Stilistische Verpflichtung? Nietzsches "Lehre vom Stil" und der Stil in "Also sprach Zarathustra"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
22 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Nietzsches „Lehre vom Stil“
1.1 Entstehungsgeschichte
1.2 Gaugers Interpretation

2. Stil in „Also sprach Zarathustra“
2.1 Die „Lehre vom Stil“ als Maßstab?
2.2 Gleichnisse, Bilder und Sprechnähe
2.3 Stilistische Einordnung durch den Autor

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Friedrich Nietzsche ist mit Sicherheit einer der umstrittensten Philosophen. Dies mag zum einen an der Tatsache liegen, dass er - unverdienter Weise, wie ich meine, oft in einem Atemzug mit dem Nationalsozialismus genannt wird, der sich gerne seiner kraftvollen Worte bediente, wenn diese passend erschienen. Zum anderen liegt es sicherlich aber auch an seiner Sprache - dem Schreibstil vieler seiner Schriften, die so gar nicht in das Bild philosophischer Texte passen wollen. Nietzsches Schreibstil ist innerhalb der Philosophie und sogar innerhalb der Literatur einmalig - ein Grund mehr diesen einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.

Nietzsche hat sich innerhalb seiner Schriften oft genug selbst zum Thema „Stil“ geäußert, weswegen auch auf seine eigenen Äußerungen eingegangen werden kann und sogar muss, denn dies kann bei der Suche nach einer Beschreibung des Stils bei Nietzsche nur dienlich sein. Hierbei ist jedoch Vorsicht angebracht - gerade bei Nietzsche, denn nicht alles, was er sagte kann in gleicher Weise gewichtet werden. Auch ist es fraglich, ob er immer auf das, was er äußerte, festgelegt werden kann und muss.

Ausgehend von einer kritischen Betrachtung der Interpretation Martin Gaugers zu Nietzsches „Lehre vom Stil“ soll anschließend untersucht werden, welcher Art Nietzsches Stil in „Also sprach Zarathustra“ ist, und wie er ihn selbst beschrieb.

1. Nietzsches „Lehre vom Stil“

1.1 Entstehungsgeschichte

Nietzsches Verhältnis zu den Frauen ist problematisch und von Enttäuschungen bestimmt. Seine innere Verkrampftheit, die er immer wieder an den Tag legt, wenn es darum geht auf Freiersfüßen zu wandeln, hat sicherlich viele Ursachen. Eine mag darin zu sehen sein, dass zu Nietzsches Lebzeiten strenge moralische Konventionen herrschen, die ein entspanntes Miteinander zwischen Frauen und Männern erschweren. Eine weitere Ursache mag darin zu finden sein, dass Nietzsche in einem reinen Frauenhaushalt groß wird. Der Vater verstirbt früh, und auch sein Bruder stirbt bereits mit zwei Jahren. Übrig bleiben die Mutter Franziska, die Schwester Elisabeth, die Großmutter Erdmuthe, zwei unverheiratete Tanten Rosalie und Auguste und die Haushälterin Wilhelmine. Gerade seine Schwester übt dabei den wohl größten Einfluss auf ihn aus. Sie steht ihm einerseits immer wieder bei, wenn er aufgrund seiner seit ca. 1865 anhaltenden schlechten gesundheitlichen Verfassung auf ihre Hilfe angewiesen ist. Andererseits übt sie jedoch immer wieder einen starken, von Eifersucht geprägten Einfluss aus, wenn sich Nietzsche anderen Frauen in Zuneigung zuwenden will. Zur Eskalation mit der Schwester und zur tiefsten Kränkung Nietzsches kommt es im Jahre 1882 - dem Entstehungsjahr der Schrift „Zur Lehre vom Stil“.[1]

Nietzsche ist immer auch auf der Suche nach einer Frau, die ihm geistig entspräche. 1882 denkt er, es sei soweit. Durch seinen Freund Paul Reé und Malwida von Meysenbug lernt er am 20.4.1882 die junge Russin Lou Salomé im Petersdom in Rom kennen. Nietzsche liebt Lou und wirbt um sie, doch auch Reé zeigt Interesse. Alle drei planen zunächst ein geistiges Dreiergespann zu bilden - miteinander zu leben und zu lernen. Zunächst scheint dies zu klappen, doch dann werden Nietzsches Enttäuschung gegenüber Lou, die zwei Heiratsanträge abweist, und seine Eifersucht gegenüber Reé zu groß. Die Freundschaften zerbrechen.

Zuvor weilen jedoch Lou und Nietzsche vom 7. bis 26. August 1882 in Tautenburg - mit Nietzsches Schwester Elisabeth als Anstandsdame, wobei es am Ende des Aufenthalts zu einem großen Streit zwischen Nietzsche und seiner Schwester kommt. In dieser Zeit entsteht die „Lehre vom Stil“. Sie kann auch als Teil Nietzsches Werbens betrachtet werden, denn in besagter Zeit versucht Nietzsche noch einmal nachdrücklich Lous Herz für sich zu gewinnen. Doch auch dieses Mal scheitert er.

Von der Schrift liegen zwei Fassungen vor. Die erste schrieb er wahrscheinlich kurz vor besagtem Treffen - im Juli. Thema soll im Folgenden jedoch die zweite - also die von ihm wahrscheinlich überarbeitete Fassung sein.

1.2 Gaugers Interpretation

Hans-Martin Gauger widmet in seinem Buch „Über Sprache und Stil“[2] ein eigenes Kapitel Nietzsches „Lehre vom Stil“. Gauger geht dabei Punkt für Punkt Nietzsches Thesen durch und interpretiert sie. Nietzsches „Lehre vom Stil“ sieht folgendermaßen aus:

Zur Lehre vom Stil.

1.

Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll leben.

2.

Der Stil soll dir angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der doppelten Relation.)

3.

Man muß erst genau wissen: „so und so würde ich dies sprechen und vortragen“ — bevor man schreiben darf. Schreiben muß eine Nachahmung sein.

4.

Weil dem Schreibenden viele Mittel des Vortragenden fehlen, so muß er im Allgemeinen eine sehr ausdrucksvolle Art von Vortrage zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon nothwendig viel blässer ausfallen.

5.

Der Reichthum an Leben verräth sich durch Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente — als Gebärden empfinden lernen.

6.

Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den Meisten ist die Periode eine Affektation.

7.

DerStil soll beweisen, daß man an seine Gedanken glaubt, und sie nicht nur denkt, sondern empfindet.

8.

Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehrmuß man erst die Sinne zu ihr verführen.

9.

Der Takt des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber niemals zu ihr überzutreten.

10.

Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und sehr klug, seinem Leser zu überlassen, die letzte Quintessenz unsrer Weisheit selber auszusprechen.

5

F. N.

Einen guten Morgen, meine liebe Lou![3]

Laut Gauger zeigt der Teil des dritten Abschnittes: „Schreiben muss eine Nachahmung sein“, dass es hier allein um das Schreiben geht - Stil meint eine Schreibweise. Das Leitwort dieser Lehre heißt dabei „Leben“. In den ersten acht Abschnitten steht es entweder explizit im Zentrum, oder aber die Aussagen stehen im unmittelbaren Zusammenhang. Eine Schreibweise muss, um als gut bezeichnet zu werden, das Prädikat „Leben“ verdienen. Sie muss die Merkmale dessen haben, das lebt. Für Gauger sieht Nietzsche „Leben“ als notwendige Bedingung des guten Stils an. Dies soll so verstanden werden, dass der Schreiber die Eigenschaft „Leben“ auf das Geschriebene überträgt. Doch nun zu den einzelnen Abschnitten.

Die Aussage des ersten Abschnittes scheint zunächst klar: „der Stil soll leben“. Wie jedoch ist dies zu verstehen, dass eine Schreibweise leben soll? Laut Gauger geht es um eine Eigenschaft, um die Übertragung der Eigenschaft „Leben“, die dem zukommt, der schreibt, auf das von ihm Geschriebene. Doch die Eigenschaft „Leben“ soll dem Stil auch direkt zukommen: Er selbst soll „leben“. „Leben“ darf also, laut Gauger, durchaus in einem „physiologischen“, „organischen“ Sinne verstanden werden.

Im zweiten Abschnitt wird der erste Abschnitt konkretisiert. Die Eigenschaft „Leben“, die einer Schreibweise zukommt, hat laut Gauger mit „Angemessenheit“ zu tun, wobei sich die „Angemessenheit“ auf die kommunikative Intention dessen bezieht, der schreibt: dir angemessen, insofern du dich kommunikativ an ein Du richtest. „Angemessenheit“ gilt also der Situation, der kommunikativen Grundsituation: jemand teilt sich jemandem mit. Diese Situation soll die Schreibweise abbilden. Mit „eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst“ ist jedoch eine fiktive Adresse gemeint. Der Schreibende soll von der Situation im Sinne eines Als-ob ausgehen. Dabei ist dies nicht im Sinne eines Dialoges oder Monologes zu verstehen, sondern im Sinne eines Vortrages, bei der man die bestimmte Person, an den er sich richtet, nicht aus dem Auge verlieren soll.

Auch im dritten Abschnitt wird laut Gauger deutlich, dass es um das Vortragen geht. Das, was man sagen will, muss in einen Vortrag verwandelt werden - und zwar im Sinne des zweiten Abschnitts: Einen Vortrag, der an „eine ganz bestimmte Person“ gerichtet ist. Deutlich wird hier auch, dass sich das Schreiben nicht vom Sprechen lösen soll, es muss vielmehr Nachahmung des Sprechens sein: „Schreiben muß eine Nachahmung sein“. Das „Leben“ des Stils hängt somit ab von der Lebendigkeit des nachgeahmten Vortrags und vom Grad des Gelingens dieser Nachahmung. Laut Gauger geht es folglich um zweierlei: 1. um die Verwandlung dessen, was man sagen will, in ein „Vortragen“ - also fiktive Mündlichkeit im Sinne eines Vortrags für ein ganz bestimmtes Gegenüber, und 2. um die Verwandlung dieses Vortragens in Geschriebenes. Die Verwandlung steht hierbei unter dem Zeichen der Nachahmung: Ein Verhältnis von Abbild und Vorbild. Dabei ist das Gesprochene/Vorgetragene Vorbild und das Geschriebene Abbild.

Im dritten Abschnitt weist Nietzsche darauf hin, dass dem Medium Schrift Mittel fehlen, die im Medium des Mündlichen, also des Akustischen gegeben sind: Materielle Defizienzen, also suprasegmentelle Elemente, wie z.B. Intonation, Pausen, Unterschiede in der Lautstärke, Unterschiede in der Geschwindigkeit der Abfolge der Artikulationsbewegungen (Tempo, Temposchwankungen), Rhythmus usw. . Außerdem gibt es noch inhaltliche Defizienzen der Schriftlichkeit: Das Fehlen eines gemeinsamen Kontextes zwischen Rezipient und Produzent und ebenso das Fehlen einer Rückkopplung. Aus diesem Grund muss Gegenstand der Nachahmung eine „sehr ausdrucksvolle Art von Vortrage“ sein, denn die Nachahmung wird - allein wegen jener fehlenden Mittel - schwächer ausfallen.

Laut Gauger geht es Nietzsche im fünften Abschnitt um die Gebärde, die das Sprechen begleitet, wobei selbst noch die Abwesenheit von Gebärden so etwas wie Gebärde ist oder zumindest sein kann. Hier ist wieder die Verbindung zu „Leben“ zu sehen. Leben zeigt sich - „verräth sich“ - durch Gebärden, und „reiches Leben“ manifestiert sich durch „Reichthum an Gebärden“. Man muss lernen alles Sprachliche, also auch das Geschriebene, als Gebärde zu empfinden.

Im sechsten Abschnitt wird laut Gauger der enge Zusammenhang zwischen dem Schreiben und dem konkreten, physiologischen Substrat des Sprechens - dem Atmen, verdeutlicht: Eine Periode darf nur schreiben, wer sie auch sprechen kann, wer also über den dafür notwendigen „langen Athem“ verfügt.

Im siebten Abschnitt sagt Nietzsche laut Gauger, dass man an seine Gedanken glauben soll. Man soll sie sinnlich empfinden, und der Stil sollte so sein, dass man den Glauben an seine Gedanken dem Lesenden glaubhaft macht. Auch hier steht wieder das Leitwort „Leben“ im Zentrum, in dem Sinne, dass die Aneignung des Gedankens zur Empfindung wird. Es geht Nietzsche um den Menschen, der denkt, und dieser soll in seiner Schreibweise hervortreten und ihr so Glaubhaftigkeit geben. Dabei ist die kommunikative Kraft des Geschriebenen um so stärker, je stärker der Stil den Eindruck vermittelt, dass hinter dem Gesagten der Mensch ist: der ganze Mensch.

Laut Gauger baut der achte Abschnitt auf dem siebenten auf: Man muss die Sinne des Rezipienten zur Wahrheit „verführen“. Je abstrakter die Wahrheit ist, die nahe gebracht werden soll, desto notwendiger ist jene Verführung.

Der neunte Abschnitt besagt, dass ein guter Prosaiker sich dadurch auszeichnet, dass er dicht an die Poesie herantritt, jedoch nicht zu ihr übergeht. Der Stil der dargelegten Prosa, die in den zehn Abschnitten einzig im Mittelpunkt steht, ist laut Gauger kennzeichnend durch die kommunikative Situation, wie sie der zweite Abschnitt herausstellt: „sich mitteilen“. Der Übergang zur Poesie wäre nun jedoch ein Verfehlen der Situation, denn Poesie impliziert ein Vergessen des Angeredeten, oder sogar die Abwesenheit des Partners. Deswegen muss die Trennungslinie zwischen Prosa und Poesie eingehalten werden, allerdings bei gleichzeitiger Bemühung an diese Linie möglichst dicht heranzukommen.

Der zehnte Abschnitt zielt als einziger auf das Inhaltliche ab. Zum einen geht es hier um Einwände, die gegen einen Text gemacht werden können, und außerdem um die „Quintessenz“ dessen, was in einem Text gesagt werden soll. Der Abschnitt bleibt allerdings, trotz seines Bezugs auf das Inhaltliche, dabei formal. Die „leichteren Einwände“, die gegenüber dem, was wir schreiben, zu machen wären, sollen übergangen werden. Der Leser soll sie selbst finden oder aber beiseite schaffen. Würde dies der Autor für den Leser übernehmen, so würde er ihn einschnüren und ihm die Beweglichkeit nehmen. Deswegen soll der Autor nur bei den schwereren Problemen den Leser an die Hand nehmen, diese also benennen und auflösen.

Der zweite Punkt, der die „letzte Quintessenz unsrer Weisheit“ betrifft, ist, laut Gauger, vom ersten Punkt nicht weit entfernt. Auch hier gilt es dem Leser Freiheit zu lassen; er soll das Eigentliche des Gesagten selbst finden, wobei der Text ihn nur nahe genug an das Eigentliche heranführen sollte. Es soll also zweierlei verschwiegen werden: Sowohl die „leichteren Einwände“ als auch die „Quintessenz“.

[...]


[1] Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hrsg.), Band 10. Dtv de Gruyter: München 1980, S. 38f. Im Folgenden wird die Quelle durch KSA 10 abgekürzt.

[2] Hans-Martin Gauger: Über Sprache und Stil, München: Beck 1995, S. 229ff.

[3] KSA 10, a.a.O.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Stilistische Verpflichtung? Nietzsches "Lehre vom Stil" und der Stil in "Also sprach Zarathustra"
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Seminar für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Perspektiven auf Stil.
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V15467
ISBN (eBook)
9783638205702
ISBN (Buch)
9783656241560
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stilistische, Verpflichtung, Lehre, Stil, Friedrich Nietzsche, Nietzsche, Also sprach Zarathustra
Arbeit zitieren
Tanja Stramiello (Autor), 2003, Stilistische Verpflichtung? Nietzsches "Lehre vom Stil" und der Stil in "Also sprach Zarathustra", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15467

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