Anarchistische Realtypen – Das prä-franquistische Spanien


Seminararbeit, 2010

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I.: Die Sonderstellung des spanischen Anarchismus

II.: Anarchismus zwischen Bürgerkrieg und gelebter Utopie
1. Bedingungsfaktoren im Hinblick auf die Entstehung des Anarchismus in Spanien
2. Die praktische Ausprägung der anarchistischen Bewegung
2.1. Agrarische Kommunen und industrieller Syndikalismus
2.2. Militarisierung und Niedergang der Bewegung

III. Der Anarchismus in Spanien – Bewertung eines gesellschaftlichen Experiments

IV.: Literaturverzeichnis

I.: Die Sonderstellung des spanischen Anarchismus

Während sich im geschichtlichen Rückblick eine Vielzahl von revolutionären Bewegungen, aber auch ganze Staaten beispielsweise auf die sozialistische Idee berufen, sind parallele Entwicklungen in Bezug auf den Anarchismus nur schwer auszumachen. Trotz einer breiten, theoretischen Untermauerung kann die anarchistische Bewegung nur auf wenige realtypische Beispiele zurückblicken. Klammert man die, als phasenhaft zu bezeichnenden Ausprägungen der Pariser Kommune, sowie die Rätebewegung im Zuge der russischen Revolution in den Jahren 1918 bis 1922 aus, kann das Spanien der Vorbürgerkriegsjahre sicherlich als der entscheidende Repräsentant gewertet werden.[1],[2] Die Sonderrolle, die dem spanischen Anarchismus des beginnenden 20. Jahrhunderts zukommt, setzt sich auch in seiner zeitlichen Einordnung fort. Während die zuvor genannten Realtypen überwiegend in die Hochphase des weltweiten Anarchismus fallen, die vor dem I. Weltkrieg zu verorten ist, kann sich aufgrund der spezifisch landestypischen Eigenheiten im Spanien vor Beginn des Bürgerkriegs diese Entwicklung erst mit einer zeitlichen Verzögerung von nahezu zwei Jahrzehnten vollziehen.[3]

Auch wenn sich die Bewegung –besonders in den Landesteilen Katalonien und Andalusien- drei Jahre lang als dominante Kraft behaupten kann, muss vor einer näheren Untersuchung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Spaniens vor den Jahren 1936 bis 1939 darauf hingewiesen werden, dass dieser Realtypus nur schwer aus den bürgerkriegs-ähnlichen Wirren jener Jahre herausgelöst werden kann. Das gesellschaftliche Experiment des Anarchismus, ist zwangsläufig aufs Engste mit den gewaltsamen Umbrüchen im Land und den damit verbundenen Folgen der Militarisierung in Gesellschaft und Wirtschaft, sowie einer verheerenden Mangelwirtschaft verquickt. Denn auch wenn der Bürgerkrieg erst ab 1936 das ganze Land erfasst, so sind dessen Ausläufer in Form von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Arbeiterschaft und Staatsmacht bereits um die Jahrhundertwende allgegenwärtig.

In der folgenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, den spanischen Anarchismus und seine Rolle im Spanischen Bürgerkrieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts näher zu beleuchten. Dabei werden zunächst die Bedingungsfaktoren näher betrachtet, die die Existenz dieses Realtypus verständlich machen. Anschließend erfolgt die Vorstellung der konkreten Umsetzung des Anarchismus in der spanischen Gesellschaft, sowohl im industriell, als auch im agrarisch geprägten Landesteil. Abschließend wird die Phase seines Niedergangs analysiert, welche sich bereits im Zuge einer immer stärkeren Militarisierung in Gesellschaft und Wirtschaft abzuzeichnen beginnt, sowie eine finale Bewertung vorgenommen.

II.: Anarchismus zwischen Bürgerkrieg und gelebter Utopie

1. Bedingungsfaktoren im Hinblick auf die Entstehung des Anarchismus in Spanien

Entscheidend für die Entstehung jeglicher sozialrevolutionären Bewegung kann letztlich immer nur die Struktur der jeweiligen Bevölkerung sein.[4] Ist der Wille zur Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse eines kritischen Teils der Gesellschaftsmitglieder kleiner, als die Furcht vor der zumeist in Aussicht gestellten, negativen Sanktionierung seitens der staatlichen Gewalt, ist eine Ausbreitung einer derartigen Bewegung über eine lokale Erhebung bzw. spontane Arbeitsniederlegungen hinaus eher unwahrscheinlich. Im Spanien des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts treffen hierbei zwei Faktoren aufeinander, die das grundsätzliche Interesse einer Bevölkerungsmehrheit an tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen verständlich machen.

Dies ist zum einen die Tatsache, dass die Schere zwischen armer Bevölkerungsmehrheit, welche sich überwiegend in den ländlichen Regionen konzentriert und reicher Bevölkerungsminderheit, bis an die Schwelle des vorigen Jahrhunderts heran weit geöffnet ist. Die Ursache für das Vorhandensein einer derart großen, sozialen Kluft im Land, ist in einem stark ausgeprägten Feudalismus zu sehen.[5] Das im Zuge der beginnenden Industrialisierung entstehende Großbürgertum fühlt sich gleichsam dem aristokratischen Stand, dem neben den weltlichen Feudalherren auch die Vertreter der katholischen Kirche zuzurechnen sind, zugehörig.[6],[7] Damit wird zum einen deutlich, dass das Bürgertum als Vermittler zwischen der Ober- und der Unterschicht und als Träger unbestreitbar notwendiger Reformen nicht zur Verfügung stehen kann und dass zum anderen auch die Kirche nicht als mäßigende Instanz in Betracht zu ziehen ist. Trotz der Ausrufung der Republik im Jahre 1873 kann sich aufgrund der enormen sozialen Gegensätze und der fehlenden Mittelschicht keine Demokratie im eigentlichen Sinne entwickeln.[8] Hans Magnus Enzensberger meint des Weiteren, besonders im Hinblick auf die Landbevölkerung eine Kontinuität zwischen spontanen, gegen die Unterdrückung durch die Gutsherren gerichteten Aufständen und des, in der anarchistischen Ideologie verwurzelten Grundprinzips des Antiautoritarismus, deutliche Parallelen zu erkennen.[9] Die Affinität bezüglich der anarchistischen Ideen, deren Wurzeln also zunächst in der verarmten Landbevölkerung zu finden sind, zeigt sich durch die beginnende Industrialisierung zunehmend auch bei dem, sich überwiegend aus der Landflucht speisenden Industrieproletariat Kataloniens.[10],[11]

[...]


[1] vgl.: Degen u. Knoblauch, S. 153

[2] ebda.

[3] vgl.: Degen u. Knoblauch, S. 154

[4] vgl.: Degen u. Knoblauch, S. 156

[5] vgl.: Schauff, S. 11ff.

[6] vgl.: Seidel, S. 17

[7] vgl.: Schmid, S. 12

[8] vgl.: Schauff, S. 14

[9] vgl.: Enzensberger, S. 30 ff.

[10] ebda.

[11] vgl.: Schmid, S. 8 ff.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Anarchistische Realtypen – Das prä-franquistische Spanien
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Politikwissenschaft )
Veranstaltung
Anarchismus: Idee und Ausprägung
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V154823
ISBN (eBook)
9783640678273
ISBN (Buch)
9783640678334
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anarchistische, Realtypen, Spanien, Industrialisierung, Bürgerkrieg, Franco, Sozialismus, Kollektivismus, Kollektivierung, Syndikalismus, Anarchismus, Marx, Kommunismus
Arbeit zitieren
Johannes Stockerl (Autor), 2010, Anarchistische Realtypen – Das prä-franquistische Spanien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154823

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