„Das Unheimliche“ nach Sigmund Freud in Edgar Allan Poes „The Black Cat“ und weitere psychoanalytische Aspekte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Inhalt und Erzählperspektive in „The Black Cat“

3. Psychoanalytische Grundlagen nach Sigmund Freud und deren Relevanz in „The Black Cat“
3.1 Es, Ich und Über – Ich
3.2 Sexualtheorien

4. Das Unheimliche
4.1 Kastrationsangst
4.2 Das Doppelgängermotiv
4.3 Tod und Sterben
4.4 Motive des Lebendig-Begraben-Werdens

5. Resume

Bibliographie

„Man lindert oft sein Leid, indem man es erzählt“

Pierre Corneille

1. Einleitung

Wenn auch Freud erst viele Jahre nach Poes Tod die Theorie der Psychoanalyse veröffentlichte, scheint es als hätte Edgar Allan Poe diese bereits ein halbes Jahrhundert zuvor gekonnt in seinen Werken verarbeitet. Psychoanalyse war zwar nicht der Schwerpunkt in den Erzählungen und Gedichten Poes, jedoch spielt sie in der Interpretation seiner Kurzgesichte The Black Cat, die am 19. August 1843 in der United States Saturday Post zum ersten Mal erschienen ist, eine gewichtige Rolle (vgl. www.eapoe.org). Grundlegende Annahme der Psychoanalyse ist laut Freud die Untersuchung des psychischen Apparates. Die Psyche wiederum unterteilt Freud in zwei Bereiche. Auf der einen Seite das Gehirn beziehungsweise das Nervensystem als körperliches Organ und auf der anderen Seite die sogenannte Bewusstseinsakte, welche für den Menschen nicht greifbar ist (vgl. Freud 2004, S. 41). „Alles dazwischen ist uns unbekannt, eine direkte Beziehung zwischen beiden Endpunkten unseres Wissens ist nicht gegeben.“ (Freud 2004, S. 41) Dieser nicht-greifbare und unerklärliche Zwischenraum ist es, der die Menschen fasziniert und bereits viele Autoren, wie auch Poe, inspirierte. Es ist ein Erklärungsansatz dafür, dass ein Mensch, der eigentlich liebevoll und tugendhaft ist zu einem bestialischen Mörder wird, wie Poe es in seiner The Black Cat eingehend schildert. Klassisch für Poe sind im Gegensatz zur Psychoanalyse allerdings die in der Geschichte stark vertretenen gothic elements. Diesen Aspekt findet man wiederum bei Freud in seinem Aufsatz Das Unheimliche.

Ziel dieser Arbeit ist es eine Brücke zwischen der freudschen Psychoanalyse und den von Poe klassisch eingesetzten gothic elements zu schlagen. Die Geschichte wird anhand der im Aufsatz „Das Unheimliche“ angesprochenen Aspekte analysiert und interpretiert, wobei auf die Bedeutung der im Text vorkommenden Symbole eingegangen wird. Des Weiteren fokussiert die vorliegende Arbeit die Rolle der Sexualität des Erzählers, die auf den ersten Blick zwar nicht existent, beziehungsweise relevant erscheint, bei genauerer Betrachtung jedoch eine entscheidende Rolle bei der Interpretation des Textes aus psychoanalytischer Sicht einnimmt .

2. Inhalt und Erzählperspektive in „The Black Cat“

„For the most wild, yet most homely narrative which I am about to pen, I neither expect nor solicit belief.” (271)

Mit diesem Satz beginnt Poe seine Erzählung “The Black Cat”, wodurch von Anfang an die Glaubwürdigkeit des Ich-Erzählers untergraben wird. Dieser sitzt zu Beginn der Geschichte in Haft und erwartet den nächsten, seinen letzten Tag, an jenem die Todesstrafe an ihm vollzogen werden soll. Grund hierfür ist der Mord an seiner Frau, dessen Umstände der Ich-Erzähler rückblickend schildert. Jedoch liegt der Fokus in der nun folgenden Erzählung nicht auf der Ehefrau oder seinen Gefühlen ihr gegenüber, vielmehr spielen zwei sehr ähnlich erscheinende Katzen eine dominante Rolle in der Rückblende des Inhaftierten. Der Erzähler fährt fort:

Mad indeed would I be to expect it, in a case where my very senses reject their own evidence. Yet, mad I am not – and very surely do I not dream. (271)

Der Leser ist nun, ohne auch nur den Ansatz der Geschichte zu kennen, sofort mit der Reliabilität des Erzählers konfrontiert, wodurch Poe noch vor Beginn der eigentlichen Geschichte eine starke Verwirrung und Irritation beim Leser erzielt. Völlig zu recht argumentiert Amper (vgl. p. 476), dass der einzig logische Schluss ist, den Erzähler als Lügner zu charakterisieren. Er selbst ist es, der alle anderen Möglichkeiten von vorneherein ausschließt, wie aus den oben aufgeführten Zitaten ersichtlich ist. Eine Lüge impliziert allerdings immer das Wissen über die Wahrheit, sprich der Erzähler war sich durchaus im Klaren darüber, dass nicht alle geschilderten Ereignisse der Wahrheit entsprachen und auch in dieser Form tatsächlich stattfanden beziehungsweise überhaupt existierten. An dieser Stelle drängt sich ganz klar die Frage auf, warum der Erzähler die Wahrheit mit Lügen vermischt, oder vice versa und folglich, ob er dies bewusst tut. Definitiv steht fest, dass sich der Erzähler zwar darüber bewusst ist, dass er Realität mit Fiktion vermischt, jedoch gibt es keine Anzeichen darauf, was genau Realität beziehungsweise Fiktion ist. Die moderne Psychologie würde dieses Phänomen durch das Vorhandensein von Bewusstsein und Unterbewusstsein erklären. Demnach ist es dem Menschen nicht möglich klar zwischen den beiden zu differenzieren, da das Unterbewusstsein das Bewusstsein nicht merklich beeinflusst. In der Geschichte könnte dies ein möglicher Erklärungsansatz für die „Lügen“ des Protagonisten sein, der rückblickend nicht klar zwischen seinen bewussten und unterbewussten Erlebnissen trennen kann: „[…], in a case where my very senses reject their own evidence.” (271)

3. Psychoanalytische Grundlagen nach Sigmund Freud und deren Relevanz in „The Black Cat“

3.1 Es, Ich und Über – Ich

Sigmund Freud war es, der diesen bahnbrechenden Ansatz vom Unterbewusstsein im Menschen begründete. Der psychische Apparat, der bereits in der Einleitung beschrieben wurde, wird laut Freud (vgl. 2004, S. 42f.) in drei Instanzen unterteilt, wovon der älteste das sogenannte Es darstellt. Im Es sind die genetischen Anlagen verankert, insbesondere die Triebe. Die zweite Instanz, das sogenannte Ich ist eine Vermittlungsinstanz zwischen Es und der uns umgebenden Außenwelt. Als dritte Macht nennt Freud das Über – Ich, das sich im Ich als besondere Instanz herausbildet. Diese Provinz entwickelt sich aus dem Kindesalter, währenddessen der Mensch für lange Zeit in Abhängigkeit der Eltern lebte. In dieser Instanz setzt sich auch im Erwachsenenalter der elterliche Einfluss fort. Das Ich versucht konstant die Interessen des Es und des Über – Ichs als auch der Realität auszugleichen. Dementsprechend befindet sich das Ich in einer Konfliktsituation, da die Bedürfnisse des Es und die Erwartungen aus der Gesellschaft, Umwelt oder dem Elternhaus im seltensten Fall identisch sind.

Wenn man davon ausgeht, dass in der Geschichte nur eine Katze auftritt– wie auch der Titel The Black Cat vermuten lässt (vgl. Amper 1992, S. 482) – bestünde eine auffällige Parallelität zu der oben erläuterten Dreigliedrigkeit. Als erstes die Katze, als Symbol für das Es, seine Triebe, die ihn immer wieder verfolgen und nicht zur Ruhe kommen lassen:

„It was even with difficulty that I could prevent him from following me through the streets.“ (272)

Auch die vermeintlich zweite Katze, die in fast allen Eigenschaften mit Pluto übereinstimmte:

It was a black cat – a very large one – fully as large as Pluto, and closely resembling him in every respect […] “ (275)

weicht keinen Meter von der Seite des Erzählers. Obwohl der Erzähler beginnt, die Katze zu verabscheuen und Abstand von ihr zu gewinnen, ändert dies nichts an der Zutraulichkeit des Tieres. Im Gegenteil, es scheint, als würde die Zuneigung der Katze zum Erzähler kontinuierlich wachsen:

„With my aversion to this cat, however, its partiality for myself seemed to increase. It followed my footsteps with a pertinacity which it would be difficult to make the reader comprehend.” (276)

Vergleichbar mit den Trieben, wirkt es als kämpfe der Erzähler mit allen Mitteln dagegen an, erreicht aber nur das Gegenteil, indem sie sich immer stärker festsetzen und somit irgendwann nicht mehr verdrängt oder ignoriert werden können. Als Über - Ich in der Geschichte ist die Frau beziehungsweise zuvor das Elternhaus zu nennen. Diese stehen zum einen für die oben erläuterten Einflüsse der Eltern, wobei an dieser Stelle ganz klar der Einfluss des Elternhauses dargelegt wird:

„I was especially fond of animals, and was indulged by my parents with a great variety of pets.” (271)

Die Tatsache, dass die Eltern die Tierliebe und den Umgang mit Tieren unterstützen, lässt darauf schließen, dass der Erzähler eine sehr liebevolle Erziehung genossen hat, worin Werte wie Fürsorglichkeit, Verantwortung und Respekt gegenüber anderen Wesen vermittelt wurden. Vom Elternhaus ging der Erzählter unmittelbar in die Ehe über, wobei seine Frau ebenfalls dieselben Werte teilte:

„I married early, and was happy to find in my wife a disposition not uncongenial with my own.” (272)

Die Einstellung der Frau ist ähnlich der der Eltern. Die Aussage, dass er früh heiratete deutet darauf hin, dass er vom Elternhaus direkt in die Ehe übergegangen ist. Des Weiteren ist dies ein Indiz dafür, dass es sich wohl um eine recht konservative, bürgerliche Lebensform handelt. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei um ein Ehepaar aus der gehobenen sozialen Schicht handelt.

„It was with great difficulty that my wife, a servant, and myself, made our escape from the conflagration.“ (274)

Nur wohlhabende Menschen konnten sich einen Diener leisten, was auf einen gehobenen gesellschaftlichen Status hinweist. Dies ist an dieser Stelle erwähnt, da es natürlich aus diesem Grund umso wichtiger war, den Schein einer gut funktionierenden Ehe zu wahren zur Sicherung der gesellschaftlichen Anerkennung. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird die Frau auch nie als bösartig oder Ähnliches dargestellt. Sie fällt nie aus der Rolle und versucht ihrer traditionellen Aufgabe als Ehefrau gerecht zu werden. Ihre Rolle könnte auch als aufopferungsbereit und unterwürfig beschrieben werden. Obwohl sie von ihrem Ehemann misshandelt und geschlagen wird, taucht im Text keinerlei Gegenwehr oder Ähnliches von ihrer Seite auf.

„I suffered myself to use intemperate language to my wife. At length, I even offered her personal violence.” (272)

Es wirkt als versuche die Ehefrau alles, um die Fassade der funktionierenden Ehe aufrecht zu erhalten. Die einzige Auflehnung gegen ihren Mann endet in ihren Tod:

„But this blow was arrested by the hand of my wife. Goaded by the interference, into a rage more than demoniacal, I withdrew my arm from her grasp and buried the axe in her brain.” (278)

Fraglich ist an dieser Stelle natürlich, ob die Erhaltung des Scheins tatsächlich der einzige Grund für die Passivität der Frau war, oder ob auch die schlichte Angst vor der Wahrheit, nämlich des tatsächlichen Gesichtes ihres Mannes, eine Erklärung hierfür ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
„Das Unheimliche“ nach Sigmund Freud in Edgar Allan Poes „The Black Cat“ und weitere psychoanalytische Aspekte
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Amerikanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Edgar Allen Poe
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V154718
ISBN (eBook)
9783640676248
ISBN (Buch)
9783640676323
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unheimliche“, Sigmund, Freud, Edgar, Allan, Poes, Black, Cat“, Aspekte
Arbeit zitieren
Verena Keller (Autor), 2009, „Das Unheimliche“ nach Sigmund Freud in Edgar Allan Poes „The Black Cat“ und weitere psychoanalytische Aspekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154718

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