Unter der Berücksichtigung des Verständnisses von sozialen Räumen nach Christian Reutlinger und der phänomenologischen, subjektorientierten Zugangsperspektive der Lebenswelttheorie unter Hans Thiersch wird in dieser Arbeit eine kritisch-reflexive Betrachtung der Lebenssituationen und der prozessualen Veränderung von städtischen Sozialräumen in Bezug auf obdachlose Personen angeführt. Dabei sollen die Zusammenhänge zwischen Territorialisierung, Interventionsmaßnahmen und Kriminalisierung von Räumen sowie deren Auswirkungen, unter Inbetrachtnahme eines breit aufgestellten kritischen Forschungsstandes, diversifizierter Autor*innen mit Forschungsschwerpunkten, bezüglich Sozialraum-, Stadtraumforschung, Ungleichheit, Stigma und Stadtentwicklung dargestellt werden.
Der gegenwärtige Diskurs wird ebenso durch Verordnungen, Legitimationsansätze und kriminalpräventiven Erkenntnisse der Polizei- und Ordnungsbehörden, dargestellt. Besondere Aktualität erhält die Arbeit, durch den Wohnungslosenbericht 2022, womit erstmals in der Bundesgeschichte ein lange gefordertes, staatlich repräsentatives Dokument über Wohnungslosigkeit vorliegt. Mit den Erkenntnissen dieses Berichtes wird sich in dieser Arbeit kritisch auseinandergesetzt. Die Rolle der Sozialen Arbeit in diesem Kontext wird ebenfalls hinterfragt, mit der zentralen Frage, welche Handlungsfähigkeit der Profession im Aushandlungsraum des städtischen Sozialraums zukommt. Des Weiteren werden die hegemonialen Akteur*innengruppen expliziert, welche über einen maßgeblichen Einfluss auf die Umstrukturierung des städtischen Sozialraums verfügen und wechselseitig zu den Auswirkungen auf obdachlose Personen betrachtet. Die zentrale Forschungsfrage ist demnach: Welche Bedeutung hat die Entwicklung des städtischen Sozialraums für von Obdachlosigkeit betroffene Personen und welchen Einfluss hat dies auf die Handlungsfähigkeit der Profession der Sozialen Arbeit im Bereich der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe? Dabei wird explizit auf die Entwicklungen im städtischen Sozialraum von Leipzig eingegangen, da die Stadt, wie im Folgenden dargestellt werden soll, als eine der am schnellsten wachsenden Städte Deutschlands aktuell verschärfende Tendenzen in Bezug auf Gentrifizierung, Privatisierung und Imageorientierung aufzeigt. Die Auswirkungen auf obdachlose Menschen sind gravierend.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Wohnungs- und Obdachlosigkeit
2.2 Rechtliche Rahmenbedingungen
2.3 Städtischer Sozialraum
3. Charakterisierung der Lebenswelt obdachloser Personen
3.1 Wohnungslosenbericht 2022
3.2 Phänomenologische Zugangsmethode: Lebenswelttheorie
3.3 Multidimensionalität von Armut und verfehlter Wohnungsbaupolitik
3.4 Stigma
3.5 Leben und Überleben im städtischen Sozialraum
4. Restriktiver Umbau des städtischen Sozialraums
4.1 Entwicklungslinien im städtischen Sozialraum
4.2 Neoliberale Gestaltungslogik
4.3 Sicherheit und Ordnung
4.4 Segregation
4.5 Defensive städtebauliche Architektur
4.6 Aushandlungsraum: städtischer Sozialraum
5. Handlungsfeld: Soziale Arbeit
5.1 Akteur: Soziale Arbeit
5.2 Appell: Soziale Arbeit
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der städtebaulichen Transformation des Sozialraums im Kontext von Obdachlosigkeit, insbesondere den Einfluss der neoliberalen Umgestaltung der Stadt Leipzig auf die Lebensrealität betroffener Personen und die daraus resultierende Handlungsfähigkeit der Sozialen Arbeit.
- Strukturelle Ursachen von Obdachlosigkeit und Armut
- Die Auswirkungen neoliberaler Stadtentwicklungspolitik und Segregation
- Stigmatisierungsprozesse und Kriminalisierung im öffentlichen Raum
- Die Rolle und das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit in Konfliktfeldern
Auszug aus dem Buch
3.1 Wohnungslosenbericht 2022
Die statistische Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe e. V. (im Folgenden abgekürzt als BAGW) bildete lange Zeit, die wesentliche fachlich zitierte und qualifizierte Quelle für die Dimensionen des sozialen Phänomens von Wohnungslosigkeit. (vgl. Brushinski, 2021, S. 64 f.) Als Dachverband der Wohnungslosenhilfe in Deutschland hat die BAGW wiederholt die Einführung einer bundesweiten Wohnungsnotfallstatistik angemahnt, die eine einheitliche Erfassung Wohnungslosigkeit ermöglicht. (vgl. Brushinski, 2021, S. 64 f.)
Der Wohnungslosenbericht, welcher im Zuge der Umsetzung des Wohnungslosenberichterstattungsgesetzes (im Folgenden abgekürzt als WoBerichtsG) für das Jahr 2022 erstmalig durchgeführt wurde, erhebt den Anspruch „[...] Informationen und Analysen über Umfang und Struktur von Wohnungslosigkeit vorzulegen“ (BMAS, 2022, S. 10) Mit dem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung liegt somit zum ersten Mal ein offiziell staatlich initiierter Bericht über die Sachlage von Wohnungslosigkeit vor, der ein aktuelles und bundesweit repräsentatives Forschungsdokument, darstellt und einen umfassenden Einblick in die Lage wohnungsloser Personen vermitteln soll. Dies stellt ein Novum in der deutschen Obdachlosenforschung dar.
In Anlehnung an die Wohnsituation betreffend der Problemlage der ETHOS-Typologie, (vgl. Brushinski, 2021, S. 62) deren operative Kategorien das Fundament der Definition von Obdachlosigkeit in dieser Arbeit bilden, werden im Wohnungslosenbericht mittels der Ethos-Light Typologie (vgl. BMAS, 2022, S.16 ff.), drei wesentliche Gruppen identifiziert und analysiert „die untergebrachten wohnungslosen Menschen, [...] die Gruppen der verdeckt wohnungslosen Personen und die der wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft, zu denen das Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen empirischen Forschungsauftrag an das Konsortium GISS/Kantar vergeben hat, um mittels einer hochgerechneten Stichprobe entsprechende Informationen zu gewinnen.“ (BMAS, 2022, S. 10) Im Folgenden werden die statistischen Ergebnisse des Wohnungslosenberichts zusammengefasst, wobei der Fokus auf die Kategorie der wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft, die für die Thematik dieser Arbeit besonders relevant sind, gelegt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Obdachlosigkeit im städtischen Raum und die daraus entstehenden Herausforderungen für die Soziale Arbeit ein.
2. Theoretische Grundlagen: Hier werden die zentralen Begriffe wie Obdachlosigkeit, rechtliche Rahmenbedingungen und das Konzept des städtischen Sozialraums theoretisch fundiert definiert.
3. Charakterisierung der Lebenswelt obdachloser Personen: Dieses Kapitel verknüpft den Wohnungslosenbericht 2022 mit der Lebenswelttheorie, um die multidimensionale Problemlage und Stigmatisierung obdachloser Menschen zu analysieren.
4. Restriktiver Umbau des städtischen Sozialraums: Hier wird der Prozess der neoliberalen Stadtentwicklung analysiert, inklusive Sicherheitspolitik, Segregation und der Nutzung defensiver Architektur als Verdrängungsinstrument.
5. Handlungsfeld: Soziale Arbeit: Dieses Kapitel befasst sich mit der Rolle der professionellen Sozialen Arbeit in diesem spannungsreichen, von Exklusion und Kontrolle geprägten Umfeld.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die notwendige politische und praxisorientierte Haltung der Sozialen Arbeit gegenüber aktuellen stadtentwicklungspolitischen Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit, städtischer Sozialraum, Neoliberalismus, Stigmatisierung, Segregation, Kriminalisierung, Soziale Arbeit, Lebenswelt, Wohnungsbaupolitik, Defensive Architektur, Stadtplanung, Prekarisierung, Wohnungsnotfall, soziale Exklusion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die städtische Transformation im Kontext von Obdachlosigkeit, wobei insbesondere beleuchtet wird, wie städtebauliche und ordnungspolitische Maßnahmen die Lebensbedingungen obdachloser Menschen verändern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Ausgrenzung obdachloser Menschen, die neoliberale Umstrukturierung des öffentlichen Raums, Stigmatisierungsprozesse und die Rolle der Sozialen Arbeit als Akteurin in diesem konfliktreichen Feld.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage fragt nach der Bedeutung der Entwicklung des städtischen Sozialraums für Obdachlosigkeit und dem damit verbundenen Einfluss auf die Handlungsfähigkeit der Sozialen Arbeit.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer phänomenologischen lebensweltorientierten Perspektive sowie einer kritischen Analyse gesellschaftlicher Strukturen, ergänzt durch die Auswertung statistischer Daten des ersten staatlichen Wohnungslosenberichts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Charakterisierung der Lebenswelt von Obdachlosen, die Analyse restriktiver Stadtumbau-Strategien und die Reflexion der Handlungsspielräume der Sozialen Arbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Obdachlosigkeit, neoliberale Gestaltungslogik, städtischer Sozialraum, Stigmatisierung, Segregation sowie das Spannungsfeld der Sozialen Arbeit.
Wie beeinflusst die neoliberale Stadtentwicklung obdachlose Personen?
Sie führt durch Aufwertungslogiken, Gentrifizierung und defensive Architektur zur systematischen Verdrängung und Kriminalisierung obdachloser Menschen aus zentralen öffentlichen Orten.
Wie positioniert sich die Soziale Arbeit gemäß dieser Analyse?
Die Arbeit plädiert dafür, dass Soziale Arbeit ein reflektiertes Verständnis für machtkritische Zusammenhänge entwickeln muss, um sich gegen eine rein ordnungspolitische Instrumentalisierung zu wehren und die Klient*inneninteressen zu wahren.
- Quote paper
- Alexander Schramm (Author), 2023, Die Lebenswelt von Obdachlosen im städtischen Sozialraum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1547664