Das Verhältnis der Türhüter-Parabel zum Erzählkontext in Kafkas Roman "Der Prozeß"


Seminararbeit, 1996

11 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die epische Situation der Türhüter-Parabel im Vergleich zum Text

3. Bedeutung der Türhüter-Parabel im Vergleich zum Erzählkontext

4. Schluß

1. Einleitung

Max Brod ist es zu verdanken, daß die Werke von Franz Kafka erhalten geblieben sind und nicht, wie Kafka von Brod verlangte, nach seinem Tod vernichtet wurden. Ihre Vernichtung wäre ein großer Verlust gewesen, denn die Untersuchungen an Kafkas Werken nehmen kein Ende, da sie viel Raum für Spekulationen und unterschiedliche Deutungen bieten.

So z.B. auch sein als Fragment erhalten gebliebener Roman „Der Prozeß“. Dessen einzelne Kapitel wurden erst nach Kafkas Tod von Max Brod in eine für ihn richtig erscheinende Reihenfolge gebracht, die jedoch von vielen Kritikern umstritten ist. „Der Prozeß“ handelt von Josef K., der am Morgen seines 30. Geburtstages aufwacht und ihm mitgeteilt wird, daß er verhaftet sei. Sein Leben verläuft dennoch normal weiter, da er in Freiheit bleibt und lediglich Gerichtstermine aufsuchen muß. Es stellt sich jedoch bald heraus, daß das eigentliche 'Gericht'

für Josef K. unerreichbar und undurchsichtig bleibt. Er sucht nun verzweifelt Hilfe, um seine Unschuld zu beweisen und um herauszufinden, wessen er beschuldigt wird. Am Ende wird er hingerichtet, ohne Antworten auf seine Fragen gefunden zu haben. Ein wichtiger Punkt des Romans ist die 'Türhüter-Parabel', die wohl den größten Anreiz für Spekulationen bietet. Diese wird Josef K. im 'Domkapitel' von einem Geistlichen er-zählt.[1] )

2. Die epische Situation der Türhüter-Parabel im Vergleich zum Text

Die Parabel handelt vom 'Mann vom Lande', der vor das Gesetz tritt, um Einlaß zu er-halten, welcher ihm jedoch vom Türhüter, der diesen Eingang bewacht, verwehrt wird. Der Mann könnte zwar trotz Verbot eintreten, doch er erfährt, daß im Inneren weitere -noch mächtigere Türhüter seien und so wartet er am Eingang, bis er am Ende schließlich stirbt.

Im Prozeß beschränkt Kafka die Erzählperspektive auf den Gesichtskreis der Hauptfigur, wodurch der Leser zu einer starken Identifizierung mit dieser gebracht wird. Diese charakteristische Erzählhaltung wird als: „[...] erlebte Rede [...] (style indirect libre) [...] .“[2] ) bezeichnet. Dies erfolgt charakteristisch in der 3. Person, wie schon am ersten Satz des Romans zu erkennen ist: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben [...] .“[3] ) Der Roman wurde komplett in der personalen Erzählweise geschrieben.

Die 'Türhüter-Parabel wird in der gleichen Perspektive erzählt wie der Text. Ihr wesentlicher Unterschied zum restlichen Text besteht darin, daß sie aller romanhafter Elemente entkleidet scheint und quasi raum- und geschichtslos erzählt wird, wohingegen im 'Prozeß' selbst, die Verhaftung Josef K.s romanhaft als ein Vorgang erzählt wird und der epische Raum des Romans ausgeweitet und differenziert wird.

Es fällt jedoch auf, daß die einzelnen Kapitel wenig, bzw. gar keinen Bezug aufeinander nehmen, wodurch der Eindruck entstehen könnte, jedes Kapitel stelle einen Neuanfang der Geschichte dar. Auch auf die 'Türhüter-Parabel' wird später kein Bezug mehr ge-nommen. Dennoch treibt Kafka die Geschichte voran und es wäre nicht auszuschließen, daß der Eindruck des ewigen Neubeginns dadurch entsteht, daß es sich bei diesem Text nunmal um ein Fragment handelt.

Die 'Parabel' erweckt den Eindruck, als seien in ihr die Elemente des 'Prozeß' auf das wesentliche reduziert. Es wäre also möglich, daß die 'Türhüter-Parabel' einen wichtigen Stellenwert, bzw. Sogar eine Schlüsselfunktion für den Roman einnimmt:

„Durch diese Konzentration auf die wesentlichen Elemente und durch die Reduzierung eines Vorgangs auf einen Zustand, der bildhaft deutlich gemacht wird, wird die Legende zum Schlüssel für den Roman.“[4] )

Es scheint fast so, als erzähle die 'Türhüter-Parabel' Josef K.s Geschichte in Kurzform.

3. Bedeutung der Türhüter-Parabel im Vergleich zum Erzähl- kontext

Kafka selbst bezeichnet die 'Türhüter-Parabel' im 'Prozeß' als Legende, obwohl sie die typischen Strukturen einer Parabel aufweist, da der Geistliche sie Josef K. erzählt, um ihm seine Situation und sein Verfehlen deutlich zu machen. Eine Legende erzählt jedoch meist eine Geschichte religiösen Inhalts, was bei dieser Parabel jedoch nicht der Fall ist. Es ist jedoch möglich, daß Kafka, der ja ein prager Jude war, durch religiöse Schriften beeinflußt wurde. Die Midrasch Legende, in der Mose - und nicht Josef K. - eine Reihe Türhüter überwinden muß, weist eine große Ähnlichkeit zu Kafkas Parabel auf. Es scheint jedoch, als sei Kafkas Parabel eine Negation der religiösen Vorlage:

„[...] Midrasch-Legende [...] ist die Vorlage, zu der sich Kafkas berühmte 'Legende' verhält, wie ihre Negation.“ [5]

Dennoch weist Kafka im 'Prozeß' deutlich auf die Verwandtschaft der 'Türhüter-Para-bel' mit der Heiligen Schrift hin, indem er den Geistlichen, der die Parabel erzählt, von der „Schrift“[6] ) ihrer „Unabänderlichkeit“[7] ) und ihren „Auslegungen“[8] ) sprechen läßt. In Kafkas Parabel tritt der 'Mann vom Lande' vor das Gesetz, um Einlaß zu erlangen.

[...]


[1] Franz Kafka: Der Prozeß, Frankfurt am Main: Fischer 1979, S. 182f.

[2] Beda Allemann: Kafka. Der Prozeß. In: Benno von Wiese (Hgg.): Der Deutsche Roman. VomBa- rock bis zur Gegenwart. Struktur und Geschichte II, Düsseldorf: August Bagel 1963, S. 239.

[3] Kafka 1979 S. 7.

[4] Ingeborg Henel: Die Türhüterlegende und ihre Bedeutung für Kafkas 'Prozeß'. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 37, 1963. S. 69.

[5] Ulf Abraham: Mose „Vor dem Gesetz“. Eine unbekannte Vorlage zu Kafkas „Türhüterlegende“. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 57, 1983. S. 636.

[6] Kafka 1979, S.183.

[7] Ebenda, S.185.

[8] Ebenda, S.183f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis der Türhüter-Parabel zum Erzählkontext in Kafkas Roman "Der Prozeß"
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Seminar für deutsche Sprache und Literatur.)
Veranstaltung
Einführung in die Analyse erzählender Texte.
Note
3
Autor
Jahr
1996
Seiten
11
Katalognummer
V15466
ISBN (eBook)
9783638205696
ISBN (Buch)
9783656241706
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Türhüter-Parabel, Erzählkontext, Roman, Prozeß, Einführung, Analyse, Texte, Franz Kafka, Kafka, Der Prozess
Arbeit zitieren
Tanja Stramiello (Autor), 1996, Das Verhältnis der Türhüter-Parabel zum Erzählkontext in Kafkas Roman "Der Prozeß", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15466

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