Jean-Paul Verlaines "Art poétique"


Seminararbeit, 2006

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das poetologische Gedicht

2. Von den Parnassiens zu Symbolisme und Décadisme

3. L’Art poétique
3.1 Untersuchung der semantischen und pragmatischen Ebene
3.2 Form
3.3 De la théorie avant toute chose?

4. Fazit

Bibliographie

Anhang

Einleitung

1883 veröffentlichte Jean-Paul Verlaine (1844-1896) in der Gedichtsammlung Jadis et Naguére das Programmgedicht L ’ Art poétique, das in weiten Kreisen als ein Manifest symbolistischer Lyrik betrachtet wird. In dieser Hausarbeit möchte ich dieses Werk auf seine poetologischen Inhalte untersuchen und dabei der Frage nachgehen, wie konsequent diese umgesetzt werden. Nach einer einführenden Definition des Begriffes „poetologisches Gedicht“ möchte ich eine Kontextplatzierung des Gedichtes vornehmen, um einen plastischen Einblick in die Epoche der Décadents und Symbolistes und nicht zuletzt in die poetologische Betätigung Jean-Paul Verlaines zu erhalten. In der darauffolgenden eingehenden Analyse der Art poétique werde ich die einzelnen poetologischen Aspekte herausstellen und abschließend die von Verlaine geforderte Musikalität der Sprache auf ihre Umsetzung betrachten.

1. Das poetologische Gedicht

Was macht poetologische Dichtkunst aus? Ariane Wild diskutiert in ihrer Dissertation wesentliche Gesichtspunkte des poetologischen Gedichtes, die im Folgenden zur Einführung herangezogen werden. 1 Seit der Antike setzen sich Dichter mit ihrem Dichtertum und ihrer Dichtung auseinander, indem sie poetologische Lyrik verfassen. Allerdings wird bei der Interpretation immerwieder das lyrische Ich leichtfertig für die Autorenperson gehalten, wie das auffälligerweise oft bei Jean-Paul Verlaine der Fall war. Das ist problematisch, weil ein Gedicht ebenso wie Romane oder Dramen fiktionalen Charakter hat. Eine biographische Deutung von poetologischen Gedichten birgt immer eine gewisse Unschärfe, denn das lyrische Ich wird als ein „nachdenkende[...s] Subjekt[...]“2 wahrgenommen und so zu einer „Vorform der Dichterfigur“3, die eben nicht mit dem Dichter selbst identisch ist. Nichtsdestotrotz, so argumentiert Ariane Wild, bekommt man durch die Interpretation von poetologischer Lyrik einen, wenn auch nicht unverfälschten, Einblick in eine Epoche und deren Dichtungs- und Dichterkonzeptionen.

Poetologische Lyrik ist künstlerische Selbstreflexion: Der Dichter setzt sich mit Fragen zu der Entstehung, der Wirkung und mit den Aufgaben der Dichtung auseinander. Außerdem geben poetologische Gedichte Auskunft über das poetische Programm des Dichters. Allerdings ist auch ein Programmgedicht ein sprachliches Kunstwerk, so dass es nicht verwunderlich ist, dass es meist die eigenen poetischen Regeln und Vorstellungen formal realisiert. Ariane Wild zitiert hierzu Hinck (1994): „Poetische Theorie wird [...] im poetologischen Gedicht gleichzeitig in poetische Praxis umgesetzt.“4

Poetologische Gedichte häufen sich in Krisenzeiten für Dichter und Dichtung, wie es auch am Ende des 19.Jahrhundert der Fall war: Die soziale und wirtschaftliche Stellung des Dichters änderte sich, und es ergaben sich neue Produktions- und Rezeptionsbedingungen (Kommerzialisierung, technischer Fortschritt, Massenmedien). Das frühere Elitepublikum wurde zum Massenpublikum, so dass sich neue Ansprüche an den freien Schriftsteller ergaben: „Unterhaltungs- und Lebenshilfeliteratur“5 war vor allem gefragt, was zur Folge hatte, dass Lyriker weniger Leser fanden, da sie sich (rezeptions)ästhetisch zu anspruchsvoll gaben und sich gegen die ‚triviale’ Literatur sträubten. Diese Irritation des Dichtertums bewirkte eine verstärkte Reflektion „ihres Seins und Tuns“6 in Form von poetologischen Gedichten. Außerdem änderte sich die Dichtungs- und Dichterauffassung im 19.Jh grundlegend: Der Dichter war weder poeta vates (seherischer, prophetenhafter Dichter) noch poeta doctus (be-/lehrender Dichter). Der Arbeitsprozess des Dichtens trat nun in den Vordergrund:

„Wenn Dichten als hartes Arbeiten dargestellt wird, so verpflichtet dies gleichzeitig zum Nachdenken über Dichtung und Dichter. Die moderne Dichtung ist damit prädestiniert, Selbstreflexion des Dichters zu enthalten, also poetologische Dichtung zu sein.“7

Der Dichter der Moderne stellt sich isoliert im poetologischen Gedicht dar und empfindet sein Dichtertum als Fluch, leidet an der Wirklichkeit, die ihn verstößt und ihn nicht versteht. Er ist ein Melancholiker, der sich vom Alten wie vom Aktuellen lossagen will. Paul Verlaine prägte den Begriff des poéte maudit [der verfluchte und verfehmte Dichter] in seiner 1884 und 1888 erschienenen Schrift Les Poétes maudits 8. Poetologische Lyrik zeichnet sich nach Ariane Wild zum einen durch die verachtende Haltung eines sarkastisch-ironischem Skeptizismus aus, wie sie in Paul Verlaines Art poétique deutlich wird (z.B.17-20: „Fuis du plus loin la Pointe assassine...Et tout cet ail de basse cuisine.“), zum anderen durch einen ausgeprägten hermetischen Stil: Nur ein ausgewähltes Publikum soll in den Kunstgenuss kommen.

2. Von den Parnassiens zu Symbolisme und Décadisme

Die Dichter des Parnaß waren keine geschlossene Gruppe [keine ‚Schule’]. Gemeinsam war ihren Anhängern vor allem die Ablehnung der sentimentalen und „vertraulichen Romantik“ (v.a. Musset, Lamartine). 1866 erschien der Gedichtband Le Parnasse contemporain, an dem u.a. Baudelaire, Verlaine und Gautier beteiligt waren. Théophile Gautiers darin enthaltendes Programmgedicht L ’ Art (1857) spiegelte die Kunsttheorie des Parnaß wider: Die Poeten „[r]ingen mit dem widerspenstigen Stoff“9, um ein „dauerhafte[s] Kunstwerk von marmorhafter Schönheit“10 hervorzubringen. Laut Theissen wurde ein regelrechter culte de la forme oder culte de la beaut é betrieben. Mit Hilfe der strengen klassischen französischen Versform sollte es zu einer Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft kommen:

„Das l’art-pour-l’art-Prinzip verbindet sich... mit einem „wissenschaftlichen“ Inhalt. Eingekleidet in eine „impassible“ Form der Verse wird hier die Geschichte alter Völker und Kulturen vorgetragen.“11

Gegen jene Prinzipien der Parnassaniens (Wissenschaftlichkeit, Formenkult und Impassibilité) richtete sich die Revolte der Décadents und Symbolistes, vor allem gegen das Parnassien-Ideal der „unempfindliche[n] (impassible[n]), skulpturalen Form“12, aber auch gegen jegliche Form von Naturalismus oder Positivismus. Auffälig war eine ausgeprägte Uneinigkeit unter den jungen Dichtern bezüglich der eigene Ziele; viele literarische Vereine [ Cénacles ] wurden gegründet. Les Décadents, ein Dichterzirkel um Verlaine veröffentlichte sein Programm in der Zeitschrift Le Décadent, wo 1886 Jean Moréas auch sein Manifest des Symbolismus (synonym mit Décadisme genannt) veröffentlichte: Die Gemeinsamkeit mit allen großen Dichtern war das Streben danach, ein „reines Konzept“ und das „ewige Symbol“ mit der Lyrik zu verbinden. Theissen bezieht sich auf Moréas:

„Die ‚symbolistische Dichtung’...[sucht] ,die Idee in eine sensible Form zu kleiden, die aber nicht Selbstzweck sein ...[soll].’ Die Form als Hülle einer Idee - das war offensichtlich gegen das l’Art-pour-l’Art-Prinzip des Parnaß gerichtet.“13

Viele Literaturwissenschaftler periodisieren den Symbolismus von 1880-1900, einige gehen bis über den Ersten Weltkrieg hinaus, so dass eine exakte Datierung wie auch die Wesensbestimmung des Symbolismus schwierig erscheint. Theissen zitiert dazu André Fontainas: „Welche Literatur von Dauer hat es je gegeben, die nicht symbolisch gewesen wäre?“14 Alle Dichter haben seit jeher Symbole benutzt - Theissen konstatiert: „Es gab so viele Definitionen des Symbolismus wie es Symbolisten gab.“15 16 Nichtsdestotrotz kann so etwas wie ein symbolistischer ‚Mainstream’ ausgemacht werden: Die Schwermütigkeit, die Wiedergabe eines bestimmten é tat d ’â me, Musikalität, flüchtig-schwebende Sinneseindrücke, Ennui und Spleen, Melancholie und eine „dekadente Résignation“17 könne als die Wesensmerkmale symbolistischer Dichtung angesehen werden.Verlaines L ’ Art poétique wird hierbei als ein „poetisches Kunstideal der Symbolisten“18 gewertet: An die Stelle der „marmornen Schönheit“19 wird die Musikalität gesetzt. Oscar Wilde konstatiert dazu in De Profundis (1905) die Notwendigkeit neuer ästhetischer Prinzipien, wie z.B. die Annäherung der Lyrik an die Musik statt an Malerei und Plastik. Wilde rechtfertigt das in den Hintergrundtreten von Gautiers Konzept der skulpturalen Bildlichkeit wie folgt:

„Modern life is complex and relative. Those are its two distinguishing notes. To render the first we require atmosphere with its subtlety of nuances, of suggestion, of strange perspectives: as for the second we require background. That is why Sculpture has ceased to be a representative art...”20

Weiterhin fordert Verlaine anstelle der Präzision das Vage und Unbestimmte sowie den Bruch mit alten Regeln: Allein die Phantasie und das Gefühl sollen beflügeln. Theissen sagt dazu: „Der Art Poétique war das Credo eines Dichters, der ‚absolut’ er selber sein wollte.“21

[...]


1 vgl. Ariane Wild: Poetologie und Décadence in der Lyrik Baudelaires, Verlaines, Trakls und Rilkes. Würzburg 2002.

2 ebd., S.18.

3 ebd.

4 ebd.

5 ebd., S.24.

6 ebd.

7 ebd., S.25.

8 vgl. Paul Verlaine: « Les Poètes maudits. » In : Œuvres en prose complétes . Hrsg. v. Jacques Borel, Paris 1972, S.633-691.

9 Josef Theissen: Die Dichtung des franz ö sischen Symbolismus. Darmstadt 1974, S.25.

10 ebd.

11 ebd., S.26.

12 ebd., S.2.

13 ebd., S.3.

14 ebd., S.6.

15 ebd., S.8.

16 Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt auch Ernst Gombrich, wenn es um eine allgemeine Definition der Kunst geht: „Genaugenommen gibt es ‚die Kunst’ gar nicht. Es gibt nur Künstler.“ - In: Ernst H. Gombrich: Die Geschichte der Kunst . Frankfurt am Main 1997, S.15.

17 Josef Theissen: Die Dichtung des franz ö sischen Symbolismus. Darmstadt 1974, S.37.

18 ebd.

19 ebd.

20 Oscar Wilde: „De Profundis“. In: John S. Farmer (Hrsg.): Collected Works of Oscar Wilde . Chatham 1997, S.1078.

21 Josef Theissen: Die Dichtung des französischen Symbolismus. Darmstadt 1974, S.40.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Jean-Paul Verlaines "Art poétique"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik (Französisch))
Veranstaltung
PS Französische Lyrik des 19. Jahrhunderts (Prof. Dr. H. Pfeiffer)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V154809
ISBN (eBook)
9783640678853
ISBN (Buch)
9783640681648
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gedichtinterpretation
Schlagworte
Jean-Paul, Verlaines
Arbeit zitieren
Bastian Wiesemann (Autor), 2006, Jean-Paul Verlaines "Art poétique", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154809

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