Ist das Programm der Peshat-Exegese im christlichen Westeuropa des 11. und 12. Jahrhunderts eine marginale Episode ohne nachhaltige Auswirkung auf die jüdische und christliche Bibelexegese? Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine qualitative, strukturierte Inhaltsanalyse. Dazu wurden Kommentare jüdischer und christlicher Bibelexegeten des Hochmittelalters im christlichen Westeuropa einer vergleichenden Untersuchung unterzogen. Dabei standen die exegetischen Programme der jüdischen Peshat-Tradition bzw. der christlichen ad-litteram-Interpretation des Hohelieds im Zentrum der Betrachtung.
Zunächst werden der aktuelle Forschungsstand und die wichtigsten Publikationen zum Thema ermittelt. Für die qualitative Inhaltsanalyse werden die Kommentare zum Hohelied von Rashi, Rashbam und der Anonyme Oxford Kommentar ausgewählt und diese mit den Kommentaren der christlichen Exegeten Nikolaus von Lyra und Bernhard von Clairvaux verglichen.
Das Hohelied der Liebe ist eines der sonderbarsten Stücke der Heiligen Schrift. Da es sowohl zum christlichen als auch zum jüdischen Kanon gehört, hat es Kommentatoren, Ausleger und einfache Leser jahrhundertelang verwirrt. Der wichtigste Grund für die Besonderheit des Hohelieds ist, dass es sich bei diesem biblischen Buch um ein Stück Liebesdichtung handelt, das voller erotischer Bilder ist. Diese Erotik wurde und wird von vielen Lesern als das Hauptmerkmal des Hohelieds verstanden.
Das Hohelied ist das einzige Buch im Kanon, dem ein religiöses Thema zu fehlen scheint. Umso verständlicher ist das zwei Jahrtausende währende Bemühen von Rabbinern und christlichen Exegeten, eine tiefere und theologisch angemessenere Bedeutung des Hohelieds zu finden. Nicht zuletzt die Vielfalt der Kommentare und die Beharrlichkeit der verschiedenen Textinterpreten machen das Hohelied zu etwas Besonderem und scheinen darauf zu verweisen, dass das Lied der Lieder mehr ist als die bloße Reminiszenz einer Liebesaffäre.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Wissenschaftliche Fragestellung
Methodik
Quellenlage und Quelleninterpretation
Bibelstudien im Hochmittelalter Mittel- und Westeuropas
Bibelexegese an den talmudischen Akademien Nordfrankreichs und Deutschland
Die erste Generation: Rashi und die Peshat-Exegese
Die zweite Generation: Josef Ben Simeon Qara – Rashbam
Die letzte Generation der Peshat-Exegese in Nordfrankreich
Die Nachfolgegeneration der Bibelexegese in Südfrankreich: Josef Qimḥi – Gersonides
Christlicher und polemischer Hebraismus
Die Bibel im jüdisch-christlichen Dialog
Das Hohelied: jüdische und christliche Exegese im Hochmittelalter
Rashi
Rashbam
Anonymer Oxford-Kommentar
Nikolaus von Lyra
Bernhard von Clairvaux
Synopsis der exegetischen Methodologie zu Vers 4:1-5 und 5:10-16
Tabellarische Gegenüberstellung
Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis jüdischer und christlicher Bibelexegese im europäischen Hochmittelalter anhand des *Hohelieds*. Dabei steht insbesondere der Diskurs zwischen der allegorischen Deutungstradition und der Hinwendung zum wörtlichen Sinn (*Peshat*) im Fokus, um zu klären, ob diese Entwicklung einen nachhaltigen Paradigmenwechsel für beide Glaubenstraditionen darstellte.
- Vergleichende Analyse jüdischer (u.a. Rashi, Rashbam) und christlicher Exegeten (u.a. Nikolaus von Lyra, Bernhard von Clairvaux).
- Untersuchung der Bedeutung des *Peshat* (wörtlicher Sinn) im Kontext mittelalterlicher Traditionen.
- Erforschung der Wechselwirkungen zwischen christlichem Hebraismus und jüdischer Bibelexegese.
- Methodische Synopsis anhand der Auslegung ausgewählter Verse des *Hohelieds*.
- Darstellung der gegenseitigen Beeinflussung und Polemik in jüdisch-christlichen Dialogen.
Auszug aus dem Buch
Die erste Generation: Rashi und die Peshat-Exegese
Die ersten überlieferten Kommentare aus dem christlichen Europa jener Zeit sind die von Salomon ben Isaak (1040-1105), genannt Rashi. Für viele sephardische und aschkenasische Juden stellten diese Kommentare das letzte Wort zur Exegese dar. Rashis Kommentarstil, in dem er ein Wort oder kurzen Satz zitiert und diesen dann mit etwa 30 Wörtern auslegt, wurde zum Standard für viele nachfolgende Exegeten. (Lawee 2019, S. 33–42)
Der Name Rashis ist mit der Peshat-Exegese verknüpft. Obwohl er sich der wörtlichen Auslegung als Standard verpflichtet sah, füllte er seine Kommentare mit Midraschim. Rashi glaubte an den Wert der rabbinischen Literatur und an ihre unmittelbare Verknüpfung mit dem biblischen Text. Somit besteht ein großer Teil seiner Kommentare aus midraschischen Elementen aber auch einigen gewagten Schritten in Richtung der Peshat-Exegese. Diese Mischung aus Midrasch und Peshat erklärt auch die Beliebtheit der Kommentare, die von Rashis Zeit bis heute anhält. Die besondere Bedeutung des Konzepts der Peshat-Exegese besteht darin, dass zahlreiche spätere Bibelkommentatoren dieses Konzept aufgriffen und weiterentwickelten.
Rashi lebte, wie auch viele seiner Nachkommen und Anhänger, in Nordfrankreich. Im nahegelegenen Paris erstellte zur gleichen Zeit die Schule von Sankt Viktor christliche Bibelkommentare. Hier widmete man sich, losgelöst von den traditionellen kirchlichen Interpretationen, der Erforschung des klaren Sinns (sensus litteralis) biblischer Texte. Es war sicherlich kein Zufall, dass sich in Nordfrankreich Juden und Christen gleichzeitig mit einer neuartigen Bibelexegese befassten und dabei vergleichbare wissenschaftliche Ansätze verfolgten. Es ist auch naheliegend und hinreichend wissenschaftlich belegt, dass sie sich dabei gegenseitig beeinflussten. (Smalley 1964, S. 110–111)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die ambivalente Stellung des Hohelieds im jüdischen und christlichen Diskurs und führt in die erotische Bildersprache sowie die methodischen Herausforderungen der Exegese ein. Es wird der Fokus auf die Spannung zwischen allegorischer Deutung und der Hinwendung zum wörtlichen Sinn (*Peshat*) gelegt.
Wissenschaftliche Fragestellung: Das Kapitel präzisiert die leitende Forschungsfrage, ob die Peshat-Exegese im christlichen Westeuropa des 11. und 12. Jahrhunderts eine bloße Randerscheinung war oder die Exegese nachhaltig beeinflusste.
Methodik: Die Arbeit verwendet eine qualitative, strukturierte Inhaltsanalyse von Kommentaren des Hochmittelalters, wobei Rashi, Rashbam, der Anonyme Oxford-Kommentar sowie Nikolaus von Lyra und Bernhard von Clairvaux in den Mittelpunkt gerückt werden.
Quellenlage und Quelleninterpretation: Dieser Abschnitt ordnet die Forschung in den Kontext aktueller Studien zur jüdisch-christlichen Beziehung im Hochmittelalter ein und hinterfragt überholte Kategorisierungen der regionalen jüdischen Exegetik.
Bibelstudien im Hochmittelalter Mittel- und Westeuropas: Es wird die Entwicklung unabhängiger Bibelkommentare als Ausdruck neuer intellektueller Freiheit innerhalb des jüdischen Kontextes beschrieben, wobei auch der Einfluss des jüdischen Spaniens und des Karaismus thematisiert wird.
Bibelexegese an den talmudischen Akademien Nordfrankreichs und Deutschland: Hier wird der Einfluss von Gelehrten wie Rashi und Rashbam analysiert, die das Fundament für eine am wörtlichen Sinn orientierte Exegese in dieser Region legten.
Die erste Generation: Rashi und die Peshat-Exegese: Fokus auf Rashi als Pionier, der eine Brücke zwischen traditionellem Midrasch und einer philologisch orientierten Peshat-Exegese schlug.
Die zweite Generation: Josef Ben Simeon Qara – Rashbam: Untersuchung der Arbeit Rashbams, der sich noch konsequenter als sein Großvater Rashi der rein wörtlichen Auslegung widmete.
Die letzte Generation der Peshat-Exegese in Nordfrankreich: Vorstellung weiterer Exegeten wie Eliezer von Beaugency und Joseph Bekhor Shor, die den rationalen Ansatz der Peshat-Exegese fortführten.
Die Nachfolgegeneration der Bibelexegese in Südfrankreich: Josef Qimḥi – Gersonides: Analyse, wie sephardische Einflüsse und philosophische Reflexionen die Exegese in Südfrankreich prägten und mit aschkenasischen Traditionen verschmolzen.
Christlicher und polemischer Hebraismus: Darstellung, wie christliche Gelehrte begannen, hebräische Texte im Original zu studieren, oft motiviert durch den Wunsch, jüdische Exegese zu dekonstruieren oder die eigenen Interpretationen zu festigen.
Die Bibel im jüdisch-christlichen Dialog: Diskussion des Diskurses, der einerseits von gegenseitigem intellektuellem Austausch, andererseits von Polemik und religiöser Abgrenzung geprägt war.
Das Hohelied: jüdische und christliche Exegese im Hochmittelalter: Zusammenfassung der spezifischen Herausforderungen bei der Auslegung dieses erotischen Textes im Kontext religiöser Allegorien.
Rashi: Detaillierte Betrachtung von Rashis Kommentar zum Hohelied, der trotz allegorischer Elemente stark auf dem historisch-kontextuellen Verständnis der Texte beharrt.
Rashbam: Analyse von Rashbams Bestreben, das Hohelied als säkulares Liebesgedicht zu verstehen, ohne die allegorische Tradierung vollends zu verwerfen.
Anonymer Oxford-Kommentar: Untersuchung des multivalenten Charakters dieses Kommentars, der verschiedene Deutungen nebeneinander stehen lässt.
Nikolaus von Lyra: Analyse des bedeutendsten christlichen Exegeten der Epoche, dessen Fokus auf dem wörtlichen Sinn (*sensus litteralis*) eine Brücke zur späteren Reformationszeit schlug.
Bernhard von Clairvaux: Vorstellung von Bernhards Predigten, die das Hohelied als Instrument für die spirituelle Seelenführung und mystische Liebe nutzten.
Synopsis der exegetischen Methodologie zu Vers 4:1-5 und 5:10-16: Direkter Vergleich der Auslegungen zentraler Passagen bei den genannten Exegeten.
Tabellarische Gegenüberstellung: Synoptische Darstellung der verschiedenen Interpretationen ausgewählter Verse.
Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse: Bestätigung eines weitreichenden Paradigmenwechsels, bei dem die Suche nach dem wörtlichen Sinn die Bibelexegese des Hochmittelalters nachhaltig transformierte.
Schlüsselwörter
Hohelied, Peshat, Exegese, Judentum, Christentum, Rashi, Rashbam, Nikolaus von Lyra, Allegorie, Hermeneutik, Mittelalter, Bibelauslegung, Hebraismus, Midrasch, Literalsinn.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der zentrale Gegenstand dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis und die Wechselwirkungen zwischen jüdischer und christlicher Bibelexegese im Hochmittelalter, fokussiert auf das *Hohelied*.
Welche Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der *Peshat*-Exegese (wörtlicher Sinn), der jüdisch-christliche Dialog, die Rolle des Hebraismus bei christlichen Gelehrten sowie die verschiedenen allegorischen Interpretationsmodelle.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit primär?
Das primäre Ziel ist es zu klären, ob die Hinwendung zum wörtlichen Sinn in der jüdischen und christlichen Bibelexegese des 11. und 12. Jahrhunderts eine marginale Episode war oder einen nachhaltigen Paradigmenwechsel darstellte.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine qualitative, strukturierte Inhaltsanalyse einer Auswahl bedeutender Kommentare zum *Hohelied* von jüdischen und christlichen Exegeten des Hochmittelalters.
Was deckt der Hauptteil der Arbeit inhaltlich ab?
Der Hauptteil analysiert spezifische Exegeten (Rashi, Rashbam, Nikolaus von Lyra, Bernhard von Clairvaux u.a.), vergleicht deren Auslegungsmethoden anhand konkreter Textbeispiele und beleuchtet das polemische Umfeld des jüdisch-christlichen Verhältnisses.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Peshat, Allegorie, *sensus litteralis*, jüdisch-christlicher Dialog und hermeneutische Transformation geprägt.
Wie unterscheidet sich Rashi methodisch von späteren Exegeten wie Nikolaus von Lyra?
Während Rashi als Pionier eine Brücke zwischen traditionellem Midrasch und wörtlichem Sinn (Peshat) schlug, verfolgte Nikolaus von Lyra einen konsequent philologischen Ansatz, der den wörtlichen Sinn in den Vordergrund stellte, um eine klare Bibelexegese zu etablieren.
Welche Bedeutung hat das "Hohelied" für die untersuchten Exegeten?
Das *Hohelied* dient den Exegeten als Prüfstein, da es aufgrund seiner expliziten erotischen Bildersprache sowohl eine rein allegorische (geistliche) als auch eine historisch-wörtliche Deutung herausfordert.
- Arbeit zitieren
- Michael Kuckhoff (Autor:in), 2023, Das mittelalterliche Pendel der exegetischen Methode. Ist das Programm der Peshat-Exegese im christlichen Westeuropa des 11. und 12. Jahrhunderts eine marginale Episode ohne nachhaltige Auswirkung auf die jüdische und christliche Bibelexegese?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1547677