokumente und Bilder)
Schlagworte
Wirtschaftsbürgertum, Augsburger, Wirtschaftsbürger, Gesellschaft, Erscheinung, Vertreter, Wirtschaftsbürgertums
Arbeit zitieren
Sebastian Plappert (Autor), 2003, Wirtschaftsbürgertum im Vormärz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154629

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