Finnlands Außenpolitik nach dem ersten Weltkrieg

Vom neuen Staat zum isolierten Land im Winterkrieg und zum Waffenbruder des Dritten Reiches


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Finnlands Außenpolitik als neuer Staat

3. Finnlands Neutralitätspolitik vor dem Winterkrieg
3.1 Politik in Bezug auf Deutschland
3.2. Haltung gegenüber der Sowjetunion

4. Der Winterkrieg

5. Der Fortsetzungskrieg
5.1 Zusammenarbeit der Finnen und Deutschen

6. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der russischen Revolution vom März 1917 bekam Finnland seinen autonomen Sonderstatus wieder.[1] Innerhalb des Landes spalteten sich die Meinungen. Die Stimmen teilten sich auf in die Lager derer, die trotzdem im Verbund mit Russland verbleiben wollten, nachdem dies in dieser Konstellation im vorhergehenden Jahrhundert funktionierte und jenen, die sich vom Zarenreich abtrennen wollten.[2] Es kam in Finnland zu einem Bürgerkrieg zwischen den Weißen und den Roten, jeweils unterstützt von den Deutschen und den Russen.[3] Genau wie im späteren Fortsetzungskrieg, mit dem das Land die Verluste nach dem Winterkrieg revidieren wollte, stand der Staat in Verbindung zu Deutschland.[4] General Mannerheim, die Leitfigur in der Bevölkerung, überbrückte durch seine Abneigung gegenüber den Kommunisten sein Unverständnis für die gegenwärtige Deutschlandfreundlichkeit.[5] Bis hin zu den Zeiten des Zweiten Weltkrieges versuchte sich Finnland außenpolitisch zu orientieren und zu etablieren.[6] Die vorliegende Arbeit soll sich in ihren Kapiteln dabei dem Fragekomplex widmen, wie Finnland seine Außenpolitik gestaltete, sie umsetzte und schließlich später als isolierter Staat zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges trotz massiven Bedrohungen seine Unabhängigkeit beibehalten konnte.

Der Text soll aufzeigen, dass Finnland vor allem im Umgang mit seinen Nachbarstaaten lediglich als kleine politische Einheit wahrgenommen, behandelt und somit letztendlich auch unterschätzt wurde. Es wird dargestellt, wie der Staat in seiner jungen Geschichte auch auf der Weltbühne versuchte Fuß zu fassen. Ebenso wird Aufschluss gegeben, wie es zur Abgrenzung kam und schließlich zum erzwungenen Krieg gegen die Sowjetunion und die daraus resultierende Kooperation mit dem Deutschen Reich unter Hitler. Auf eine detailreiche Darstellung der Kämpfe wird dabei weitestgehend verzichtet.

Der Schwerpunkt des Textes soll auf der Beziehung zu den Deutschen und den Russen liegen, welche jene Auseinandersetzungen letztlich bedingten. Das erste Kapitel gibt eine kurze Einführung zur außenpolitischen Orientierung Finnlands. Daraufhin werden die wichtigsten Punkte der Beziehungen zu Deutschland und Russland während der finnischen Neutralitätspolitik beleuchtet, um schließlich den ersten Konflikt in Form des Winterkrieges inhaltlich zu umreißen. Danach muss noch auf den Fortsetzungskrieg und sein Zustandekommen eingegangen werden, da dieser nicht nur dem Namen nach jenem Konflikt entsprang und hier als unausweichliche Folge der Weltkriegslage ebenso zum Komplex der außenpolitischen Zwischenkriegszeit herangezogen wird. Um einer Sprengung des Umfangs Vorbeuge zu leisten, werden weitere Informationen rund um das Thema per Literaturangaben am Ende nachgereicht. Davor wird im letzten Kapitel ein Überblick über die gesammelten Daten und die erarbeiteten Ergebnisse gegeben, um zu einem abschließenden Kommentar zu kommen.

2. Finnlands Außenpolitik als neuer Staat

Einleitend zu den wichtigen Punkten der finnischen Politik gegenüber Deutschland und der Sowjetunion soll kurz erläutert werden, inwiefern sich Finnland außenpolitisch orientieren wollte. Die drei wichtigsten Stationen sind dabei die Rand- bzw. Grenzstaatenpolitik, die Völkerbundpolitik sowie die Suche nach einer Skandinavischen Linie.

Die Grenzstaatenpolitik wurde gemeinsam mit Estland, Lettland und Litauen bereits vor den Dorpater Friedensverhandlungen im Oktober 1919 begonnen. Bereits vor Vertragsschluss wollten sich die vier Staaten auf eine gemeinsame Linie für diese verständigen. Ähnliche Gespräche kamen auch zwischen Finnland und Polen zustande, die jedoch aufgrund des polnisch-sowjetischen Krieges fallen gelassen wurden. Die Warschauer Konferenz vom März 1922 führte zu der Einigung auf politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit der Grenzstaaten. Letztlich aber wollte der finnische Reichstag den Vertrag nicht unterzeichnen. Er kam zum Scheitern und der mehrmalige Außenminister Holsti trat zurück.[7] Ein Grund für das Nichtzustandekommen des Paktes waren innenpolitische Querelen in Finnland. Das Abkommen in seiner Vertragsform schien vielen Politkern, vor allem der Linken, nicht kongruent mit der vereinbarten Neutralitätspolitik sowie antisowjetisch ausgerichtet. Noch Jahre später hatte die Idee der Grenzstaatenpolitik bestand, jedoch wollte man den östlichen Nachbarn, der immer mehr wieder erstarkte, nicht unnötig provozieren.[8]

Weiterhin versuchte sich Finnland über den Völkerbund außenpolitisch in Stellung zu bringen. Hier engagierte sich Helsinki etwa von 1922 bis 1935. 1927 wurde Finnland sogar für drei Jahre in den Rat des Völkerbundes aufgenommen. Dennoch hatte die Regierung kein großes Vertrauen in diesen Schritt und bereits Anfang der Dreißiger Jahre sollte der Einfluss des Bundes stark abnehmen. Japan zum Beispiel, welches kriegerische Aktivitäten ausgelöst hatte, konnte nicht gebändigt werden, ebenso verlor er mit dessen Austritt und jenem Deutschlands an Substanz. Die übrigen Mitgliedstaaten hielten das Bündnis zwar aufrecht, vertrauten aber selber nicht mehr in seine Unterstützungsfähigkeiten.[9]

Als ein letztes Mittel ersuchte Finnland die gemeinsame Arbeit auf nordischer Linie. Vor allem mit Schweden sollte verhandelt werden. Wie immer war Finnland dabei der Erhalt der Neutralität wichtig. So sollte ein geplantes militärisches Bündnis ähnlich den Punkten des Völkerbundes entsprechen. Die Hilfe für ein grundlos angegriffenes Land sollte dabei nicht automatisch zum eigenen Neutralitätsverlust führen. Ein von beiden Ländern konzipiertes Konzept schaffte es allerdings von der Verschriftlichung nie zur politischen Akzeptanz.[10] Ebenso scheiterte die gemeinsame Planung im Bezug zur Befestigung der Åland-Inseln. Finnland empfand, wie noch im übernächsten Punkt besprochen wird, die Sowjetunion als größte Gefahr, Schweden das Deutsche Reich. Beide mussten damit rechnen, dass eine der gefürchteten Mächte im schlimmsten Fall die Inselgruppe leicht besetzen könne. So wurde Anfang 1939 das Stockholmer Protokoll, der Plan zur Verteidigung der Inseln, unterzeichnet. Nur die Sowjetunion weigerte sich dieses zu akzeptieren und so konnte der Völkerbund darüber nicht abstimmen. Schweden nahm nach dem Scheitern Abstand von den gemeinsamen Plänen.[11]

Trotz vieler Bemühungen und einer teilweise sehr gut bedachten Idee der Neutralitätspolitik schaffte Finnland es nicht, die kleinen Nachbarstaaten oder andere europäische Länder politisch an sich zu binden. Im Fokus der Zwischenkriegszeit und darüber hinaus sollten immer die Beziehungen zu Deutschland und zur Sowjetunion stehen. Die beiden Unterpunkte des nächsten Kapitels werden hierzu Aufschluss geben.

3. Finnlands Neutralitätspolitik vor dem Winterkrieg

3.1 Politik in Bezug auf Deutschland

Bereits in der Einleitung wurde vorgegriffen, dass die finnische Außenpolitik stark durch die verschiedenartigen Beziehungen zu Deutschland und zur Sowjetunion geprägt wurde. Die beiden ausgetragenen Kriege standen in genauer Relation zu den beiden Mächten. Das Verhältnis der Finnen zu den Deutschen, speziell zur Kriegszeit, wird fast immer auf die eingangs erwähnte Verbindung reduziert, die zur ersten Zeit der Unabhängigkeit bestand. Allzu oft wird auf eine Trennung zwischen einer abgelaufenen und einer als freundschaftlich anzusehenden Zusammenarbeit sowie einer erneuten Kooperation auf militärischer Basis verzichtet.[12] Dieses schließt aber auf gar keinen Fall aus, dass neben der Ebene der Außenpolitik nicht auch auf jener der Völkerverständigung sehr gute Kontakte zwischen den beiden Ländern existierten.[13] So war auf dem wirtschaftlichen Gebiet Deutschland einer der wichtigsten Partner in der Zwischenkriegszeit, der ebenso wie andere dazu beitrug, dass die Sowjetunion nach der Zeit des Großfürstentums den Status des größten ablegen musste und so in dieser Kategorie eine nur noch sehr geringe Rolle Spielte.[14]

Im Allgemeinen war die Stimmung der Finnen gegenüber der Weimarer Republik sehr gut. Der Rechte Flügel erblickte auch im neu aufgestellten Deutschland alte Traditionen in verschiedenen Formen wieder. Die Verbindungen kirchlicher und kultureller Art wurden gepflegt und die guten Handelsentwicklungen zwischen den beiden Staaten erschienen in den 1920er sehr positiv.[15] Der Linke Flügel sah erfreut die Sozialdemokratie der Weimarer Republik. Die finnischen Sozialdemokraten wurden in ihren Anfängen schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts von Deutschland geprägt und hatten hieraus ihre ersten Einflüsse bekommen.[16] Das erste kleinere Problem in der außenpolitischen Beziehung wurde in der Rapallo-Politik von 1922 gesehen.[17] Diese stand für eine enge Zusammenarbeit des Weimarer Deutschlands mit der Sowjetunion. Beide Mächte wollten dem politischen Druck sowie der Isolation durch die Siegerstaaten des Ersten Weltkrieges entgegenwirken.[18] Als über die 1920er Jahre hinweg es zu keinem Konflikt mit der russischen Seite kam, begannen die Finnen vorsichtig den Deutschen Vertrauen zu schenken, welche zu vermitteln und sie von der friedlichen Einstellung der Russen zu überzeugen versuchten. Dies setzten die Deutschen noch 1932 auf der 300-Jahrfeier der Schlacht bei Lützen, der auch Mannerheim als Gast beiwohnte, fort.[19]

Die wirkliche Erleichterung kam erst 1933 bei den Finnen auf. Nachdem sich neue Mächteverhältnisse in Deutschland ergaben, sah man der Politik Hitlers gegenüber der Sowjetunion nicht abgeneigt entgegen.[20] Die erwähnte Rapallo-Politik fand ihr Ende.[21] Diese Erleichterung ging einher mit dem im nächsten Punkt noch zu erwähnenden Nichtangriffs-Pakt zwischen Finnland und Russland von 1932. Trotz eines schriftlichen Vertrages bedurfte es einer solchen Trennung, um das Misstrauen gegenüber der Sowjetunion zu senken. Das Vertrauen in das Schriftstück scheint bei den Finnen minimal gewesen zu sein. Zumindest hätte nun die Beendigung der Kooperation der beiden Mächte den Anschein geben können, dass zum Beispiel risikoreich angesehene Sektoren wie die Rüstungsindustrie an Stärke abnehmen könnten. Der ausgesetzte Vertrag von Rapallo sollte inhaltlich unter anderem die erneute wirtschaftliche Zusammenkunft von Deutschland und der Sowjetunion sichern, weil die großen Westmächte sie boykottierten.[22] Das deutsch-sowjetische Ende der Kooperation aber tat dem wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg beider Mächte keinen Abbruch.[23] Auf die hiermit angesprochene schwere Beziehung Finnlands zu seinem großen Nachbarn wird noch eingegangen.

Nach der positiven Kenntnisnahme über den Machtwechsel in Deutschland wurde zu Beginn des Jahres 1934 ein Zollkrieg mit diesem beigelegt. Die Verantwortlichen einigten sich auf der Grundlage eines gegenseitigen Handelsgleichgewichts. In den folgenden drei Jahren sollte daraufhin zwischen beiden Ländern ein gutes Verhältnis herrschen. In den unterschiedlichsten außenpolitischen Bereichen, dem Handel sowie dem Kulturaustausch, zeigte man sich beiderseits einverstanden.[24]

Die ernsten Schwierigkeiten begannen 1937 mit dem Wechsel der Regierung in Finnland. Der neue Ministerpräsident Cajander sowie der Außenminister Holsti standen für die nordische Neutralitätspolitik und für die Arbeit im Völkerbund, die bereits aufgegeben war.[25] Deutschland zeigte sich gekränkt über die Reisen der finnischen Delegierten zum Völkerbundsitz, London, Paris und Moskau. Berlin nämlich wurde ausgelassen.[26] Ein weiteres Hindernis stellte die deutsche Einmischung in die finnische Innenpolitik dar. Außenminister Holsti hatte sich auf einem Bankett des Völkerbundes abwertend über Hitler geäußert. Dies führte zu Protesten Deutschlands auf allen offiziellen Ebenen. Der Verbleib des Ministers in seinem Amt, so wurde damals begründet, würde eine gute Beziehung zueinander unmöglich machen. Seine innenpolitischen Gegner nutzen die Situation aus und erwirkten die Entlassung von Holsti.[27] Die zeitliche Einordnung einer nicht zu übersehenen Abkühlung der Beziehungen zu Deutschland kann so mit dem Jahr 1938 umrissen werden. Schon nach dem Zollkrieg kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Verbündeten. Die finnische Pressefreiheit führte zu negativen Berichterstattungen über Hitlerdeutschland. Als die Medien jenem gegenüber unfreundlich auftraten, wollten die deutschen Vertreter nicht verstehen, warum hier nicht durch die Politik, wie es in Deutschland mittlerweile üblich war, Einfluss auf die Presse genommen werden könne. „Auch die übertriebene Betonung der nordischen Neutralität wurde als antideutsche Haltung benotet

[...]


[1] Klinge, Matti: Geschichte Finnlands im Überblick, Helsinki 1995, S.117.

[2] Ebd., S.117.

[3] Ebd., S.118ff.

[4] Bohn, Ingrid: Finnland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 2005, S.221.

[5] Singleton, Fred: A Short History of Finland, Cambridge 1991, S.127.

[6] Vgl. Jussila, Osmo/Hentilä, Seppo/Nevakivi, Jukka: Vom Großfürstentum zur Europäischen Union. Politische Geschichte Finnlands seit 1809, Berlin 1999, S.157ff.

[7] Jokipii, Mauno: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert, Kuopio 1994, S.14f.

[8] Puntila, Lauri Aadolf: Politische Geschichte Finnlands. 1809-1977, Helsinki 1980, S.146.

[9] Jokipii: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert, S.16.

[10] Ebd., S.16f.

[11] Jussila/Hentilä/Nevakivi,: Politische Geschichte Finnlands seit 1809, S.198f.

[12] Jokipii: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert, S.23.

[13] Ebd., S.24.

[14] Bohn: Finnland, S.218.

[15] Jokipii: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert , S.17f.

[16] Ebd., S.18.

[17] Ebd., S.18.

[18] Puntila: Politische Geschichte Finnlands, S.166.

[19] Jokipii: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert, S.18.

[20] Jokipii: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert, S.20.

[21] Ebd., S.21.

[22] Vgl. Puntila: Politische Geschichte Finnlands, S.166.

[23] Ebd., S.166.

[24] Jokipii: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert, S.21.

[25] Ebd., S.22.

[26] Ebd., S.22.

[27] Jokipii: Finnland und Deutschland im 20.Jahrhundert, S.22; Vgl. Jussila/Hentilä/Nevakivi,: Politische Geschichte Finnlands seit 1809. Vom Großfürstentum zur Europäischen Union, Berlin 1999, S.199.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Finnlands Außenpolitik nach dem ersten Weltkrieg
Untertitel
Vom neuen Staat zum isolierten Land im Winterkrieg und zum Waffenbruder des Dritten Reiches
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Nordeuropa in der Zwischenkriegszeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V154851
ISBN (eBook)
9783640677894
ISBN (Buch)
9783640678013
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finnlands, Außenpolitik, Weltkrieg, Staat, Land, Winterkrieg, Waffenbruder, Dritten, Reiches
Arbeit zitieren
Matthias Sühl (Autor), 2010, Finnlands Außenpolitik nach dem ersten Weltkrieg , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154851

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